Von Markus Becker
Hamburg - Dass die Betreiberfirma des Atomkraftwerks Fukushima geschlampt hat, ist bekannt. Doch was nun herauskommt, zeigt das ganze Ausmaß der Dreistigkeit: Der Konzern Tepco hat bewusst die Gefahr durch Tsunamis verharmlost - um eine Schließung des AKW zu vermeiden. Ein Dokument, das Tepco jetzt veröffentlicht hat, listet haarsträubende Missstände auf, die schließlich zur Katastrophe führten.
Lange hatte Tepco versucht, das wahre Ausmaß des Unfalls und seine Ursachen zu vertuschen. Vor diesem Hintergrund wirkt das Dokument, das die Betreiberfirma des AKW jetzt veröffentlicht hat, geradezu schonungslos ehrlich. In einer langen Liste werden die Versäumnisse aufgezählt, die es ermöglicht haben, dass ein Kernkraftwerk in einer Region, die für schwere Erdbeben und Tsunamis bekannt ist, von genau solchen Naturgewalten zerstört werden konnte.
In dem Papier findet sich unter anderem das Eingeständnis, dass Tepco die Gefahren durch einen Tsunami kannte - und bewusst verheimlicht hat: "Es wurde befürchtet, dass das Kraftwerk sofort abgeschaltet worden wäre, falls Tsunami-Risikostudien enthüllt worden wären."
Damit nicht genug: Tepco räumt in dem Report auch ein, gewusst zu haben, dass Maßnahmen gegen schwere Unfälle notwendig gewesen wären. Dies zuzugeben, hätte aber "gesetzgeberische Risiken" bedeutet. Nicht nur deshalb unterblieben neue Sicherungsmechanismen. Es habe außerdem die "latente Befürchtung" bestanden, dass man das AKW Fukushima-Daiichi dann vorübergehend hätte schließen müssen.
Den Tepco-Managern war es offenbar wichtiger, in der Öffentlichkeit keinen schlechten Eindruck zu hinterlassen, als das Kernkraftwerk ausreichend abzusichern. "Es bestand die Sorge, dass die Implementierung von Unfall-Schutzmaßnahmen Ängste in der Öffentlichkeit geschürt und die Anti-Atomkraftbewegung gestärkt hätte", heißt es in dem Report.
Der Bericht ("Grundlegende Richtlinien für die Reform der Tepco-Atomstrom-Organisation") listet noch eine Reihe weiterer Versäumnisse auf, die in ihrer Summe den Unfall vom März 2011 wohl erst möglich gemacht haben:
Völlig überraschend kommen die Eingeständnisse in dem Report freilich nicht. Im Juli war ein Untersuchungsausschuss bereits zu ähnlichen Schlüssen gekommen: Tepco habe die Gefahren durch Tsunamis bereits vor dem Unglück verschleiert, während des Unfalls ein schlechtes Krisenmanagement gezeigt und anschließend versucht, das wahre Ausmaß der Verfehlungen zu vertuschen.
Dass der Konzern all dies nun selbst zugibt, ist jedoch bemerkenswert: Zuvor hatte Tepco den beinahe 15 Meter hohen Tsunami, der nach einem Erdbeben der Stärke 9 über das Kraftwerk hereinbrach, wiederholt als "unvorhersehbar" bezeichnet.
Dabei stehen im Norden Japans seit langem vielerorts Steine, die vor Tsunamis warnen. Es sind Jahrhunderte alte Gravuren der Vorfahren, die offenbar ähnliche Katastrophen erlebt hatten.
Im Ausnahmezustand: Erdbeben, Tsunami, Fukushima - ein Jahr nach der Dreifach-Katastrophe berichtet SPIEGEL ONLINE in einer Serie aus der Unglücksregion.
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Mit Material von AFP
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