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Geplantes Atommülllager Gorleben: Wo die Industrie ihren Atommüll verklappen will

Aus Gorleben berichtet

Wird der Salzstock von Gorleben Deutschlands Atommülldeponie? Nach zehn Jahren Pause soll die geologische Erkundung jetzt weitergehen. SPIEGEL ONLINE hat sich unter Tage umgesehen - der Weg zu einem Endlager dürfte noch lang und teuer werden.

DPA

Kompromissbereitschaft ist von dem grauhaarigen Herrn am Stacheldrahtzaun kaum zu erwarten. "Ich habe mich von Anfang an dagegen gewehrt", sagt Andreas Graf von Bernstorff ruhig, aber bestimmt. Mehr als drei Jahrzehnte kämpft der Chef des Schlosses Gartow in Niedersachsen nun schon seinen Kampf. Der gelernte Forstwirt hadert damit, dass im Salzstock von Gorleben eines Tages Atommüll vergraben werden könnte. Und weil Bernstorff neben dem Kiefernwald direkt am Erkundungsbergwerk auch riesige Salzlager im Boden gehören, spielt der Mann im Cordjackett für die Zukunft des umstrittenen Projekts eine wichtige Rolle. Er ist einer der Organisatoren des Widerstands.

Die schwarz-gelbe Bundesregierung hat entschieden, dass die Arbeiten tief im Berg von Gorleben bald wieder anlaufen. Nach zehn Jahren Pause, ausgehandelt im Rahmen des rot-grünen Atomausstiegs, soll die Erkundung des Salzstocks nun weitergehen - auf Basis einer Genehmigung aus dem Jahr 1983. "Dass wir ein Endlager brauchen, weiß jeder. Das sehe ich auch ein", sagt Bernstorff beim Spaziergang durch seinen Wald. Nur Gorleben, nein Gorleben solle es nicht sein. Die Geologie spreche dagegen.

Zwischen den Bäumen hängen Transparente. "Stoppt das dreckige Atomgeschäft", steht da zum Beispiel. Schräg gegenüber gibt eine Schneise den Blick auf den klobigen grauen Förderturm des Bergwerks frei. Drei Holzkreuze und ein aufwendig geschnitzter Totempfahl stehen zwischen den Bäumen. Ein Indianer, verrät der Graf lächelnd, habe das Land vor einiger Zeit verflucht.

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Gorleben: Besuch im umstrittenen Salzstock
Im Moment sieht alles danach aus, als ob der Fluch der Gegend ein Atommülllager bescheren wird. "Ich habe die Hoffnung, dass man sich noch einmal besinnt, und Vergleichsstandorte untersucht", sagt Bernstorff. Doch das hat die Bundesregierung derzeit nicht vor. Gorleben-Anhänger verweisen stattdessen darauf, dass bereits anderthalb Milliarden Euro in die Erkundung des Salzstocks geflossen seien. Deswegen ergebe eine Suche nach weiteren Standorten allein schon wirtschaftlich keinen Sinn.

Bei einer Reise in die Tiefe lässt sich gut sehen, wie weit das Erkundungsbergwerk gediehen ist - oder besser gesagt, wie viel noch zu tun bleibt. Freundliche Mitarbeiter der Deutschen Gesellschaft zum Bau und Betrieb von Endlagern für Abfallstoffe (DBE) und des Bundesamts für Strahlenschutz (BfS) karren in offenen Mercedes-Jeeps gern Besucher unter Tage herum: Der Lions-Club Lüneburg war vor kurzem hier, Polizisten aus Hamburg, Motorsport-Fans aus Wittenberge - und gerade zwängt sich eine Delegation des AKW-Betreibers Vattenfall in rote Overalls.

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Atommüll: Schwierigkeiten bei der Endlagerung
Gut anderthalb Minuten lang rauscht der Aufzug in die Tiefe, die Ohren gehen zu. Rund 840 Meter unter der Erde kommen Gäste im sogenannten Erkundungsbereich eins des Bergwerkes an. Die Luft ist trocken und riecht wie Urlaub am Meer. Sieben Kilometer Salzpiste mit kleinen gepflasterten Abschnitten gibt es hier unten. Außerdem haben Bergleute insgesamt elf Kilometer Forschungsbohrungen ins Gestein getrieben. "Die spätere Einlagerungsebene würde rund 40 Meter tiefer liegen", sagt BfS-Sprecher Florian Emrich.

Man muss sagen: Im Berg von Gorleben sieht es vergleichsweise ordentlich aus. Viel aufgeräumter zum Beispiel als in der absaufenden Asse. Wenn man mit dem Finger über die weißen Wände streicht und ihn anschließend ableckt, kann man das Salz schmecken. "Für Spaghettiwasser perfekt geeignet", witzelt der Geologe Ralf Schmitt von der DBE. Gorleben-Fans verweisen darauf, dass das Salz die Wärme der Atommüllcontainer besonders gut ableiten würde.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. .
Poisen82, 17.05.2010
Nun vor die Wahl gestellt den Atommüll der letzten 50 Jahre weiter Oberirdisch zu lagern oder ihn in Gorleben zu versenken, gewinnt Gorleben immer mehr an Attraktivität. Was sollen wir denn sonst mit dem Müll machen? Ihn auf einem Einkaufszentrumparkplatz abstellen?
2. Gute Nachricht
Andreko, 17.05.2010
Zitat von sysopWird der Salzstock von Gorleben Deutschlands Atommülldeponie? Nach zehn Jahren Pause soll die geologische Erkundung jetzt weitergehen. SPIEGEL ONLINE hat sich unter Tage umgesehen - der Weg zu einem Endlager dürfte noch lang und teuer werden. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,693442,00.html
Zumindest ist es eine gute Nachricht das die Erkundung nun weiter geht, nach 10 verlorenen Jahren. Was hat sich rot-grün nur bei der Einstellung der Erkundung gedacht? Eigentlich bleibt nur: die wollen das Endlagerproblem nicht lösen weil sonst ein so schönes Argument gegen die Kernkraft wegfällt. Ideologie ist wiedermal wichtiger als das Land.
3. pft
DerÜblicheVerdächtige 17.05.2010
nicht wissen, wohin mit dem Müll, aber das scheisszeug weiter produzieren. Der mensch is einfach widerlich :) Aber he... Wir sind die Krone der Schöpfung. Ich freue mich auf Versuche, nen prozess für 100k Jahre zu definieren. Schonmal nen Prozess definiert? Glaubt ihr, sowas hält 100 Jahre? Schon schwer zu überschaun... 1000 Jahre? Denkt mal 1000 Jahre zurück ... 2000 Da wird's dann langsam spannend. Quellen aus der Zeit sind heute schon schwer zu bewrten... 10000 Jahre? Muaha... Are you kidding me? Und dann 100.000 Jahre? Weiss jemand, ob die noch unsere schriftzeichen lesen Können? Oder ob die Evolution die "menschen" dann überhaupt noch kennt? vielleicht wohnen dann hier nur noch autotrophe TelepatheN?
4. --
taiga, 17.05.2010
Zitat von DerÜblicheVerdächtigenicht wissen, wohin mit dem Müll, aber das scheisszeug weiter produzieren. Der mensch is einfach widerlich :) Aber he... Wir sind die Krone der Schöpfung. Ich freue mich auf Versuche, nen prozess für 100k Jahre zu definieren. Schonmal nen Prozess definiert? Glaubt ihr, sowas hält 100 Jahre? Schon schwer zu überschaun... 1000 Jahre? Denkt mal 1000 Jahre zurück ... 2000 Da wird's dann langsam spannend. Quellen aus der Zeit sind heute schon schwer zu bewrten... 10000 Jahre? Muaha... Are you kidding me? Und dann 100.000 Jahre? Weiss jemand, ob die noch unsere schriftzeichen lesen Können? Oder ob die Evolution die "menschen" dann überhaupt noch kennt? vielleicht wohnen dann hier nur noch autotrophe TelepatheN?
In 100.000 Jahren sind, rein statistisch, zwei Eiszeiten mit skandinavischen Gletscherzungen über Norddeutschland hinweggeglitten. Ich nehme mal an, dass dann auch alle Bewohner hinweggeglitten sind, rein statistisch :-) Erdgeschichte, besonders die der Zukunft, ist schon eine sehr relative Angelegenheit.
5. Dezentrale Endlagerung
DerLautePöbel 17.05.2010
Zitat von Poisen82Nun vor die Wahl gestellt den Atommüll der letzten 50 Jahre weiter Oberirdisch zu lagern oder ihn in Gorleben zu versenken, gewinnt Gorleben immer mehr an Attraktivität. Was sollen wir denn sonst mit dem Müll machen? Ihn auf einem Einkaufszentrumparkplatz abstellen?
Der Parkplatz ist nur eine Möglichkeit. Besser noch wäre eine dezentrale Endlagerung, bei der jeder Bundesbürger sich bereit erklärt, eine gewisse Menge unter seinem Bett einzulagern: http://www.youtube.com/watch?v=Vhrvc89HoUE 1.000.000 Jahre soll der Atommüll "sicher" lagern?! Wie lange hat die Asse doch gleich druchgehalten?!
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