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Chaos in Fukushima: Shinzo Abe bittet erstmals internationale Experten um Hilfe

Japans Premierminister Shinzo Abe: Offen für Hilfe aus dem Ausland Zur Großansicht
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Japans Premierminister Shinzo Abe: Offen für Hilfe aus dem Ausland

"Mein Land braucht Ihr Wissen und Ihre Expertise." Japans Premierminister Shinzo Abe hat erstmals andere Staaten um Hilfe bei der Bewältigung der chaotischen Zustände auf dem AKW Fukushima gebeten. Ob die Lage dort unter Kontrolle ist, ließ er offen.

Tokio - Schuldbekenntnisse versteht man in Japan als Gesichtsverlust, ähnlich sieht es mit der Bitte um fremde Hilfe aus. Eine Hightech-Nation, das sagt der japanische Stolz, hat die Dinge schließlich selbst im Griff. So dachte lange Zeit Tepco, der Betreiber des havarierten AKW in Fukushima - bis schließlich die japanische Regierung in das Geschehen um den Katastrophenreaktor eingriff. Und so dachte auch lange Zeit die japanische Regierung, die bisher auf Hilfe von außen weitgehend verzichtet hat.

Bisher. Denn schwere Probleme mit den hochradioaktiven Wassermassen - ständig neu auftretende Lecks sowie Hunderte Tonnen strahlendes Wasser, die in den Pazifik laufen - haben Japan in den vergangenen Wochen zunehmend unter Druck gesetzt. So sehr, dass Premierminister Shinzo Abe jetzt internationale Experten doch um Hilfe bittet.

"Mein Land braucht Ihr Wissen und Ihre Expertise", sagte Abe am Sonntag bei einer Rede auf einem internationalen Wissenschaftsforum in Kyoto. Japan sei bereit, das fortschrittlichste Wissen aus dem Ausland anzunehmen, um die Wasserlecks in Schach zu halten, sagte der Premierminister auf der Tagung zum Thema Umwelt und Energie.

Noch vor rund einem Monat hatte Abe gegenüber dem Olympischen Komitee (IOC) beteuert, dass das Leck-Problem auf dem verwüsteten AKW-Gelände unter Kontrolle sei. Doch viele vermuten, dass die Beteuerungen sowie die Ankündigung der Regierung eines millionenschweren Hilfsprogramms ein taktisches Manöver waren, um die Olympischen Spiele für 2020 nach Tokio zu holen. Jetzt, auf dem Wissenschaftsforum in Kyoto, sagte Abe zu den Wasserlecks nichts.

Scharfe Kritik an Tepcos Fähigkeiten

Vermutlich aus gutem Grund. Denn die Pannen auf dem AKW-Gelände in Fukushima reißen nicht ab: Erst am Freitag waren Probleme mit dem Filtersystem bekanntgeworden, zuvor hatte Tepco erneut ein Leck auf der Anlage gemeldet, aus dem hochradioaktives Wasser strömt. Die Lage ist derart unübersichtlich, dass auch die japanische Atomaufsichtsbehörde (Nisa) den Betreiberkonzern scharf kritisierte. Tepcos Fähigkeit, die Lage vor Ort zu handhaben, habe sich deutlich verschlechtert, sagte Katsuhiko Ikeda von der Nisa.

Die Einsicht, dass Tepco allein bei weitem nicht mehr zurechtkommt, hat im Hintergrund bereits zu ersten Handlungen geführt: Vor kurzem gründete die Regierung ein Komitee aus Nuklearexperten und Vertretern von Versorgungsunternehmen, um die Stilllegung des AKW Fukushima zu erörtern. Mit dabei sind auch Berater aus Frankreich, Großbritannien und Russland.

Zudem startete das Wirtschaftsministerium eine Ausschreibung: Private Firmen und Gruppen können Vorschläge einreichen, wie man das Problem mit den hochradioaktiven Wassermassen lösen könnte. Nachzulesen war die Ausschreibung zunächst nur auf Japanisch, später schließlich auch auf Englisch - aber erst nachdem Kritiker bemängelten, dass man fremde Hilfe dadurch ausschließe.

Atomruine Fukushima: Die aktuelle Lage auf dem Gelände
1) Um die nach wie vor sehr heißen Reaktorkerne zu kühlen, pumpt Tepco pro Tag etwa 400 Tonnen Wasser von oben in die Gebäude des havarierten AKW.

2) Die Gebäude sind durch Explosionen jedoch so schwer beschädigt, dass die gleiche Menge Wasser pro Tag aus dem Reaktorbereich in die unteren Stockwerke läuft. Zu allem Überfluss dringt von unten Grundwasser in die Reaktorgebäude ein und mischt sich mit dem kontaminierten Wasser von oben. Tepco pumpt alles wieder ab, um ein Auslaufen ins Meer oder zurück ins Grundwasser zu verhindern. Das abgepumpte Wasser - bis zu tausend Tonnen pro Tag - wird dann mit Ionenaustauschern gefiltert und entsalzen.

3) Ein Teil des gefilterten Wassers wird wieder zur Kühlung eingesetzt - aber trotzdem bleibt ein täglicher Überschuss von etwa 400 Tonnen. Dieses Wasser wird dann in schnell zusammengebaute Tanks gepumpt und gelagert (rot eingefärbt). Aus diesen Behältern ist in den vergangenen Wochen immer wieder kontaminiertes Wasser ausgetreten.
Die Wassertanks:
Etwa tausend solche Behälter gibt es bereits auf dem Reaktorgelände, in ihnen lagern rund 335.000 Tonnen Wasser. Die eilig aufgestellte Behälter haben teils bereits Lecks - so bilden sich auf dem Kraftwerksgelände stark strahlende Pfützen.

Zustand der Reaktoren
In den Reaktoren 1 bis 3 ist es zu einer Kernschmelze gekommen. Das Abklingbecken von Reaktor 4 ist mit Brennstäben gefüllt.

Ein Eispanzer als Schutz
Ein unterirdischer Eisring um die Reaktoren 1 bis 4 soll das Problem des kontaminierten Wassers lösen und das Areal endlich abdichten. Tepco plant eine sogenannte Bodenvereisung. Dabei werden Kühlrohre in den Boden unter den Reaktoren eingeführt und durch sie hindurch eine Kühlflüssigkeit geleitet. Die Kühlflüssigkeit, die in der Regel aus Salzwasser besteht und eine Temperatur von rund minus 35 Grad hat, kühlt den Boden in der Nähe des Rohres so weit herunter, bis das Grundwasser im Boden gefriert. Durch den so gebildeten Eisring kann Wasser innerhalb des Rings nun nicht mehr nach außen dringen, und auch von außen kann kein Grundwasser mehr einfließen.

cib/AFP

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1. Eispanzer
Medianet 06.10.2013
Clever oder ? Nur was ist, wenn das kontaminierte Wasser dann nicht mehr ablaufen kann? Entsteht dann ein See auf dem Gelände ? Eventuell sollte man einfach das gesamte Gelände weiträumig in einen Stausee mit dichtem Untergrund verwandeln...dann braucht man nur noch jedes Jahr die Mauer um 5 Meter zu erhöhen... 8 % für die Grünen..so schnell vergessen wir hier in Deutschland..armseelig
2. Das Spielzeug wegnehmen
raumbefeuchter 06.10.2013
Hilfe sollte gewährt werden, denn es ist ein globales Problem. Dennoch..das Kind sollte das Atomspielzeug niemals wieder in die Hände bekommen und auch versprechen es nie wieder nutzen zu wollen. Fakt ist, die meisten Länder der Welt wären mit dieser Situation auch überfordert. Abe scheint richtig unter Druck, wenn er öffentlich um Hilfe bietet.
3. Vereisung
Euronymus 06.10.2013
Hmm...also in drei Reaktoren ist es zur Kernschmelze gekommen, extrem heisse, außer Kontrolle geratene Brennstäbe wabern in den undichten, kaputten Gebäuderuinen...ist es da nicht ein wenig schwierig mit dem Vereisen des Bodens? Zumal das Konzept ja bislang ein rein theoretisches ist,es gibt die Idee dazu, realisiert worden ist das noch nie irgendwo auf der Welt. Schwierig. Da ist gar nichts "im Griff" oder "kontrolliert", und es lässt sich eben auch nicht "beherrschen".
4. Die Schuldigkeit der Wissenschaft
rigos 06.10.2013
Es ist bedauerlich, dass ein ganzes Volk die Überheblichkeit der Wissenschaft nun tragen muss. Der Westen war einfach nicht imstande aus den Fehlern von Tschernobyl zu lernen. Die Überheblichkeit fordert nun jetzt ihren Tribut. Es soll etwas ungeschehen gemacht werden, was nicht mehr rückgängig zu machen ist. Es war von Anfang an klar, dass das Kühlwasser niemals auf Dauer gelagert oder aufbereitet werden kann. Jeder Wissenschaftler und Ingenieur der etwas anderes behauptet ist ein Lügner. Es geht nicht darum Schuldige zu suchen, sondern es geht darum, dass die Wissenschaft endlich ihren Fehler in Bezug auf Atomenergie eingesteht. Atomenergie ist und war ein Verbrechen an der Menschheit und der Natur. Japan ist verstrahlter als man es sich öffentlich eingestehen will. Die offiziellen Werte sind falsch, um Panik in der Bevölkerung zu vermeiden und um die Weltbevölkerung zu beruhigen. Ich klage alle vor ihrem inneren Gericht an, welche Atomenergie für ungefährlich hielten oder noch halten und forderte sie auf, kritischer gegenüber jeder wissenschaftlichen Behauptungen zu sein. Das ist die Pflicht eines jeden Menschen.
5. Höchste Zeit...
promondo 06.10.2013
...dass Japan internationale Fachleute beauftragt. Dass Tepco über so lange Zeit die Leitung für Fukushima weiter allein überlassen wurde ist ein Drama - der japanische Stolz ebenso. Lieber verstrahlt, als das 'Gesicht zu verlieren'. Sorry, da hört mein Verständnis für das Gebahren anderer Kulturen auf. Ein Glück, dass Abe sich nun durchgerungen hat. Endlich!
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Von Sievert bis Becquerel: Kleines Lexikon der Strahlenmessung
Alpha-, Beta- und Gammastrahlen
Manche Atomkerne von chemischen Elementen sind instabil und zerfallen deshalb. Sie werden als radioaktiv bezeichnet. Die Zerfallsprozesse können unterschiedlicher Natur sein. Die Strahlung, die zerfallende Elemente aussenden, wird in drei Arten unterschieden: Während Alpha- und Betastrahlung aus Partikeln bestehen, handelt es sich bei Gammastrahlung um elektromagnetische Wellen, ähnlich der Röntgenstrahlung. Allerdings ist ihre Wellenlänge viel kleiner und die Strahlen sind somit extrem energiereich. Alphastrahlung besteht aus positiv geladenen Helium-Kernen, die aus zwei Protonen und zwei Neutronen aufgebaut sind. Betastrahlen bestehen aus Elektronen. Sie entstehen, wenn sich ein Neutron in ein Proton und ein Elektron umwandelt, das vom Atomkern abgestrahlt wird.
Becquerel: Einheit der Aktivität
Eine Substanz ist dann radioaktiv, wenn sie zerfällt und dabei Strahlung aussendet. Um anzugeben, wie stark eine radioaktive Substanz strahlt, benutzt man den Begriff der Aktivität (A). Sie wird in Becquerel (Bq) gemessen und gibt die Strahlung an, die eine Substanz innerhalb einer bestimmten Zeit durch Zerfall erzeugt. Per Definition entspricht ein Becquerel einem Zerfall pro Sekunde. Je schneller eine Probe zerfällt, desto intensiver strahlt sie also.
Gray: Einheit der Energiedosis
Weiß man, wie stark eine radioaktive Substanz strahlt, sagt das noch nichts darüber aus, wie sich die Strahlung auf den Körper auswirkt. Dafür ist es wichtig zu bestimmen, wie viel Energie von einer bestimmten Masseneinheit des Körpers absorbiert wird. Angegeben wird die absorbierte Energiedosis (D) in der Einheit Gray (Gy), wobei ein Gray der Energiemenge von einem Joule pro Kilogramm entspricht.
Sievert: Einheit der Äquivalentdosis
Um die biologische Wirksamkeit der radioaktiven Strahlung auf den Körper anzugeben, benutzt man anstelle der Energiedosis den Begriff der Äquivalentdosis (H). Sie berücksichtigt die Tatsache, dass verschiedene Arten von Strahlen ganz unterschiedliche Wirkungen auf den Körper haben. So ionisiert Alphastrahlung bei weitem mehr Moleküle als etwa Betastrahlen - und richtet deshalb eine größere Zerstörung im Körper an. Daher wird jede Strahlungsart mit Hilfe einer physikalischen Größe gewichtet, dem sogenannten Strahlenwichtungsfaktor. Gemessen wird die Äquivalentdosis in Sievert (Sv). Sie ergibt sich aus der Multiplikation der Energiedosis mit dem Strahlenwichtungsfaktor. 1 Sievert (Sv) sind 1000 Millisievert (mSv). 1 Millisievert sind 1000 Mikrosievert (µSv).
Sievert pro Zeit: Einheit der Strahlenbelastung
Um die Auswirkungen von radioaktiver Strahlung auf den Körper genauer einschätzen zu können, ist es wichtig zu wissen, wie lange eine bestimmte Dosis auf den Körper einwirkt. Daher wird die Strahlenbelastung meist in Sievert pro Zeiteinheit gemessen. Also etwa Millisievert pro Jahr oder Mikrosievert pro Stunde. Die durchschnittliche natürliche Strahlenbelastung liegt in Deutschland bei 2,1 Millisievert pro Jahr, also 0,24 Mikrosievert pro Stunde. Im Schnitt kommen zwei Millisievert pro Jahr durch künstliche Quellen von Radioaktivität hinzu. Den Löwenanteil dazu steuert die Medizin bei.
Von Becquerel zu Sievert: Der Dosiskonversionsfaktor
Die Strahlenbelastung von Böden oder in Lebensmitteln etwa wird in Becquerel pro Quadratmeter oder Becquerel pro Kilogramm angegeben. Doch was bedeutet dieser Wert für die Auswirkungen auf den Körper? Um eine Beziehung zwischen Aktivität und Äquivalentdosis herstellen zu können, gibt es den sogenannten Dosiskonversionsfaktor. Er hängt unter anderem von der Art der Strahlung und der radioaktiven Substanz ab, sowie von der Art, wie die Strahlung in den Körper gelangt (Inhalieren, Aufnahme durch die Nahrung). So entspricht die Aufnahme von 80.000 Becquerel Cäsium 137 mit der Nahrung einer Strahlenbelastung von etwa einem Millisievert. Der Verzehr von 200 Gramm Pilzen mit 4000 Becquerel Cäsium 137 pro Kilogramm hat beispielsweise eine Belastung von 0,01 Millisievert zur Folge. Das lässt sich mit der Belastung durch Höhenstrahlung bei einem Flug von Frankfurt nach Gran Canaria vergleichen.
EU-Grenzwerte für Nahrungsmittel
Nach der Tschernobyl-Katastrophe hatte die EU Grenzwerte für den Import von Lebensmitteln aus jenen Ländern geregelt, die durch das Atom-Unglück kontaminiert wurden. Zusätzlich hat die EU am 26. März 2011 weitere Grenzwerte für Importe aus Japan festgelegt - die Grenzen wurden jedoch als zu lasch kritisiert. Am 8. April reagierte die EU - und passte die Grenzen an japanische Normen an. Für Cäsium 134 und Cäsium 137 gilt künftig bei Lebensmitteln ein Grenzwert von 500 Becquerel pro Kilogramm. Bei Säuglings- und Kindernahrung senkte Brüssel den Grenzwert für Cäsium von 400 auf 200, für Jod von 150 auf 100 Becquerel.


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