Atomruine Fukushima Japan soll Expertenhilfe aus dem Ausland akzeptieren

Die Lage im havarierten AKW Fukushima bleibt bedrohlich. Jetzt ist ein internationales Forscherteam eingetroffen - doch für die Zustände im Kraftwerk selbst ist es nicht zuständig. Experten fordern immer dringender, dass Japan endlich Hilfe von außen annimmt.

Wassertanks am AKW Fukushima-Daiichi: Kann Tepco die Katastrophe allein bewältigen?
AP / Kyodo News

Wassertanks am AKW Fukushima-Daiichi: Kann Tepco die Katastrophe allein bewältigen?

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Tokio - Experten der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) sind in Japan eingetroffen, um sich ein Bild von der Sanierung der Schäden rund um die Atomruine in Fukushima zu machen. "Wir wollen die bisher durchgeführte Dekontaminierung genau analysieren und Ratschläge zur Optimierung der Säuberungsarbeiten sowie zur Beseitigung des angefallenen Mülls geben", erläuterte Juan Carlos Lentijo, unter anderem für Atommüll zuständiger Direktor bei der IAEA, am Montag in Tokio vor japanischen Journalisten. Es ist das zweite Mal, dass ein Team aus 16 Spezialisten nach Japan reiste. Sie bleiben bis zum 21. Oktober. Die IAEA folgte damit einer Bitte der japanischen Regierung.

Allerdings wird sich das IAEA-Team nur um die radioaktive Belastung der Umgebung des Kraftwerks kümmern - und nicht darum, wie die Krise in dem AKW selbst in den Griff zu bekommen ist. Nach der haarsträubenden Pannenserie der vergangenen Monate erscheint es zunehmend zweifelhaft, ob die Betreibergesellschaft Tepco die Folgen der Reaktorkatastrophe allein bewältigen kann. Zugleich wächst im Ausland das Unverständnis darüber, warum Japan keine internationale Hilfe annimmt.

Zwar erklärte Ministerpräsident Shinzo Abe kürzlich bei einer Tagung in Kyoto vor zahlreichen anwesenden Forschern aus dem Ausland: "Wir brauchen Ihre Weisheit und Expertenwissen." Doch getan hat sich seitdem wenig Konkretes.

Die Probleme, mit denen die rund 3000 Arbeiter im AKW Fukushima-Daiichi täglich zu kämpfen haben, sind enorm. Da wären zum einen die gigantischen Mengen verseuchten Wassers, die durch die zerstörte Atomanlage schwappen und zum beträchtlichen Teil in den Pazifik sickern. Jeden Tag lässt Tepco Hunderte Tonnen Wasser in die beschädigten Reaktoren 1 bis 3 pumpen, um die geschmolzenen Brennstäbe zu kühlen. Wo die sich befinden, weiß bis heute jedoch niemand.

Immer neue Tanks für das kontaminierte Wasser

Zudem dringen weitere rund 400 Tonnen Grundwasser pro Tag in die Gebäude ein und vermischen sich dort mit dem verseuchten Kühlwasser. Daher pumpt Tepco ständig Wasser ab und lagert mittlerweile mehr als 300.000 Tonnen davon in rund tausend teils hastig zusammengenieteten Tanks. Diese reichen jedoch bald nicht mehr aus und fangen bereits an, zu lecken. Tepco will nun den Bau neuer Tanks beschleunigen und bis Ende März 2015 Platz für zusätzlich 800.000 Tonnen Wasser schaffen. Das basiert allerdings auf der Annahme, dass ein Filtersystem zur Beseitigung radioaktiver Substanzen normal funktioniert, obwohl es in letzter Zeit immer wieder ausgefallen ist.

Um den andauernden Zufluss von Grundwasser zu bremsen, plant die Regierung zudem, mit Hunderten Millionen an Steuergeldern einen gefrorenen Schutzwall im Erdreich um die Reaktoren zu errichten, wie er auch beim Tunnelbau zum Einsatz kommt. Zu diesem Zweck sollen Rohre mit chemischen Kühlmitteln um die Gebäude der Reaktoren 1 bis 4 im Erdreich verlegt werden. Der auf diese Weise entstehende Schutzwall aus gefrorenem Boden wird voraussichtlich eine Länge von 1,4 Kilometern haben. Kritiker sehen jedoch auch dieses gigantische Unterfangen lediglich als weiteres störanfälliges Provisorium an.

Gefahr aus dem Abklingbecken

Eine der größten Gefahren sehen Experten im Abklingbecken von Reaktor 4. Das Dach des in 30 Meter Höhe gelegenen Beckens wurde nach dem Tsunami vom März 2011 bei einer Wasserstoffexplosion weggesprengt. In dem Becken lagern mehr als 1500 abgebrannte Brennstäbe. Zwar wurde das schwer beschädigte Gebäude laut Regierung verstärkt. Doch es steht schief, droht abzusinken und könnte bei einem schweren Erdbeben einstürzen oder durch ein kollabierendes Nachbargebäude beschädigt werden.

Atomkraftgegner warnen derzeit wieder verstärkt davor, dass ein weiterer Unfall in dem Abklingbecken katastrophale Folgen haben könnte. Das Zigtausendfache an Radioaktivität der Atombombe von Hiroshima könne freigesetzt werden, heißt es, eine globale Katastrophe könne die Folge sein.

Doch Fachleute halten das für weit übertrieben. Zwar war in den Monaten nach dem Reaktorunglück von Fukushima die Befürchtung groß, dass das Abklingbecken eine weitere Katastrophe auslösen könnte. Der Grund: Brennstäbe haben auch viele Monate, nachdem sie aus dem Reaktor geholt werden, eine enorme Nachzerfallswärme. Wäre aus dem beschädigten Abklingbecken die Kühlflüssigkeit entwichen, so die damalige Befürchtung, hätten die Brennelemente schmelzen und unter Umständen sogar eine kritische Masse bilden können. Die Folge wäre womöglich eine unkontrollierte Kettenreaktion gewesen.

Walter Tromm vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT) hält diese Gefahr allerdings inzwischen für vorüber: "Im Normalfall sind Brennstäbe nach drei Jahren, manchmal auch früher so weit abgekühlt, dass sie aus dem Abklingbecken geholt und trocken gelagert werden können", sagt der Experte für Kernreaktorsicherheit zu SPIEGEL ONLINE. Dies dürfte inzwischen auf die meisten Brennelemente aus dem Abklingbecken zutreffen.

Merkwürdiger Vergleich mit Hiroshima-Bombe

Den Vergleich mit der Hiroshima-Atombombe kann sich Tromm nur damit erklären, dass Laien die reinen Massen an Spaltmaterial vergleichen. Die Hiroshima-Bombe enthielt 64 Kilogramm Uran, im Abklingbecken in Fukushima lagern über 1500 Brennelemente und damit mehrere Tonnen Spaltmaterial. "Das heißt aber nicht, dass diese Menge bei einem Unfall auch nur annähernd freigesetzt würde", betont Tromm.

Im schlimmsten Fall - etwa bei einem Erdbeben, bei dem Reaktorgebäude 4 zusammenbricht - würde zwar wahrscheinlich ein Teil der Brennelemente zerbrechen, wodurch es zu einer Freisetzung der leichtflüchtigen Spaltprodukte käme. "Das hätte vor Ort vermutlich auch durchaus gravierende Folgen", meint Tromm. "Die Aufräumarbeiten in Fukushima müssten wohl auf Monate eingestellt werden." Eine weltweite Gefahr sieht er allerdings nicht. "Es gäbe mit Sicherheit keine weitere Explosion." Deshalb sei kaum damit zu rechnen, dass das Material über ein großes Gebiet, geschweige denn global verteilt würde.

Joachim Knebel, Experte für Kernenergie und Sicherheit am KIT, fürchtet im Falle eines Erdbebens auch um die zahlreichen Tanks, die das kontaminierte Wasser aus den Reaktoren enthalten. "Da sie nur genietet sind, würden sie einem starken Erdbeben vermutlich nicht standhalten", so Knebel. Zudem sei es "keine Lösung", einfach immer mehr Behälter auf das Gelände zu stellen. "Insbesondere bei dem Wasserproblem sollten die Japaner internationale Hilfe in Anspruch nehmen", so Knebel. "Das wäre keine Schande."

Atomruine Fukushima: Die aktuelle Lage auf dem Gelände
Reuters
1) Um die nach wie vor sehr heißen Reaktorkerne zu kühlen, pumpt Tepco pro Tag etwa 400 Tonnen Wasser von oben in die Gebäude des havarierten AKW.

2) Die Gebäude sind durch Explosionen jedoch so schwer beschädigt, dass die gleiche Menge Wasser pro Tag aus dem Reaktorbereich in die unteren Stockwerke läuft. Zu allem Überfluss dringt von unten Grundwasser in die Reaktorgebäude ein und mischt sich mit dem kontaminierten Wasser von oben. Tepco pumpt alles wieder ab, um ein Auslaufen ins Meer oder zurück ins Grundwasser zu verhindern. Das abgepumpte Wasser - bis zu tausend Tonnen pro Tag - wird dann mit Ionenaustauschern gefiltert und entsalzen.

3) Ein Teil des gefilterten Wassers wird wieder zur Kühlung eingesetzt - aber trotzdem bleibt ein täglicher Überschuss von etwa 400 Tonnen. Dieses Wasser wird dann in schnell zusammengebaute Tanks gepumpt und gelagert (rot eingefärbt). Aus diesen Behältern ist in den vergangenen Wochen immer wieder kontaminiertes Wasser ausgetreten.
Die Wassertanks:
Etwa tausend solche Behälter gibt es bereits auf dem Reaktorgelände, in ihnen lagern rund 335.000 Tonnen Wasser. Die eilig aufgestellte Behälter haben teils bereits Lecks - so bilden sich auf dem Kraftwerksgelände stark strahlende Pfützen.

Zustand der Reaktoren
In den Reaktoren 1 bis 3 ist es zu einer Kernschmelze gekommen. Das Abklingbecken von Reaktor 4 ist mit Brennstäben gefüllt.

Ein Eispanzer als Schutz
Ein unterirdischer Eisring um die Reaktoren 1 bis 4 soll das Problem des kontaminierten Wassers lösen und das Areal endlich abdichten. Tepco plant eine sogenannte Bodenvereisung. Dabei werden Kühlrohre in den Boden unter den Reaktoren eingeführt und durch sie hindurch eine Kühlflüssigkeit geleitet. Die Kühlflüssigkeit, die in der Regel aus Salzwasser besteht und eine Temperatur von rund minus 35 Grad hat, kühlt den Boden in der Nähe des Rohres so weit herunter, bis das Grundwasser im Boden gefriert. Durch den so gebildeten Eisring kann Wasser innerhalb des Rings nun nicht mehr nach außen dringen, und auch von außen kann kein Grundwasser mehr einfließen.

Mit Material von dpa

insgesamt 77 Beiträge
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Seite 1
Augustusrex 14.10.2013
1. Genietete Tanks?
Das glaube ich nicht. Seit vielen jahren wird geschweißt und nicht genietet. Ich glaube nicht, dass man heute noch Leute finden würde, die so etwas könnten, zumal das ja auch überflüssig wäre.
Beat Adler 14.10.2013
2. Brennstaebe in den Reaktoren 1 bis 3
Zitat von sysopAP / Kyodo NewsDie Lage im havarierten AKW Fukushima bleibt bedrohlich. Jetzt ist ein internationales Forscherteam eingetroffen - doch für die Zustände im Kraftwerk selbst ist es nicht zuständig. Experten fordern immer dringender, dass Japan endlich Hilfe von außen annimmt. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/fukushima-japan-soll-endlich-internationale-hilfe-annehmen-a-927753.html
Fragen an mitlesende Fachleute Warum weiss niemand, wo diese Brennstaebe sind? Wie heiss sind sie? Wie lange muss noch gekuehlt werden, Monate, Jahre oder gar Jahrzehnte? Warum ist es unmoeglich oder technisch schwierig einen geschlossenen Kuehlkreislauf zu bilden und immer wieder das gleiche Wasser zu verwenden? Wenn radioaktives Strontium und Caesium abgeschieden wird, bevor das Wasser wiederverwendet wird, wie werden diese Substanzen verpackt und aufbewahrt? Welche Menge faellt da pro Tag an? Hat es in den geschmolzenen Reaktorkernen nicht auch noch Plutonium? Wenn ja, wird das auch vom Kuehlwasser mitgenommen? Wenn nein, warum nicht?
xxbigj 14.10.2013
3. optional
400 Tonnen verseuchtes Wasser am Tag! Altmaier wird auch gedrängt von der Energie Lobby Atomkraft wieder einzuführen. Nach seinen Bemühungen die Umwelt weiter verpesten zu drüfen in dem KFZ-Abgasgrenzen wieder erhöht werden sollen ist ja mal eines FAKT: ALTMAIER wird von Lobbyisten gesteuert. Autokonzerne und Energiekonzerne schicken jeden Tag einen Fresskorb in sein Büro! Na mal Scherz beiseite= So eine Partei will vielleicht mit den Grünen koalieren? Wer macht sich dabei den nicht lächerlich. Die Lügner der CDU oder die verwirrten von den Grünen?
reload2003 14.10.2013
4. Trotzdem...
Ich bin trotzdem weiterhin für Nuklearenergie.
Reiner_Habitus 14.10.2013
5.
Zitat von AugustusrexDas glaube ich nicht. Seit vielen jahren wird geschweißt und nicht genietet. Ich glaube nicht, dass man heute noch Leute finden würde, die so etwas könnten, zumal das ja auch überflüssig wäre.
Man sieht recht eindeutig, dass die Tanks nicht geschweißt sind. So muss man sie nicht vor Ort zusammenbraten, sondern kann sie Segmentweise in externen Werkstätten herstellen lassen und muss nur noch entmontieren.
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