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07. Juni 2012, 17:28 Uhr

Fans in Polens Fußballstadien

Kontrolliert, gefilmt, überwacht

Aus Warschau berichtet Rafael Buschmann

Kontrolliert beim Eintritt ins Stadion, beim Bratwurstkauf, beim Torjubel: In Polen werden Fans bei der Fußball-EM überwacht wie Kriminelle, Hunderte Kameras filmen jeden Schritt. Sogar außerhalb der Arenen geht die Beobachtung weiter.

Der Kontrollraum des Warschauer Nationalstadions erinnert an die berühmte Mission Control der US-Weltraubehörde Nasa in Houston: Etliche Monitore zeigen Überwachungsbilder und Messkurven, mit Joysticks und Tastaturen werden Kameras gesteuert, die jeden Fleck der 58.500 Zuschauer fassenden Warschauer Arena und ihres direkten Umfelds erfassen.

Der Kontrollraum ist das Herz der polnischen Stadionsicherheit. In jedem der vier Spielorte in dem Land gibt es einen solchen Raum: In Breslau, Posen, Danzig und Warschau, wo das Eröffnungsspiel der Fußball-Europameisterschaft stattfinden wird. Die Bilder sind die erste Verteidigungslinie der Sicherheitsexperten - und die Zahl der Kameras ist enorm. 360 wurden in Breslau installiert, in Posen sind es 200, in Warschau 370 und in Danzig sogar 418. Zum Vergleich: In der Allianz-Arena in München gibt es gerade einmal 92 Kameras, an der Anfield Road in Liverpool nur 52.

Seit 2011 gilt in Polen ein Gesetz, das den Einsatz des sogenannten CCTV (Closed Circuit System Television) bei öffentlichen Veranstaltungen vorschreibt. Die Überwachungssystematik basiert auf Kameras, die innerhalb eines geschlossenen Netzwerks operieren und ihre Bilder direkt in die Kontrollräume übertragen. Hier sitzen Sicherheitstechniker und bedienen zumeist mehrere Kameras gleichzeitig. Die Faustregel lautet, dass eine Person die Bilder von acht bis zwölf fest installierten Kameras zugleich erfassen kann - oder die von vier steuerbaren. Ihre Auflösung ist nach Angaben der Verantwortlichen so hoch, dass sie auf 220 Meter Entfernung Nasenhaare in einem Gesicht erkennbar machen können.

Anonymität endet am Stadione ingang

"Technisch ist dies das derzeit beste Überwachungssystem weltweit", sagt Stefan Dziewulski, Sicherheitsexperte beim polnischen Organisationskomitee PL2012. Der durchtrainierte 62-Jährige sitzt in seinem schnörkellosen Büro im Erdgeschoss des Centrum Olympijskie, einer Art Basisstation polnischer Sicherheit.

Das CCTV hat es ihm am meisten angetan. Der ehemalige Polizist, der sich seit 30 Jahren mit der Sicherheit bei Großveranstaltungen befasst, zeigt detailliert auf, wie das Überwachungssystem die Einlasskontrollen in den Stadien reguliert. Ab Freitag, wenn die polnische Nationalmannschaft im Eröffnungsspiel auf Griechenland trifft, werden Millionen Zuschauer in die polnischen Spielstätten strömen - und jeder ihrer Schritte wird aufgezeichnet.

Die Anonymität endet nicht etwa beim Verdacht auf eine Straftat, sondern schon am Einlasstor. "Wir nehmen das Gesicht des Fans auf, speichern es ab und ordnen dadurch die Eintrittskarte einer reellen Person zu", sagt Dziewulski. Die Kameras könnten ab diesem Zeitpunkt mit Hilfe einer speziellen Gesichtserkennung zu jeder Zeit die betreffende Person identifizieren - egal, ob sie eine Bratwurst kauft oder ein bengalisches Feuer abfackelt.

Auch in Deutschland gab es in den vergangenen Jahren immer wieder Diskussionen, Gesichtsscanner oder sogar biometrische Überwachungsanlagen einzusetzen. 2006 forderte der damalige Innenminister Otto Schily (SPD), während der Fußball-WM die Gesichter von Passanten in Innenstädten biometrisch zu erfassen und mit Hooligan-Datenbanken abzugleichen. Zuletzt schlug der Vorsitzende der Innenministerkonferenz im Februar dieses Jahres vor, Gesichtsscanner in Fußballstadien zu installieren. Umgesetzt wurden solche Pläne bisher nie.

Allein in Warschau 4000 Kameras an öffentlichen Orten

Polen hingegen scheint mit dem Verlust der Privatsphäre lockerer umzugehen. Denn das CCTV ist in allen polnischen Spielorten nicht nur auf das Stadion beschränkt, sondern wird über die gesamte Stadt verteilt eingesetzt. Allein in Warschau gibt es 4000 Kameras an öffentlichen Orten wie Bahnhöfen, Kreuzungen, Türeingängen, S-Bahnen und Bussen.

Seit 1999 gibt es in Polen zahlreiche Einigungen zwischen Städten und der Polizei, die es ermöglichen, dass das öffentliche Leben per Kamera überwacht werden kann. Die Systeme in Stadien und in der Stadt sind dabei in ihrer Handhabung und Nutzung identisch. Von einem Abgleich der aufgezeichneten Daten sehen die Städte aber trotz der technischen Möglichkeiten ab - behauptet zumindest ein führender Sicherheitsmitarbeiter des polnischen EM-Organisationsteams.

Aber auch so scheint das CCTV äußerst erfolgreich zu sein: Nach Angaben der Warschauer Polizei sind seitdem etwa 40 Prozent aller Straftaten, die per Video aufgezeichnet wurden, aufgeklärt worden. Zudem sei die Kriminalitätsrate erheblich gesunken.

Doch zu welchem Preis? Ist jeder, der sich in Polen bewegt nun ein gläserner Mensch? "Nein", sagt Dziewulski. "Wir haben Grenzen. Wir schauen niemals in Häuser, sondern nur auf öffentliche Plätze. Und wir löschen alle Aufnahmen nach 60 Tagen." Ausgenommen seien Bilder, die Straftaten zeigten. "Die können wir uneingeschränkt behalten und stellen sie den Gerichten zur Verfügung."

Eigens für die EM hat der polnische Staat auch in personeller Hinsicht noch einmal nachgerüstet. Aus Sicherheitskreisen ist zu hören, dass etwa 50 Prozent mehr Personal für die Kontrollräume eingestellt werden soll.

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