Stromerzeugender Fußballplatz Das Kicker-Kraftwerk von Rio

Jeder Schuss bringt ein paar Milliwatt: Mit speziellen Bodenplatten wird in Rio de Janeiro das Flutlicht für einen Fußballplatz erzeugt. Eine zukunftsweisende Technik?

DPA

Es ist ein bemerkenswerter Fußballplatz, den die Bewohner von Morro da Mineira neuerdings bespielen dürfen. Der grell beleuchtete Kunstrasen liegt umgeben von übereinander gebauten Häuschen mitten in der Armensiedlung von Rio de Janeiro. Sechs Flutlichtmasten sorgen dafür, dass die Kinder des Viertels nahe dem Sambódromo auch nach Einbruch der Dunkelheit in ihren Flip-Flops spielen können - sogar eine Steintribüne gibt es.

Besonders ist der Platz deshalb, weil der Strom für die Beleuchtung durch das Kicken selbst erzeugt wird - jeder Schuss bringt ein paar Milliwatt. Unter dem Grün sind 200 Kinetik-Platten verbaut worden, die laut dem britischen Hersteller Pavegen jeweils bis zu sieben Watt Strom erzeugen können, wenn die Spieler darüber laufen. Die Platten werden aus recyceltem Kunststoff hergestellt. Werden sie durch einen Schritt eines Fußballers einige Millimeter eingedrückt, entsteht durch einen piezoelektrischen Effekt Strom - die genaue Technik will Pavegen nicht verraten.

Die so produzierte Energie wird in einem Speicher am Rande des Fußballplatzes gesammelt. "Wenn wir nicht spielen, geht das Licht irgendwann aus", sagt Platzwart Jackson Peçanha.

Backup auf dem Tribünendach

In der Stadt, wo im August die Olympischen Spiele eröffnet werden und wo für viel Geld neue Stadien gebaut worden sind, ist das eine simple Lösung eines Energieproblems, wie es gerade in den Armenvierteln verbreitet ist, wo fehlende Energie oder Stromausfälle zur Tagesordnung gehören.

Die gespeicherte Energie reiche meist für zwei Stunden. Die Kinder machen Purzelbäume, selbst das erzeugt Strom. Immer abends - von 20 Uhr an - wird der Platz bevölkert und die Fußballer vergessen irgendwann, dass sie hier ein laufendes Kraftwerk sind. Als Backup sind noch Solarpanels auf dem Tribünendach. Immer sonntags gibt es ein Turnier.

Nenel Silva (38) ist Präsident der Mannschaft "Tirol" - benannt nach einem Viertel in der Nähe. Er koordiniert den Spielbetrieb, vor allem die Turniere. Abends trommelt er oft spontan seine Leute zum Kicken zusammen. "Wir waren die Ersten, jetzt gibt es so einen Platz auch in Nigeria", sagt Silva. "Das ist revolutionär. Unser Platz ist nun sehr bekannt, alle wollen hier spielen."

Keine Angaben über die Kosten

Zur Eröffnung 2014 kam Brasiliens Fußballlegende Pelé - nach Angaben der Kicker funktioniert die Technik ohne Probleme. Ein Öl-Multi finanzierte die Energie-von-morgen-Idee. Über die Kosten schweigt man sich aus - massenkompatibel scheint die Lauf-Energie bisher noch nicht zu sein - sonst gäbe es wohl mehr dieser Projekte.

Nachfrage bei Pavegen, dessen Gründer Laurence Kemball-Cook mit der Platten-Idee die Energieversorgung revolutionieren will. "Sobald die Technologie einem Preis von Standardplatten entspricht, können wir einen wesentlichen Beitrag zur Energieerzeugung liefern", sagt Sprecherin Sanaa Siddiqui in London. "Das Potenzial für die kinetische Energie im städtischen Umfeld, wo es jede Woche Millionen von Schritten gibt, ist riesig."

Rund hundert Projekte hat man realisiert, neben dem weiteren Fußballplatz in Lagos auch am Flughafen London Heathrow, wo das Licht in einem Terminalteil durch Schritte der Passagiere erzeugt wird. Wenn die Technologie sich durchsetzt, würde sie auch enorme Datenmengen liefern können; wo sich wann wie viele Menschen bewegen. Datenschützer dürften das allerdings kritisch sehen.

Die Verbindung von Sport und Stromerzeugung im Boden wie in Rio könnte eine Zukunftsoption sein: In den Niederlanden gibt es auf einem Radweg in Krommenie einen 70 Meter langen Abschnitt mit Solarzellen unter Glasplatten. Er produziert genug Energie, um drei Haushalte mit Strom zu versorgen.

Von Georg Ismar, dpa/joe



insgesamt 34 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
LarsLondon 25.05.2016
1. Also bringt doch eher
jeder Schritt als jeder Schuss ein paar Milliwatt...
Markus Landgraf 25.05.2016
2. Interessenlage
"Ein Öl-Multi finanzierte die Energie-von-Morgen-Idee". Klar machen die das. Die fördern alles, was sicher stellt, dass wir niemals realistische Alternativen zu fossilen Brennstoffen entwickeln. Also fördern sie auch die Anti-Atom Bewegung und Energiewende in Deutschland.
Holledauer 25.05.2016
3. Selbst wenn alle 22 Spieler und die Schiedsrichter..
... ununterbrochen hüpfen, wird nicht ausreichend Strom für die Flutlichtanlage bei Nacht erzeugt. Tagsüber reicht diese Energie gerade aus, die Steuerungselektronik zu betreiben. Kurz zusammengefasst: Blödsinn!!!
wiealle 25.05.2016
4. Nun ja...
Der Energieerhaltungssatz gilt immer: Wenn Sportler die Energie erzeugen sollen, kostet es zusätzliche Kraft. Punkt. Das ist doch keine ernstzunehmende Lösung. Eine Flutlichtanlage für einen Fußballplatz, die diesen Namen verdient hat unter der Annahme, dass LED-Technik eingesetzt wird, eine Anschlussleistung von 100.000 Watt. Wenn klassische HQI-Lampen verbaut sind, schnell auch das 10 oder 20fache. Egal, für unsere Rechnung nehmen wir mal 100.000 Watt an. Die müssen erzeugt werden mit einem Wirkungsgrad von ungefähr 50%. Dann gehen bei der Speicherung nochmal 20 bis 30% verloren. Das bedeutet 250.000 Watt müssen die Sportler liefern. Wenn man als Dauerleistung eines Sportlers 500 Watt annimmt, dann müssten 500 Sportler die Anlage gleichzeitig aufladen. Die müssten dann für 2 Stunden Flutlicht 2 Stunden die Akkus vollmachen. Und das wären richtig dicke Akkus. Mein Vorschlag: Den Zaun um das Spielfeld mit Dünnschichtsolarzellen verkleiden, die laden das Ding über Tag auf, fertig. Und die Kosten werden sicher deutlich geringer werden. Andere Möglichkeit: Am Rand des Sportplatzes oder in der Etage darunter ein Fitnessstudio einrichten und die Pumper statt Eisen lieber den Induktionswiderstand bearbeiten lassen. Das würde sicher Energie in der gewünschten Größenordnung liefern. Fazit: Die erste Idee ist nicht immer die beste...
bushmills 25.05.2016
5. 20 dauernd rumrennende Spieler
- also ex Torhüter - mal 7 Watt -> 140 Watt. Also rund 15 stärkere LEDs. Umfang des Feldes: plusminus 350 Meter - also alle knapp 25 Meter eine LED. Mit scheint, ein bis zwei Solarpanele samt 2 bis 3 Autobatterien zum Puffern (zusammen etwa 2-3 kWh) wäre eine wesentlich kostengünstigere, weniger materialintensive, und vergleichbar energieerneuerbarliche Lösung. Bzw im Land des Öko-Alkohols gänge bestimmt auch eine Brennstoffzelle - allerdings wartungsintensiver, da Ethanol nachzubetanken. Fazit: Vom Betrieb gesponsort, zwecks Verbesserung der Bekanntheit, und vielleicht eher was für Japan, um in Gebäude zwecks Energiegewinnung aus Erdbeben einzubauen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.