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Flugzeugabsturz in Smolensk: Was die Katastrophe verhindert hätte

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Was war der Grund für den Absturz der polnischen Präsidentenmaschine? Immer deutlicher wird: Der Pilot hätte bei dichtem Nebel nicht landen dürfen. Der Zielflughafen hatte keine technischen Hilfen - so fehlte dort ein Instrumenten-Landesystem, das der Besatzung beim Anflug geholfen hätte.

Instrumentenlandung: Im Blindflug zur Piste Fotos
REUTERS

Hamburg - Die Suche nach den Ursachen der Flugzeugkatastrophe von Smolensk läuft auf Hochtouren. Immer deutlicher wird: Technische Probleme scheinen nicht der Auslöser für den Absturz der polnischen Regierungsmaschine am Samstag zu sein, bei dem Präsident Lech Kaczynski sowie 95 weitere Menschen ums Leben kamen. Die Tupolew Tu-154 hatte keine Mängel, erklären russische Ermittler.

Damit rücken die Witterungsbedingungen am Zielort in den Fokus, dort herrschte dichter Nebel. Die Auswertung der Flugdatenschreiber bestätige, dass der Pilot über das schlechte Wetter am Zielort informiert gewesen sei, sagte der stellvertretende Generalstaatsanwalt Alexander Bastrykin.

Eigentlich stellt schlechte Sicht in der modernen Luftfahrt kaum noch ein Problem dar, seit ein sogenanntes Instrumentenlandesystem (ILS) Piloten in einem idealen Anflugwinkel von drei Grad bis zum Anfang der Piste führt. "Auf einer Anzeige im Cockpit kann der Pilot sehen, ob er sich auf dem richtigen Kurs für die Landung befindet", sagt Axel Raab, Sprecher der Deutschen Flugsicherung (DFS). Der Pilot fliegt quasi blind - er verlässt sich allein auf das ILS. Es besteht aus Antennen am Boden und Empfängern im Flugzeug.

Offenbar kein ILS am Flughafen von Smolensk

Der Flughafen Smolensk, in dessen Nähe die Präsidentenmaschine beim Landeanflug verunglückte, verfügt jedoch über kein solches System. Über den Militärflughafen gibt es kaum Informationen. Nur so viel: Der Airport verfügt über keinen eigenen Code der International Air Transport Association (IATA), die Piste hat eine Länge von 2500 Metern und ist nicht farblich markiert. Denkbar schlechte Voraussetzungen für eine Landung unter schwierigen Witterungsverhältnissen.

Durch den Nebel lag die Sicht zum Zeitpunkt des Unglücks bei etwa 400 Metern, schreibt die russische Agentur für Luftsicherheit auf ihrer Web-Seite. Für eine sichere Landung hätten es jedoch 1000 Meter sein müssen, so die Experten. Dreimal hatte der Pilot bereits vergeblich versucht, die Landebahn zu treffen und musste jedes Mal wieder durchstarten. Beim vierten Landeversuch geriet die Maschine auf eine zu geringe Höhe und krachte 1200 Meter vor der Piste in einen Wald.

An der Absturzstelle hätte sich das Flugzeug in einer Höhe von 60 Metern befinden müssen, erklären die Luftsicherheitsspezialisten. Das eingebaute Instrumentenlandesystem konnte dem Piloten freilich nicht helfen - ohne Sender am Boden funktioniert es nicht.

Warnungen ignoriert?

Die russischen Behörden hatten dem Pilot wegen des Nebels ausdrücklich von einer Landung in Smolensk abgeraten und als Ausweichflugplätze Moskau oder die weißrussische Hauptstadt Minsk empfohlen. Der Flugzeugführer entschied sich dennoch für die riskante Landung in Smolensk.

Im Prinzip kann ein Flugzeug auch ohne Instrumentenlandesystem landen, solange die Sicht nicht zu schlecht ist. Wenn auf einem deutschen Flughafen das ILS ausfällt oder gewartet werden muss, können Piloten stattdessen ein sogenanntes Funkfeuer nutzen. "Das ist jedoch lange nicht so genau wie ein ILS", sagt DFS-Sprecher Raab. Bei schlechter Sicht müssten Flugzeuge jedoch auf andere Flughäfen umgeleitet werden.

Und selbst mit ILS kommt es bei starkem Nebel zu Verspätungen, wie der ehemalige Fluglotse berichtet. Wenn Piloten bei einer Sicht von nur wenigen Metern landen wollten, dürften in einer Schutzzone rund um die Landebahn keine Flugzeuge oder Autos fahren, denn sie störten die Signale der ILS-Sender am Boden. Die Folge: Flugzeuge müssen länger warten, es kommt zu Verzögerungen, der Flugplan kann nicht eingehalten werden.

Auch wenn mit ILS theoretisch bei einer Sicht von null Metern gelandet werden kann, so haben viele Airlines ihr eigenes Limit. "Bei der Lufthansa sind es beispielsweise 17 Fuß, also etwa sechs Meter", sagt Raab. Wenn der Pilot in dieser Höhe nicht die Landebahn sieht, muss er die Landung abbrechen und Schub geben. "Dabei nimmt man auch in Kauf, dass das Flugzeug kurz aufsetzt, bevor es durchstartet."

Stand der Pilot unter Druck?

Mittlerweile wird auch darüber spekuliert, ob der Pilot der polnischen Unglücksmaschine auf Anweisung von Kaczynski oder von Militärs an Bord unbedingt in Smolensk landen sollte, um rechtzeitig zur Gedenkfeier in Katyn zu kommen und sich eine längere Autofahrt zu sparen. Die Delegation wollte des Massakers in dem Ort gedenken, bei dem sowjetische Einheiten 1940 zu Beginn des Zweiten Weltkriegs 22.000 Polen ermordet hatten (siehe Kasten links).

Es wäre nicht der erste derartige Fall von Einflussnahme. Im August 2008 wollte Kaczynski in die georgische Hauptstadt Tiflis reisen, in dem Land tobten gerade Kämpfe zwischen georgischen und russischen Truppen. Deshalb sollte die TU-154 ins benachbarte Aserbaidschan fliegen, von dort war eine Weiterreise per Auto nach Tiflis geplant.

Nach einem Bericht der polnischen Zeitung "Gazeta Wyborcza" soll Kaczynski jedoch auf einer Landung in Tiflis bestanden haben. Der Pilot, der damals die Maschine flog, lehnte dies jedoch ab, weil er keine Genehmigung für eine Landung hatte und zudem nicht wusste, wer den Luftraum Georgiens kontrolliert, wer am Boden den Flugverkehr überwacht und in welchem Zustand sich der Flughafen damals befand. Kaczynski erklärte daraufhin, ein Offizier solle "weniger ängstlich sein" und drohte Konsequenzen an. Der Pilot aber blieb standhaft.

Ermittlungen gegen ihn wurden laut "Gazeta Wyborcza" später nicht eingeleitet. Stattdessen bekam Gregorz Pietruczuk Ende August 2008 einen Orden, weil er den Flugplan eingehalten hatte, wie das Verteidigungsministerium auf Anfrage des polnischen Parlaments mitteilte. "Gregorz Pietruczuk hat sich durch Verantwortungsbewusstsein, Professionalität und eine sehr gute Kenntnis der Vorschriften hervorgetan, was in keiner Weise als ein Mangel an Disziplin oder als Feigheit behandelt werden sollte", heißt es in der Stellungnahme von Oktober desselben Jahres.

Mitarbeit: Annette Langer, Konrad Lischka

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1. Das wissen wir doch alle -
frank_lloyd_right 12.04.2010
Aber Herr Präside war im Stress, keine Zeit (hätte man nicht früher losfliegen können, oder sich über die Wetterlage informieren ? Wie sehr schlecht !), und der Pilot mußte ja landen - wäre sonst Befehlsverweigerung gewesen. Also hat er sich überreden lassen.
2. Ich staune
AlbertGeorg 12.04.2010
Erstmals im Spiegel ein aktueller Artikel über die Luftfahrt der sachlich fundiert ist!
3. erstmalig nicht, aber öfters wünschenswert
augu 12.04.2010
Zitat von AlbertGeorgErstmals im Spiegel ein aktueller Artikel über die Luftfahrt der sachlich fundiert ist!
Ob es wirklich der erste ist, glaube ich nicht. Aber wünschenswert wäre schon, dass Sachkenntnis und gute Recherche auch bei anderen Artikeln den Autor auszeichnen würde. Bei einem Präsidenten als Opfer und möglichen Mitverursacher wurde wohl doch nicht ein Praktikant mit dem Schreiben beauftragt
4. ...
kodu 12.04.2010
Zitat von frank_lloyd_rightAber Herr Präside war im Stress, keine Zeit (hätte man nicht früher losfliegen können, oder sich über die Wetterlage informieren ? Wie sehr schlecht !), und der Pilot mußte ja landen - wäre sonst Befehlsverweigerung gewesen. Also hat er sich überreden lassen.
Berichtigen Sie mich : Ist es nicht so, daß auf Schiffen oder in Flugzeugen der Kapitän die letzte und entscheidende Instanz ist ?! Sollte sich tatsächlich herausstellen, daß der Präsident auf einer Landung unter den genannten Bedingungen bestanden hat, liegt der Fehler formell wohl beim Piloten. Er ist seiner Verantwortung nicht gerecht geworden, wenn er andere Faktoren als die Sicherheit der Passagiere zur Grundlage seiner Handlungen macht. Das ist angesichts der Katastrophe natürlich eine akademische Debatte. Das Unglück hätte aber offenbar verhindert werden können !!
5. ...
Schalke 12.04.2010
Zitat von frank_lloyd_rightAber Herr Präside war im Stress, keine Zeit (hätte man nicht früher losfliegen können, oder sich über die Wetterlage informieren ? Wie sehr schlecht !), und der Pilot mußte ja landen - wäre sonst Befehlsverweigerung gewesen. Also hat er sich überreden lassen.
In einem Flugzeug, einem Fahrzeug ganz allgemein, hat nur einer das Sagen und das ist der (Luft-)Fahrzeugführer, vulgo: Pilot oder Fahrer. Die Person hinterm Steuer hat die Verantwortung für die Menschen in der Maschine und für die Maschine und kein Fachfremder kann ihm da reinreden. Nicht der Businessman, der einen wichtigen Termin in der Stadt hat, nicht der polnische Präsident und auch nicht der Kaiser von China. Für Befehl und Gehorsam ist ab einem gewissen Punkt kein Platz mehr und auch keine Relevanz. Wenn ich das mit der Befehlskette der Bundeswehr vergleiche, wurde uns immer eingeprägt, daß Befehle, die gegen geltendes Recht verstoßen, nicht auszuführen sind. Der Befehl von hinten aus der Kabine, von wem auch immer, kann unter diesen Parametern keine Relevanz haben, wenn die Ausführung dieses Befehls womöglich tödliche Konsequenzen haben könnte. Und das zu beurteilen dürfte der Pilot in der Lage gewesen sein. Aber offensichtlich doch nicht, denn der Gehorsam des Piloten hat allen den Tod gebracht, wenn das stimmt, was aktuell durch die Medien geistert.
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Lech Kaczynskis Tod: Trauer um den verstorbenen Präsidenten
Die Toten von Smolensk

96 Menschen starben an Bord der Unglücksmaschine von Smolensk - darunter viele aus der polnischen Staatselite:

Lech Kaczynski , polnischer Staatspräsident

Maria Kaczynska , Ehefrau des Präsidenten

Andrzej Kremer , Vize-Außenminister

Stanislaw Komorowski , Vizeverteidigungsminister

Wladyslaw Stasiak, Chef der Präsidentenkanzlei

Aleksander Szczyglo , Chef des Amtes für Nationale Sicherheit

Jerzy Szmajdzinski , Vizepräsident des polnischen Abgeordnetenhauses

Grazyna Gesicka , Fraktionschefin der Oppositionspartei Recht und Gerechtigkeit (PiS)

Slawomir Skrzypek , Chef der Nationalbank

Franciszek Gagor , Chef des Generalstabs

Piotr Nurowski , Präsident des Olympiakomitees

Janusz Kurtyka , Präsident des Instituts für Nationales Gedenken, das die kommunistische Vergangenheit aufarbeitet

Anna Walentynowicz , Streikführerin an der Danziger Werft 1980


Fotostrecke
Lech Kaczynski: Vom Kinderstar zum polnischen Staatschef
Das Katyn-Massaker
Die Tat
Das Massaker von Katyn gilt als Symbol der schwierigen Beziehungen zwischen Polen und Russland: Nahe dem westrussischen Ort Katyn verübte der sowjetische Geheimdienst NKWD eines der schwersten Verbrechen im Zweiten Weltkrieg. Dort und an zwei anderen Orten töteten Soldaten fast 22.000 polnische Offiziere sowie Vertreter der bürgerlichen Elite per Genickschuss und verscharrten sie.

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Symbolik
Jahrzehntelang stand Katyn als Symbol für ungesühnten Massenmord einer Aussöhnung zwischen Polen und Russen im Wege. Die Sowjetführung leugnete die Täterschaft an dem Massaker und machte deutsche Nazi-Truppen dafür verantwortlich.
Aufarbeitung
Erst 1990 in der Glasnost-Ära gab der neue Kreml-Chef Michail Gorbatschow zu, dass Sowjetdiktator Josef Stalin den Befehl zum Massenmord gegeben hatte. Angehörige der Ermordeten und polnische Politiker fordern die bis heute ausgebliebene juristische Aufarbeitung und Rehabilitierung der Opfer. Moskau lehnt dies ab.
Aussöhnung
In der Woche vor dem Unglück von Smolensk hatten die Regierungschefs von Russland und Polen, Wladimir Putin und Donald Tusk, am Mahnmal in Katyn der Ermordeten gedacht. Das Treffen wurde als eine historische Geste auf dem Weg zur Aussöhnung zwischen beiden Ländern gesehen.


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