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Neue Flüchtlingsunterkünfte: Hoffnung aus Holz und Pappe

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IKEA Foundation

In Kartons geliefertes Haus: Modell Better Shelter von Ikea

Weil die Wohncontainer für die Unterbringung von Flüchtlingen knapp werden, suchen Architekten und Stadtplaner nach Alternativen. Was taugen zusammensteckbare Hütten, einfache Holzhäuser und raffinierte Papierkonstruktionen?

Es ist eine Bewährungsprobe für Europa und für Deutschland: So hatte es Kanzlerin Angela Merkel jüngst dem Bundestag gegenüber in einer Regierungserklärung ausgedrückt. Hunderttausende Flüchtlinge kommen nach Deutschland, Europa ist in Bewegung. Und längst sind Länder und Kommunen mit der Unterbringung überfordert.

Die Container werden knapp, viele Verwaltungen berichten davon, dass sich die schnell aufbaubaren Blechbüchsen nur noch schwer auftreiben ließen. Die zuständigen Beamten in den Gemeinden greifen zu pragmatischen Lösungen. Sie bringen Flüchtlinge in einstigen Baumärkten, Turnhallen oder anderen öffentlichen Gebäuden unter.

Aber Lösungen, die alle zufriedenstellen - vor allem die Flüchtlinge - sind kaum möglich. Die Stadt Hamburg hatte kürzlich bekannt gegeben, dass einige Flüchtlinge sich wohl darauf einstellen müssten, im Zelt zu überwintern. Auch Freiburg plant winterfeste und beheizbare Zeltstädte - weitere werden folgen.

Aber gibt es Alternativen zum Container? Architekten und Materialforscher sind davon überzeugt. Etliche Experten haben sich mit dem Thema Flüchtlingsunterbringung auseinandergesetzt - sowohl kurz- als auch mittelfristig. In der Fotostrecke einige Vorschläge:

Mangelware Iso-Container: Die Blechwohnungen werden in Deutschland knapp. Einige Flüchtlinge werden wohl in Zelten überwintern müssen.

Das Hamburger Architektenbüro blauraum hat diesen Vorschlag gemacht: ein Holzmodulbau. Der Rohstoff ist umweltfreundlich und in Deutschland reichlich vorhanden. Die reine Montage dauert etwa acht Wochen - ähnlich wie bei langfristig angelegten Containerdörfern. Dafür können die Wohnungen, die jeweils über eigene Badezimmer und Küchen verfügen, 30 bis 40 Jahre genutzt werden. "Der Baukostenansatz liegt zwischen einer Containersiedlung und dem klassisch geförderten Wohnungsbau", erklärt Entwickler Carsten Venus. "Diese Wohnungen sind dann auch Wohnraum für Personen mit Wohnberechtigungsschein oder Studenten oder für alle, die lieber wenig Miete zahlen und dafür eine einfache Bauweise mit außenliegender Treppe in Kauf nehmen."

Konzept "my Cube": Das schnell aufbaubare Haus wurde ursprünglich für den Einsatz in Katastrophengebieten konzipiert. Nun soll es auch in Deutschland Flüchtlingen als Unterkunft dienen. "Derzeit verhandeln wir mit großen Kunststoffherstellern, die das Haus schnell in Serie herstellen wollen", sagt Entwickler Christian Czapek. Das Haus steht auf höhenverstellbaren Stützen, um Bodenunebenheiten ausgleichen zu können. Es kann von zwei Personen ohne jegliche Hilfsmittel aufgebaut werden.

Zudem kann das Gebäude erweitert werden zu einem ganzen Dorf - an jeder der kurzen Seiten kann angedockt werden. Der Preis soll weit unter dem derzeitigen von Containern liegen - "bei 500 bis 600 Euro pro Quadratmeter", sagt Czapek. Zudem soll das etwa 35 Quadratmeter große Haus auch winterfest sein.

Im März hat die schwedische Ikea Foundation ein Konzept für die Unterbringung von Flüchtlingen vorgestellt: Better Shelter. Die 18 Quadratmeter große Unterkunft bietet Platz für bis zu fünf Personen.

Better Shelter besteht aus Kunststoffplatten und einem Gerüst aus Metallstangen. Das Minigebäude ist mit einem Solarkollektor ausgestattet, der Strom für eine fest eingebaute Lampe und sogar ein Handyladegerät liefert. Kunststoffschaum in der Plattenverkleidung sorgt für Wärmedämmung.

In ungefähr vier Stunden kann das Häuschen aufgebaut werden - ganz ohne Werkzeug. Geliefert wird es Ikea-typisch in zwei flachen Pappkartons. Die Haltbarkeit der Hütte soll bei drei Jahren liegen. Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen, das das Projekt unterstützt hat, hat bereits 10.000 der Ikea-Container bestellt und setzt sie in Flüchtlingsgebieten ein.

Die jordanisch-kanadische Architektin und Designerin Abeer Seikaly hat ein Zelt entwickelt, in dem es sogar Zugang zu Wasser und Elektrizität gibt - ohne, dass dafür Anschlüsse gelegt werden müssen.

Die mobile und leichte Unterkunft besteht aus miteinander verflochteten Textilfasern. Die Außenhaut ist dabei mit Solarelementen bestückt, die Sonnenenergie speichern und in nutzbare Elektrizität umwandeln. Außerdem hält ein Drainagesystem die an der höchsten Stelle zwei Meter hohe Iglukonstruktion frei von kondensierter Feuchtigkeit.

Im Winter ist das gewebte Zelt sogar beheizbar. Zudem verfügt die Unterkunft über einen Wassertank im Dach, der sogar eine Dusche speisen kann.

Ob das Projekt "Waeving a Home" auch in die Praxis umgesetzt werden soll, steht noch nicht fest. Zudem eignet es sich eher für die ganz schnelle Unterbringung in Flüchtlingslagern in wärmeren Ländern. Eine echte Alternative sind die Iglus wohl eher nicht - zudem dürften sie auf die Schnelle kaum in großen Mengen verfügbar sein.

Im interdisziplinären Forschungsprojekt Instant Homes entwickeln die Fachbereiche Chemie, Architektur und Maschinenbau an der TU Darmstadt eine faltbare Notunterkunft aus Papier. "Die Idee ist es, in einer Katastrophensituation relativ schnell, unkompliziert und mit Materialien, die biologisch abbaubar sind, vor Ort zu helfen", sagt Architektur-Professor Ariel Auslender (r.). Ihre Konstruktion könnte auch als Flüchtlingsunterkunft dienen - zumindest kurzfristig.

Das Instant Home soll zugleich stabil sein und dabei wasserfest. Die Schwierigkeit bei dem Projekt lag in der Faltung des Materials. Wissenschaftler aus Oxford hatten aber gezeigt, dass sogar die Faltung von mehreren Millimeter dicken Schaumplatten möglich ist.

Zusammen mit seinen Studenten hat der Architekturprofessor Jörg Friedrich aus Hannover Konzepte zur Unterbringung und Integration von Flüchtlingen erarbeitet. Eines der Ideen sieht vor, öffentliche Gebäude mit Flachdächern aufzustocken. Derzeit testet Friedrich ein neues Konzepte: Im kommenden Jahr sollen Flüchtlinge auf dem Dach der Uni Hannover wohnen. In drei jeweils leicht unterschiedlichen Gebäude aus Holzelementen, die einfach wie Möbel vom Discounter zusammengesetzt werden und wärmegedämmt sind.

Neue Nutzung für stillgelegte Bahnhöfe. Dort könnten ausrangierte Waggons zu Wohnraum umgewandelt werden, glauben zwei Studentinnen. Aus Flachwagen, die für den Gütertransport verwendet wurden, könnten Grünflächen und Spielplätze entstehen. Der Vorteil der Idee: Die einzelnen Wagen ließen sich leicht über Schienen rangieren je nach Bedarf. Ob viele dieser Ideen realisierbar sind, ist fraglich. Schließlich müssen sie mit etlichen Auflagen im Baurecht abgeglichen werden.

Wohnen auf Schiffen ein weiterer Vorschlag aus Hannover. Hier sollen alte Binnenschiffe genutzt werden. Die Kähne sollen zunächst entkernt werden und dann mit Gebäudeteilen aufgestockt werden. Strom könnten Solaranlagen oder kleine Flussturbinen liefern.

Kurzfristig wird der Container wohl die weiterhin die von vielen favorisierte Lösung bleiben. Vor allem, weil er in großen Mengen zu beziehen ist.

Allerdings: Schnelle Lösungen, die dauerhaft funktionieren und vor allem dem Winter standhalten, sind bisher nicht in Sicht. Experten suchen in der aktuellen Notlage vor allem nach einfach umsetzbaren Lösungen auf regionaler Ebene. Da wirken einige architektonische Vorschläge wie utopische Versionen, die angesichts der drückenden Probleme der Unterbringung und vor dem Hintergrund einer schnellen Massenfertigung unrealistisch erscheinen.

Kurzfristig wird der Iso-Container mit seiner klassischen Stahlblech-Konstruktion wohl das Mittel der Wahl bleiben. Die Kiste mit einer Blech-Außenwand, 100 Millimeter Steinwolle zur Wärmedämmung, und einer Innenwand aus Blech sind immer noch der Liebling der deutschen Beamten. Da nützt es auch nichts, dass der schwedische Möbelriese Ikeaseit Jahren an einer alternativen Unterkunft arbeitet- kürzlich wurde eine überarbeitete Variante des "Better Shelter"-Hauses vorgestellt. Es ist leicht, steckt in einer kleinen Verpackung und kann schnell aufgebaut werden.

Interaktives 360-Grad-Panorama
Denn eine schnelle Lösung sind die Container längst nicht mehr. Die Stadt Köln berichtet von Wartezeiten bis zu drei Monaten bei der Containerlieferung. Im Kreis Tübingen etwa will man wegen der Engpässe mit einer Firma aus Dubai zusammenarbeiten, die noch Sanitärcontainer liefern kann. Zudem sind die Preise gestiegen - die Unterbringung von Flüchtlingen ist für Firmen auch ein profitables Geschäft geworden. Derzeit werden für recht einfache Containerlösungen etwa 1100 bis 1500 Euro brutto verlangt - pro Quadratmeter.

"Ausgrenzung von Flüchtlingen"

Langfristig fordern Architekten und Städteplaner ein Umdenken bei der Unterbringung. "Im Moment findet im Städtebau eine Ausgrenzung von Flüchtlingen statt, indem die Menschen ständig in die Peripherie in umzäunte Lager geschickt werden", sagt der Architekturprofessor Jörg Friedrich von der Leibniz Universität Hannover.

Gemeinsam mit seinen Studenten hat er alternative Wohnformen für Flüchtlinge entwickelt. Unter anderem schlagen die Architekten und Stadtentwickler vor, Holzbauten statt Blechcontainer zu errichten sowie öffentliche Flachdach-Gebäude aufzustocken. "Wohnen ist ein Grundbedürfnis, das wir alle haben. Es bedeutet ein Stück Heimat, der Raum zum Wohnen schafft Identität", sagte er. "Flüchtlinge haben ein Recht darauf, in einer menschenwürdigen Architektur zu leben."

Derzeit testet Friedrich eines der Konzepte: Im kommenden Jahr werden Flüchtlinge auf dem Dach der Uni Hannover wohnen. In drei jeweils leicht unterschiedlichen Gebäuden aus Holzelementen, die wie Möbel vom Discounter zusammengesetzt werden. Die Pläne für die Prototypen sollen noch dieses Jahr fertig werden.

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