Forschungsprojekt "Iter": Geplanter Riesen-Reaktor steht auf der Kippe

Von Christoph Seidler und Christian Schwägerl

"Iter": Milliardenschweres Großprojekt Fotos
ITER Organization

Scheitert eines der größten Forschungsvorhaben der Welt an Geldmangel? Im geplanten Kernfusionsreaktor "Iter" in Frankreich wollen Wissenschaftler das Sonnenfeuer imitieren - doch die Baukosten explodieren. Nach SPIEGEL-Informationen geht die Bundesregierung jetzt auf Distanz zu dem Mega-Projekt.

Aus der Luft sieht der Bauplatz wie eine Sandkiste für Riesen aus. Umrahmt von sattgrünen Nadelwäldern wartet das akribisch planierte Areal beim südfranzösischen Örtchen Saint-Paul-lès-Durance auf den ersten Spatenstich im Juli. Eine Kathedrale der Neuzeit soll hier auf gelb-rotem provencalischem Grund entstehen: der internationale Kernfusionsreaktor "Iter", eines der größten Forschungsprojekte der Welt.

In den vergangenen Monaten haben die Bauleute Erde vom Gesamtvolumen der Cheopspyramide bewegt, heißt es. Und das ist erst der Anfang: Bald sollen hier die ersten Gebäude entstehen, eine eigene kleine Stadt. Im größten, dem Reaktor, sollen ab dem Jahr 2026 die Wasserstoffisotope Deuterium und Tritium kontrolliert zu Helium verschmelzen - und im Kraftwerksmaßstab Energie liefern. Das ganze funktioniert nach dem Prinzip des Sternenfeuers, das in unserer Sonne lodert.

Die Befürworter des Vorhabens sagen, es ginge um nichts weniger als die Energieversorgung der Zukunft - mit quasi unendlich verfügbaren Brennstoffen und beinahe abfallfrei. Zum ersten Mal soll dabei ein Fusionsreaktor mehr Energie liefern als zu seinem Betrieb nötig ist. Für seine Gegner ist das Milliardenprojekt hingegen kaum mehr als ein modernes Luftschloss. Nun zeigt sich: Die Baukosten von "Iter" explodieren, im Extremfall steht das ganze Vorhaben auf der Kippe.

Ursprünglich sollte der futuristische Reaktor, in dessen Innerem Temperaturen von 100 Millionen Grad herrschen, rund fünf Milliarden Euro kosten. Diese Zahl stand jedenfalls im Raum, als sich die Projektpartner im Jahr 2006 einigten: Die Europäer sollten 40 Prozent der Kosten übernehmen; die restlichen Partner, also China, Indien, Japan, Russland, Südkorea und die USA jeweils neun Prozent. Doch nach einer aktuellen Schätzung der EU-Kommission ist klar: Die Gesamtkosten haben sich bereits jetzt auf 15 Milliarden Euro verdreifacht - unter anderem wegen gestiegener Rohstoffpreise und neuer Sicherheitsanforderungen.

Allein die Europäer müssten dann 7,2 Milliarden schultern, weitere Kostensteigerungen nicht ausgeschlossen. Doch woher sollen die Mittel kommen? Die Brüsseler Beamten erwägen dazu zwei Szenarien: Entweder die Mitgliedstaaten schießen direkt frisches Geld nach - oder das Forschungsbudget der Union müsste um den nötigen Betrag steigen. Am liebsten hätten die Euro-Bürokraten außerdem eine Art Blankoscheck, bei dem die Staaten bereits jetzt die Übernahme zukünftiger Mehrkosten garantieren würden.

Schavan kritisiert Mehrkosten scharf

In jedem Fall würde damit auch die Belastung für den deutschen Haushalt massiv steigen. Doch nach SPIEGEL-Informationen geht Forschungsministerin Annette Schavan (CDU) inzwischen vorsichtig auf Distanz zu dem Mega-Vorhaben. Kurz vor dem Treffen der EU-Forschungsminister verschärfte sie ihre Kritik daran, dass Berlin statt der ursprünglich vereinbarten 540 Millionen Euro nun mehr als eine Milliarde überweisen soll.

"Die Kernfusion ist eine Option, die wir dringend verfolgen müssen", wirbt Günther Hasinger, Chef des Max-Planck-Instituts für Plasmaphysik im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Wir haben noch keinen Königsweg, mit dem wir den Strombedarf der Welt am Ende des 21. Jahrhunderts decken können, der dann etwa sechsmal so groß sein wird wie heute."

Aus dem Forschungsministerium heißt es, die Bundesregierung stehe weiter zur Fusionsforschung - um sich für die Energieversorgung möglichst viele Optionen offenzuhalten. "Das gilt aber nicht um jeden Preis", warnt Ministerin Schavan. In Berlin fordert man deswegen ein neues Finanzierungskonzept für den Reaktor. Diese Vorlage soll von der EU-Kommission kommen. Auch eine Überarbeitung des Reaktordesigns könne erforderlich werden, so Schavan. Das könnte zum Beispiel bedeuten, dass das Projekt deutlich kleiner ausfallen muss als derzeit geplant.

"Das ist zwar derzeit nicht vorgesehen", sagt "Iter"-Vizechef Norbert Holtkamp SPIEGEL ONLINE, "im Prinzip aber durchaus möglich. Allerdings geht das nur, wenn sich alle Partner darauf einigen." Und das könnte kompliziert werden - eventuelle Nachverhandlungen um mehr Geld allerdings auch. Das Aufsichtsgremium des Reaktorprojekts, der sogenannte "Iter"-Council, trifft sich Mitte Juni in der Nähe von Shanghai. Bis dahin muss klar sein, wie es mit dem Projekt weitergehen soll.

Ineffizienz durch Doppelarbeit fast zwangsläufig

Frankreich und Deutschland hätten bereits Vorschläge gemacht, um die Kosten um rund 600 Millionen Euro zu senken, lassen EU-Diplomaten in Brüssel wissen. Doch das dürfte kaum reichen. Das Problem: Bereits der grundsätzliche Aufbau des Projekts sorgt für Ineffizienz. Sieben Partner arbeiten bei "Iter" zusammen. Sie haben Zugriff auf alle Bauzeichnungen und Dokumente. Explizit davon ausgenommen sind nur einige spezielle Vorrichtungen zur Erzeugung des benötigten Kernbrennstoffs Tritium im Reaktor, die sogenannten Blankets.

Ineffizient wird die Sache dadurch, dass die Staaten ihre Beiträge nicht etwa bar in einen gemeinsamen Topf einzahlen, wie es etwa beim Kernforschungszentrum Cern in Genf mit seinem Mega-Experiment LHC der Fall ist. Stattdessen liefert beim Fusionsreaktor jedes Land einen Teil der benötigten Komponenten. In Frankreich wird dann alles zusammengeschraubt. Am Ende sollen die Puzzleteile dann ein funktionierendes Ganzes ergeben. Ineffizienz durch Doppelarbeit in den verschiedenen Staaten ist da fast zwangsläufig.

Dazu kommen weitere Extra-Kosten. So wurden etwa die Japaner mit einem kleineren Fusions-Forschungsreaktor und einem Hochleistungscomputer dafür entschädigt, dass "Iter" nicht bei ihnen steht, sondern im fernen Europa.

"Diesen Preis muss man zahlen, wenn man in internationaler Kollaboration Technologie entwickeln will", sagt "Iter"-Vize Holtkamp. "Man kann eine Anlage durchaus effizienter bauen, wenn man will. Summa summarum wäre es billiger gewesen, wenn es ein Staat alleine gemacht hätte. Der müsste aber auch alles zahlen." Doch darum ginge es bei "Iter" gar nicht, argumentiert Holtkamp: "Hier geht es um die Schaffung einer Wissensgrundlage, von der alle Partner gleichsam profitieren werden."

Den scheinbaren Geburtsfehler der Ineffizienz kalkulierten die Staaten allerdings bewusst ein - um möglichst viel der wertvollen Fusionstechnologie zu Hause entwickeln zu können. Das könnte nun zum Problem werden, wo die Finanzprobleme das gesamte Vorhaben wackeln lassen. Eines, so sagt Holtkamp, sei indes klar: "Ein Projekt zu verzögern, spart nie Geld. Es wird immer teurer."

Fusionsreaktor
Wasserstoff zu Helium
Bei der Kernfusion verschmelzen die Wasserstoffisotope Deuterium und Tritium unter Freisetzung großer Mengen Energie zu Helium. Deuterium ist zu einem kleinen Anteil in gewöhnlichem Wasser enthalten, Tritium muss der Reaktor selbst erzeugen, etwa aus Sand. Ein Gramm Brennstoff könnte nach Angaben des an "Iter" beteiligten Max-Planck-Instuituts für Plasmaphysik (IPP) in einem Kraftwerk 90.000 Kilowattstunden Energie erzeugen - die Verbrennungswärme von elf Tonnen Kohle. Sie wird abgeleitet und in Turbinen zur Stromerzeugung genutzt
Hitze statt Druck
Im Inneren der Sonne geschieht die Kernfusion unter dem ungeheuren Druck der Masse des Sterns. Im Fusionsreaktor muss der Mangel an Druck durch Temperatur ausgeglichen werden. Dort herrscht nur ein Druck von fünf Atmosphären. Dafür wird die Temperatur rund 100 Millionen Grad Celsius erreichen müssen.

Wie das am besten bewerkstelligt werden kann, wissen die Forscher noch nicht. Deshalb werden in "Iter" unterschiedliche Technologien eingebaut, die das Plasma aufheizen sollen - per Elektronenstrahl, Ionenstrahl oder Mikrowelle zum Beispiel. Bei "Wendelstein 7-X" kommen Mikrowellenstrahlen zum Einsatz.

Mit Material von dpa

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 162 Beiträge
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    Seite 1    
1. Riesenchance verkannt
abfallverwertung 21.05.2010
Kurzsichtige Politiker verkennen diese Riesenchance völlig. Hier muss visionär gehandelt werden, nicht knauserig. Umwälzende Visionen und Pionierleistungen kosten immer viel Geld. Doch der Nutzen ist ungleich größer und macht das allemal wieder wett. Ich hoffe, die Damen und Herren in den Schaltzentralen der Macht begehen nicht den Fehler, dieses Projekt herunterzukürzen. Das könnte am Ende wesentlich teurer kommen, nämlich dann falls das Projekt haarscharf scheitern würde, weil man zu geizig war, die notwendigen Anlagen zu finanzieren. Dann wäre am Ende noch mehr Geld futsch. Lieber mehr reinpumpen und sichergehen, dass es dann auch klappt, als am Ende alles zum Fenster rausgeworfen zu haben, nur weil die Anlagen unzureichend waren.
2. Es wäre ein Schande...
milk_milk 21.05.2010
... wenn ein, für die Zukunft der Menschheit, so bedeutungsvolles Projekt aufgrund von einigen Milliarden aufgegeben werden würde. Sparen kann man anderswo... Bei Konjunkturpaketen wurde auch geklotzt. Warum nicht hier, wo es wenigstens Sinn macht.
3. Man
dr.edi 21.05.2010
kann davon halten was man will, aber wer Hochtechnologie nicht massivst subeventioniert, gräbt sich letztenendes selbst ei grab, da er die Technik später etweder teuer Lizensiren oder doch nachholen muss. Selbst 20milliarden klingen in der heutigen Zeit für ein solches Projekt nahezu wie ein Spottpreis. ImGegensatz zu den Finaznmarktluftnummern im "trilliardenbereich" hätte ich was handfestes.
4. Die Zukunft ist zu teuer!
darksystem 21.05.2010
Dem Fusionsreaktor gehört prinzipiell die Zukunft der Energieversorgung. Bei dne üblichen erneuerbaren Energien ist die Effizienz im Vergleich zu dne kosten recht niedrig. 15 Milliarden Euro für eine hoch effiziente Energiequelle die warscheinlich mehr produziert als sie verbraucht mit nahezu unendlich viel Brennstoff und unsere Regierung geht erstmal direkt auf Abstand. Bei 150 Milliarden Euro muss aber alles "schnell schnell" gehen, hauptsache die Wirtschaft kann weitermachen wie bisher... Kein Wunder denn würde man derartige Projekte so sehr fördern wie den Kapitalismus würden gewisse Marktbereiche wegbrechen weil sie nicht mehr benötigt werden. Aber solange es noch Öl und Kohle auf der Welt gibt will man das doch gewinnbringend verkaufen können. Das Geld wird an den falschen Stellen ausgegeben und hilft nur kruzfristig über Symptome hinweg und nicht über Ursachen.
5. Es ist beschämend
kikiaw 21.05.2010
Wir sprechen hier also von einem Gesamtvolumen von 15 Milliarden oder vielleicht auch einmal 30 Milliarden. Na und !!!!!!!!! 2009 hat die Bundesregierung alleine 5 Milliarden Euro verschwendet um die Abwrackprämie zu finanzieren und heute erst den fast 150 Milliarden-Rettungsplan auf den Weg gebracht um ein bankrottes hochdefizitäres Land zu stützen. Doch Geld für Forschung, die zudem dazu beitragen könnte die Energieversorgung der Zukunft zu lösen (derzeit geschätzt 1 Milliarde) ist nicht da. Ich frage mich wirklich wo das noch hinführen soll.
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