Italienische Geigen F-Löcher sorgen für vollen Klang

Violinenbauer haben ihre Instrumente im Laufe der Jahrhunderte Schritt für Schritt perfektioniert. Ein Vergleich historischer Geigen zeigt, wie stark selbst minimale Veränderungen den Klang beeinflussen.

Stradivari im Museum (Archivbild): Das Geheimnis ihres Klangs ergründen
AFP

Stradivari im Museum (Archivbild): Das Geheimnis ihres Klangs ergründen


Boston - Der Klang einer Violine hängt sehr stark von der Länge und Form der F-Löcher sowie von der Dicke der Rückwand ab. Das berichten Forscher um Nicholas Makris vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge. Die Studie zeigt, dass sich die Klangeigenschaften der Instrumente während der Ära der legendären italienischen Geigenbauer vom 16. bis zum 18. Jahrhundert stetig verbesserten. Die Forscher erklären diese Entwicklung in erster Linie mit dem Zufall.

Die Wissenschaftler untersuchten sowohl Baupläne als auch Violinen der italienischen Geigenbauer-Familien Amati, Stradivari und Guarneri mit verschiedenen Verfahren. Zudem verglichen sie die Instrumente mit etlichen Vorläufern, darunter mittelalterliche Fideln, Rebecs oder Lauten. Die Forscher achteten sowohl auf die Klangfülle als auch auf die Luftströme durch die verschieden geformten Schalllöcher.

Ergebnis: Der Luftstrom ist am Rand der Öffnung am stärksten und fällt zur Mitte hin deutlich ab. Die Klangfülle der Violinen hängt demnach vor allem von den beiden F-Löchern ab: Je länglicher diese sind, desto voller der Klang. Dieser wird zudem durch eine dicke Rückwand verstärkt, schreiben die Forscher im Fachblatt "Proceedings of the Royal Society A".

Zufällige Klangverbesserung

Diese Erkenntnisse spiegeln sich in der historischen Entwicklung der italienischen Geigenbauer-Familien in Cremona von 1560 bis etwa 1750 wider: Die zuerst von Amati, dann von Stradivari und später von Guarneri hergestellten Instrumente bekamen mit der Zeit immer längere F-Löcher und dickere Böden. Die Länge der Löcher stieg im Laufe der beiden Jahrhunderte um etwa 30 Prozent.

Die Analyse von 470 Violinen aus der Ära deutet jedoch darauf hin, dass diese Entwicklung nicht unbedingt beabsichtigt war. Stattdessen versuchten die damaligen Hersteller, ihre besonders gut klingenden Instrumente nachzubauen.

"Wenn man ein Klangloch einem früheren genau nachbauen will, hat man immer eine kleine Fehlerspanne", so Makris. "Man schneidet mit einem Messer durch dünnes Holz und schafft das nicht perfekt, und der von uns ermittelte Fehler liegt bei etwa zwei Prozent. Das liegt im Bereich unbeabsichtigter Zufallsschwankungen."

Die neuen Erkenntnisse könnten nun dazu dienen, noch klangvollere Instrumente zu entwickeln, glaubt Makris. "Geheimnisse sind gut, und im Geigenbau gibt es Magie", sagt er. "Aber für uns hier ist es gut, wissenschaftlich so viel zu verstehen wie möglich."

hda/dpa

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insgesamt 10 Beiträge
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sanchopansa 12.02.2015
1. Einspruch, Euer Ehren!
Klangvollere Instrumente - was soll das sein? Es gibt nur eine Entwicklung hin zu lauteren Musikinstrumenten. Im Ergebnis könnte das eine Hilfe für die Industrie sein aber nicht für den handwerklichen Geigenbau. Aus den alten Instrumenten, mit Darmsaiten gespielt, ließ sich ein viel interessanterer, obertonreicherer Klang rausholen als aus den Streichinstrumenten neuerer Zeit. Aus diesem Grund stimmt auch oft die Orchestrierung bei einer Besetzung mit heutigen Instrumenten nicht mehr.
_thilo_ 12.02.2015
2. Evolution bei der Arbeit ...
Der Artikel beschreibt das geradezu perfekt: Es gibt eher zufällige Variationen beim Bau der Geigen und dann werden diejenigen nachgebaut, die am besten klingen. Mutation und Selektion ... Also Geigen-Evolution! Höchstwahrscheinlich könnte man sogar Stammbäume für verschiedenen Geigenarten aufzeigen.
chewbakka 12.02.2015
3. Ganz schön arrogant
Finde es schon ziemlich arrogant von diesen 'Forschern', zu behaupten, daß diese berühmten Geigenbauer 'Zufallstrefer' gelandet haben sollen. Die wussten ganz genau, was sie da taten - schliesslich haben die genannten ja eine ganze Menge Geigen gebaut - und die waren alle gut. Und daß eine Amati anders als eine Guanieri oder Stradivari klingt, ist auch klar: jeder hatte seine 'Handschrift'. Produktionsgeheimnisse und wohl gehütetes Know How ist keine Errungenschaft der Neuzeit - das konnten die damals auch schon. Es ist schon eine tolle Leistung gewesen, diese Instrumente mit den Möglichkeiten, die damals zur Verfügung standen, gebaut zu haben.
willibaldus 12.02.2015
4. Klingt schon plausibel, dass
kein Instrument wie das andere klingt und man die am Besten klingenden reproduzieren wollte. Ist so ungefähr wie Evolution. Allerdings haben Blindproben in den letzten Jahren gezeigt, dass die alten Meister überschätzt werden. sie haben sich nicht gegen modernere Instrumente durchsetzen können. Gute Musik liegt wohl doch mehr am Künstler als am Instrument oder berühmten Namen wie Guarneri.
strixaluco 12.02.2015
5. Ach nee...
Der Klang hängt also wesentlich von den F-Löchern ab... als ob sich nicht schon vorher mal jemand gefragt hätte, wozu die gut sind, und das ausprobiert hätte... Nur zur Zierde sind sie jedenfalls nicht da. Statistik ist im übrigen sher sinnvoll (wenn man auch sehr aufpassen muss, wie man sie anwendet und interpretiert), aber es gibt auch Leute, die ihre _Erfahrungen_ ohne Statistik so reflektieren, dass sie dabei nicht auf Einzelfallbeobachtungen hereinfallen und dem Ergebnis guter Statistik damit sehr nahe kommen. Ein geübter Handwerker sollte das können. Probieren hat im Übrigen nicht vor allem etwas mit wildem Zufall zu tun, sondern mit dem _gezielten_ Einsatz von Variation aus Erfahrung. Auch wenn nicht jeder Versuch perfekt trifft, die Streubreite (2 Prozent sind verdammt gut) muss man dabei durchaus unter Kontrolle haben. Allzu viele grobe Fehlversuche kann man sich mit teurem Holz auch nicht wirklich leisten.
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