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Tsunami-Gefahr: Fukushima-Konzern gibt gezielte Lüge zu

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Der Betreiber des Atomkraftwerks Fukushima hat die Gefahr durch Tsunamis bewusst verharmlost - um eine Schließung des AKW zu vermeiden. Das geht aus einem Dokument hervor, das der Konzern Tepco jetzt veröffentlicht hat. Es listet minutiös die Missstände auf, die zur Katastrophe führten.

Tepco: Die vermeidbare Katastrophe Fotos
AFP/ NHK

Hamburg - Dass die Betreiberfirma des Atomkraftwerks Fukushima geschlampt hat, ist bekannt. Doch was nun herauskommt, zeigt das ganze Ausmaß der Dreistigkeit: Der Konzern Tepco hat bewusst die Gefahr durch Tsunamis verharmlost - um eine Schließung des AKW zu vermeiden. Ein Dokument, das Tepco jetzt veröffentlicht hat, listet haarsträubende Missstände auf, die schließlich zur Katastrophe führten.

Lange hatte Tepco versucht, das wahre Ausmaß des Unfalls und seine Ursachen zu vertuschen. Vor diesem Hintergrund wirkt das Dokument, das die Betreiberfirma des AKW jetzt veröffentlicht hat, geradezu schonungslos ehrlich. In einer langen Liste werden die Versäumnisse aufgezählt, die es ermöglicht haben, dass ein Kernkraftwerk in einer Region, die für schwere Erdbeben und Tsunamis bekannt ist, von genau solchen Naturgewalten zerstört werden konnte.

In dem Papier findet sich unter anderem das Eingeständnis, dass Tepco die Gefahren durch einen Tsunami kannte - und bewusst verheimlicht hat: "Es wurde befürchtet, dass das Kraftwerk sofort abgeschaltet worden wäre, falls Tsunami-Risikostudien enthüllt worden wären."

Damit nicht genug: Tepco räumt in dem Report auch ein, gewusst zu haben, dass Maßnahmen gegen schwere Unfälle notwendig gewesen wären. Dies zuzugeben, hätte aber "gesetzgeberische Risiken" bedeutet. Nicht nur deshalb unterblieben neue Sicherungsmechanismen. Es habe außerdem die "latente Befürchtung" bestanden, dass man das AKW Fukushima-Daiichi dann vorübergehend hätte schließen müssen.

Den Tepco-Managern war es offenbar wichtiger, in der Öffentlichkeit keinen schlechten Eindruck zu hinterlassen, als das Kernkraftwerk ausreichend abzusichern. "Es bestand die Sorge, dass die Implementierung von Unfall-Schutzmaßnahmen Ängste in der Öffentlichkeit geschürt und die Anti-Atomkraftbewegung gestärkt hätte", heißt es in dem Report.

Der Bericht ("Grundlegende Richtlinien für die Reform der Tepco-Atomstrom-Organisation") listet noch eine Reihe weiterer Versäumnisse auf, die in ihrer Summe den Unfall vom März 2011 wohl erst möglich gemacht haben:

  • Eine "mehrdeutige Befehlskette und die unzureichende Vorab-Koordinierung mit der Aufsichtsbehörde und dem Büro des Premierministers" hätten den Kampf gegen die Havarie der Reaktoren erschwert.
  • Die Befehle aus dem Tepco-Hauptquartier und aus dem Büro des Premierministers hätten außerdem für Durcheinander gesorgt.
  • Man habe keine Informationen über den Status von wichtiger Ausrüstung austauschen und deshalb nicht schnell und angemessen reagieren können, zahlreiche unwichtige Informationen hätten die Entscheidungen zusätzlich verzögert.
  • Es habe ein Mangel an Ingenieuren geherrscht, die Experten für den Aufbau der Systeme und deren Betrieb waren.
  • Man sei nicht in der Lage gewesen, Notstrom-Batterien und Kompressoren schnell und problemlos miteinander zu verbinden.
  • Wichtiges Material sei gar nicht vorhanden oder nicht schnell genug nachgeliefert worden.
  • Es habe keine Richtlinien des Managements für den Fall gegeben, dass Notfälle an mehreren Reaktoren zugleich auftreten.

Völlig überraschend kommen die Eingeständnisse in dem Report freilich nicht. Im Juli war ein Untersuchungsausschuss bereits zu ähnlichen Schlüssen gekommen: Tepco habe die Gefahren durch Tsunamis bereits vor dem Unglück verschleiert, während des Unfalls ein schlechtes Krisenmanagement gezeigt und anschließend versucht, das wahre Ausmaß der Verfehlungen zu vertuschen.

Dass der Konzern all dies nun selbst zugibt, ist jedoch bemerkenswert: Zuvor hatte Tepco den beinahe 15 Meter hohen Tsunami, der nach einem Erdbeben der Stärke 9 über das Kraftwerk hereinbrach, wiederholt als "unvorhersehbar" bezeichnet.

Dabei stehen im Norden Japans seit langem vielerorts Steine, die vor Tsunamis warnen. Es sind Jahrhunderte alte Gravuren der Vorfahren, die offenbar ähnliche Katastrophen erlebt hatten.

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Mit Material von AFP

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1. .
frubi 12.10.2012
Zitat von sysopDPA/ DigitalGlobeDer Betreiber des Atomkraftwerks Fukushima hat die Gefahr durch Tsunamis bewusst verharmlost - um eine Schließung des AKW zu vermeiden. Das geht aus einem Dokument hervor, das der Konzern Tepco jetzt veröffentlicht hat. Es listet minutiös die Missstände auf, die zur Katastrophe führten. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/fukushima-tepco-hat-tsunami-gefahr-bewusst-verharmlost-a-860986.html
Als ob man immer erst die Bestätigung braucht um eine Lüge zu entlarven. Zudem sollte es jeden aufgeklärten Bürger überraschen, wenn ein Großkonzern in einer Krisensituation nicht lügt.
2. Was würden unsere Ökostrombefreiten Unternehmen noch in strahlenverseuchten Zonen produzieren/verkaufen können?
cheechago 12.10.2012
deswegen profitieren AUCH Unternehmen von der Energiewende. Allerdings zahlen muss der Bürger. nach dem Motto: Ihr habt die Energiewende weg vom Atom gewollt, also zahlt auch dafür! ca. 45% des steigenden Strompreises entfallen auf die Befreiungen.
3. Bauernopfer
tinyentropy.com 12.10.2012
Zitat von sysopDPA/ DigitalGlobeDer Betreiber des Atomkraftwerks Fukushima hat die Gefahr durch Tsunamis bewusst verharmlost - um eine Schließung des AKW zu vermeiden. Das geht aus einem Dokument hervor, das der Konzern Tepco jetzt veröffentlicht hat. Es listet minutiös die Missstände auf, die zur Katastrophe führten. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/fukushima-tepco-hat-tsunami-gefahr-bewusst-verharmlost-a-860986.html
Ich kenne mich leider nicht aus in der Japanischen Politik und kann nicht sagen, wie viele Köpfe dort bereits gerollt sind. Aber ein so ehrlicher Bericht macht misstrauisch. Es wirkt auf mich, als wenn 'von noch weiter oben' beschlossen worden wäre, die Schuld eindeutig bei den Tepco-Verantwortlichen dingfest zu machen; mit dem Ziel weiteren Schaden von den Politikern fernzuhalten. Macht das Sinn!? Ich bin jedenfalls ehrlich überrascht, dass sie das alles so zugeben.
4. Vor diesem Hintergrund...
gable 12.10.2012
...wer kann uns versprechen, dass unsere AKWs sicher sind?
5. Da es viel billiger ist ein paar Mitmäuler für PR einzukaufen
peter78 12.10.2012
und einige Politiker zu bestechen, als in die Sicherheit zu investieren, hätte auf diesem Planeten kein einziges Atomkraftwerk gebaut werden dürfen.
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