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Flugzeugunglück in Südfrankreich: Rätselraten über Absturzursache

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Unglücksmaschine: Ein Airbus A320 von Germanwings

Warum stürzte Germanwings-Flug 9525 ab? Erste Hinweise könnten öffentlich verfügbare Daten über die letzten Minuten der Airbus-Maschine liefern.

Frankfurt am Main - Die Lufthansa-Tochter Germanwings hatte seit ihrer Gründung 2002 keinen schweren Unfall zu verzeichnen - bis jetzt. Am Dienstagvormittag stürzte ein Airbus A320 der Fluglinie in Südfrankreich ab. Nach einer ersten Einschätzung der französischen Regierung hat wahrscheinlich niemand der 144 Passagiere und der sechs Besatzungsmitglieder überlebt.

Warum die Maschine abstürzte, ist bisher unklar. Genaueres können Experten üblicherweise erst sagen, nachdem sie das Wrack untersucht und den Flugschreiber sowie den Stimmenrekorder aus dem Cockpit ausgewertet haben.

Die Webseite "Planefinder.com" veröffentlichte auf Twitter Daten des Fluges aus der Zeit kurz vor dem Absturz. Sie zeigen unter anderem, dass die Maschine kurz vor dem Crash rapide an Höhe verloren hat. Ein ähnliches Bild ergeben die Daten von "FlightAware.com":

Flug 4U-9525
Der Höhenverlust verläuft zwar schnell, aber auch gleichmäßig. Die Frage ist, wann die Piloten die Kontrolle über die Maschine verloren haben. Als der achtminütige Sinkflug begann, befand sich der Airbus noch nicht über den Alpen, sondern überflog gerade die Mittelmeerküste bei Marseille. Hätten die Piloten die Maschine in der Zeit bis zum Aufprall noch steuern können, wären sie vermutlich nicht ins Gebirge geflogen.

Warum steuerte die Crew keinen Flughafen an?

Rätselhaft ist auch, warum die Crew die Flugkontrolle offenbar nicht über die Einleitung des Sinkflugs informiert und auch keinen Notruf abgesetzt hat. Die französische Luftfahrtbehörde DGAC erklärte, die Flugsicherung selbst habe beschlossen, selbst einen Notfall für das Flugzeug auszurufen. Es habe keinen Kontakt zur Crew gegeben. In Pilotenforen wurde deshalb spekuliert, dass ein plötzlicher Druckverlust in der Kabine zur Bewusstlosigkeit der Besatzung geführt haben könnte.

Das Unglück erinnert an eine Beinahe-Katastrophe mit einem Airbus A321, der im November 2014 von Bilbao nach München flog. Sensoren am Rumpf waren vereist und lieferten falsche Daten über den Anstellwinkel der Maschine. Die Bordcomputer leiteten daraufhin einen steilen Sinkflug ein. Nur der langen Erfahrung des Piloten war es zu verdanken, dass es nicht zum Unglück kam: Er schaltete die Computer ab und brachte das Flugzeug damit wieder unter Kontrolle.

Wie der SPIEGEL in seiner aktuellen Ausgabe berichtet, hat Ende 2014 auch ein A320 der malaysischen Fluggesellschaft Air Asia kurz vor seinem Absturz kalte und feuchte Luft durchflogen - ähnlich wie der A321 aus Bilbao. Auch andere Fluggesellschaften wie Virgin hatten Probleme mit den Fluglage-Sensoren gemeldet. Ob eine solche Fehlfunktion nun zum Absturz von Flug 4U9525 führte, erscheint eher unwahrscheinlich. Germanwings-Chef Thomas Winkelmann sagte am Dienstag, die Maschine sei mit einem neuen Bordcomputer ausgestattet gewesen, der für das Problem nicht anfällig gewesen sei.

Die Unglücksmaschine war nach Informationen der Website "Airfleets.net" am 6. Februar 1991 an die Lufthansa ausgeliefert worden. Zwischenzeitlich war der Jet mit der Kennung D-AIPX unter dem Städtenamen "Mannheim" unterwegs. Seinen Jungfernflug hatte das Flugzeug am 29. November 1990. Ein Alter von 24 Jahren ist zwar durchaus fortgeschritten, aber nicht ungewöhnlich in der zivilen Luftfahrt.

Der Airbus A320 gehört mit derzeit rund 6000 im Dienst befindlichen Maschinen zu den am weitesten verbreiteten Mittelstreckenflugzeugen. Nach Angaben der Webseite "Aviation-safety.net" kam es bisher zu 27 Zwischenfällen, nach denen A320-Maschinen als Totalverlust abgeschrieben werden mussten. 18 davon waren Abstürze, bei denen insgesamt 799 Menschen zu Tode kamen. Der Absturz von Germanwings-Flug 9525 wäre der 19. Unfall dieser Art.

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Damit steht der Airbus A320 im Vergleich zur Konkurrenz durchaus gut da. Nach einer Statistik von "Airsafe.com" kamen bei der A320-Familie - zu der auch die Modelle A318, A319 und A321 gehören - 0,08 Todesfälle auf eine Million Flüge. Das wichtigste Konkurrenzmodell, die Boeing 737, kam demnach über alle Varianten gerechnet auf 0,28 Todesfälle pro einer Million Flüge. Bei den neueren 737-Varianten ist die Rate dieselbe wie bei der A320-Familie.

Mit Material von dpa

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