Absage ans Geo-Engineering: Regierung lehnt Klima-Operationen ab

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Soll das Klima mit Notoperationen gekühlt werden? Können CO2-Speicher, Schwefelwolken, künstliche Algenblüten die Energiewende begleiten? Nein, meint die Bundesregierung: Sie erteilt dem Geo-Engineering eine erstaunlich deutliche Absage. Die Folgen könnten beträchtlich sein.

Schiffs-Abgaswolken vor der US-Küste: Sollen künstliche Partikel die Erwärmung bremsen? Zur Großansicht
NASA

Schiffs-Abgaswolken vor der US-Küste: Sollen künstliche Partikel die Erwärmung bremsen?

Hamburg - Eigentlich rechneten alle bereits mit den neuen Weltrettungstechnologien - Forscher, Kraftwerksbetreiber, Politiker und Umweltschützer. Sogenanntes Geo-Engineering galt als mögliches Mittel zum Klimaschutz. Die Verklappung des Treibhausgases CO2 im Boden mit der sogenannten CCS-Technologie wurde zunächst gar von Umweltverbänden für die Klimakühlung eingeplant.

Auch künstliche Algenblüten zur CO2-Bindung oder Schwefelwolken als Sonnenschirm wurden erkundet. Sobald jedoch tatsächlich Experimente starten sollten wie in Schleswig-Holstein oder Brandenburg mit CCS, wurden die Proteste der Anwohner so laut, dass Politiker die Vorhaben stoppten. Prinzipiell aber liebäugelte die Bundesregierung weiterhin mit Notoperationen am Klima.

Nun jedoch distanziert sich die Regierung vom Geo-Engineering - und das überraschend deutlich. "Die Bundesregierung setzt in ihrer nationalen Klimapolitik vollständig auf die Minderung von Treibhausgasemissionen, sowie auf Anpassungsmaßnahmen. Ansätze des Geo-Engineerings verfolgt sie nicht", heißt es in einer Antwort der Regierung auf eine Kleine Anfrage der SPD-Fraktion, die SPIEGEL ONLINE vorliegt.

"Möglicher Missbrauch"

Das Schreiben, das in den kommenden Tagen veröffentlicht werden soll, bilanziert den Stand der Klimakühlungstechnologien in Deutschland. Die Kenntnisse sind demnach dürftig: Es gebe "erhebliche Forschungsdefizite" und damit ein "Missbrauchspotential", heißt es.

Die wissenschaftlichen Kenntnisse reichten nicht aus, um zu einer Bewertung der Risiken zu kommen, resümiert die Regierung. Sie werde sich deshalb dafür einsetzen, dass Maßnahmen des Geo-Engineerings ohne ausreichenden Wissenszuwachs nicht eingesetzt würden.

Die Regierung scheint im Dilemma: Ohne eine Forschungsoffensive lässt sich das Risiko der neuen Technologien nicht einschätzen - doch die Erkundung von Geo-Engineering könnte in der Bevölkerung die Befürchtung auslösen, dass es doch irgendwann zur Anwendung kommen könnte; Proteste scheinen programmiert.

Deutschland im Abseits?

Die Antwort der Bundesregierung zeige, dass zu wenig Forschung in Deutschland zum Thema Geo-Engineering betrieben werde, meint der stellvertretende Sprecher für Forschungspolitik der SPD, René Röspel. "Dünne Antworten mit wenig Substanz" wirft der SPD-Politiker der Bundesregierung vor. "Es ist überraschend und bedauerlich, dass in dem Gebiet so wenig passiert."

Während andere Staaten wie die USA oder Norwegen die Forschung von Geo-Engineering mit Hunderten Millionen Dollar unterstützten, drohe Deutschland ins Abseits zu geraten, fürchtet Röspel. "Deutschland darf nicht ahnungslos sein, wenn anderswo neue Technologien eingesetzt werden", sagt der SPD-Experte.

Zwar hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung im Rahmen des Programms "Geotechnologien" seit 2005 in die Erforschung von CCS und ähnlicher Technologien investiert. Und auch bei Experimenten mit künstlicher Algenblüte ist Deutschland bislang Weltspitze.

Doch die Forscher bekamen die Vorbehalte der Bevölkerung gegenüber Geo-Engineering vielfach zu spüren; manch geplante Projekte wurden nach Protesten auf Eis gelegt. Wissenschaftler fürchten nun, dass Experten und erarbeitetes Wissen ins Ausland abwandern.

"Andere Länder werden es versuchen"

Röspel fordert mehr Forschungsprojekte, um das Risiko der einzelnen Methoden einschätzen zu können. "Auch wenn Geo-Engineering hierzulande keine Option ist - andere Länder werden es versuchen", meint der SPD-Politiker. Um eine politische Position Deutschlands zu erhalten, seien fundierte Bewertungen der einzelnen Technologien wichtig.

Dafür sei es aber noch zu früh, räumt die Regierung ein: Man habe "noch keine Rolle für Geo-Engineering im Hinblick auf die Begrenzung der globalen Erwärmung definiert", heißt es in ihrem Schreiben. Die Folgen großtechnischer Eingriffe in die Umwelt ließen sich noch nicht ermessen. Eine "solide Wissensbasis" sei notwendig.

Gleichwohl scheint es keine verstärkten Anstrengungen zu geben, den Kenntnisstand nachhaltig zu bessern. Zwar schreibt die Regierung, sie halte "grundsätzlich weitere Forschung und auch Forschungsförderung zum Geo-Engineering für notwendig". Doch größere Vorhaben gibt es dem Schreiben zufolge kaum.

Was passiert an den Unis?

Weder würde im Rahmen der Projektförderung Geo-Engineering unterstützt, noch habe man systematische Kenntnisse über Projekte an deutschen Universitäten, schreibt die Regierung. Auch eine Kooperation mit anderen Staaten sei nicht geplant. Und im neuen EU-Forschungsprogramm "Horizon 2020" tauchten die Begriffe "Geo-Engineering" und "Climate Engineering" ebenfalls nicht auf.

Erkundungen, die über Grundlagenforschung hinausgehen würden, erteilt die Regierung eine prinzipielle Absage: Großräumige Erprobungen von Geo-Engineering-Verfahren seien voreilig. Kleine Anlagen hingegen wie jene im brandenburgischen Ketzin, wo geringe Mengen CO2 im Boden experimentell verklappt werden, fallen unter Grundlagenforschung - sie werden geduldet.

Doch die kleine Testanlage von Ketzing soll offenbar ein Sonderfall bleiben. Die Regierung will in Sachen Klimaschutz nun weiter auf die Reduzierung des CO2-Ausstoßes setzen - obwohl alle Versuche der Weltgemeinschaft zur CO2-Beschränkung bislang gescheitert sind. Neue Ideen zur Klimarettung aber, so scheint es nun, werden es weiterhin schwer haben, zumindest in Deutschland.

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insgesamt 86 Beiträge
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1. Überraschung
M.O.A. 17.07.2012
Zitat von sysopNASASoll das Klima mit Notoperationen gekühlt werden? Können CO2-Speicher, Schwefelwolken, künstliche Algenblüten die Energiewende begleiten? Nein, meint die Bundesregierung: Sie erteilt dem Geo-Engineering eine erstaunlich deutliche Absage. Die Folgen könnten beträchtlich sein. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,844633,00.html
Deutschland würde gerne was neues ausprobieren und die Bevölkerung ist strikt dagegen? Ganz was Neues....
2. Sachlich bleiben
Arno Nühm 17.07.2012
Geo-Engineering betreibt die Menschheit ja schon unabsichtlich, seit sie die ersten Wälder abgeholzt hat. Neu wäre bloß, derartige Techniken gezielt einzusetzen. Risiken gibt es, wie bei allem anderen auch. Diese sollten erforscht und abgewogen werden.
3. Deutschland einig Öko-Land
Booker_T 17.07.2012
Wie immer bei diesen Themen meinen die Deutschen, dass sie es besser wissen als alle anderen auf der Welt. Oder meinen Sie, sie können es sich leisten, weil sie wo viel weniger Schulden haben als andere? Was für ein Irrtum. Wir sind gegen so vieles, was nicht an den Grenzen halt macht - Kernkraft, Gentechnik, CO2, nun also auch gegen Maßnahmen zur Begrenzung des Temperaturanstiegs. Hauptsache es geht gegen Technik.
4. Chemtrails
drachenkind 17.07.2012
Und warum hat die deutsche Bundesregierung dann schon vor langer Zeit zugegeben, dass sie aktiv am weltweiten Chemtrail-Programm teilnimmt und die Scheisse auch über unseren Köpfen versprüht? Wenn die Chemtrails nicht zur Wetterbeeinflussung sind, wie immer behauptet, wofür sind sie denn dann? Die Antwort darauf will ich, glaube ich, gar nicht wissen.
5. Künstliche Algenblüten
dunnhaupt 17.07.2012
Das Klima lässt sich vermutlich nicht mehr durch künstliche Algenblüten retten, aber so eine Schwefelwolke wäre sicher brauchbar, um wenigstens das fehlgeschlagene Euroexperiment endgültig auszuräuchern.
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Geo-Engineering
Pro und Contra
Wenn der Klimawandel dramatische Ausnahmen anzunehmen droht, bleibt als letzte Option wohl nur Geo-Engineering, sagen viele Forscher. Entweder man verringert die Sonneneinstrahlung auf der Erde, etwa durch Wolken oder Aerosole. Oder man filtert massenhaft CO2 aus der Atmosphäre und lässt es unter der Erde oder im Meer verschwinden. Doch so gut das auch klingt, Geo-Engineering ist umstritten.

Die einen warnen vor den Risiken und Nebenwirkungen menschlicher Eingriffe, die nur wenig erforscht sind. Die anderen fürchten, Geo-Engineering könnte die Menschheit dazu verleiten, andere Maßnahmen zum Klimaschutz gleich ganz bleiben zu lassen. Möglicherweise lässt sich mit den Eingriffen aber Zeit gewinnen. Geo-Engineering könnte für 10 oder 20 Jahre helfen, den Klimawandel zu bremsen. Um die eigentliche Aufgabe, den CO2-Ausstoß drastisch zu reduzieren, wird die Menschheit jedoch nicht herumkommen.
Mit Aeorosolen das Sonnenlicht dimmen
USGS / Cascades Volcano Observatory
Der Nobelpreisträger Paul Crutzen hat im Jahr 2006 eine Art Giftkur fürs Weltklima vorgeschlagen: Feinste Schwefelpartikel, ausgebracht in 10 bis 50 Kilometer Höhe, sollen das Sonnenlicht dämpfen. Um ein paar Prozent nur, aber das würde reichen, damit die Temperatur auf der Erde bis zum Ende des Jahrhunderts nur um zwei bis zweieinhalb Grad ansteigt.

Dass das Verfahren funktioniert, zeigte sich 1991 beim Ausbruch des Vulkans Pinatubo auf den Philippinen. Mehr als 20 Kilometer hoch wurde damals die Aschewolke geschleudert. Schwefeldioxide oxidierten zu genau jenen kleinen Schwefelsäure-Tröpfchen, die Crutzen nutzen will. Der Himmel verdunkelte sich ein ganz kleines bisschen, die Temperatur sank weltweit um 0,5 Grad. Atmosphärenforscher wissen inzwischen, dass der Schwefel die Ozonschicht stark schädigen könnte und denken deshalb über andere Aerosole nach. Der Charme der Methode ist aber, dass sie vergleichsweise billig umzusetzen ist. Ein US-Forscher hat ausgerechnet, dass Militärjets die mit Abstand billigste Variante sind, um Schwefelpartikel in den Himmel zu transportieren.
Ozeane mit Eisen düngen
AWI
Seit Wissenschaftler wissen, dass Eisensulfat Plankton dazu bringt, deutlich mehr CO2 zu binden als normalerweise, gilt die Düngung der Ozeane als mögliches Klimaschutzprojekt. Damit das Verfahren tatsächlich klappt, muss das Phytoplankton nach dem Absterben zum Meeresboden sinken - und möglichst lange dort verbleiben. Forscher halten das massenweise Verschütten von Eisen in die Ozeane allerdings auch für ein riskantes Experiment: Es könnte marine Ökosysteme radikal verändern. Zudem ergaben mehrere Experimente, darunter auch von deutschen Forschern im Südmeer, dass durch eine Düngung viel weniger Treibhausgas Kohlendioxid gebunden wird als angenommen.
Sonnenschirme im All
UA Steward Observatory
Wie aus einem Science-Fiction-Roman klingt der Vorschlag, einen gigantischen Spiegel im Weltall zwischen Sonne und Erde zu positionieren, der wie ein Sonnenschirm wirkt. 1992 wurden die Kosten für ein solches Projekt grob geschätzt: Man kam auf über hundert Milliarden Dollar, um die Sonnenstrahlung um ein Prozent zu verringern. In dieser Größenordnung sollen auch die globalen Kosten des Klimawandels pro Jahr liegen. Der Spiegel müsste in etwa die Größe Manhattans haben. Von der Erde aus wäre der Spiegel praktisch nicht erkennbar, höchstens als kleiner dunkler Fleck auf der Sonne.

Die Idee wurde an der University of Arizona weiterentwickelt: Ein 100.000 Kilometer langen Schweif aus 16 Billionen Scheibchen soll im All schweben. Jedes Scheibchen soll aus transparentem Kunststoff bestehen, 60 Zentimeter groß und nur ein Gramm schwer sein. Der Effekt: Die Sonneneinstrahlung würde um 1,8 Prozent sinken.

Für die Idee eines wie auch immer aufgebauten Sonnenschirms im All spricht, dass er keine chemischen Eingriffe in die Atmosphäre erfordert, deren Folgen schwer abzusehen sind. Theoretisch ließe sich der kosmische Sonnenschutz auch wieder abbauen. Allerdings sind Klimaexperten skeptisch, ob die Idee wegen der enorm hohen Kosten praktikabel ist.
Die Wolken aufhellen
DPA
Hunderte Geisterschiffe sollen auf den Ozeane rund um die Uhr Meerwassertropfen in die Luft blasen, die Kondensationskeime bilden. Erhoffter Effekt: hellere Wolken, die mehr Sonnenstrahlung zurück ins All reflektieren und so abkühlend wirken. Die Idee besticht durch ihre verblüffend niedrigen Kosten: Nicht einmal hundert Millionen Euro pro Jahr soll die Flotte aus Roboterschiffen kosten, die ihre Energie aus dem Wind beziehen. Statt mit Segeln sollen die Boote mit sogenannten Flettner-Rotoren bestückt werden.
Künstliche Bäume (Air Capture)
Institution of Mechanical Engineers
In Kohlekraftwerken der Zukunft soll das klimaschädliche CO2 aufgefangen und unterirdisch gespeichert werden (Carbon Capture and Storage -: kurz CCS). Künstliche Bäume arbeiten im Prinzip genauso, nur dass sie das CO2 nicht aus Abgasen, sondern direkt aus der Atmosphäre herausfiltern (Air Capture). Das ist aufwendiger und auch deutlich teuerer als CCS. Doch mit Air Capture lässt sich auch schon vor Jahren emittiertes CO2 nachträglich wiedereinfangen, was mit CCS nicht möglich ist. Ein künstlicher Baum soll nach Angaben britischer Forscher etwa 20.000 Dollar kosten und könnte zehn Tonnen CO2 pro Tag absorbieren. In ganz Großbritannien müssten 100.000 derartige Bäume aufgestellt werden, um sämtliches CO2 aufzufangen, das vom Verkehr der Insel stammt.
Bäume anpflanzen, verbrennen, CO2 auffangen
DPA
CO2 aus der Luft holen - das beherrschen natürlich nicht nur teure Anlagen, sondern auch Wälder. Man müsste den in Holz einlagerten Kohlenstoff nur noch dauerhaft speichern - fertig wäre das natürliche Geo-Engineering. Forscher haben vorgeschlagen, das Holz nicht mit großem Aufwand zu lagern, sondern einfach zu verbrennen. Das dabei entstehende CO2 wird dann aufgefangen und unterirdisch gespeichert (CCS). Diese Geo-Engineering-Variante würde nicht nur analog zu Air Capture die CO2-Konzentration der Atmosphäre senken, sondern nebenbei auch Energie produzieren. Freilich gibt es auch beim gezielten Holzverbrennen Probleme. So könnten neu angepflanzte Wälder auf der Nordhalbkugel die Erdoberfläche zusätzlich verdunkeln. Folge: Es wird mehr Wärmestrahlung der Sonne absorbiert, die Temperaturen steigen.

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