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Forschungsboom: China drängt an die Weltspitze der Wissenschaft

Chinas Forschung entwickelt sich mit atemberaubendem Tempo: Einer neuen Studie zufolge könnte die Volksrepublik schon 2013 mehr wissenschaftliche Artikel veröffentlichen als die USA. Großbritannien und Deutschland sind schon überrundet. Aber bieten die Chinesen außer Masse auch Klasse?

Chinesische Studenten: Auf dem Weg zur Weltspitze? Zur Großansicht
REUTERS

Chinesische Studenten: Auf dem Weg zur Weltspitze?

Von wegen Werkbank der Welt: China ist auf dem besten Weg, auch das Labor der Welt zu werden. Wie die altehrwürdige britische Royal Society in einer Studie prognostiziert, könnte China schon in zwei Jahren mehr Fachartikel pro Jahr veröffentlichen als die USA. Bisher waren Experten davon ausgegangen, dass dieser Führungswechsel nicht vor 2020 erfolgen würde.

Grundsätzlich kann die Entwicklung kaum überraschen, denn die Chinesen marschieren auf vielen Feldern unaufhaltsam voran. Den Titel des Exportweltmeisters haben sie kürzlich den Deutschen abgejagt, und es ist nur eine Frage der Zeit, bis das Land auch die insgesamt größte Volkswirtschaft sein wird. Die Kehrseite des rapiden Wirtschaftswachstums: China hat inzwischen auch die unrühmliche Top-Position bei den Treibhausgas-Emissionen inne.

Nun schickt sich das Land an, in der Wissenschaft die weltweite Führungsrolle einzunehmen. Vergangenes Jahr kam die Unesco zu dem Ergebnis, dass China bald die weltweit meisten Forscher haben werde. Und schon bald könnte es auch die meisten wissenschaftlichen Artikel veröffentlichen, schreibt die Royal Society in dem Bericht mit dem Titel "Knowledge, Networks and Nations". China habe Großbritannien auf Rang drei verwiesen, auf Platz vier folge Deutschland. Schon 2013 könne China die USA von Rang eins verdrängen.

Rasante Aufholjagd

Die Untersuchung unter Vorsitz von Chris Llewellyn Smith enthält beeindruckende Statistiken über Artikel, die in internationalen Fachmagazinen erschienen sind und als ein Gradmesser der Forschungsaktivität eines Landes gelten. Demnach haben chinesische Forscher im Jahr 1996 nur 25.474 Artikel publiziert, US-Wissenschaftler kamen damals mit 292.513 Publikationen auf das beinahe Zwölffache.

Doch schon 2008 war der Vorsprung dahingeschmolzen: Chinas Ausstoß hatte sich auf 184.080 Artikel versiebenfacht, während die USA sich nur auf 316.317 steigern konnten. Der Anteil der US-Publikationen an der globalen Forschung ist damit von 26 auf 21 Prozent gefallen, während der Anteil Chinas von 4,4 auf mehr als zehn Prozent gestiegen ist.

Der britischen BBC sagte Smith, er sei "keinesfalls überrascht" über diese Entwicklung, da China in den vergangenen Jahren massiv in Forschung und Entwicklung investiert habe. Seit 1999 hat der entsprechende Etat in China um etwa 20 Prozent zugelegt - pro Jahr, wohlgemerkt. Inzwischen liegt er bei rund 120 Milliarden Dollar (85 Milliarden Euro). Auch in anderen Ländern sind ähnliche Forschungsbooms zu beobachten - insbesondere in Brasilien, Indien und Südkorea.

Nur Quantität oder auch Qualität?

Allerdings würde China der Studie zufolge nur dann 2013 an den USA vorbeiziehen, wenn es mit demselben Tempo wie bisher aufholt. Dahinter steht jedoch ein großes Fragezeichen - denn die Zahl chinesischer Fachpublikationen ist von einem niedrigen Niveau gestartet. Je besser China aber dasteht, desto schwieriger dürfte jeder weitere Satz nach vorn werden. Und in absoluten Zahlen liegen die Forschungsinvestitionen im Westen nach wie vor weit über denen in China: Die USA geben pro Jahr knapp 400 Milliarden Dollar aus, Europa etwa 270 Milliarden.

Auch bedeute die Steigerung der Masse an Publikationen aus China nicht unbedingt, dass auch deren Qualität zunehme, schränken Llewellyn und seine Kollegen ein. Ein Gütesiegel ist, wie oft ein Fachartikel in anderen Publikationen zitiert wird - und in dieser Hinsicht holt China weniger schnell auf als bei den Investitionen und der Artikelmenge. Hier liegen die USA weiterhin vorn: Ihr Anteil an der globalen Zitate-Gesamtzahl sinkt zwar seit Jahren, lag 2008 aber immer noch bei 30 Prozent. China kam dagegen auf nur vier Prozent. Selbst Großbritannien hat mit acht Prozent einen doppelt so großen Anteil.

Cong Cao, aus Shanghai stammender Sinologe an der Nottingham University, stimmt mit der Royal Society überein: Es gebe in China viele Millionen Absolventen, die wissenschaftlich publizierten, sagte er der BBC. "Aber es wird noch viele Jahre dauern, bis sie an westliche Standards herankommen."

Zudem prognostiziert auch die Royal Society, dass die amerikanischen Ausgaben nicht sinken werden und dass andere Länder möglicherweise wieder mehr tun würden, um der Herausforderung durch China zu begegnen. Das geschehe mit gutem Grund: Die wissenschaftliche Produktivität sei "ein Barometer für die Wettbewerbsfähigkeit eines Landes auf der Weltbühne", schreiben die Forscher. Sie sehen die globale Forschungslandschaft vor "dramatischen" Veränderungen. Der Wissenschaftsboom Chinas könnte zusammen mit seinem enormen Wirtschaftswachstum die Entwicklung zur globalen Supermacht noch beschleunigen.

USA verlieren bei Energietechnologien an Boden

Dass Konkurrenz das Geschäft belebt, gilt auch für die Wissenschaft insgesamt: Von 2002 bis 2007 stiegen die globalen Forschungsausgaben nach Angaben der Royal Society von 790 auf 1145 Milliarden US-Dollar. Die Zahl der Wissenschaftler sei im gleichen Zeitraum von 5,7 auf 7,1 Millionen gewachsen, die der Fachpublikationen insgesamt um 25 Prozent.

Zum schwindenden Vorsprung der USA in der Wissenschaft passt eine weitere Nachricht: Bei den Investitionen in saubere Energien ist das Land inzwischen auf Platz drei zurückgefallen. Laut einem Bericht der Pew Charitable Trusts mit Sitz in den USA gibt China inzwischen am meisten für neue Energietechnologien aus, gefolgt von Deutschland. Noch 2008 waren die USA das Land mit den größten Investitionen in diesem Bereich.

Zwar seien die Ausgaben der USA im vergangenen Jahr gegenüber 2008 um volle 51 Prozent auf 34 Milliarden Dollar gestiegen. Doch China liege mit 54,4 Milliarden Dollar inzwischen deutlich darüber - und habe auch Deutschland klar abgehängt: Hierzulande seien 41,2 Milliarden Dollar (rund 30 Milliarden Euro) in saubere Energien geflossen.

mbe/Reuters

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insgesamt 55 Beiträge
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1. Klar
freeagent 30.03.2011
Es heißt das die Anzahl der Universitätsabsolventen in China die Anzahl der Menschen in jedem Jahrgang in den USA übertrifft. In Indien ist es ähnlich.
2. Deutschland führend
hypnos 30.03.2011
Zitat von sysopChinas Forschung entwickelt sich mit atemberaubendem Tempo: Laut einer neuen Studie könnten im Land schon 2013 mehr wissenschaftliche Artikel veröffentlicht werden als in den Vereinigten Staaten. Aber bieten die Chinesen außer Masse auch Klasse? http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,753741,00.html
Ein Casting bei RTL würden die Chinesen gegen deutsche Absolventen nicht bestehen. Auch das Wissen der BLÖD-Zeitung ist unschlagbar. Bildungsrepublik Deutschland eben. Danke Mutti.
3. China sollte man ernst nehmen!
Benjowi 30.03.2011
China unternimmt tatsächlich enorme Anstrengungen, um bei Bildung, Ausbildung und Wissenschaft vorwärts zu kommen. Sicher kann es in der Breite noch nicht mit den westlichen Standards mithalten, aber in einigen Bereichen der Ingenieurwissenschaften hat es bereits den Westen überholt. Insofern gibt es im Westen keinerlei Grund mehr für Überheblichkeiten, zumal China dem Bildungssystem ergheblich mehr Aufmerksamkeit zukommen lässt, als es im Westen üblich geworden ist. Der Hinweis auf die Emissionen in dem Artikel ist nebenbei nicht sehr seriös. Es ist leicht nachvollziebar, dass über 1,3 Milliarden Menschen mehr Treibhausgase abgeben, als 80 Millionen oder 300 Millionen und pro Kopf gerechnet trennen China und die USA (glücklicherweise) noch Welten!
4. Deutsches Bildungssystem
Pilchard, 30.03.2011
Ich habe drei Kinder und erlebe Tag um Tag das Deutsche Bildungssystem. Warum wird nicht mal RICHTIG Geld in die Hand genommen? Seit Jahrzehnten wird gesagt (von allen Parteien), dass Bildung unser wichtigstes Gut sei. Egal wer regiert, spricht man zwei Tage nach der Wahl von Sachzwängen, finanziellen Enpässen und investiert, wenn überhaupt, nur minimal. So kann das nix werden. Hier werkeln die Bundesländer planlos vor sich hin. Ich habe keine Hoffnung, dass dieses Bildungssystem sich für meine Kinder noch zum Positiven verändern wird (mein jüngster Sohn wird dieses Jahr eingeschult). Ja, in Burundi und Tikiluwulu ist das Bildungssystem schlechter. Deutschland muss sich im Bereich Bildung an den Besten messen und nicht an den Schwächsten.
5. Wissenschaft wird in China ernst genommen
founder 30.03.2011
Es gibt leider allzu viele Beispiele, wie in China Wissenschaft ernst genommen wird, während in Deutschland unfähige Politiker glauben sich einfach über wissenschaftliche Erkentnisse hinweg setzen zu können. Beispiel Peak-Oil Theorie, die 1956 vom US Geologen Dr.Hubbard aufgestellt wurde. Peak-Oil USA 1970 Peak-Oil Welt Anfang 21. Jahrhundert In China fahren deswegen schon 150 Millionen Elektroroller, intensive Bemühungen für Elektroauto als Taxi (http://auto.pege.org/2011-genf/byd-e6-taxi.htm), Ausbau der Hochgeschwindigkeitsbahn als Flugzeugersatz. Im Wahlkampf 2009 hingegen entschieden die deutschen Parteien geschlossen, daß der deutsche Wähler nichts über eine dramatische Ölprognose der IEA zu wissen braucht (http://politik.pege.org/2009-d/liste.htm). Vorbereitung auf eine Ölkrise in Deutschland? Man muß die Augen nur fest genug zu machen, dann gibt es sowas einfach nicht.
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