Fields-Medaille Höchster Mathematik-Preis geht erstmals an eine Frau

Zum ersten Mal in der fast 80-jährigen Geschichte der Fields-Medaille bekommt eine Frau die begehrte Auszeichnung: Maryam Mirzakhani, 37, aus Iran.

Aus Seoul berichtet

Mathematikerin Maryam Mirzakhani: Erste Frau mit Fields-Medaille
IMU

Mathematikerin Maryam Mirzakhani: Erste Frau mit Fields-Medaille


Auf diesen Moment musste die Mathematiker-Gemeinde lange warten. Seit 1936 wird alle vier Jahre die Fields-Medaille für herausragende Entdeckungen in der Mathematik verliehen. Viele legendäre Mathematiker haben die begehrte Auszeichnung bekommen, darunter der Deutsche Gerd Faltings und der extrovertierte Franzose Cédric Villani. Allerdings waren es bislang ausschließlich Männer.

Damit ist nun Schluss: Auf dem Mathematikkongress ICM in Seoul wird mit Maryam Mirzakhani erstmals eine Frau ausgezeichnet. Die 37-Jährige stammt aus Iran und holte schon als Schülerin zwei Goldmedaillen bei Internationalen Mathematik-Olympiaden. Nun hat Mirzakhani auch eine Fields-Medaille. Das Preisgeld von 15.000 kanadischen Dollar fällt zwar vergleichsweise mickrig aus - dafür ist das Renommee umso größer. Die Fields-Medaille wird immer wieder als Nobelpreis der Mathematik bezeichnet.

"Sie ist in Iran sehr bekannt", sagte Ingrid Daubechies, Präsidentin der International Mathematical Union (IMU), die den Preis vergibt. In ihrer Heimat gelte Mirzakhani als Vorbild für junge Studenten. "Für mich als Frau ist es wunderbar zu sehen, dass sie gewonnen hat", sagte die IMU-Präsidentin der Website des Wissenschaftsmagazins "New Scientist". In Zukunft werde es nichts Außergewöhnliches mehr sein, wenn eine Frau die höchste Mathematikerehrung bekomme.

Ausgezeichnet wurde Mirzakhani für ihre "herausragenden Beiträge" zur Dynamik und Geometrie von Riemannschen Flächen. "Ihre Arbeiten haben Methoden verschiedener Gebiete wie algebraische Geometrie, Topologie und Wahrscheinlichkeitsrechnung zusammengebracht", urteilte die Jury.

Woran Mirzakhani forscht, ist selbst für interessierte Laien nur schwer zu verstehen. In der sogenannten nichteuklidschen Geometrie gelten andere Regeln als in der Geometrie, wie wir sie aus dem Mathematikunterricht kennen. Mirzakhani hat beispielsweise geschlossene Kurven auf hyperbolischen Flächen untersucht, deren Länge sich nicht ändert, auch wenn man sie verformt.

Mit Mirzakhani durften sich drei weitere Mathematiker über eine Fields-Medaille freuen. Bis zu vier Preisträger erlaubt das Reglement. Einzige Bedingung: Sie durften am 1. Januar 2014 nicht älter als 40 Jahre sein, was die Suche nicht gerade erleichtert. In diesem Jahr ehrte die IMU neben Mirzakhani folgende Wissenschaftler:

  • Arthur Avilla
    Der 1979 in Brasilien geborene Mathematiker lebt und arbeitet sowohl in seiner Heimat als auch in Frankreich. Avilla wird für seine Arbeiten zur Theorie dynamischer Systeme ausgezeichnet. Er hat sich beispielsweise mit chaotischen Systemen beschäftigt, für die sich zunächst nur Physiker wie Mitchell Feigenbaum interessiert hatten, um das Entstehen von Chaos besser zu verstehen. Avilla untersuchte auch sogenannte Schrödinger-Operatoren - das sind Gleichungen, mit denen quantenmechanische Systeme beschrieben werden.
  • Manjul Bhargava
    1974 in Kanada geboren, wuchs Bhargava in den USA auf, verbrachte aber auch immer wieder viel Zeit in Indien. Sein Doktorvater ist kein geringerer als Andrew Wiles, dem Ende der Neunzigerjahre der Beweis des Großen Satz von Fermat gelang - ein lange ungelöstes Problem aus der Zahlentheorie. Wenig überraschend, dass auch Bhargava sich intensiv und erfolgreich mit Zahlentheorie beschäftigt hat.
  • Martin Hairer
    Dank Martin Hairer, Jahrgang 1975, geht die Fields-Medaille erstmals nach Österreich. Hairers Spezialgebiet sind partielle Differentialgleichungen, mit deren Hilfe beispielsweise das Klima auf der Erde simuliert wird. Er hat insbesondere Differentialgleichungen untersucht, in denen Zufallterme auftauchen, die etwa das Rauschen an den Aktienmärkten abbilden.

Dass es für Mathematiker keinen eigenen Nobelpreises gibt, wird immer wieder mit einer angeblichen Eifersüchtelei zwischen Alfred Nobel und dem schwedischen Mathematiker Magnus Gösta Mittag-Leffler erklärt. Mittag-Leffler soll der Legende nach ein Auge auf Nobels Frau geworfen haben, worauf dieser Mathematikern einen eigenen Preis verwehrte.

Doch zum einen war Nobel gar nicht verheiratet. Und zum anderen gibt es auch sonst keine Belege für einen Streit zwischen Nobel und Mittag-Leffler. Nobel hielt die Mathematik schlicht nicht für bedeutend genug, um ihr einen eigenen Preis zu stiften.

Anmerkung: In einer früheren Version dieses Textes hieß es, Mirzakhani sei 36 Jahre alt. Sie ist aber im Mai 1977 geboren und somit 37 Jahre alt. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

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insgesamt 99 Beiträge
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Seite 1
territrades 12.08.2014
1.
Differentialgeometrie, Quantenchaos, Zahlentheorie und stochastische Differentialgleichungen - die Preisträger bewegen sich doch in den klassischen Gebieten der modernen Forschung, aber vielleicht sind mit "interessierten Laien" eher Liebhaber von Knobelaufgaben gemeint. Auf jeden Fall meinen Glückwunsch für die Preisträger.
stimme-aus-dem-norden 12.08.2014
2. Good News
Endlich mal auch eine gute Nachricht über Menschen aus dem Nahen/ Mittleren Osten! Eine iranische Frau! Herrlich! Ich habe zwar nur Bahnhof verstanden über ihr Forschungsfeld, aber die Jury wird's schon gewusst haben, wen sie zur Siegerin kürt ;)
mohsensalakh 12.08.2014
3. herzliche glückwunsch
Mein Hochachtung für diese Mathematikerin.
marthaimschnee 13.08.2014
4.
Zitat von sysopIMUZum ersten Mal in der fast 80-jährigen Geschichte der Fields-Medaille bekommt eine Frau die begehrte Auszeichnung: Maryam Mirzakhani, 36, aus Iran. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/fields-medaille-fuer-maryam-mirzakhani-mathematikerpreis-geht-an-frau-a-985806.html
Und da geb ich ihm vollkommen Recht, Mathematik ist nichts weiter als eine praxisuntaugliche Formulierung der Realität.
mains 13.08.2014
5. nichteuklidische Geometrie
ist ein sehr interessantes Thema, grade auch weil es noch "Jung" ist. Allerdings ist es tatsächlich sehr schwer zu verstehen und erscheint auf den ersten Blick wirklichkeitsfremd. Meinen Glückwunsch an alle 4 Preisträger! Dennoch überrascht es nicht, das wieder interdisziplinäre Forschung ausgezeichnet wurde. In den letzten Jahren sind die klassischen Fächer immer seltener bedacht worden.
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