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02. April 2011, 13:51 Uhr

Fukushima-Desaster

Radioaktives Wasser sickert durch Riss aus Reaktor 2

Es ist eine neue Schreckensnachricht: Ein 20 Zentimeter langer Riss klafft in einer Reaktorwand des Katastrophen-AKW Fukushima I. Daraus sickert hochradioaktives Wasser - dessen Strahlung ist lebensbedrohlich. Zudem gibt es weitere Hinweise auf eine Kernschmelze.

Tokio - Aus einem Riss im Reaktorkeller der Atom-Ruine Fukushima sickert radioaktiv kontaminiertes Wasser. Es ist nicht das erste Mal, dass Techniker des Betreibers Tepco verseuchtes Wasser in einem der Reaktoren oder auf dem Gelände des havarierten AKW Fukushima I entdecken. Jetzt sickert es durch einen 20 Zentimeter langen Riss, den Arbeiter in einer Reaktorwand des Reaktors 2 entdeckt haben.

Das Wasser ist hochradioaktiv und damit sehr gefährlich: Eine Strahlung von mehr als 1000 Millisievert pro Stunde sei dort gemessen worden, meldete der Fernsehsender NHK am Samstag unter Berufung auf Tepco. Das könnte nach Ansicht der Atomaufsicht erklären, warum die radioaktive Belastung im Seegebiet rund um das Kraftwerk auf das 4000fache der erlaubten Werte angestiegen ist.

Der Greenpeace-Experte Wolfgang Sadik bezeichnete die gemessenen Werte als "lebensbedrohlich". Die Umweltorganisation sei zudem beunruhigt, weil nach Angaben aus Japan außerhalb der Reaktoren wohl auch nach Zirkonium gesucht werde. Das Element sei in den Brennelemente-Hüllen enthalten. "Wenn man danach sucht, heißt das, man sucht nach Spuren des geschmolzenen Kerns", sagte Sadik.

Der Riss soll in einer Wand einer zwei Meter tiefen Grube für Stromkabel entdeckt worden sein, meldete NHK. Darin stand das Wasser laut Tepco einen bis 20 Zentimeter hoch. Nun wolle der Energiekonzern das Leck mit Beton abdichten, heißt es weiter. Das verseuchte Wasser solle beseitigt werden, indem die Flüssigkeit unter den Turbinengebäuden in einen Tank geleitet werde, meldete die Nachrichtenagentur Jiji Press.

Radioaktive Partikel "festkleben"

Das radioaktive Wasser behindert die Versuche, das Kühlsystem des AKW in Gang zu bringen. An diesem Sonntag sollen Tests zum Besprühen der Anlage mit Kunstharz zur Eindämmung der Strahlen fortgesetzt werden. Die Idee dahinter: Die Substanz soll die radioaktiven Partikel binden und auf dem Boden der Anlage "festkleben".

Bei der Gesellschaft für Reaktorsicherheit in Köln (GRS) ist man der Ansicht, dass diese Maßnahme durchaus einen positiven Effekt haben könnte: "Ein ähnliches System hat man auch schon in Tschernobyl angewendet", sagte GRS-Sprecher Horst May im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Allerdings erst nach dem Bau des Sarkophags." Damals habe es sich um ein Polymergemisch gehandelt, das dazu diente, radioaktiven Staub auf dem Boden zu halten. Nähere Informationen über die Versuche Tepcos, mit Kunstharz Ähnliches zu bewirken, liegen der GRS derzeit nicht vor.

Während Tepco weiterhin verzweifelt gegen den Austritt von Radioaktivität ankämpft, reiste Ministerpräsident Naoto Kan erstmals in das Tsunami-Krisengebiet. Inzwischen werden mehr als 11.800 Tote gemeldet. Der Regierungschef sagte den Überlebenden der Katastrophe und ihren Helfern seine volle Unterstützung zu. "Es ist ein ziemlich langer Kampf, aber die Regierung wird Ihnen bis zum Ende beistehen und ihr Bestes tun, bleiben auch Sie bitte zäh", sagte Kan vor Feuerwehrmännern in der vom Erdbeben und dem Tsunami schwer verwüsteten Stadt Rikuzentakata in der Präfektur Iwate.

Regierungssprecher Yukio Edano sagte über die eintägige Reise, es sei sehr wichtig für den Regierungschef, sich im Krisengebiet persönlich ein Bild zu machen und mit den Betroffenen zu sprechen. Parallel kam Außenminister Westerwelle in Japan an, um Deutschlands Solidarität mit den Japanern zum Ausdruck zu bringen.

cib/dpa/Reuters

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