Gentechnik-Urteil "Im Einklang mit der Natur" ist eine Täuschung

Der EuGH hat eine von Forschern als harmlos eingestufte Gentechnik-Methode streng reguliert. Das Urteil wird die Menschheit nicht retten - im Gegenteil.

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Eine Kolumne von


"Nicht wir haben den Weizen domestiziert, der Weizen hat uns domestiziert."
Yuval Noah Harari, "Eine kurze Geschichte der Menschheit" (2013)

Hach ja, früher. Damals, als Mensch und Säbelzahntiger noch Hand in Pfote über naturbelassene Blumenwiesen sprangen. Als man sich gelegentlich ein Mammut am Spieß briet, von dem die Sippe dann wochenlang satt wurde. Als der Mensch sich wirklich nur von der Natur nahm, was er brauchte: regionales Obst und Gemüse, jahreszeitlich angemessen natürlich.

Als definitiv niemand auf die Idee gekommen wäre, Tiere einzusperren oder gar an den Gensequenzen irgendwelcher Pflanzen herumzufummeln, um sie menschlichen Bedürfnissen oder Umweltbedingungen anzupassen.

Dieses Damals gab es nie

Oder später: Als gesunde Familien mit rotbackigen Kindern fröhlich singend die Felder bestellten. Als man das namentlich bekannte Schwein noch wehmütig um Verzeihung bat, bevor man es zum Wohle der Dorfgemeinschaft schlachtete.

Das Blöde ist: Dieses Damals hat es nie gegeben.

"Im Gleichgewicht mit der Natur" zu leben, bedeutete noch vor ein paar Hundert Jahren in Wahrheit, dass ein Viertel bis ein Drittel der eigenen Kinder nie das Erwachsenenalter erreichte. Dass man bei einem zu langen Winter halt verhungerte, ein offener Bruch ein Todesurteil sein konnte. Kein heute in einem Industrieland lebender Mensch würde freiwillig als Bauer - nicht mal als Adeliger! - im 18. oder gar 13. Jahrhundert leben wollen. Und was Bauern damals anpflanzten, waren keine "natürlichen" Pflanzensorten, sondern Ergebnisse jahrtausendelanger Züchtung. So wie ihre Hunde, Hühner, Schafe und Rinder.

Sechs Meter lange Faultiere

Für die Zeit vor der landwirtschaftlichen Revolution, die der eingangs zitierte Historiker Yuval Noah Harari mit einer eigentümlichen Verklärung betrachtet, gilt Ähnliches: Das Leben war aus heutiger Sicht unmenschlich hart, gerade in unseren Breiten. Und vom "Einklang mit der Natur" konnte keine Rede sein.

Wussten Sie, dass es in Nord- und Südamerika, bis der tierliebende Homo sapiens dort auftauchte, bis zu sechs Tonnen schwere und sechs Meter lange Riesenfaultiere gab? In Australien Beuteltiere in der Größe von Nashörnern und bis zu drei Meter hohe Riesenkängurus, sieben Meter lange Warane und mächtige Beutellöwen? Diese und noch viele Tierarten verschwanden stets kurz nachdem der tückische Homo sapiens es auf ihren Kontinent geschafft hatte. Sie fielen mit großer Wahrscheinlichkeit seinem Appetit auf Riesenwombatspeck und Riesenspiegeleier zum Opfer.

Unsere Vorfahren haben vermutlich das letzte Mal "im Einklang mit der Natur" gelebt, als man noch Fell trug. Das kann man bedauerlich finden, ungeschehen machen lässt es sich nicht. Ebensowenig wie die Tatsache, dass wir darauf angewiesen sind, die Menschheit mithilfe von Landwirtschaft und Technologie zu ernähren. Das gilt jetzt, da die Menschheit dank Landwirtschaft und Technologie auf sieben Milliarden angewachsen ist. Und es wird erst recht gelten, wenn wir im Jahr 2050 geschätzte zehn Milliarden sein werden.

Schimpfwort "anthropozentrisch"

Es gibt Leute, die haben sich für diesen Blickwinkel ein Schimpfwort ausgedacht, es heißt "anthropozentrisch". Wer das Schicksal der Menschheit über das Schicksal der übrigen Natur stellt, finden Fans dieses Begriffs, ist irgendwie ein schlechter Mensch. Ich persönlich bekenne mich zu meinem Anthropozentrismus.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Artenschutz ist wichtig, und ich wäre der Erste, der sich freuen würde, wenn es noch Riesenwombats und Beutellöwen gäbe. Wir müssen dringend damit aufhören, die Lebensräume weiterer Tierarten zu zerstören, die Ozeane leer zu fischen und mit Plastik zu vermüllen. Aus Liebe zur Natur, aber vor allem aus Liebe zu uns selbst, denn eine monokulturelle Welt mit gigantischen landwirtschaftlichen Flächen, auf der es außer uns nur noch Kühe, Schweine, Hühner und Zuchtlachse gibt, erscheint mir alles andere als lebenswert.

Trotzdem müssen wir eine Lösung für die Aufgabe finden, zehn Milliarden Menschen vor dem Verhungern zu bewahren. Übrigens: Die beste Methode, das Bevölkerungswachstum einzudämmen, ist die Bekämpfung von Kindersterblichkeit. Klingt paradox, stimmt aber. Siehe Europa.

Zauberer und Propheten

Im Augenblick wird die Debatte über die Zukunft der Ernährung scheinbar zwischen zwei Polen ausgetragen: den bösen Agrarkonzernen mit ihrem genveränderten Saatgut und ihren Giften - und den Guten auf der anderen Seite. Den Fundis bei den Grünen beispielsweise, Greenpeace und anderen Organisationen, die sich vehement dagegen aussprechen, am Erbgut von Nutzpflanzen herumzuschrauben. Obwohl die Menschheit das, wie gesagt, schon seit Jahrtausenden tut. Diejenigen, die zwischen den Extremen liegen, finden kaum Gehör.

Es konkurrieren - scheinbar! - zwei extreme Visionen, von denen die eine technokratisch, kalt und furchteinflößend wirkt, die andere heimelige Idyllen verspricht. Der Journalist Charles C. Mann hat die Vertreter dieser beiden Positionen in seinem sperrigen, aber extrem lesenswerten Buch "The Wizard and the Prophet" Zauberer und Propheten genannt: Zauberer glauben, die Probleme der Menschheit mit Wissenschaft und Technologie lösen zu können. Propheten wollen die Menschheit zur Umkehr bringen, zur Reduktion, zum Rückzug.

Triviale Problemchen wie Krieg und Wassermangel

Die Vision der Propheten klingt attraktiver: lauter kleine Biobauernhöfe, die uns alle mit biologisch-dynamischen, total "natürlichen" Nahrungsmitteln versorgen, alles dezentral, mit einer Weltbevölkerung, die ihren Vitamin-A-Bedarf mit kleinen Obstgärtchen deckt statt mit bösem, gentechnisch erzeugtem "Goldenen Reis". Triviale Problemchen wie Wassermangel, inkompetente Regierungen, Kriege, Verteilungsgerechtigkeit und Verschwendung werden auf dem Weg dorthin schon irgendwie gelöst. Inder und Chinesen ernähren sich künftig freiwillig vegan, denn sonst geht diese Rechnung nicht auf.

Leider ist es zwar theoretisch denkbar, aber höchst unwahrscheinlich, dass das klappt. Nicht zuletzt angesichts der Tatsache, dass der menschengemachte Klimawandel unsere Ernährungsprobleme verschärfen wird. Pflanzen, die mit weniger Wasser auskommen, mehr Hitze aushalten, weniger anfällig für Schädlinge sind, höhere Erträge erbringen, könnten helfen. Und nebenbei dazu beitragen, dass wir nicht weiter Lebensräume für Tiere und Pflanzen zugunsten von Äckern oder mit Gift zerstören.

Züchtung = Frankenstein

Der Europäische Gerichtshof hat diese Woche über eine bestimmte Form genetischer Modifikation entschieden. Er hat sie auf eine Stufe gestellt mit Frankenstein-Züchtungen aus Mais und Bakterium, zweifellos unter dem Eindruck der intensiven Lobbyarbeit all jener, die das Idyll als Vision predigen.

Diese künftig ebenso stark regulierte Modifikation erzeugt Pflanzen, die von durch natürliche Mutation oder Züchtung entstandenen nicht zu unterscheiden sind. Sie ist nur schneller, präziser. Ihre Resultate halten etliche unabhängige, große Wissenschaftsorganisationen für völlig unbedenklich. Aber es geht in Wirklichkeit eben nicht um Wissenschaftlichkeit, es geht um diese schon immer fiktive Vision von der Welt: der Mensch im Einklang mit der Natur. Da ist Differenzierung unerwünscht.

In der Medizin sind Produkte gentechnisch modifizierter Organismen längst akzeptiert und zugelassen, massenhaft: Hepatitis-B-Impfstoff, synthetisches Insulin und Spezialmedizin für Herzinfarktpatienten etwa werden mit ihrer Hilfe hergestellt. Fragen Sie mal einen Diabetiker, ob er das schlimm findet. Wenn es ums Eingemachte geht, sind Menschen sehr flexibel, auch was den "Einklang mit der Natur" angeht. Es geht in Wahrheit eben nicht um alles oder nichts, sondern um Lösungen für konkrete Probleme.

Einem asiatischen Landbewohner, der dreimal täglich Kohlehydratbrei isst und wegen Beta-Karotin-Mangel gerade erblindet, zu erklären, er hätte seinen Vitaminbedarf eben mit einem Obstgärtchen decken sollen, weil Genreis böse ist, ist zynisch und arrogant.

Die Menschheit wird sich früher oder später entscheiden müssen, ob sie allein auf die Propheten hören will - oder sich, ganz anthropozentrisch, doch lieber mit Augenmaß und etwas Zauberei selbst helfen möchte.

Video: BBC-Doku Playing God - Ziegen mit Erbgut von Spinnen

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insgesamt 152 Beiträge
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Seite 1
kuac 29.07.2018
1.
Wir haben kein Problem der Unterproduktion, sondern eher Überproduktion. Fast die Hälfte der produzierten Agrarprodukte landen auf den Müll. Und jetzt kommt Gentechnik um noch mehr zu produzieren? Wozu? Können wir nicht das Hungerproblem der Welt anders lösen, als noch mehr Landschaft und Wasser zu beanspruchen?
Gwylim 29.07.2018
2. Dazwischen
In dem Artikel wird zwar von den Positionen "dazwischen" geredet, bzw. es wird erwähnt, tatsächlich aber vertritt der Autor aber anscheinend doch auch nur ein Extrem. Das Extrem der "Zauberer". Schade, denn die Position "dazwischen" wäre wahrscheinlich die Interessantere. Die Argumente pro crispr werden in diversen Artikeln ausgebreitet. Es wird als "ganz harmlos" beschrieben. Wie kann man so verblendet sein und die letzten 500 Jahre der Wissenschaftsgeschichte einfach ignorieren? Wieso werden die kritischen Stimmen mit lächerlichen Argumenten bekämpft? Wie kann man als gebildeter Journalist einfach: "weiter so!" rufen? Vor einigen Monaten gab es andere Artikel, in denen das große Potential des crispr Werkzeugs ein wenig kritischer beschrieben wurde, vielleicht sollte der Autor diese Artikel auch mal lesen. Außerdem sollte er auch nicht behaupten, dass es bei dem Urteil um ein "Verbot" ging "goldenen Reis" zu entwickeln. Es ging um eine Kennzeichnungspflicht. Warum wird dies in allen pro-crispr Artikeln nicht klar erwähnt, sondern der Eindruck erweckt, das die Forschung bzw. Produktion daran verboten wurde? Könnte man dies als "tendenziös", "ideologisch" bezeichnen?
mirkoklaus 29.07.2018
3. Der Ansatz geht leider nicht weit genug
... und wird letzten Endes durch die unwägbare Komponente ‚Mensch‘ zunichte gemacht. Es geht nicht darum ob man mit Bio Anbau im Einklang mit der Natur anbaut oder dafür sorgt dass mit genveränderten Weizen und Massentierhaltung nur jeder ernährt werden kann. Wir müssen über die generelle Frage des menschlichen Lebens auf dieser Erde denken. Wie geht man mit dem Bevölkerungswachstum um? Wie kann der Bedarf - gerade auch an Energie - so gedeckt werden dass dieser Ressourcenschonend ist? Alles sind mittlerweile weltweite Fragen. Doch so lange wir in Landesgrenzen und Kleinstaaterei verfallen und immer mehr den Eigennutz über den gesellschaftlichen Nutzen denken verharren wir in Kommentaren wie diesen.
ChemicalBeatTrip 29.07.2018
4. Ist aber schon....
...sehr einseitig der Artikel. Vernünftig wäre es anzufangen, Nahrungsmittel für die Menschen und nicht in erster Linie des Profits wegen zu machen....dazu individuell vor Ort schauen, anstatt alles über einen Kamm zu scheren. Beide Richtungen haben Ihren Sinn....die Eine gegen die Andere auszuspielen passt nur wieder in die Vorrohung der Diskussionskultur, in der die grundsätzliche Trennung wichtiger genommen wird, als das eigentlich Ziel.
fat_bob_ger 29.07.2018
5. Wenn man nicht versteht, worum es geht,
sollte man einfach schweigen, so wie ich. Als Nichtwissenschaftler kann ich nicht beurteilen, wo die Grenze zwischen böser Gentechnik und effizienter gewordener Zuchttechnik liegt. Der EUGH hat eine bestimmte Zuchttechnik der Gentechnik gleichgestellt, was von vielen Forschern kritisiert wird. Bei diesen Züchtungen geht es nicht immer um "Mehrertrag". Ich kann das Geschwätz von "Hilfe zur Selbsthilfe" nicht mehr hören, wenn der gleiche Personenkreis dann den Betroffenen erklärt: "Es wird zu viel Nahrung produziert, das leider bei Euch nicht ankommt und wir sind deshalb dagegen, Nahrungspflanzen zu züchten, die mit weniger Wasser auskommen."
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