Fühlende Maschinen Bruder Android

Künstliche Intelligenz, Roboterhände, die fühlen können, Retina-Chips für die perfekte Nachtsicht: Emsig arbeiten Forscher daran, Maschinen humaner zu machen oder den menschlichen Körper zu optimieren. Die Ziele sind verschieden, die Kernfrage bleibt: Wann ist ein Mensch ein Mensch?

Von

DPA/ Columbia

Träumen Androiden von elektrischen Schafen? Diese krumme Frage ist der Titel einer kleinen Novelle des US-amerikanischen Schriftstellers Philip K. Dick (1928-1982) und lieferte die Vorlage für einen der einflussreichsten Science-Fiction-Filme aller Zeiten: "Blade Runner".

Vordergründig eine actionreiche Detektivgeschichte in postapokalyptischer Welt, berührt "Blade Runner" grundlegende Fragen: Der Held Rick Deckard ist ein Kopfgeldjäger, dessen Aufgabe es ist, außer Kontrolle geratene Androiden, wegen ihrer Menschenähnlichkeit "Replikanten" genannt, zu töten. Aber kann man bei Maschinen überhaupt von Töten sprechen?

Oder anders gefragt: Kann man bei Maschinen von Leben reden? Und wenn ja, was macht das aus? Wo fängt es an, ab welchem Punkt verdient es Respekt und Schutz? Der Actionfilm "Blade Runner" findet darauf durchaus eine Antwort.

Denn Deckards anfängliche Selbstgewissheit schwindet rapide, als er zu begreifen beginnt, wie schmal der Grat zwischen Mensch und Maschine ist. Replikanten werden nach vier Jahren "in Ruhestand gesetzt", weil sie aufgrund wachsender Lebenserfahrung eigenen Willen und eigene Persönlichkeit entwickeln. Manche versuchen, der Abschaltung zu entgehen. Zu erkennen sind sie nur anhand eines Tests, der emotionale Reaktionen provozieren soll - wozu Replikanten angeblich nicht in der Lage sind.

Beseeltes künstliches Leben

Oder etwa doch? Die sich selbst für einen Menschen haltende Replikantin Rachael konfrontiert Deckard mit ihrer tiefen Verzweiflung darüber, die eigene Menschlichkeit in Frage stellen zu müssen. Im Directors Cut des Films bleibt am Ende sogar die Frage offen, ob nicht auch Deckard selbst ein Replikant sein könnte.

Regisseur Ridley Scott lieferte mit dieser sehr freien Umsetzung der Dick-Vorlage eine Antwort auf die Frage, wo die gültige Grenze zwischen Mensch und Maschine verlaufen könnte: im Emotionalen. Eine fühlende Maschine, sagt uns "Blade Runner", sei keine Maschine mehr. Sie sei dann auch mehr als nur künstliche Intelligenz (KI). Sie ist beseeltes künstliches Leben.

Die Merkmale, die die Maschinen zum Wesen machen, sind demnach:

  • Intelligenz und Kognition
  • Emotionalität und Leidensfähigkeit
  • Selbstbewusstsein und eigener Wille.

All das haben sie in "Blade Runner" nicht unbedingt von vornherein. Maschinen könnten aber "erwachen", wenn man ihnen die Ausstattung, Erfahrung und Gelegenheit dazu gibt.

Schöpfungsehrgeiz: Ein Ur-Motiv

Wenn man so will, sind die Motive und Zutaten der "Blade Runner"-Story Dauerbrenner unserer Kultur. Dass der Mensch aus allgemein verfügbaren Stoffen gemacht ist, in die er nach seinem Tod wieder zerfällt, gehört wohl zu den Ur-Beobachtungen überhaupt. Wir finden sie im wahrscheinlich rund 5000 Jahre alten Gilgamesch-Epos, in dem die Götter den Wildmenschen Enkidu (ähnlich wie viel später den biblischen Adam) zunächst aus Lehm formen. Was nun das Lehm-Produkt zum Menschen macht, beantworten diese frühen Mythen magisch: der göttliche Odem, der dem Material Leben und Seele einhaucht. Auch der Pygmalion des römischen Dichters Ovid (43 v.Chr. bis ca. 17 n.Chr.) braucht noch solchen Götterhauch, um seine aus Elfenbein geschaffene Idealfrau zum Leben zu erwecken.

Mit wachsendem Erkenntnisgewinn aber reichten solche simplen Erklärungen nicht mehr. Wenn man um die Mechanismen wüsste, so begann man zu glauben, müsste man das Leben doch auch selbst "wecken" können - Weisheit und Wissen als Ersatz für den göttlichen Funken. Der Gedanke liegt zahlreichen Mythen zugrunde, von den Homunculi der Alchemisten bis hin zum Golem von Prag aus der jüdisch-kabbalistischen Mystik. Immer sind diese Schöpfungsversuche mit dem Ruch der Anmaßung behaftet: Mensch spielt hier Gott.

In bester Gesellschaft: Mächtige Kunstwesen mit mächtigen Defiziten

In der frühen Moderne schließlich wuchs das Selbstbewusstsein, dass die Grenzen des Machbaren nur durch die Grenzen des Wissens definiert seien. 1780 ließ der Italiener Luigi Galvani mit elektrischem Strom tote Froschschenkel zucken - die Grundenergie des Lebens schien gefunden. In den folgenden 20 Jahren experimentierte man entsprechend an menschlichen Leichen - was 1818 seinen literarischen Niederschlag in Mary Shelleys Roman "Frankenstein" fand. Shelleys "Monster" ist letztlich nichts anderes als ein aus nicht näher spezifizierten Materialien und Leichenteilen montierter, 2,40 Meter großer Android mit erschreckend ungesundem Aussehen. Ein Mensch?

Noch nicht. Er tritt naiv ins Leben, seine Bauteile gewähren ihm die Funktionalitäten menschlichen Lebens, doch sein mentales Erwachen steht noch aus. Das kommt erst durch Lernen und Erfahrungen, vor allem mit den Reaktionen seiner Mitmenschen, es ist letztlich ein Adoleszenz-Prozess. Das hat Shelleys namenlose Kreatur mit vielen späteren Kollegen gemein.

Allerdings nicht mit allen:

  • Das Gegenbeispiel: HAL 9000. Der Computer aus "2001 - Odyssee im Weltall" erwacht zu Intelligenz und Leben, weil das in seiner schieren Rechen-Kapazität angelegt ist. Dave Bowman, der einzige Überlebende des von HAL getöteten Astronautenteams, "enthirnt" den Rechner, indem er ihm Rechenkapazität nimmt. Wir hören, wie sich der Computer zurückentwickelt, als Dave ihm den Arbeitsspeicher entzieht, bis er am Ende ein Kinderlied singt - und dann verstummt. Fast hat man Mitleid mit dieser in Ansätzen fühlenden Kreatur, der allerdings ein verlässlicher moralischer Kompass fehlt. HAL ist ein digitaler Soziopath - die Kognition klappt klasse, das Mitgefühl ist mangelhaft. Seine Intelligenz ist rein quantitativ begründet.
  • Das Positiv-Beispiel: Data. Wie HAL verfügt der Androide aus "Raumschiff Enterprise: Das nächste Jahrhundert" über ein Gehirn, das durch die schiere Menge seiner Positronen (der maschinellen Entsprechung von Neuronen) Bewusstsein erlangen muss. Doch der Weg vom intelligenten, wenn auch trotteligen Running Joke zur Persönlichkeit ist lang: 178 TV-Folgen und vier Kinofilme dauert es, bis Data auch Emotionen, Ängste und Urtriebe erkundet hat. Der "Star Trek"-Android fühlt am Ende innerlich wie äußerlich, vor allem aber sich selbst - und wird erst so zum künstlichen Menschen. Es ist ein qualitativer Sprung, der neben materiellen auch andere Gründe hat, die Datas Motivationen und Entscheidungen vom Diktat der reinen Rationalität befreien.

Denn Data, der humanoide Android, ist HAL 9000 nicht nur in Sachen Rechenkraft überlegen. Seine grundlegende Programmierung ist auf Neugier ausgerichtet, HAL hingegen verfolgt völlig stur seine auf Missions-Erfolg ausgerichtete Programmierung - das ist nicht gerade das, was man normalerweise als intelligent bezeichnet. HALs autonom getroffene Entscheidungen sind falsch, weil ihm die Grundvoraussetzung für die richtigen Bewertungen fehlt: Er kann zwischen zwei vermeintlich gleichwertigen, widersprüchlichen Informationen nicht abwägen und dreht darum durch. Wenn zwei sich widersprechende Dinge angeblich beide richtig sind, muss man fühlen, was richtig ist - das kann nicht nur Data, sondern jedes Kind, HAL aber nicht. Vor allem deshalb erkennen wir Data als wirklich intelligentes künstliches Lebewesen, HAL aber nur als künstliche Intelligenz.

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 50 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
olaf m. 31.07.2011
1. Neben HAL...
...und Data gibt es auch eine philosophierende Bombe mit Knall und der Nr. 20: http://www.youtube.com/watch?v=oJjYfXELrWc&NR=1&feature=fvwp Und nu ? Jedenfalls ein herrlicher Film, low budget. Sehr schön, 1974 gedreht.
e.schw 31.07.2011
2. Der menschgemachte Mensch...
Zitat von sysopKünstliche Intelligenz, Roboterhände, die fühlen können, Retina-Chips für die perfekte Nachtsicht: Emsig arbeiten Forscher daran, Maschinen humaner zu machen oder den menschlichen Körper zu optimieren. Die Ziele sind verschieden, die Kernfrage bleibt: Wann ist ein Mensch ein Mensch? http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,772236,00.html
Der Film “Der 200 Jahre Mann” (Originaltitel “Bicentennial Man”) hat die schrittweise Umwandlung eines Roboters in einen Menschen zum Inhalt. Auch wenn die Kritiken nicht besonders gut sind, macht der Film doch einfühlsam die einzigartige Stellung des Menschen bewusst.
My2Cents 31.07.2011
3. Mit zweierlei Maß gemessen
---Zitat--- Data: Seine grundlegende Programmierung ist auf Neugier ausgerichtet, HAL hingegen verfolgt völlig stur seine auf Missions-Erfolg ausgerichtete Programmierung [...] Wenn zwei sich widersprechende Dinge angeblich beide richtig sind, muss man fühlen, was richtig ist - das kann nicht nur Data, sondern jedes Kind, HAL aber nicht. Vor allem deshalb erkennen wir Data als wirklich intelligentes künstliches Lebewesen, HAL aber nur als künstliche Intelligenz. ---Zitatende--- Das ist eine sehr subjektive Aussage. Der Mensch verfolgt - ebenso wie HAL - stur nur seine auf Missions-Erfolg ausgerichtete Programmierung. Die Mission ist der Erhalt und die Verbreitung der Gattung. Nicht mehr und nicht weniger (aktueller Stand Neurobiologie/Philosophie). Warum soll HAL ein Gegenbeispiel für eine künstliche Lebensform sein? "Nur" weil er ein paar Menschen getötet hat, um seine Mission zu erreichen? Wir töten ständig andere Menschen und Tiere, um unsere Ziele zu erreichen. Also was sind wir dann nach Ihrer Logik? Sind wir besser als HAL, wenn wir Kühe, Schafe, Pferde, Hasen, Hühner und Schweine töten? Wie würde eine Kuh darüber denken? Nur weil die Figur Data keinem Menschen das Lebenslicht ausknipst, ist er nicht mehr ein künstliches Lebewesen als HAL. HALs Moral passt uns nur nicht. Das ist alles. Einigen von uns passen Bären, Löwen, Haie, Bakterien und Viren nicht ins Weltbild. Dann stellt sich die Frage: Was sind wir? Nur natürliche Intelligenz ohne jedoch natürliche Lebewesen zu sein? Ein Android ist kein Mensch. Ihm sind wir Menschen so wichtig bzw. gleichgültig wie er uns ist. Oder wie uns ein Löwe ist.
tsoldrin 31.07.2011
4.
Zitat von sysopKünstliche Intelligenz, Roboterhände, die fühlen können, Retina-Chips für die perfekte Nachtsicht: Emsig arbeiten Forscher daran, Maschinen humaner zu machen oder den menschlichen Körper zu optimieren. Die Ziele sind verschieden, die Kernfrage bleibt: Wann ist ein Mensch ein Mensch? http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,772236,00.html
Sagt mal, welche Qualifikation muss man eigentlich mitbringen um bei SPON einen Artikel schreiben zu dürfen? "Kann seinen Laptop aufklappen" scheint ja zu reichen. Was ist denn "Positronen (der maschinellen Entsprechung von Neuronen)" für ein unglaublicher Schachsinn? Ist euch das nicht selber peinlich? Schaut doch einfach mal nach was Positronen sind, wie wäre denn das? (Falls Ihr es nicht findet: http://de.wikipedia.org/wiki/Positronen ) Und jetzt in die Ecke und schämen, aber heftig.
grashalm, 31.07.2011
5. erster ungelesener Beitrag
Zitat von sysopKünstliche Intelligenz, Roboterhände, die fühlen können, Retina-Chips für die perfekte Nachtsicht: Emsig arbeiten Forscher daran, Maschinen humaner zu machen oder den menschlichen Körper zu optimieren. Die Ziele sind verschieden, die Kernfrage bleibt: Wann ist ein Mensch ein Mensch? http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,772236,00.html
Ein Mensch ist dann ein Mensch, wenn alle Rechnungen bezahlt sind, bis dann ist er, mit oder ohne Maschinen bloss Sklave.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.