Akustik Moderne Geigen klingen besser als alte Stradivaris

Gut ist, was Tradition hat? Von wegen. Star-Violinisten haben in einem Blindtest moderne Instrumente mit legendären Meistergeigen aus dem 17. und 18. Jahrhundert verglichen. Das Ergebnis war eindeutig.

AP/dpa

Es ist ein bisschen wie bei gutem Wein: Alt und teuer schmeckt am besten - oft aber nur, wenn man das Etikett kennt. Im Blindtest verändert sich die Wahrnehmung. Gleiches gilt offenbar für Geigen: Italienische Violinen aus dem 17. und 18. Jahrhundert gelten als legendär - zu Unrecht, wie eine französische Studie im Fachmagazin"Proceedings of the National Academy of Sciences" zeigt. Demnach stufen professionelle Geiger neue Instrumente mit verbunden Augen höher ein als alte Stradivari-Violinen, sowohl im Klang als auch in der Bespielbarkeit.

Ein Team um Claudia Fritz von den Sorbonne Universités in Paris stellte zehn preisgekrönte Violinisten vor die Wahl: Sie sollten sich entscheiden, welche von zwölf Geigen sie auf einer Tournee spielen würden. Dazu testeten sie zwölf Violinen, von denen die sechs alten Instrumente aus Italien stammten, fünf davon von Antonio Giacomo Stradivari. Jeder Geiger hatte an zwei Tagen jeweils 75 Minuten Zeit zum Testen - einmal in einem Proberaum, einmal in einem Konzertsaal. Um die Instrumente nicht zu erkennen, trugen die Geiger veränderte Schweißerbrillen.

Auf die Frage, welches der Instrumente sie auf Tour mitnehmen würden, wählten sechs der zehn Künstler eine der modernen Geigen. Auch das im Mittel beliebteste Instrument war neueren Datums. Neuere Instrumente schnitten sowohl in Bespielbarkeit als auch Artikulation und Ausbreitung des Klangs besser ab und waren in der Klangfarbe mindestens ebenbürtig. Zudem konnten die Geiger nicht einschätzen, ob ein Instrument alt oder neu war, ihre Trefferquote entsprach etwa der Zufallsrate.

Alt ist besser - das gilt so nicht mehr

Schon zuvor hatten Studien Zweifel an dem Mythos geweckt, dass alte Violinen aus Italien unnachahmlich klingen und modernen Instrumenten überlegen sind. Bisher wurde dies jedoch nur in kleineren Studien geprüft, in denen wenige Instrumente zur Wahl standen und die Geiger kaum Zeit zum Testen hatten, so die Forscher.

Fazit der Forscher nach dem ausführlichen Experiment: Es sei zwar unklar, ob die Entscheidungen der getesteten Violinisten repräsentativ für andere Geiger seien. "Aber angesichts der Klasse und Erfahrung unserer Solisten haben die andauernden Behauptungen zur einzigartigen Qualität alter italienischer Violinen einen sehr starken Bedarf an empirischer Unterstützung."

jme/dpa



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insgesamt 62 Beiträge
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Seite 1
schmusel 08.04.2014
1. Naja
So lange Klangpräferenz nicht quantifiziert werden kann, ist doch wohl alles nur Frage des Geschmacks - gerade wenn nur 10 "preisgekrönte Violinisten" befragt werden. Ob das Ganze dann von der spielenden Zunft und Sammlern ernst genommen wird, sollte sich schon bald in den aufgerufenen Preisen wiederspiegeln.
hshsh 08.04.2014
2. Äpfel und Birnen
… mangelnde kritische Hinterfragung der Studie durch den Autor und mangelndes Geschichtswissen der Forscher und-was mich traurig macht- der Violinisten: Die Stradivari war nie auf Spielbarkeit oder Lautstärke ausgelegt, sondern auf Klangfarbe und -fülle. Das zu Quantifizieren ist natürlich schwierig. Unsre modernen Geigen sind auf Massenpublikum ausgelegt und im Ohr des Geigers gegenwärtiger, somit scheinbar besser. Stradivari legte seine Geigen auf kleines Publikum aus, nur für Fürsten usw. Also eigentlich zwei Grundverschiedene Dinge, Äpfel mit Birnen. Musikhistorisch setzen 6, allein daran hätte man den Ausgang der Studie vorhersagen können
till2010 08.04.2014
3.
Also wenn man es mit dem heutigen Stand der Technik nicht fertigbringt Instrumente besser klingen zu lassen, dann hätten wie uns definitiv zurückentwickelt.
MiniDragon 08.04.2014
4. Nur 10
Zitat von schmuselSo lange Klangpräferenz nicht quantifiziert werden kann, ist doch wohl alles nur Frage des Geschmacks - gerade wenn nur 10 "preisgekrönte Violinisten" befragt werden. Ob das Ganze dann von der spielenden Zunft und Sammlern ernst genommen wird, sollte sich schon bald in den aufgerufenen Preisen wiederspiegeln.
viel zu geringe Anzahl, um diesem Test Allgemeingültiges zu folgern. Auf Journalisten sollten sich mal etwas mit den Grundlagen der Statistik beschäftigen, obwohl sie mit Mathe zumeist nichts am Hut haben. :-)
fluxus08 08.04.2014
5. Sie scheinen also nicht viel auf die Expertise von Profis zu geben,
Zitat von hshsh… mangelnde kritische Hinterfragung der Studie durch den Autor und mangelndes Geschichtswissen der Forscher und-was mich traurig macht- der Violinisten: Die Stradivari war nie auf Spielbarkeit oder Lautstärke ausgelegt, sondern auf Klangfarbe und -fülle. Das zu Quantifizieren ist natürlich schwierig. Unsre modernen Geigen sind auf Massenpublikum ausgelegt und im Ohr des Geigers gegenwärtiger, somit scheinbar besser. Stradivari legte seine Geigen auf kleines Publikum aus, nur für Fürsten usw. Also eigentlich zwei Grundverschiedene Dinge, Äpfel mit Birnen. Musikhistorisch setzen 6, allein daran hätte man den Ausgang der Studie vorhersagen können
die eben genau auch diesen von Ihnen angeführten Klang mehrheitlich bei modernen Geigen eher wieder gefunden haben. Sie scheinen ja schon oft eine Stradivari gespielt zu haben, um zu dieser Erkenntnis zu gelangen?
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