Fünf Jahre Reaktorunglück Die Vergessenen von Fukushima

Das Atomunglück von Fukushima entwurzelte Zehntausende. Fünf Jahre danach fühlen sich viele der Heimatlosen von ihrer Regierung im Stich gelassen.

Anwohner vor Säcken mit radioaktivem Material
Wieland Wagner

Anwohner vor Säcken mit radioaktivem Material

Von , Tokio


Es kommt nicht oft vor, dass Akiko Nakaoka Briefe oder Pakete aus ihrer Heimat Tokio erhält. Doch wenn, dann wird die 25-Jährige jedes Mal von Panik ergriffen, sie fühlt sich körperlich unwohl. Plötzlich werden die Erinnerungen wieder wach an den 11. März 2011 und die Tage danach, die ihr Leben veränderten und ihr die Unbeschwertheit nahmen.

Nakaoka lebt jetzt in Kyoto, der einstigen Kaiserstadt, knapp 370 Kilometer Luftlinie und zweieinhalb Zugstunden westlich von Tokio. Hierher floh sie mit ihrer Mutter vor dem Reaktordesaster von Fukushima. Denn der Super-GAU gleich mehrerer Reaktoren hatte nicht nur die Umgebung der Anlage radioaktiv verseucht. Auch in der Hauptstadt, rund 250 Kilometer südlich, stiegen damals die Strahlenwerte.

Zu Beginn der Katastrophe machte sich Nakaoka kaum Gedanken über Fukushima. An jenem Freitagnachmittag bebte auch in Tokio die Erde. Nakaoka hielt sich gerade am Fuß des 60-stöckigen Sunshine Building auf: "Ich sah, wie der Wolkenkratzer hin und her schwankte, es war unheimlich." Im Fernsehen sah sie dann, wie der Tsunami ganze Küstenorte verwüstete. Fast 20.000 Menschen starben in den Fluten. Die Fluten verursachten auch den fatalen Stromausfall im Kernkraftwerk Fukushima Daiichi.

Nakaoka nahm das indes eher am Rande wahr. Sie sagt: "Ich interessierte mich vor allem für Mode, ich wollte Designerin werden." Auch hier in Kyoto pflegt sie ihren Stil, sie trägt eine schicke Wollmütze und einen blauen Pulli mit Krawatte. Sie hat sich in einem eleganten Teehaus verabredet. Aber das ist nur Fassade. Darunter verbirgt sie ihre Trauer darüber, dass sie ihre Heimat verlor und ihr seelisches Gleichgewicht.

Dekontaminierung nahe Tomioka (Präfektur Fukushima)
REUTERS/Toru Hanai

Dekontaminierung nahe Tomioka (Präfektur Fukushima)

Schon kurz nach der Reaktorkatastrophe klagten ihre Mutter und ihr jüngerer Bruder über Durchfall und Nasenbluten, und bald litt Nakaoka unter ähnlichen Symptomen. Doch bei ihr wurde es am schlimmsten. "Als kleines Mädchen war ich nie kräftig," sagt sie, "aber seit Fukushima fühle ich mich krank und nervös." Zugleich quält sie die Erfahrung, dass sie kaum jemand ernst nahm, weder ihr Vater, ein Arzt, noch Freunde.

Immerhin: Ihre Mutter und ihr Bruder googelten im Internet; sie recherchierten, dass viele im Nordosten Japans über ähnliche Symptome klagten. Die Angst vor der unsichtbaren Strahlung war groß. Der damalige Premier Naoto Kan erwog in jenen Tagen gar, auch Tokio zu evakuieren, wie er dem SPIEGEL später berichtete.

Seit mehr als zwei Jahren lebt Nakaoka nun hier in der einstigen Kaiserstadt, wo sie sich zur Producerin von Manga-Comics ausbilden lässt. "In Kyoto hatte ich schlagartig keinen Durchfall oder Nasenbluten mehr", sagt sie. Aber in ihren Rhythmus fand sie nicht zurück. "Stets fühle ich mich schlapp und müde." Denn auch hier verfolgt sie die Angst vor der Radioaktivität, jener Gefahr, die sich mit bloßem Auge nicht erkennen lässt.

Kei Kobayashi (Tepco) arbeitet an der Wasseraufbereitung in dem havarierten AKW. Am 11. März 2011 hatten ein Erdbeben der Stärke 9,0 und ein Tsunami mit 14 Meter hohen Wellen das Atomkraftwerk Fukushima Daiichi getroffen. Es kam zu einer dreifachen Kernschmelze, dem schlimmsten atomaren Desaster seit der Katastrophe in Tschernobyl.

Rund 1200 Angestellte des Betreiberkonzerns Tepco sowie zusätzlich 7000 Arbeitskräfte von angeheuerten Vertragsunternehmen sind auch fünf Jahre nach dem GAU täglich in der Atomruine im Einsatz. Fotograf Christopher Furlong hat einige von ihnen porträtiert.

Hideaki Tokuma (Tepco) kümmert sich um die etwa tausend Tanks mit kontaminiertem Wasser, die sich inzwischen auf dem AKW-Gelände befinden. In den Tanks wird das Wasser nach Durchlaufen eines Filters gelagert - fast 800.000 Tonnen haben sich im Laufe der Zeit angesammelt.

Tokuma bezeichnet seine Aufgabe als herausfordernd, aber lohnend. Es gebe keine Routine bei dem Job. Er fühle sich so, als müsste er eine Bahnstrecke planen, die Schienen verlegen und dann noch den Zug selbst steuern.

Kobayashi sagt über seine Arbeit: Jeden Tag lerne er etwas Neues. 30 bis 40 Jahre kann es nach Angaben des Fukushima-Betreibers Tepco dauern, bis das Kraftwerk endgültig gesichert ist.

Yasushi Ooishi (Tepco) arbeitet ebenfalls an der Aufbereitung des mit radioaktiver Strahlung belasteten Wassers.

Ooishi sagt, die völlige Stilllegung des Kraftwerks sei zwingend notwendig. Laut Tepco sind bislang zehn Prozent geschafft. Er würde sich wünschen, dass es schneller vorangehe, sagt Ooishi, aber es gebe Hindernisse - und sein Team könne nicht alles so machen wie gewünscht, wegen der Zusammenarbeit mit Regierungsbeamten und lokalen Behörden.

Yusuke Nakagawa (Tepco) arbeitet in dem Team, das sich um die Roboter kümmert, die für die Dekontaminierung in den Reaktorgebäuden eingesetzt werden.

Nakagawa sagt, er wolle zur Besserung der Lage in Fukushima beitragen. Die Dekontaminierung der Reaktorgebäude sei die entscheidende Aufgabe bei der Stilllegung des Kraftwerks.

Shuji Hoshi (Toshiba) arbeitet am Wasseraufbereitungssystem. Täglich dringen Hunderte Tonnen Grundwasser in die Reaktorgebäude ein und vermischen sich dort mit dem verstrahlten Wasser zur Kühlung der geschmolzenen Brennstäbe. Wo die liegen, weiß auch nach fünf Jahren niemand genau.

Hoshi sagt, die Unterstützung seiner Familie sei enorm wichtig, weil er nun weit weg von seinem Zuhause lebe.

Isao Abe (Kajima Corporation) arbeitet an einem Eiswall aus gefrorenem Boden. Dieser wurde um die Reaktoren gebaut - in dem Bemühen, die täglich weiter steigenden Wassermassen zu reduzieren.

Abe sagt, seit der Katastrophe seien immer wieder Kollegen von ihm angewiesen worden, in Fukushima zu arbeiten. So habe er gewusst, dass er früher oder später auch an der Reihe sein würde.

Masaya Uehara (Kajima Corporation) arbeitet ebenfalls an dem Eiswall. Doch aus Sorge um ein zu starkes Absinken des Grundwasserspiegels darf Tepco den Wall zunächst nur stellenweise betreiben. Ob das etwas bringt, ist unklar.

Uehara sagt, es sei enttäuschend, wenn Menschen negative Meinungen über seinen Job hätten. Zugleich sei das aber auch eine Motivation für ihn.

Mitsuyoshi Sato (Toshiba) arbeitet im Team, das sich um die staubsaugerähnlichen Roboter kümmert, die bei der Dekontaminierung der Reaktorgebäude zwei und drei im Einsatz sind.

Sato sagt, er habe sich fünf Monate nach der Katastrophe freiwillig gemeldet, um die Wasseraufbereitung in Fukushima zu erforschen. Nachdem das Projekt abgeschlossen war, bot er an, bei der Dekontaminierung mitzuhelfen. Sato ist inzwischen seit viereinhalb Jahren in Fukushima. Eigentlich habe er andere Dinge, zu denen er gerne forschen würde, sagt Sato. Aber er habe das Gefühl, sein Job in der AKW-Ruine sei etwas, das jetzt getan werden müsse.

Kazuyuki Ogaki (Toshiba) überwacht die Strahlendosis, der die Arbeiter im havarierten Atomkraftwerk ausgesetzt sind.

Ogaki stammt aus Fukushima. Seine Kinder, sagt er, hätten seit der Katastrophe nicht einmal in das Haus zurückkehren dürfen, in dem sie aufwuchsen. Mehr als 100.000 Menschen hatten nach dem GAU wegen der Strahlenbelastung in der Region ihre Häuser verlassen müssen.

Shinichi Koga (Kajima Corporation) arbeitet an dem Eiswall.

Koga sagt, der schwierigste Teil seines Jobs sei die Umgebung, in der er seine Schutzausrüstung tragen müsse. Zudem gebe es viele Beschränkungen durch staatliche Behörden.

Kenji Shimizu (Tepco) arbeitet als Kontrolleur für das Roboterprojekt, das die Sicherheitsbehälter untersucht, um Verschmutzungen auf dem Reaktorgelände festzustellen.

Shimizu sagt, sein Team stelle sicher, dass in einer sicheren Umgebung gearbeitet werde. Deshalb empfinde er es als kaum gefährlich, in Fukushima zu arbeiten - auch wenn das für viele Menschen wohl schwer zu verstehen sei.

Eiji Sakata (Tepco) arbeitet in dem Team, das die allgemeine Sicherheitssteuerung auf dem Reaktorgelände überwacht.

Sakata sagt, die Sicherheitssteuerung in Fukushima sei schwieriger als an anderen Orten. Er und seine Kollegen müssten viel auswendig lernen, da sie Dokumente nicht einfach mit rein- und wieder rausnehmen könnten. Auch die verbale Kommunikation sei wegen der Schutzmasken kompliziert.

"Eigentlich liebe ich Sushi", sagt Nakaoka, "doch nun meide ich Fisch, der vor unserer Ostküste gefangen wurde." Denn bei starkem Regen fließt nach wie vor verseuchtes Wasser von der Atomruine in Fukushima in den Pazifik, selbst vor der nordamerikanischen Küste wird längst radioaktiver Fallout aus Japan gemessen - freilich in unbedenklichen Konzentrationen.

Wer der jungen Japanerin zuhört, könnte sie für hysterisch halten. Ähnlich wie sie sind viele Landsleute aus Nordostjapan geflohen, besonders viele Mütter mit Kindern. Allein in Fukushima entwurzelte der Atomunfall zeitweise bis zu 160.000 Menschen. Die meisten leben unauffällig und verstreut im Land. Doch Nakaokas Ängste passen so gar nicht zu dem Optimismus, den die japanische Obrigkeit fünf Jahre nach der Katastrophe verbreitet.

In den U-Bahnen von Tokio werben Plakate für Reis aus der Unglücksregion. "Der Stolz von Fukushima" heißt die Kampagne, die Wasser und Luft der Region als "klar und schmackhaft" preist. An vorderster Front bemüht sich Premier Shinzo Abe um gute Laune. Anfang Januar empfing er junge Frauen aus Fukushima, die ihm einen Korb mit getrockneten Früchten aus der Region überreichten. Danach schwärmte er über Twitter, wie gut das Geschenk geschmeckt habe: "Davon sollten viele Leute unbedingt probieren."

Fischer im Hafen Soma (Präfektur Fukushima)
DPA

Fischer im Hafen Soma (Präfektur Fukushima)

Die drittgrößte Industrienation, so scheint es, entwickelt fast schon Routine dabei, nukleare Katastrophen zu vergessen und zu verdrängen. Das erlebten bereits die Opfer der amerikanischen Bombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki und dann die Besatzung des japanischen Fischerboots "Daigo Fukuryumaru", die 1954 bei einem US-Wasserstoffbombentest am Bikini-Atoll verstrahlt wurde. Und das erleben jetzt die Opfer von Fukushima.

Auch diesmal hat die Rückkehr in den Alltag Vorrang. Im vergangenen Herbst ließ die Regierung Abe im südjapanischen Kernkraftwerk Sendai zwei Reaktoren wieder ans Netz gehen, weitere sollen folgen. Nach dem Fukushima-Desaster waren alle Kernkraftwerke nach und nach abgeschaltet worden. Die Skepsis der Bevölkerung war zu groß. Doch Abe will die Stromfirmen vor wachsenden Verlusten retten, auch gegen den Willen der Mehrheit seiner Landsleute.

Dabei hat Japan das Fukushima-Desaster längst nicht bewältigt. Rund 8000 Arbeiter sind ständig im Einsatz, um die Atomruine unter Kontrolle zu bringen. Vier bis fünf Jahrzehnte dürfte es dauern, bis sie abgewrackt und entsorgt ist.

AP/ Mainichi Shimbun/ Tomohiko Kano
Im Dezember teilte die Betreiberfirma Tokyo Electric Power (Tepco) mit, dass die Strahlung in einem unterirdischen Kanal der Anlage 4000-mal so hoch war wie ein Jahr zuvor. Tepco selbst wurde davon offenbar völlig überrascht.

Unterdessen bleiben die Betroffenen mit ihren Sorgen oft allein. In der Präfektur Fukushima sind bereits 116 Jugendliche im Alter von sechs bis 18 Jahren an Schilddrüsenkrebs erkrankt. Das sind 30-mal so viele wie im Durchschnitt des übrigen Landes, und in der Zentralregion der Präfektur ist die Rate gar 50-mal so hoch. Über die Ursachen sind Experten uneins: Einige führen den Anstieg darauf zurück, dass die Präfektur erst seit dem Atomunfall präzise Reihenuntersuchungen für Jugendliche anbietet. Andere machen dagegen den Atomunfall verantwortlich.

Premier Abe lässt sich davon nicht in seinem Atomkurs bremsen. Auch nach Fukushima, so lautet offenbar seine Botschaft an die Landsleute, geht das Leben weiter: Seit knapp zwei Jahren drängt seine Regierung geflohene Bewohner, in jene Teile der 20-Kilometer-Sperrzone von Fukushima zurückzukehren, wo die Strahlung bereits deutlich gesunken ist.

Tatsächlich wurden viele Häuser und Gärten dekontaminiert, an den Straßenrändern lagern allenthalben schwarze Säcke mit verseuchten Sträuchern und Erde. Unangetastet bleiben dagegen die bewaldeten Berge - sie decken rund 70 Prozent der Präfektur ab: Dort ist Strahlung oft auch weiterhin bedenklich hoch.

Säcke mit kontaminierter Erde in Nahara bei Fukushima
REUTERS

Säcke mit kontaminierter Erde in Nahara bei Fukushima

Daher zögern insbesondere Familien mit Kindern, zurückzukehren. Bislang lassen sich meist nur ältere Bewohner wieder in ihren Dörfern nieder. Allerdings macht die Obrigkeit finanziell Druck: Bis Ende März will sie den Strahlenflüchtlingen die Mietzuschüsse für ihre Behelfsunterkünfte streichen.

Katsuhide Okada, 71, wird indes wohl nie in seine Heimat zurückkehren können, selbst wenn er das Risiko eingehen wollte. Bis März 2011 lebte er in Futaba, dem Ort, in dem die Kernkraftwerksruine steht. Futaba wurde so stark verstrahlt, dass dort auf Jahrzehnte niemand leben kann. Okada verlor nicht nur sein Zuhause, sondern auch sein Lebenswerk: den Futaba Rosengarten, der 43 Jahre lang Touristen aus ganz Japan anlockte.

Der Züchter empfängt in seiner Unterkunft in der Stadt Tsukuba bei Tokio. Seine Frau - sie betrieb das Café und das Restaurant des Rosengartens - schenkt Kaffee ein. Im Dezember durfte Okada für ein paar Stunden seinen verstrahlten Besitz besuchen, in weißer Schutzkleidung und mit Atemmaske. Denn er musste Daten sammeln für die Entschädigung, um die er seit Jahren mit Kraftwerksbetreiber Tepco streitet.

Führung von Journalisten über das AKW-Gelände (Februar 2011): "Ich kannte die Fotos zerdrückter Tanks, aber mit eigenen Augen zu sehen wie groß diese sind, ist etwas anderes."

Behälter mit radioaktivem Wasser: Etwa 400 Kubikmeter fallen jeden Tag an, was 400 Tonnen entspricht.

Blick auf das Kraftwerksgelände: 750.000 Tonnen lagern bereits in Hunderten Tanks, langsam werden die Flächen knapp.

Beschädigtes Gebäude an Reaktor 3: In den Meilern 1 bis 3 hat es wahrscheinlich eine Kernschmelze gegeben. Meiler 4 war am Tag des Tsunamis nicht in Betrieb.

Arbeiter auf AKW-Gelände: Es gibt drei Strahlenschutzbereiche in Fukushima. Bei der höchsten Gefährdung muss das Personal lange Unterwäsche, zwei Paar Socken, Stoffhandschuhe, darüber zwei Paar Gummihandschuhe, einen Overall und eine Atemschutzmaske mit Filter, die das gesamte Gesicht bedeckt, tagen. Hinzu kommen Arbeitsschutzschuhe und Helm.

Beschädigter Meiler 3: 8000 Personen arbeiten jeden Tag auf dem Gelände - ein Vielfaches des ursprünglichen Kraftwerkspersonals.

Aufräumarbeiten: Betreiber Tepco hält die Anstrengungen zur Stilllegung zu "rund zehn Prozent" für bewältigt.

Schäden an Meiler 3: Der Super-GAU geschah, weil zuerst die Stromversorgung des Kraftwerks über Land ausgefallen war und danach das Meerwasser die Notstromaggregate zerstörte. So konnten drei nach dem Beben heruntergefahrene Reaktoren nicht mehr ausreichend gekühlt werden.

Meiler 1 bis 4 (von oben): An eine Bergung der geschmolzenen Reaktorkerne in den Reaktoren 1 bis 3 ist derzeit nicht zu denken. Noch weiß niemand, wie das stark strahlende Material aus den teils zerstörten Gebäuden geholt werden soll.

Auf dem Couchtisch breitet er Fotos aus, die er von seinem Besitz aufnahm: "So sah es dort vorher aus", sagt er und zeigt auf einen gepflegten Park. "Und so sieht es jetzt aus": Zu sehen ist ein trostloser Dschungel aus Sträuchern und Gräsern.

Tepco wolle ihm nur die übliche Entschädigung für Forstbetriebe zahlen, berichtet Okada. Das empfindet er als Witz: "Ich habe dort 7000 Rosen von 700 verschiedenen Sorten gezüchtet, das lässt sich nicht mit einem Wald vergleichen".

Rosengärtner gegen die Atombosse - auch das heimische Fernsehen befasste sich bereits mit Okadas ungleichen Kampf. Es sei "schwierig", lautete der um Ausgewogenheit bemühte Kommentar, die Forderungen des Geschädigten mit den Interessen der Allgemeinheit zu versöhnen. Okada war empört über die Berichterstattung: "Was heißt 'schwierig'?", fragt er. Tepco trage die Verantwortung für den Atomunfall. Die Manager hätten es versäumt, ihr Kernkraftwerk vor einem Tsunami zu schützen.

Zwar düfte Tepco - die Firma wurde nach dem Atomdesaster defakto verstaatlicht - den Opfern des Super-GAU insgesamt mindestens elf Billionen Yen Entschädigung zahlen müssen (entspricht rund 90 Milliarden Euro). Doch von den damaligen Bossen wurde kein einziger juristisch zur Rechenschaft gezogen.

Japanisches Atomkraftwerk Takahama
AFP

Japanisches Atomkraftwerk Takahama

Okada läuft die Zeit davon, er will nicht aufgeben. Und auf keinen Fall will er klammheimlich Selbstmord begehen, wie so manche aus Fukushima, die den Verlust ihrer Heimat nicht verwinden konnten. Okada will seinen Rosengarten irgendwo nahe Tokio neu eröffnen, auch für seine erwachsenen Söhne, die den Betrieb mit ihm führten und sich nun mit schlecht bezahlten Jobs durchschlagen müssen.

Toshihiko Hashimoto, 59, weiß, wie die Folgen der Atomkatastrophe an den Menschen zehren - seelisch und körperlich. In Miharu, an der Grenze zur Sperrzone von Fukushima betrieb er bis zum Reaktorunfall eine Praxis für Naturheilkunde. Erst zwei Jahre zuvor hatte er Haus und Praxis neu gebaut. Aus Sorge über die radioaktive Strahlung floh er mit seiner Familie dann nach Matsumoto in Zentraljapan. Doch regelmäßig kehrt er allein nach Fukushima zurück, um Patienten zu betreuen. Die Krankheitsfälle in der Region hätten eindeutig zugekommen.

"Viel mehr Menschen klagen über allgemeines Unwohlsein, ohne dass sich die Ursache eindeutig diagnostizieren lässt", berichtet Hashimoto. Schon zwei Jahre nach der Katastrophe führte er eine Umfrage unter seinen Patienten durch. Auffallend viele klagten demnach über Durchfall und Nasenbluten.

Unglücksmeiler von Fukushima
DER SPIEGEL

Unglücksmeiler von Fukushima

Der Heilpraktiker gibt eine düstere Prognose ab: "Ähnlich wie nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl dürften sich auch in Fukushima erst Jahre später die Auswirkungen auf die Gesundheit der Bevölkerung zeigen." Hashimoto fühlt sich eigentlich wohl in Matsumoto, in dieser Stadt weiß er seine Familie in Sicherheit. Allerdings hat seine damals 13-jährige Tochter den Umzug bis heute nicht verwunden. "In Gedanken lebt sie immer noch Fukushima, per Smartphone chattet sie ständig mit ihren dortigen Freundinnen; in ihrer neuen Heimat ist sie nie richtig angekommen."

Derzeit baut die Regierung in Hashimotos alter Heimat Miharu ein Umweltzentrum. Dort will sie dort erforschen lassen, wie die radioaktiv verseuchte Umwelt möglichst schnell wieder "sicher bewohnbar" gemacht wird. Für Hashmoto ist das Projekt ein Hohn: "Der Bevölkerung soll vorgegaukelt werden, dass wir auch nach dem Unfall unbedenklich weiterleben können."

In Matsumoto organisiert der Heilkundler ein Alternativ-Projekt: Er gründete eine private Stiftung, die Kinder aus Fukushima hierher einlädt, wo sie dann wenigstens ein Jahr lang in der frischen Bergluft leben und lernen können. Die Stadt Matsumoto stellte dafür eine Schule zur Verfügung, die ohnehin unter sinkenden Schülerzahlen litt. Bisher sind allerdings erst acht Kinder aus Fukushima gekommen, die Zukunft des Projekts scheint ungewiss.

Auch privat kämpft der Fukushima-Flüchtling mit den Folgen der Katastrophe: Mit seiner Familie lebt in einer provisorischen Bleibe. In einem Jahr läuft auch der Mietzuschuss aus, den er vom Staat monatlich erhält. Noch hat Hashimoto kein Haus gefunden, in dem er langfristig wohnen und praktizieren kann. Überdies muss er sich einen neuen Stamm von Patienten aufbauen, um sich und seine Familie ernähren zu können. Sicher ist nur eins: Sein Leben wird nie wieder so, wie es bis zum Atomunfall war.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 105 Beiträge
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SIBBESIBBE 12.03.2016
1. der Tsunami hatt die meisten Japaner entwurzelt,
nicht ein kleiner Industrieunfall. Auch wenn er Nuklear war, so kann man ihn nicht mit der wirklichen grossen Erdbeben-katastrophe vergleichen. Der Tsunami von Japan entwurzelte Hunderttausende. Fünf Jahre danach fühlen sich die meisten Heimatlosen von ihrer Regierung im Stich gelassen. So würde ein Reporter schreiben, wenn er die Wahrheit über den Tsunami schreiben würde. Denn an grossen Teile der Ostküste werden die meisten noch nicht einmal in ihre zerstörten Häuser am selben Platz wieder aufbauen können. Viele Häuserbesitzer haben wohl die Klausel Force Majeure in ihrer Versicherungspolice. Bei Katastrophe zahlt nämlich keine Versicherung. Wenn die Regierung nicht hilft so hilft keiner. Kein Geld, kein Haus. Doch was kümmert es die Journalisten aus Deutschland. Die wollen gegen Atomkraftwerke polemisieren. Das Atomunglück von Fukushima entwurzelte Zehntausende. Aber die Strahlung ist inzwischen so niedrig dass man teilweise schon zurückkehren kann. Wenn man will. Doch das interessiert unsere Reporter nicht.
Beat Adler 12.03.2016
2. Die Schaeden nach einem Erdbeben und Tsunami werden aufgeraeumt.
Zitat von SIBBESIBBEnicht ein kleiner Industrieunfall. Auch wenn er Nuklear war, so kann man ihn nicht mit der wirklichen grossen Erdbeben-katastrophe vergleichen. Der Tsunami von Japan entwurzelte Hunderttausende. Fünf Jahre danach fühlen sich die meisten Heimatlosen von ihrer Regierung im Stich gelassen. So würde ein Reporter schreiben, wenn er die Wahrheit über den Tsunami schreiben würde. Denn an grossen Teile der Ostküste werden die meisten noch nicht einmal in ihre zerstörten Häuser am selben Platz wieder aufbauen können. Viele Häuserbesitzer haben wohl die Klausel Force Majeure in ihrer Versicherungspolice. Bei Katastrophe zahlt nämlich keine Versicherung. Wenn die Regierung nicht hilft so hilft keiner. Kein Geld, kein Haus. Doch was kümmert es die Journalisten aus Deutschland. Die wollen gegen Atomkraftwerke polemisieren. Das Atomunglück von Fukushima entwurzelte Zehntausende. Aber die Strahlung ist inzwischen so niedrig dass man teilweise schon zurückkehren kann. Wenn man will. Doch das interessiert unsere Reporter nicht.
Die Schaeden nach einem Erdbeben und Tsunami werden aufgeraeumt. Wenige Jahre spaeter ist Alles wie vorher. Die Schaeden um die Atomruine in Fukushima bleiben fuer Jahrhunderte bestehen. Das ist leicht nachzuvollziehen. Bis heute, 5 Jahre spaeter, weiss noch niemand, wo die geschmolzenen Atomreaktorkerne sind und auch nicht in welchem Zustand sie sind. Bis sie entfernt und entsorgt sind, vergehen viele Jahrzehnte. In dieser Zeit koennen die Entwurzelten der Region nicht zurueck, ganz im gegensat zu einem Erdbeben und Tsunami. Warum in den 60iger Jahren, voller Optimismus, in dem Erdbebenland Japan, das damals am allerbesten ueber Radioaktivitaet Bescheid wusste, Atomkraftwerke, die Dinosaurier der Technologiegeschichte, gleich massenhaft an Kuesten gebaut wurden, ist nur schwer zu verstehen. Sowohl damals, wie heute. Was heutzutage gar nicht verstanden werden kann, ist, dass die Atomruinen-Reaktoren in Fukushima immer noch nicht gegen einen erneuten Tsunami geschuetzt sind. Wenn der in den kommenden Jahrzehnten eintrifft, spuelt er alles, was dort an radioaktivem Zeugs herumliegt und aufbewahrt wird, zuerueck ins Meer. Diese Katastrophe ist potentiell gleich gross, wie Diejenige am 11.3.11. mfG Beat
Palmstroem 12.03.2016
3. Die Opfer vergessen
Auch fünf Jahre nach der Katastrophe schreibt der Spiegel nicht über fast 20.000 Opfer, die der Tsunami gefordert hat. Er schreibt auch nicht über die Folgen für die Angehörigen dieser Opfer, sondern er schreibt über die Angst-Psychosen, die die Medien mit verursacht haben. Da wurde von hunderttausenden Krebstoten geschrieben, die der Reaktorunfall verursachen werde. Da wurde von Todeszonen für tausende von Jahren berichtet. Alles falsch und trotzdem immer wieder geschrieben. So falsch wie die Schlagzeilen, die man auch fünf Jahre nach der Katastrophe immer wieder sieht: "Tsunami und Atomkatastrophe forderten 19.000 Opfer. - Nein, der Tsunami forderte 19.000 Tote, der Atomunfall keinen einzigen!
Beat Adler 12.03.2016
4. Bis Ende 2014: 1232 Todesfaelle
Zitat von PalmstroemAuch fünf Jahre nach der Katastrophe schreibt der Spiegel nicht über fast 20.000 Opfer, die der Tsunami gefordert hat. Er schreibt auch nicht über die Folgen für die Angehörigen dieser Opfer, sondern er schreibt über die Angst-Psychosen, die die Medien mit verursacht haben. Da wurde von hunderttausenden Krebstoten geschrieben, die der Reaktorunfall verursachen werde. Da wurde von Todeszonen für tausende von Jahren berichtet. Alles falsch und trotzdem immer wieder geschrieben. So falsch wie die Schlagzeilen, die man auch fünf Jahre nach der Katastrophe immer wieder sieht: "Tsunami und Atomkatastrophe forderten 19.000 Opfer. - Nein, der Tsunami forderte 19.000 Tote, der Atomunfall keinen einzigen!
Bis Ende 2014: 1232 Todesfaelle, Opfer der Atomreaktorkatastrophe. http://www.globalresearch.ca/fukushima-disaster-caused-at-least-1232-fatalities-in-2014-as-radiation-death-rate-accelerates/5441390 Die Zahl wird noch steigen. mfG Beat
dexter_douglas 12.03.2016
5. Wie eine Regierung so versagen kann ist unbeschreiblich
Zitat von SIBBESIBBEnicht ein kleiner Industrieunfall. Auch wenn er Nuklear war, so kann man ihn nicht mit der wirklichen grossen Erdbeben-katastrophe vergleichen. Der Tsunami von Japan entwurzelte Hunderttausende. Fünf Jahre danach fühlen sich die meisten Heimatlosen von ihrer Regierung im Stich gelassen. So würde ein Reporter schreiben, wenn er die Wahrheit über den Tsunami schreiben würde. Denn an grossen Teile der Ostküste werden die meisten noch nicht einmal in ihre zerstörten Häuser am selben Platz wieder aufbauen können. Viele Häuserbesitzer haben wohl die Klausel Force Majeure in ihrer Versicherungspolice. Bei Katastrophe zahlt nämlich keine Versicherung. Wenn die Regierung nicht hilft so hilft keiner. Kein Geld, kein Haus. Doch was kümmert es die Journalisten aus Deutschland. Die wollen gegen Atomkraftwerke polemisieren. Das Atomunglück von Fukushima entwurzelte Zehntausende. Aber die Strahlung ist inzwischen so niedrig dass man teilweise schon zurückkehren kann. Wenn man will. Doch das interessiert unsere Reporter nicht.
Falls das, was laut einer Rundfunkreportage bei einer Schulbegehung mit den Familien aus Fukushima und dem Umfeld, zwecks eines Resettlement stimmt, dann ist ab naechstem Jahr die Unterstuetzung der Auffanglager zu Ende. Wer bis dahin noch nicht umgezogen ist, wird finanziell nicht mehr weiter unterstuetzt - selten soviel Ignoranz gegenueber der eigenen Bevoelkerung erlebt. Das erinnert stark an die Aechtung der eigenen Landsleute nach Hiroshima.
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