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Fukushima-Bericht: Mit Autobatterien gegen die Kernschmelze

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Ein US-Fachmagazin hat erstmals ausführlich dokumentiert, was genau am Tag des Tsunamis im japanischen Atomkraftwerk Fukushima geschah. Selbst die Notstromversorgung brach zusammen, die Kühlsysteme versagten - die Angestellten im Kontrollraum versuchten, die Anlage im Blindflug zu steuern.

Akw-Dokumentation: Die Lehren aus Fukushima Fotos
REUTERS/Japan Maritime Self-Defence Force

Berlin - Sachlich, zurückhaltend, genau abwägend - so berichtet das Magazin "IEEE Spectrum" über Technologiethemen. Kein Wunder: Die Leser sind meist Elektroingenieure oder Informatiker und das Institute of Electrical and Electronics Engineers ( IEEE) ist ihr weltweiter Berufsverband.

In der aktuellen Ausgabe dokumentiert das Magazin die ersten 24 Stunden nach dem Beben im AKW Fukushima. Es ist keine Reportage, es ist ein einfacher Bericht, der es jedoch in sich hat: Er erlaubt Einblicke in die dramatischen Abläufe vor Ort, wie man sie bislang kaum kennt. Dank der japanischen IEEE-Mitglieder bekamen die Journalisten unter anderem Zugang zu Japans Nuclear and Industrial Safety Agency und zur in der Regel äußerst verschwiegenen Betreiberfirma Tepco.

Das schwere Seebeben am 11. März, der Tsunami, der letztlich das Kühlsystem von Fukushima lahmlegte - all das ist bekannt. Die IEEE-Reporter schildern, was in der Warte des AKW geschah, als die Strom- und Notstromversorgung zusammenbrach. Die Anzeigen wurden dunkel, weil das Wasser sogar die Batterien geflutet hatte, die den Kontrollraum bei Stromausfällen schützen sollten.

Ohne funktionierende Anzeigen wussten die Angestellten nicht, wie der Wasserstand in den Reaktoren war, welcher Druck herrschte. Als die Tepco-Mitarbeiter begriffen, in welch dramatischer Situation sie sich befanden, rannten sie zu den Autos, die nicht vom Tsunami getroffen waren, und bauten deren Batterien aus, um den Kontrollraum wieder mit Strom versorgen zu können.

Letzte Chance: elf Lkw

Und das Unglück hätte in den ersten Stunden nach dem Blackout womöglich immer noch verhindert werden können. Denn Tepco verfügte laut dem Bericht über elf mit Notstromaggregaten bestückte Lkw. Mit Strom hätte man eventuell die defekten Kühlsysteme der abgeschalteten Meiler wieder in Gang bekommen können - eine Kernschmelze wäre verhindert worden.

Die elf Lkw wurden tatsächlich aus der Tepco-Zentrale in Tokio ins 250 Kilometer entfernte AKW geschickt. Aber sie kamen dort nicht rechtzeitig an. Das lag nicht etwa an vom Beben zerstörten Straßen, die Lastwagen steckten vielmehr auf den überfüllten Straßen fest, auf denen Anwohner aus der Region Fukushima flohen.

In der Nacht vom 11. auf den 12. März war es den Angestellten schließlich gelungen, dank Autobatterien die Druckanzeige im Meiler 1 wieder zu aktivieren. Doch die Werte aus dem Druckbehälter waren so hoch, dass Tepco entschied, dass ein Ventil geöffnet werden muss. So gelangten radioaktive Gase in die Atmosphäre - und breiteten sich schnell aus.

Am 12. März sah es zunächst so aus, als ob das Öffnen der Ventile das Schlimmste verhindert hatte. Der Druck war gefallen, die Gefahr schien gebannt. Doch am Nachmittag um 15.36 Uhr Ortszeit explodierte das Gebäude von Reaktor 1 - Wasserstoff hatte sich entzündet. In den Folgetagen sollte das gleiche Schicksal auch noch die Reaktoren 2 und 3 treffen - das AKW Fukushima war nun endgültig zerstört und außer Kontrolle.

"Millionen Menschen mussten auf den Autobahnen sterben, bevor die Regierung auf die Idee kam, Hersteller zu mehr Sicherheit in ihren Fahrzeugen zu zwingen", schreibt "IEEE Spectrum". "Bei der Atomenergie war das Lernen aus Unglücken hingegen nie wirklich eine Option."

Für die Autoren ist jedoch klar, dass man aus Fukushima eine Menge lernen kann. Dass Notstromaggregate sicher vor Überflutung stehen müssen, war schon wenige Stunden nach dem Unglück klar. Doch es gibt weitere Lektionen:

  • Wenn ein Kühlsystem auch ohne Strom funktionieren soll, muss es auch ohne Strom gesteuert werden können.
  • Lkw mit Notstromaggregaten müssen stets nahe beim AKW sein.
  • Für wichtige Steuertechnik und Anzeigen müssen sichere Batteriesysteme bereitstehen.
  • Die Ventile an Druckbehältern müssen mit Filtern ausgestattet sein, die ohne Strom arbeiten, und verhindern, dass radioaktive Gase in die Umwelt gelangen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 330 Beiträge
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1. .
PrettyHateMachine 05.11.2011
"Als die Tepco-Mitarbeiter begriffen, in welch dramatischer Situation sie sich befanden, rannten sie zu den Autos, die nicht vom Tsunami getroffen waren, und bauten deren Batterien aus, um den Kontrollraum wieder mit Strom versorgen zu können." Ich gebe zu: ich hätte die Beine in die Hand genommen und wäre weggerannt. Man kann viel sagen, aber diese Leute hatten wirklich Mut.
2. Missverständliche und tendenziöse Übersetzung.
jwiechers 05.11.2011
---Zitat--- "Millionen Menschen mussten auf den Autobahnen sterben, bevor die Regierung auf die Idee kam, Hersteller zu mehr Sicherheit in ihren Fahrzeugen zu zwingen", schreibt "IEEE Spectrum". "Bei der Atomenergie war das Lernen aus Unglücken hingegen nie wirklich eine Option." ---Zitatende--- So wie dies hier zitiert ist könnte man meinen, dass die Ingenieure der Meinung sein, man habe nicht aus den Katastrophen lernen wollen. Wenn man allerdings den Artikel im Original liest wird klar, dass Strickland etwas ganz anderes meint: Bei Autos hatte man die Chance Millionen Unfälle zu analysieren und damit aus den Unfällen zu lernen. Bei Kernkraftwerken gab es kaum Unfälle, aus denen man lernen konnte. Die meisten der Lektionen die sie da aufzählt wurden allerdings bereits gelernt -- man hat sie nur, und ja, *das* kann und sollte man der Branche, insbesondere in Japan, vorwerfen -- nie konsequent implementiert, sondern gerade bei den uralten Kraftwerken, die auch noch ganz andere Probleme haben, einfach gespart. In den ganzen Kraftwerken aus den 80ern und 90ern wäre das Problem gar nicht erst aufgetreten, wie ja auch einige andere Kraftwerke in Japan, die ähnlich hart getroffen wurden, zeigten.
3. Lernen aus Unglücken
rgom 05.11.2011
"Millionen Menschen mussten auf den Autobahnen sterben, bevor die Regierung auf die Idee kam, Hersteller zu mehr Sicherheit in ihren Fahrzeugen zu zwingen", schreibt "IEEE Spectrum". "Bei der Atomenergie war das Lernen aus Unglücken hingegen nie wirklich eine Option." Wenn man tatsächlich die genannten trivialen Erkenntnisse (z.B. "Wenn ein Kühlsystem auch ohne Strom funktionieren soll, muss es auch ohne Strom gesteuert werden können.") in Analogie setzt zur Entwicklung des Automobils, dann wäre es ungefähr so als wäre man erst nach 1 Millionen Verkehrstote auf die Idee gekommen, das Auto mit Bremsen auszustatten.
4. Die Hauptursache der Katastrophe,
radeberger78 05.11.2011
Zitat von sysopEin US-Fachmagazin hat erstmals ausführlich dokumentiert, was genau am Tag des Tsunamis im japanischen Atomkraftwerk Fukushima geschah. Selbst die Notstromversorgung brach zusammen, die Kühlsysteme versagten - die Angestellten im Kontrollraum versuchten, die Anlage im Blindflug zu steuern. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,796092,00.html
liegt doch eigentlich am japanischen Krisenmanagement bzw. der Mentalität der japanischen Gesellschaft selbst. Keine Fehler eingestehen, keine Hilfe annehmen, keine Kompetenz abgeben, Gesichtsverlust .... etc. all das führt zu einer Blockade im Krisenfall und im Extremen zum Inferno. Totaler Stromausfall im AKW mag ja in diesem Fall noch möglich sein, es gibt immer eine Katastrophe die den Horizont erweitert. Kann also passieren. Aber die LKWs mit den Generatoren kommen nicht zum AKW durch, einfach nur lächerlich. Das gäbe es bei uns glaub ich nicht, da hätte man sofort die Verantwortung ans Militär abgegeben und die LKWs per Hubschrauber hingeflogen. Was die Japaner da an Krisenmangment hingelegt haben ist, hat schlichtweg die Katastrophe erst verursacht.
5. Ja....
Georgius 05.11.2011
...das gehoert in die Sparte *Lessons Learned* und ist durchaus ueblich. Mir fehlt dabei das Topic: *Abschalten* Dass den Operators bei der Counter Action auch Massnahmen im Sinne von *Back to the Roots* eingefallen sind, war sicher nicht die schlechteste Idee und spricht eigentlich fuer die Operators. Das Problem ist jedoch die *masslose Hilflosigkeit*, die sich auch bei den "Lessons Learned" einzustellen scheint. Will TEPCO jetzt an gleicher odel aehnlich gefaehrlicher Stelle wieder neu bauen und LKW-Batterien vorhalten zur Katastrophenvorsorge ?? Die bisherigen AKW Katastrophen sind untereinander nicht vergleichbar. Gruss aus Saigon, George
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