Forschungspolitik So will die Regierung die Energiewende stemmen

Mit einem großen Energieforschungsprogramm will die Bundesregierung den Atomausstieg möglich machen. Ministerin Schavan hat nun erstmals Grundzüge des millionenschweren Plans vorgestellt - und spricht von der "Forschungsagenda für die Energiewende".

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Bundesbildungsministerin Annette Schavan: "Forschungsprogramm ist auf der Zielgeraden"
dapd

Bundesbildungsministerin Annette Schavan: "Forschungsprogramm ist auf der Zielgeraden"


Während die Ministerin spricht, summt zwei Mal kurz hintereinander das iPhone des Reporters. "Erstmalige CO2-Endlagerung von 'Kraftwerks-CO2' in Ketzin trotz fehlendem CCS-Gesetz" lautet die Betreffzeile der einen Nachricht; "Nationalakademie Leopoldina legt Stellungnahme zur Energieforschung vor" steht über der anderen. Genau vier Minuten trennen die beiden E-Mails im Posteingang.

In gewisser Weise stehen die beiden Nachrichten exemplarisch dafür, welch turbulente Diskussionen die Deutschen in den kommenden Jahren über ihre Energieversorgung führen müssen: Zwar ist das Ziel des Atomausstiegs mittlerweile klar formuliert, doch der Weg dorthin ist nicht klar. Und einfach wird er auch nicht.

Forschungsministerin Annette Schavan hat am Dienstag in Berlin die Kernpunkte eines neuen Energieforschungsprogramms der Bundesregierung vorgestellt. Es gelte, "die Zuversicht in die Machbarkeit der Energiewende" zu untermauern, so Schavan. Im Kern geht es bei dem Programm um Antworten auf die Frage nach dem "Wie weiter" in der Energieversorgung. Viel sei in den vergangenen Tagen die Rede von der deutschen Ingenieurskunst gewesen, erklärt die Ministerin. "Bevor der deutsche Ingenieur zur Tat schreiten kann, braucht er aber exzellente Grundlagen in der Forschung."

Die Regierung will deswegen die Energieforschung in Deutschland neu aufstellen. Noch vor der Sommerpause soll dazu im Kabinett ein millionenschweres Programm verabschiedet werden. Im Moment sei die "Arbeitsebene" im Forschungs-, Umwelt- und Wirtschaftsministerium "auf der Zielgeraden" bei der Formulierung des Programms, sagt die Ministerin. Das neue Energieforschungsprogramm soll weiteren 750 Millionen Euro pro Jahr an institutioneller und Projektförderung für die Forscher die Energiewende auf den Weg bringen. Schavan spricht stolz von einer "Forschungsagenda für die Energiewende". Diese Fragen verbergen sich konkret hinter der etwas hochtrabenden Bezeichnung:

  • Wie können elektrische Speicher weiterentwickelt werden? Wie müssen leistungsfähige Stromnetze in Zukunft aussehen? "Das ist das große Thema", sagt Schavan. Schon im April hatten die drei Ministerien, die auch am Energieforschungsprogramm arbeiten, die 200 Millionen Euro schwere "Förderinititative Energiespeicher" vorgestellt, die bis zum Jahr 2014 laufen soll.
  • Wie können die Stromerzeugung aus Kohle und Gas sowie aus regenerativen Quellen effizienter gemacht werden? Unter diesem Stichwort soll auch die unterirdische Speicherung von CO2 aus der Verbrennung fossiler Brennstoffe untersucht werden. Dagegen gibt es jedoch großen Widerstand in der Bevölkerung.
  • Welche Technologien können Strom aus Windkraft und Photovoltaik billiger machen?
  • Welche Kompetenzen in der Kernforschung sind zum Beispiel zum Rückbau von Altreaktoren und dem Umgang mit strahlendem Müll unbedingt nötig? Hier will Schavan in den kommenden Wochen ein Netzwerk von Endlagerforschern gründen. Dabei soll es auch um die Technik der Transmutation gehen. Dieses Verfahren verspricht, die Menge von einzulagerndem Atommüll durch gezielte Umwandlung des Strahlenmaterials massiv zu senken, ist aber noch in der Entwicklung.
  • Wie lässt sich gesellschaftliche Akzeptanz für den Umbau des Energiesystems sichern?

Ein paar erste Antworten finden interessierte Leser in der Ad-hoc Stellungnahme der Nationalen Akademie der Wissenschaften, die auf dem Termin am Dienstag ebenfalls vorgestellt wird. Von der Veröffentlichung dieses 31-seitigen Papiers hatte die zweite Mail im Reporter-Posteingang gekündet. Es handle sich um eine "Aktualisierung, eine Zuspitzung" eines bereits bestehenden Papiers "im Hinblick auf die aktuelle Situation", sagt Leopoldina-Chef Jörg Hacker.

Der Veröffentlichungszeitpunkt des Papiers war wohl etwas delikat. Die Autoren wollten der Ethikkommission der Bundesregierung aus protokollarischen Gründen nicht zuvorkommen. Nun könnte es allerdings so aussehen, als seien sie zu spät dran - die Regierung hat den Atomausstieg schließlich schon auf den Weg gebracht. Doch Hacker legt Wert darauf, dass die Ethikkommission den Entwurf des Papiers gekannt habe.

Anschließend referierte der Chemiker Ferdi Schüth, Chef des Max-Planck-Instituts für Kohlenforschung in Mühlheim/Ruhr, aus dem Papier. Dabei hatte er durchaus einige Überraschungen parat. So rät er im Namen der Autoren, die Suche nach dem - umstrittenen - Erdgas aus unkonventionellen Quellen in Deutschland zu verstärken. Und Photovoltaik, so heißt es in der Stellungnahme, solle unter Kostengesichtspunkten "kurzfristig […] nicht mit höchster Priorität verfolgt werden".

Bündel an Maßnahmen

Dafür plädieren Schüth und seine Kollegen für weitere Kernforschung: "Wir sollten uns nicht der Illusion hingeben, dass wir auf Nuklearforschung vollständig verzichten können", sagt Schüth. "Man muss international sprechfähig bleiben." Überhaupt sollten Forschungsgebiete, die "nicht jeweils dem aktuellen Mainstream entsprechen, in gewissem Umfang" weiterverfolgt werden.

Insgesamt empfehlen die Leopoldina-Experten ein ganzes Bündel von Maßnahmen. Mittelfristig seien Windparks die günstigste Quelle für erneuerbare Energie. Kurzfristig gelte es vor allem den Stromverbrauch durch Energieeffizienzmaßnahmen zu senken. Effizienzmaßnahmen in anderen Bereichen, zum Beispiel im Verkehrsbereich, sollten "besonders dann hoch priorisiert werden, wenn sie einen hohen Effekt hinsichtlich der CO2-Bilanz haben."

Denn die Energiewende, das schreiben die Experten offen, werde "zu zusätzlichen CO2-Emissionen aus dem Energiesektor führen". Zumindest für einen "begrenzten Zeitraum" werde es höhere Gesamtemissionen in Deutschland geben - weil "eine vollständige Kompensation durch verringerte Emissionen in anderen Bereichen angesichts der dort bereits gesetzten, ehrgeizigen Ziel nicht möglich ist".

Eine Lösung von Energie- und CO2-Problemen könnte zumindest langfristig die Kernfusionstechnik sein. Doch die kommt seit Jahrzehnten nicht recht vom Fleck, beim internationalen Gemeinschaftsreaktor "Iter", der in Frankreich entstehen soll, explodieren die Kosten. Zwischenzeitlich stand das Prestigeprojekt auf der Kippe. Schavan aber stellte nun klar, dass Deutschland an dem Projekt festhalten werde. Die Fusionsforschung sei zwar nicht Teil des neuen Forschungsprogramms, man hoffe aber für den Zeitraum nach 2050 auf praktisch nutzbare Ergebnisse. "Iter", sagt Schavan, sei "ein großes europäisches Abenteuer".

Auch im Ausland werde "durchaus kritisch" und "mit einer gewissen Spannung" beobachtet, wie Deutschland den Atomausstieg stemmen wolle, sagt Kohleforscher Schüth. "Vielleicht auch mit Sorge." Denn die zehn Jahre, die man nun für den Umbau des Energiesystems habe, die seien durchaus kurzfristig.

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Seite 1
desertmole 07.06.2011
1.
Zitat von sysopMit einem großen Energieforschungsprogramm will die Bundesregierung den Atomausstieg möglich machen. Ministerin Schavan hat nun erstmals Grundzüge des millionenschweren Plans vorgestellt - und*spricht von der "Forschungsagenda für die Energiewende". http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,767225,00.html
So werden die Bundesbürger mit höheren Steuern die Energiewende stemmen (einige sich eine Platin Nase daran verdienen) und Weihnachten hoffentlich alle im Dunkeln verbringen (ungewollt, gewollt);o)))
realist01 07.06.2011
2. ich bin enttäuscht....
---Zitat--- Eine Lösung von Energie- und CO2-Problemen könnte zumindest langfristig die Kernfusionstechnik sein. Doch die kommt seit Jahrzehnten nicht recht vom Fleck, beim internationalen Gemeinschaftsreaktor "Iter", der in Frankreich entstehen soll, explodieren die Kosten. Zwischenzeitlich stand das Prestigeprojekt auf der Kippe. Schavan aber stellte nun klar, dass Deutschland an dem Projekt festhalten werde. Die Fusionsforschung sei zwar nicht Teil des neuen Forschungsprogramms, man hoffe aber für den Zeitraum nach 2050 auf praktisch nutzbare Ergebnisse. "Iter", sagt Schavan, sei "ein großes europäisches Abenteuer". ---Zitatende--- Abenteuer sollten die Minister mit ihrem Urlaubsgeld machen, nicht mit Forschungsgeldern für die Energieforschung. http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/a/a6/Forschungsausgaben_bund_deutschland_zeitreihe_74bis08.jpg 2/3 sind "Kernforschungskosten" bzw. "Kernfolgekosten", und nur ein Drittel das, was zählt. Vernünftigere Aufteilung wäre 1/3 (neue) Energiespeicher, 1/3 erneuerbare Energie, 1/3 Energieeffizienz. Wie sie richtig bemerkt: "man hoffe aber für den Zeitraum nach 2050 auf praktisch nutzbare Ergebnisse", nicht mehr. Nur, im Jahr 2050 will man im Bereich 100% Erneuerbare Energien stehen (wahrscheinlich sogar früher). Überblick ist anders.
realist01 07.06.2011
3. wovor haben Sie Angst?
Zitat von desertmoleSo werden die Bundesbürger mit höheren Steuern die Energiewende stemmen (einige sich eine Platin Nase daran verdienen) und Weihnachten hoffentlich alle im Dunkeln verbringen (ungewollt, gewollt);o)))
Im Winter werden wohl 9 AKW´s am Netz sein, vorher waren´s auch mal nur 4 AKW´s am Netz, und ich zumindest hatte Strom für meine LED´s und Sparlampen. Übrigens gibt´s bei Praktiker/Obi/Bauhaus viele verschiedene Modelle von LED-Lampen, die sich tagsüber laden, und nachts wieder strahlen. Also (mangelndes) Licht als Ausrede ist wohl schon out )))
lecramovic 07.06.2011
4. Lachnummer
Also ich vestehe das gerede von einem Ausstieg in "10 Jahre" nicht. Nach meinem Wissen hat die Vorgängerregierung den Atomausstieg am 14.12.2001 beschlossen. Nach meiner Rechung sind das 20 Jahre bis zum Ende der Atomkraft in Deutschland. Das Problem das wir jetzt haben ist doch allein dadurch verursacht dass die Merkel-Regierung die letzten 3 Jahre mit ihrer anti-Ausstiegs-Politik große Investitionen im regenertiven Energiesektor gebremst hat und Projekte die in den Jahren 2001-2008 geplant wurden unrentabel gemacht hat. Viele Projekte wurden daraufhin abgebrochen. Und jetzt brüsten sie sich mit ihrem schnellen Ausstiegsbeschluss und klagen gleichzeitig darüber dass es zu kurzfristig sei. Ich möchte nicht wissen wieviel Milliarden € an Steuergeldern die 3 Jahre lange non-sense diskussion gekostet hat.
lecramovic 07.06.2011
5. Lachnummer
Also ich vestehe das gerede von einem Ausstieg in "10 Jahre" nicht. Nach meinem Wissen hat die Vorgängerregierung den Atomausstieg am 14.12.2001 beschlossen. Nach meiner Rechung sind das 20 Jahre bis zum Ende der Atomkraft in Deutschland. Das Problem das wir jetzt haben ist doch allein dadurch verursacht dass die Merkel-Regierung die letzten 3 Jahre mit ihrer anti-Ausstiegs-Politik große Investitionen im regenertiven Energiesektor gebremst hat und Projekte die in den Jahren 2001-2008 geplant wurden unrentabel gemacht hat. Viele Projekte wurden daraufhin abgebrochen. Und jetzt brüsten sie sich mit ihrem schnellen Ausstiegsbeschluss und klagen gleichzeitig darüber dass es zu kurzfristig sei. Ich möchte nicht wissen wieviel Milliarden € an Steuergeldern die 3 Jahre lange non-sense Diskussion gekostet hat.
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