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Beinahe-Absturz: Frischluft gegen das Nervengift

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Beide Piloten kurz vor dem Kollaps: Ein Germanwings-Flugzeug entging nur knapp dem Absturz - Ursache waren offenbar giftige Dämpfe im Cockpit. Piloten fordern neue Belüftungsanlagen. Doch die Airlines haben das Problem an die Wissenschaft abgeschoben.

German-Wings-Maschine: "Taubheit in Armen und Beinen" Zur Großansicht
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German-Wings-Maschine: "Taubheit in Armen und Beinen"

Hamburg - Allmählich wird es gruselig. Erst wurde bekannt, dass beide Piloten auf einem Germanwings-Flug am 19. Dezember 2010 nach Köln so krank wurden, dass sie kaum noch fliegen konnten. Ein Pilot blieb gar ein halbes Jahr flugunfähig. Dann stellt sich heraus, dass es mit derselben Maschine, einem Airbus A319, zwei Jahre zuvor bereits einen ähnlichen Zwischenfall gegeben hatte. Hinzu kommen vergleichbare Vorfälle bei anderen Airlines aus den letzten Jahren, etwa auf einem Air-Berlin-Flug von New York nach Berlin im November 2011.

Jetzt fordert der Berufsverband der Piloten, die Vereinigung Cockpit, Konsequenzen von Airlines und Flugzeugherstellern: "Es muss etwas geschehen", sagt deren Sprecher Jörg Handwerg zu SPIEGEL ONLINE: "Wir wollen, dass die Luftzufuhr aller Flugzeuge umgestellt wird". Es gelte, die Verunreinigung der Kabinenluft mit Öl zu verhindern.

Bislang wird Luft fürs Innere der Flieger direkt an den Triebwerken gezapft. Eine Leitung führt ins Cockpit. Es lasse sich kaum verhindern, dass dabei auch mal ölhaltige Luft angesogen werde, die zu körperlichen Beeinträchtigungen bis hin zu Lähmungen führen könnte, sagt Handwerg. Neue Flugzeugflotten sollten die Kabinenluft besser vom Rumpf saugen, fordert der Experte.

"Kennen wir erst seit gestern"

Berichte, wonach Dämpfe von Enteisungsmittel die Piloten der Germanwings-Maschine beeinträchtigt haben könnten, bezeichnet Handwerg als abwegig. Die Blutwerte der Piloten knapp über der Bewusstlosigkeitsschwelle sprächen dafür, dass sie Öldämpfe eingeatmet hätten - die Sauerstoffsättigung des Bluts lag der Bundesstelle für Fluguntersuchungen (BFU) zufolge bei beiden Piloten unter 80 Prozent.

Bei Germanwings indes kenne man die Blutwerte "erst seit gestern", wie die Firma auf Anfrage mitteilt. Man habe sich auf die BFU verlassen, die den Fall untersucht habe: "Die BFU hätte den Fall schneller bearbeiten müssen", meint ein Chefpilot von Germanwings. Die Antwort der BFU auf Nachfrage: "Kein Kommentar". Das betroffene Flugzeug aber habe man vor dem nächsten Flug gründlich durchgecheckt, betont Germanwings.

Die BFU berichtet zudem, dass bei einem der beiden Piloten auch die Blutwerte des Kreatin-Kinase-Enzyms, das bei der Energieversorgung der Muskeln eine Rolle spielt, "auffällig" gewesen sei. Auf Anfrage sahen sich aber weder Mediziner am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, noch bei der Gesellschaft für Klinische Chemie und Laboratoriumsmedizin in der Lage, die Werte einzuschätzen.

Kotzübel, wie im Traum

Die Piloten des Fluges vom 19. Dezember 2010 hatten der BFU von erheblichen Beeinträchtigungen berichtet. Sie hätten zunächst einen "seltsamen, stark ausgeprägten, unangenehmen Geruch" wahrgenommen. Der Co-Pilot habe kurz darauf gesagt, ihm sei "kotzübel", er habe Taubheit in Armen und Beinen gespürt und sei schließlich "nicht mehr in der Verfassung gewesen, seiner Funktion im Cockpit uneingeschränkt nachzukommen".

"Auch der Kapitän war am Ende seiner Leistungsfähigkeit angekommen", heißt es im BFU-Bericht weiter. Der 35-Jährige habe sich während des gesamten Landeanflugs "körperlich sehr schlecht" gefühlt, "an der Obergrenze dessen, was ihm überhaupt noch möglich schien", zu einem Durchstartmanöver etwa sei er "weder physisch noch psychisch" in der Lage gewesen. Ihre Verfassung kurz vor der Landung hätten beide Piloten "als surrealistisch und wie in einem Traum empfunden.

Berichte über krank machende Kabinenluft in Flugzeugen haben immer wieder Schlagzeilen gemacht, zumeist hatten Passagiere über Unwohlsein geklagt. Im Verdacht stehen sogenannte Trikresylphosphate (TKP oder TCP). Die Nervengifte können entstehen, wenn Öl in Flugzeugtriebwerken verbrennt. Wie viele Personen betroffen sind, ist allerdings unklar.

Viele Vorfälle, wenig Verständnis

Die Airlines aber haben das Problem an die Wissenschaft abgeschoben: Es gab diverse Untersuchungen zu schlechter Luft in Flugzeugkabinen. Doch angesichts uneindeutiger Ergebnisse, sehen offenbar weder Fluggesellschaften noch Hersteller Handlungsbedarf.

Zuletzt hatte die britische Luftfahrtbehörde im Mai 2011 eine umfassende Studie veröffentlicht. Demnach gibt es erstaunlich viele Vorfälle mit auffälligem Geruch: Auf 38 von 100 untersuchten Flügen meldete das Kabinenpersonal ungewöhnliche Dämpfe, auf 26 wurde von öligem Geruch berichtet. Zumeist trat er bei Start, Landung oder beim Manövrieren am Boden auf.

Ob die Ereignisse aber problematisch waren, bleibt unklar. Die wissenschaftliche Luftanalyse der betreffenden Räume habe ergeben, dass kein Stoff in der Luft in gesundheitsschädlicher Konzentrationen angereichert gewesen wäre, schreiben Experten der Cranfield University in dem Bericht. Ähnlich vage blieben auch andere Analysen: Zwar wurde immer wieder TKP im Inneren von Flugzeugen nachgewiesen - aber in geringen Konzentrationen.

Der britische Luftfahrtmediziner Michael Bagshaw war bereits 2008 in einem Bericht zu dem Schluss gekommen, dass es keine unabhängig geprüften Untersuchungen darüber gebe, dass TKP bei Fluggästen neurologische Beschwerden auslösen würde. Wiederholt genannte Beschwerden von Passagieren wie Herzrasen, Schwindel oder Übelkeit könnten auch mit anderen Erkrankungen erklärt werden.

Ernst wird es selten

Allerdings wurden gerade in Großbritannien, wo das Problem wohl am intensivsten erforscht wird, immer wieder Zwischenfälle gemeldet: Im Jahr 2008 hätten 21 der rund 20.000 Berufspiloten in Großbritannien Beschwerden im Zusammenhang mit schlechter Kabinenluft gemeldet, berichtet Bagshaw. Zehn Piloten seien langfristig und zwei vorübergehend dienstunfähig gewesen.

Auch eine australische Studie vor 13 Jahren offenbarte die Gefahr - auch dort waren die Fallzahlen aber gering: Im Jahr 1999 seien rund 300 Flüge weltweit von Zwischenfällen mit giftigen Dämpfen oder Flüssigkeiten betroffen gewesen, berichtete Chris Winder, Toxikologe an der australischen University of New South Wales. Die Quote habe etwa einem von 25.000 Flügen entsprochen.

Berichte von Piloten hätten darauf hingewiesen, dass es in Flugzeugkabinen zu Luftverschmutzungen durch Motorenöl und Hydraulikflüssigkeiten gekommen sei, schrieb Winder 2001 im "Journal of Occupational Health and Safety". Die Partikel könnten in der Luft in ausreichend hoher Konzentration vorkommen, um bei Besatzung und Passagieren "akute, unmittelbare und langfristige Symptome auszulösen".

Doch ernste Vorfälle scheinen den Studien zufolge selten. Der Zwischenfall von Köln aber hat gezeigt, dass die ominösen Kabinendämpfe eine Katastrophe verursachen könnten - es war jedenfalls knapp am 19. Dezember 2010 beim Anflug des Airbus A319 der Germanwings auf Köln/Bonn.

Mitarbeit: Markus Becker

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1.
patrixxx 28.09.2012
Interessant wäre es zu wissen, ob dieses Problem nur Airbus Maschinen betrifft. Ob die Fluggesellschaften dafür verantwortlich sind oder die Hersteller kommt halt auf die Ursache des Problems an. Man sollte mal überprüfen, ob die Wartungsintervalle eingehalten werden. Ich kann mir zum Beispiel auch vorstellen, dass Filter einfach nicht oft genug getauscht werden. Sind es konstruktive Mängel muss natürlich der Hersteller nachbessern. Ich frage mich auch, ob vielleicht Unfälle in der Vergangenheit auf die Benebelung der Piloten zurück zu führen sind. Pilotenfehler gibts immer wieder, nur wenn diese die Fehler begehen, weil sie giftigen Öldämpfen ausgesetzt waren, sieht die Sache natürlich gleich ganz anders aus. Einen Punkt muss ich aber noch los werden. Solange man für 19,99€ in ganz Europa rumfliegen kann braucht sich keiner zu wundern, wenn: Erstens die Maschinen nicht so gewartet werden, wie sie es sollten. Zweitens das Personal nicht das Beste sondern das Günstigste ist. Und drittens die Flugbegleiter nicht mehr wie früher freundlich lächeln, sondern nur noch genervt ihr Pflichtprogramm abspielen. Geiz ist eben nicht immer geil, das sollte sich jeder mal überlegen.
2. Na endlich!
atheist 28.09.2012
Jetzt auch noch Nervengift! Könnte es sein, dass sich einige Leute an Germanwings abarbeiten, weil sie in Zukunft nicht mehr mit Lufthansa fliegen dürfen, sondern nur noch mit Germanwings? Bei einer Stunde Flugzeit ist auch der billige Bereich von Germanwings noch angenehmer als 5 Stunden in Großraumwagen der DB. Vielleicht sollte man auch verraten, dass ähnliche Probleme fast bei jeder anderen Fluggesellschaft auftreten und die Germanwings-Maschinen von der Lufthansa-Technik gewartet werden. Falls das alles so schlimm ist, dann bitte nicht mehr in einen Flieger steigen - oder still schweigen!
3. Sauerstoff
opalschleifer 28.09.2012
Zitat von sysopGetty ImagesBeide Piloten kurz vor dem Kollaps: Ein Germanwings-Flugzeug entging nur knapp dem Absturz - Ursache waren offenbar giftige Dämpfe im Cockpit. Piloten fordern neue Belüftungsanlagen. Doch die Airlines haben das Problem an die Wissenschaft abgeschoben. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/germanwings-vor-koeln-bonn-forderung-nach-besserer-luft-in-flugzeugen-a-858532.html
Bei der Luftwaffe gibt es Vorgaben, dass bei auffälligem Geruch statt der Luft vom Triebwerk auf 100% Sauerstoff gegangen werden soll. Auch zivile Flugzeuge haben Sauerstoffmasken für Piloten; vernünftige Teile allerdings, nicht die fipsigen Plastikdinger, die bei der Stewardessen-Karaoke immer vorgezeigt werden. A320 aircraft pilots Oxygen Mask - YouTube (http://www.youtube.com/watch?v=f8aDRgY6D34) Warum werden die nicht genutzt, wenn die Kabinenluft stinkt und die erste körperlichen Ausfallerscheinungen zu beobachten sind?
4. Giftgas?
Stauxx 28.09.2012
Offenbar war´s nur das zu stark aufgetragene Parfüm des Pursers, dass bei dem Copiloten zu der Ausfallerscheinung führte. Hat den glatt umgehauen. Frauenparfüm auf falscher Haut hat manchmal diesen schon fast explosiven Charakter. Eine Giftgasentwicklung hat es in den Millionen Flugstunden mit diesem Flugzeugtyp nie gegeben. Die verwandten Materialien müssen selbst im Brandfalle weitgehend giftstoffarm bleiben. Und dass jemand gesprüht hat, kann man ausschliessen, weil die übereifrigen Sicherheitskräften am Boden keine Spraydose oder unindentifizierte Flüssigkeit an Bord lassen.
5. optional
steelman 28.09.2012
Vielleicht ist es einfach billiger, die Versicherungsprämien für den Fall eines Absturzes zu zahlen, als mehr für die Sicherheit zu tun.
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