Fukushima Eisbarriere ist undicht

Mit einem unterirdischen Eiswall will der AKW-Betreiber Tepco verhindern, dass in Fukushima weiter Grundwasser verseucht wird. Nun gibt die Firma zu: Das Wasser lässt sich nicht komplett zurückhalten.

DER SPIEGEL


Die Widrigkeiten der Natur durch Technik zu bezwingen - dass dieses Prinzip auch bei noch so beeindruckender Ingenieurskunst an seine Grenzen gelangen kann, das hat der Reaktorunfall von Fukushima im März 2011 eindrücklich bewiesen. Und auch bei der Bewältigung der Krisenfolgen zeigt sich jetzt: In der Praxis sind manche Dinge weit schwerer umzusetzen, als es theoretisch scheinen mag.

So verhält es sich zum Beispiel mit einem riesigen unterirdischen Eiswall. Der soll eigentlich den Grundwasserzufluss in die havarierte Anlage stoppen - und so dabei helfen, die Menge des anfallenden verstrahlten Wassers zumindest in Zukunft zu begrenzen: Rund 1500 Kühlstäbe hat die Baufirma Kajima Corp dafür im Boden rund um die Reaktoren 1 bis 4 versenkt. Das Ganze kostet umgerechnet rund 275 Millionen Euro.

Seit März wird das 30 Meter in die Tiefe reichende System Schritt für Schritt hochgefahren - nicht zu schnell, damit das Grundwasser nicht unkontrolliert absinkt. Der zuständige Ingenieur Yuichi Okamura von der Betreiberfirma Tepco hat nun in einem Interview mit der Nachrichtenagentur AP eingestanden, dass die Anlage den Wasserdurchfluss nicht komplett stoppen kann.

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Atomruine Fukushima: Kernschmelze und kontaminierte Wassermassen

Jeden Tag könnten trotzdem bis zu 50 Tonnen radioaktiv belastetes Wasser anfallen, erklärte Okamura. Lücken im Eiswall und Regenwasser seien schuld daran. Aktuell kommen rund 400 Tonnen Wasser pro Tag zusammen, bereits jetzt gibt es rund 1000 Tanks dafür auf dem Reaktorgelände - und ständig müssen weitere gebaut werden.

750.000 Tonnen Wasser lagern bereits in den Tanks. Zwar gelingt es inzwischen, viele radioaktive Nuklide wie Cäsium und Strontium herauszufiltern. Doch das Wasser enthält auch strahlendes Tritium - und dafür muss erst noch eine industriell nutzbare Filtertechnik entwickelt werden. Erst ohne Tritium könnte man das Wasser ins Meer ablassen.

An eine Bergung der geschmolzenen Reaktorkerne ist derzeit nicht zu denken. Bislang weiß man zu wenig über den konkreten Zustand im Innern der zerstörten Meiler. Zudem könnte kaum ein Mensch die gefährliche Arbeit übernehmen - wahrscheinlich müssten Roboter das hochgiftige, stark strahlende Material einsammeln. Ob dies in 30 oder 40 Jahren gelingt, wie Tepco erklärt hat, kann derzeit niemand sagen.

Bilanz nach fünf Jahren

chs/hda/AP

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msdelphin 28.04.2016
1. westen versus osten
Gerade ist der 30 Jahrestag von Tschernobyl. Es ist schwer zu sagen, welcher Supergau der Schlimmere ist. Tatsache ist: Die Verantwortlichen in Tschernobyl sind menschenverachtend vorgegangen und haben das Leben von über 600000 sogenannter Liquidatoren riskiert und dem Tode geweiht. Aber: Sie haben den Reaktor innerhalb eines Jahres soweit unter Kontrolle gebracht, dass der durch einen Sargophag umschlossen ist und einigermassen von Außenwelt abgeriegelt ist. Das gilt auch für unterhalb des Reaktors, wo eine Betonschicht eingezogen wurde, damit der Reaktor nicht ins Erdreich sprich Grundwasser absinkt. In Fukkushima ist in Prinzip gar nur wenig richtig gesichert. Die Reaktoren sind nach außen hin immer noch offen (zumindest Reaktor 3). Die Abwassertanks für das Radioaktive Kühlwasser werden immer zahlreicher. Was passiert beim nächsten größeren Erdbeben, dass nicht so unwahrscheinlich ist? Kommt dann die nächste Flutwelle diesmal aber aus den Tanks, die den Rest des Reaktors ins Meer spülen?? Fukkushima ist aus meiner Sicht der dauerhaft schwerwiegendere Supergau, der nach wie vor unberechenbar und weit außerhalb der Kontrolle liegt. Auch die Kosten explodieren: 275 Millionen Euro nur für die Kühlung, die dann das anfallende gebrauchte Kühlwasser um 80% reduzieren. Der neue Sargophag von Tschernobyl kostet ca. 1 Milliarde Euro. Dieser verschliesst dann aber Tschernobyl für geplante 100 Jahre und erlaubt den Rückbau des Reaktors. Und bei all diesen Wahnsinn höre ich immer noch die KKW-Betreiber: Kernenergie ist so konkurrenzlos billig! So billig, dass ihnen selbst der Rückbau und Lagerung der Radioaktiven Abfälle im Kontrollierbaren Zustand zu teuer sind. Nicht die Russen haben Menschenverachtend gehandelt, sondern alle Länder die Kernkraftwerke betreiben handeln extrem Menschenverachtend vor allem für die zukünftigen Generationen.
mensch0817 28.04.2016
2. na so was
Dieser sollte ein Pflichtartikel für all jene sein, die immer noch glauben, Kernenergie sei eine gute Erfindung. Das stimmt noch nicht mal, wenn alles seinen geplanten Gang geht - siehe Endlagerdiskussion - und erst recht nicht, wenn was schiefgeht. Und hier geht's um das Hochtechnologieland Japan, und nicht "nur" um Russland, wie manche vor 30 Jahren beim Tschernobyl-GAU mitunter meinte. Also: NACHDENKEN!!!
phantasierender... 28.04.2016
3. egal wo man den Müll produziert - letztendlich...
gelangt er immer in die Umwelt (auch in unsere umwelt) für das Wasser sagen sie stünden zwei Optionen zur Auswahl : entwe der man lässt es "kontrolliert" ins Meer oder man lässt es verdunsten. Ja auch wir werden die Fische irgendwann als Nahrung zu uns nehmen. Ist doch egal steigen halt für ein paar Generationen die krebsraten weltweit -- so what -- die pharmaindustrie findet schon ne Lösung - wir sollten uns jedoch zuerst mal an die eigene Nase fasen, den das AKW in Grundremmingen ist schon hundsalt und wird immer noch weiter betrieben ! Ja doch ich fürchte es muss erst was ernsthaftes in Europa passieren, damit man anfängt zu verstehen ...
Referendumm 28.04.2016
4. @msdelphin
Wohl auch vorgestern die lange TV-Nacht über Tschernobyl und Fukushima gesehen? War wirklich sehr interessant. Bewies aber auch mal wieder deutlich dass die Kernkraft schon sehr sicher ist, aber der Mensch dabei nicht nur das schwächste, sondern auch dümmste Glied ist. Obwohl ich zwei Jahre Kerntechnik studiert hatte - sehr, sehr interessant - halte ich die Kernkraft aus diesem Grund für die Welt für untragbar. Die meisten Menschen sind einfach zu doof und viele zu korrupt dazu. Erinnere mich noch sehr gut an das damalige, sehr peinliche TV-Interview mit Siemens-Managern, die für Alkem/Nukem zuständig waren. Peinlich, wie direkt hinter dem verantwortlichen Siemens-Manager ein PR-Mensch stand, der ihm die richtigen Antworten zuflüsterte. Und dort ließen die Verantwortlichen einfachen Reinigungskräften die Behälter OHNE Schutzanzüge putzen, wo vorher mit Plutonium gearbeitet wurde. Das Ganze ist an Groteskheit nicht mehr zu überbieten. Der arme Mann, der dann hochverstrahlt war, ging zu zig Ärzten, wo erst einmal sein hochverstahlter Hosengürtel entsorgt wurde - hatte vorher keinen interessiert. Später diskutierte man darüber, ob er überhaupt normal beerdigt werden kann und nicht als radioaktiver Sondermüll zu entsorgen ist. Und das, was in Japan passiert, ist eher mafiaähnlich anstatt das es dem normalen Gebahren eines seriösen Industriezweigs entspricht. Und wie so immer, machen vor allem manche Politiker besonders gerne bei den Schweinereien mit. U.a. deren Regierungschef , der Premierminister Shinzō Abe kungelt schön mit der dortigen Atom- pardon: Kernkraftmafia schön herum und lügt den Bürgern die Hucke voll.
ostap 28.04.2016
5. Die einzige Methode
Die einzige Methode, die Menschheit vor weiteren tödlichen und krankmachenden radioaktiven Massenverseuchungen zu bewahren, ist umgehend alle Schrottmeiler zu schließen, geordnet zurückzubauen - selbst wenn das wie jetzt in Deutschland nur mit weiteren staatlichen Mitteln zu Lasten der Steuerzahler geht - und jeglichen Neubau mit dieser lebensbedrohlichen Technik, in welcher Variante auch immer, grundsätzlich und ohne Ausnahme zu verbieten.
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