Fukushima-Desaster Zustand der Reaktoren weiterhin undurchsichtig

Ein halbes Jahr nach der Atom-Katastrophe in Fukushima ist der Zustand der Sicherheitsbehälter weiterhin unbekannt. Nach wie vor ist noch niemand in das Innere der Reaktoren vorgedrungen - und die Lage könnte sich in Zukunft verschlechtern.


Tokio - Es war eine der letzten Amtshandlungen des scheidenden japanischen Ministerpräsidenten: . Das zeigte nicht nur, dass die japanische Regierung mit der Dekontamination der hoch verstrahlten Gebiete überfordert ist. Es war auch das Signal: Selbst sechs Monate nach Beginn des Super-GAUs geht von der AKW-Ruine Fukushima immer noch Gefahr aus.

Zwar kann die Betreiberfirma Tepco durchaus Erfolge in der Krisenbewältigung vermelden, doch immer noch gilt das Grundproblem: Ins Innere der Reaktoren kann niemand schauen. Wie viel geschmolzener Kernbrennstoff durch den Reaktordruckbehälter in den Sicherheitsbehälter gelangt ist, kann niemand beurteilen - und erst recht nicht, wie dicht dieser hält.

"Nach wie vor ist das Innere der Reaktoren eine Blackbox. Es gibt nur wenige Temperatur- und Druckmesspunkte, mehr hat man nicht", sagte Christoph Pistner, Physiker am Öko-Institut in Darmstadt, der Nachrichtenagentur dapd. Der Zustand der geschmolzenen Kerne und der Sicherheitsbehälter ist unbekannt. "Davon hängt aber ab, ob sich die Situation in Zukunft noch einmal verschlechtern könnte. Weil man nicht weiß, ob doch noch etwas von dem geschmolzenen Kernbrennstoff durch den Boden des Sicherheitsbehälters austritt." Das wiederum könnte bedeuten, dass doch noch große Mengen an Radioaktivität in die Umwelt gelangen - über den Boden und das Wasser.

Sorge vor schweren Beben bleibt

Auch die Stabilität der bei den Explosionen beschädigten Gebäuden bereitet Experten und den Tepco-Krisenmanagern weiterhin Sorge. Denn je mehr Stürme oder Nachbeben die ohnehin instabilen Bauwerke weiter angreifen, desto mehr könnte es doch noch zum Austritt von Radioaktivität kommen. Deshalb wird das Abklingbecken von Block 4 mittlerweile mit Stahlträgern abgestützt. "Das ist nichts, was bei einem wirklich schweren Erdbeben helfen würde, aber schon ein guter Schutz gegen Beben der Stärke, wie sie im Moment als Nachbeben auftreten", schätzt der Physiker Pistner die Lage ein.

Immerhin scheint die Kühlung der Reaktoren durchaus stabil zu laufen. An den Becken für die ausgedienten Brennelemente sind neue Wärmetauscher installiert. In die Reaktoren wird nur noch so viel Wasser eingespeist, wie nötig - und nicht mehr so viel wie möglich, wie noch am Anfang. Das ist wichtig, weil das Kühlwasser sich Wege in die Keller der Gebäude bahnt, wo es sich meterhoch und stark kontaminiert sammelt. Die eigens dafür installierte Dekontaminationsanlage scheint nach vielen Anlaufschwierigkeiten mittlerweile zu funktionieren.

"Immerhin kann jetzt am Tag so viel Wasser dekontaminiert werden, dass die Wasserstände in den Kellern zurückgegangen sind", sagte Pistner. "Die Gefahr, dass das Wasser überläuft und sich auf dem Gelände verteilt oder in den Pazifik gelangt, ist jetzt nicht mehr ganz akut." In den kommenden Monaten soll noch eine 800 Meter lange Spundwand zwischen den Gebäuden und dem Küstenstreifen eingezogen werden - um jeden Weg, den das strahlende Wasser aus den Gebäuden in den Pazifik finden könnte, auch in Zukunft zu versperren.

Boden muss dekontaminiert werden

Längst sind aber Fischern in den Küstenregionen um Fukushima teils stark kontaminierte Fische und Meeresfrüchte ins Netz gegangen - und das nicht nur innerhalb der Evakuierungszone von 20 Kilometern um das Kraftwerk. Auch Reis- und Gemüsebauern jenseits der 20-Kilometer-Grenze mussten ihre Ernte vernichten. Und auf mehreren hundert Schulhöfen in der Region wurden in den Sommerferien Böden abgetragen, um die neuerdings für Schulkinder wieder geltende Radioaktivitäts-Höchstgrenze von einem Millisievert pro Jahr einhalten zu können.

So wird zwar Alltag in den radioaktiv belasteten Gebieten möglich, doch damit steht das nächste Problem ins Haus: Wohin mit all dem strahlenden Erdreich? "In Japan muss ein Prozent der Oberfläche dekontaminiert werden", berichtet der schottische Berater für Atom- und Energiepolitik Shaun Burnie. "Allein bei der Dekontamination von drei Häusern in Fukushima-Stadt sind kürzlich über 35 Tonnen Erdreich zusammengekommen. Das sind schockierende Zahlen." Besonders, weil das sogar für Gebiete außerhalb der Sperrzone gilt.

Wie hoch die Radioaktivität an Böden und Häusern innerhalb der Sperrzone ist, wird noch nicht einmal flächendeckend gemessen. Von Dekontamination ist hier noch lange nicht die Rede.

Katrin Aue, dapd



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darkangel_ger 08.09.2011
1. man man man
Zitat von sysopDie Explosion des Atomkraftwerks im japanischen Fukushima hatte gravierendere Folgen als angenommen: Sie*setzte weitaus mehr radioaktives Cäsium frei als die Atombombe in Hiroshima. Dennoch lassen sich beide Katastrophen kaum vergleichen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,785151,00.html
wieder ein verzweifelter versuch, das fähnchen fukushima hier auf spon hochzuhalten... wenn es probleme gibt, dann nur marginale. für die kontaminierte erde findet sich schon ein plätzchen und in 30 jahre ist durch die halbwertszeit der hype vorbei.
DrWimmer 08.09.2011
2. Krisenmanagement nicht so schlecht wie es gemacht wird
---Zitat--- Das zeigte nicht nur, dass die japanische Regierung mit der Dekontamination der hoch verstrahlten Gebiete überfordert ist... http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,785151,00.html ---Zitatende--- Was ist denn in solchen Dimensionen bitte die Definition von "überfordert"? Wenn es darum ginge solch ein Unglück perfekt und ohne Schäden für Natur allgemein und Mensch im speziellen zu meistern, wäre wohl jede Regierung überfordert. Wenn es darum geht, nicht immer alles perfekt und offen kommunizieren zu können, weil auch das Menschenleben kosten kann, wäre ebenfalls jede Regierung überfordert. Wenn es darum geht, dass Regierungen zwischen Konferenzen und Zielerklärungen zum Klimawandel und CO2-freier Energieerzeugung Atomkraft wieder in betracht zogen und manche Katastrophenszenarien in Nicht-Tschernobyl-Reaktoren als undenkbar, als kalkulierbares Restrisiko zum Wohle des Klimaschutzes verklärt wurden, wäre nun wohl jede Regierung mit der Realität überfordert. Kein Land kann für solche Katastrophen üben und perfekte Patentrezepte auspacken. Das ist Forschung an der Basis, an der real existenzen Katastrophe und gleichzeitige Umsetzung des eben gerade erst erkannten und gelernten. Wenn man das Ganze mal nüchtern betrachtet, verhält sich Japan nicht so stümperhaft und überfordert wie man uns weissmachen will. So ein offen in der Landschaft stehender Schrotthaufen von strahlenden Reaktoren ist eben kein Ponyhof und nichtmal Tine Wittler oder Vera Int-Veen würden die Bude so schnell wieder sauber kriegen. Natürlich strahlt das Ding noch und natürlich wachsen mit besserem Einblick die Erkenntnisse über den tatsächlichen Umfang des Geschehenen. Das ist doch ganz normal und bleibt nicht aus, nur weil es hier um eine atomare Katastrophe geht. Die gleiche Katastrophe in Deutschland würde uns allerdings den besten Beweis dafür liefern, wie - angesichts der Umstände - vergleichsweise gut die Japaner ihre Aufgabe eigentlich bis jetzt gemeistert haben. Natürlich wird das hoffentlich bis zur AKW-Abschaltung nicht passieren. Aber ich denke, angesichts des Bildes, das unsere Regierung schon in Finanzkrisen abgibt, kann es sich jeder relativ gut vorstellen.
Da_Niel 08.09.2011
3. Verwendungszweck
Zitat von darkangel_gerwieder ein verzweifelter versuch, das fähnchen fukushima hier auf spon hochzuhalten... wenn es probleme gibt, dann nur marginale. für die kontaminierte erde findet sich schon ein plätzchen und in 30 jahre ist durch die halbwertszeit der hype vorbei.
Ein toller Verwendungszweck wäre doch, wenn sie und ihre Beschwichtigerkollegen die kontaminierte Erde dazu nutzen würden, weiterhin den Kopf in den Sand zu stecken....
MartinB. 08.09.2011
4. Bitte...
Zitat von darkangel_gerwieder ein verzweifelter versuch, das fähnchen fukushima hier auf spon hochzuhalten... wenn es probleme gibt, dann nur marginale. für die kontaminierte erde findet sich schon ein plätzchen und in 30 jahre ist durch die halbwertszeit der hype vorbei.
Bitte nochmal die Definition von "Halbwertszeit" durchlesen. Die bedeutet nämlich, das gerade einmal die *Hälfte* des Isotops Cs137 - also 50% der nicht bezifferbaren und eventuell noch erheblich steigenden Menge X - ihre Strahlung an die Umwelt abgegeben hat. Das heißt nicht, das von der anderen Hälfte keine gesundheitlichen Belastungen mehr ausgehen werden...
cs2001 08.09.2011
5. Warum?
Zitat von darkangel_gerwieder ein verzweifelter versuch, das fähnchen fukushima hier auf spon hochzuhalten... wenn es probleme gibt, dann nur marginale. für die kontaminierte erde findet sich schon ein plätzchen und in 30 jahre ist durch die halbwertszeit der hype vorbei.
Warum ist in 30 Jahren der Hype vorbei? Wissen Sie ueberhaupt was Halbwertszeit bedeutet?
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