Diskussion über Gewässerschutz Weggespült

Medikamentenrückstände belasten Flüsse und Seen. Eine neue Klärtechnik könnte das eindämmen. Doch darauf dürfen wir Verbraucher uns nicht verlassen.

Medikamente in Toilette
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Medikamente in Toilette

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So eine Toilette ist ein praktischer Apparat: Man kann damit unschöne Dinge einfach runterspülen. Nur die wenigsten wissen, was nach der Betätigung der Spültaste mit unserem Urin und Kot - um die Dinge einmal beim Namen zu nennen - passiert.

Das ist in Ordnung. Man muss schließlich auch nicht bis ins letzte Detail begriffen haben, wie Strom erzeugt wird, um eine andere Annehmlichkeit unserer modernen Lebensweise nutzen zu dürfen. Hauptsache, man zahlt seine Stromrechnung. Diesen pragmatischen Ansatz pflegen die meisten Nutzer auch beim Abwasser. Man kann sehr gut damit leben, nicht zu wissen, wie viel Technik und Know-how es auf einer Kläranlage braucht, um eine tägliche Selbstverständlichkeit anwenden zu können.

Doch wo gedankenloser Umgang mit Elektrizität schon zu Problemen führt (Stichwort Klimawandel), schafft der unsachgemäße Gebrauch des Örtchens ernsthafte Schwierigkeiten: Mangelnde Kenntnis über das, was nach dem Wuuuusch passiert, führt bei vielen dazu, dass sie Toiletten als Mülleimer verwenden.

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Klärtechnik: So funktioniert die vierte Reinigungsstufe

Wenn es gut läuft, führt das nur zu einer Verstopfung. Der Ärger bleibt dann zumindest direkt beim Nutzer, und vielleicht merkt der dann, dass da etwas falsch gelaufen ist. Wenn es schlecht läuft, entstehen die Probleme erst anderswo.

Wussten Sie etwa, dass:

  • Feucht- und Abschminktücher, die sich nicht so leicht zersetzen wie Klopapier, auf Kläranlagen die Mechanik von Pumpen lahmlegen können?
  • heißes Fett und Öl beim Abkühlen klumpen und deshalb Rohre verstopfen?
  • Lebensmittelreste Ratten in die Kanalisation locken - und diese manchmal den Rohren bis zur Quelle folgen?

Mit dem Abzug an der Toilette meinen die meisten, auch ihre Verantwortung runterzuspülen. Ein wenig mehr Wissen würde helfen. Niemand muss lernen, was auf einer Kläranlage chemisch und biologisch passiert. Aber dass es unerfreuliche Folgen hat, wenn man Medikamente im Klo entsorgt, sollte zur Allgemeinbildung gehören. Das hilft sicher mehr, als die nächste Meldung über schlechte Gewässerzustände in sozialen Netzwerken zu teilen.

Dass bei den Verbrauchern noch Aufklärungsbedarf besteht, zeigt sich auch in Umfragen. Laut dem Institut für sozial-ökologische Forschung (ISOE) wussten knapp die Hälfte der 2000 befragten Deutschen nicht, dass allein schon durch die Einnahme von Medikamenten Spurenstoffe in den Wasserkreislauf gelangen. 47 Prozent der Bundesbürger entsorgen laut dieser Umfrage flüssige Medikamentenreste über Spüle oder Toilette.

Dabei gehören sie in den Restmüll. Ausnahmen sind Krebsmedikamente (Zytostatika) sowie bestimmte Hormonpräparate und Virustatika (virushemmende Medikamente), die auch dort nichts verloren haben. Es lohnt sich ein Blick auf den Beipackzettel, der Hinweise gibt, oder eine Nachfrage beim Apotheker. Diese sind nicht mehr zur Rücknahme verpflichtet. In einigen Städten gibt es Schadstoffsammelstellen, die Altmedikamente annehmen.

Natürlich lässt sich nicht vermeiden, dass Arzneimittel, die wir dringend einnehmen müssen, mit dem Urin wieder in den Wasserkreislauf gelangen. Aber auch hier wäre es sinnvoll, zu überlegen, wo man reduzieren könnte. Ist es wirklich notwendig, sich vor dem Sport mit Schmerzgel einzureiben?

Abwasser - eine gesellschaftliche Frage

Eine neue Technik auf Kläranlagen könnte den Eintrag von Spurenstoffen in Gewässer reduzieren - die ersten Anlagen laufen bereits. Aber das Verfahren ist mit höheren Gebühren für die Verbraucher verbunden. Auch das ist ein Grund, warum der Einsatz unter Experten kontrovers diskutiert wird.

Doch egal, wie man die Technik beurteilt. Am Ende wird sie allein nicht ausreichen - wir alle müssen unser Verhalten ändern. Gewässerschutz ist nicht allein Aufgabe der Kläranlagen.

Spurenstoffe: Gefahr für die Ökosysteme
Was sind Spurenstoffe?
Sogenannte anthropogene Spurenstoffe, manchmal auch Mikroverunreinigungen genannt, gelangen häufig durch den Gebrauch von Alltagsgegenständen ins Wasser. Zum einen durch den Körper, der Rückstände von Medikamenten ausscheidet. Aber auch durch Waschbecken und Spüle, in die Chemikalien aus dem Haushalt oder von Kosmetik eingeleitet werden. Zu den Spurenstoff-Quellen gehören beispielsweise Hormone, Lebensmittelzusatzstoffe, Desinfektionsmittel, Konservierungsmittel oder Biozide.

Tausende Substanzen gehören zu den potenziell umweltrelevanten Spurenstoffen, längst sind nicht alle erfasst und ständig kommen neue dazu. Dass die winzigen Konzentrationen im Wasser heute überhaupt nachgewiesen werden können, liegt auch an einer verbesserten Analysetechnik in den letzten Jahren. Dennoch gehen Experten von einer Zunahme bei Spurenstoffen aus. Spurenstoffe gelangen aber nicht nur mit dem Abwasser in die Umwelt. Weitere Quellen sind etwa Industrieanlagen aber auch landwirtschaftliche Flächen, auf denen Chemikalien wie Pflanzenschutz- oder Düngemittel oder Tiermedikamente eingesetzt werden und die durch Regen in Kanäle und Gewässer gespült werden. Auf diesem Weg gelangen sie auch von Baumaterialien, Fassaden oder selbst vom Reifenabrieb auf Asphalt ins Wasser.
Was richten Spurenstoffe an?
Nicht alle Spurenstoffe und Abbauprodukte sind gefährlich, einige können durch natürliche Prozesse abgebaut werden. Doch bei anderen ist das nicht der Fall. Eine direkte Gefahr für den Menschen konnte bisher zumindest nicht nachgewiesen werden. Doch mit dem Eintrag in die Gewässer gelangen die Stoffe auch in die Nahrungskette. Zudem schädigen einige die Ökosysteme.

Die Folgen können Hemmung des Wachstums, verminderte Anzahl von Nachkommen, Verhaltensänderungen und Stoffwechselstörungen sein. Die geringsten Konzentrationen findet man in Algen und anderen Pflanzen. Je höher ein Tier in der Nahrungskette steht, desto höher ist in der Regel seine Schadstoffbelastung.
In welchen Mengen gelangen sie ins Wasser?
Täglich gelangen Spurenstoffe in großen Mengen in die Fließgewässer. Genaue Zahlen gibt es kaum - alleine aufgrund der Menge der einzelnen Substanzen. Vor allem im Bereich von Medikamenten ergeben sich aber erhebliche Einträge. Der Verbrauch des Schmerzmittels Diclofenac lag 2012 in Deutschland bei rund 80 Tonnen pro Jahr. Untersuchungen für oral eingenommenen Medikamente zeigen Ausscheidungsraten der Wirkstoffe zwischen 30 und 70 Prozent. Eine Auswertung des Umweltbundesamtes aus den Jahren 2009 bis 2011 zeigt, dass insgesamt 27 verschiedene Arzneimittelwirkstoffe in Konzentrationen von über 0,1 Mikrogramm pro Liter in deutschen Oberflächengewässern gemessen wurden.
Wie ließen sich Spurenstoffen vermeiden?
Ganz vermeiden lassen wird sich der Eintrag in die Gewässer nie. Doch durch sinnvolles Verhalten kann jeder Bürger einen Beitrag leisten, schreibt das Bayerisches Landesamt für Umwelt:

  • PFC-haltige Imprägnierungen bei Bekleidung sollte man vermeiden – sie wird häufig bei Outdoor-Kleidung verwendet.
  • Kritische Reinigungsmittel sollte man gezielt und nur dann verwenden, wenn es nicht anders geht. Oft reichen Hausmittel: Zitronensäure gegen Kalk oder Spiritus gegen Fett und Schimmel. Auch Desinfektionsmittel sollten möglichst selten eingesetzt werden. Bei Shampoos und Waschmitteln gibt es umweltfreundliche Produkte ohne Duft- und Konservierungsstoffe. Im Garten statt chemischer Pflanzenschutzmittel lieber Hausmittel nutzen.
  • Entsorgung von Reststoffen: Potenziell schädliche Substanzen - dazu gehören auch Medikamente, gehören in die Müllverbrennung - niemals ins Abwasser. Chemikalienreste wie Farben, Desinfektionsmittel oder Insektenvernichtungsmittel dürfen nicht in die Toilette gespült, sondern müssen im Hausmüll oder über die Sammelstelle für Problemabfälle entsorgt werden.
  • Er fängt bei uns allen an, im Badezimmer, in der Küche, beim Putzen, beim Duschen, jeden Tag. Dasselbe gilt im Supermarkt und in der Drogerie, beim Kauf von Haushalts- oder Pflegeartikeln - auch Kosmetika oder Putzmittel enthalten Chemikalien, die im Wasser landen.

    Wenn die Bevölkerung ein höheres Bewusstsein für das eigene Verhalten entwickelt, wird den Skeptikern für den Ausbau der Kläranlagen ein wichtiges Argument geraubt: Dass sich die Verbraucher bei einer weiteren Reinigungsstufe nun noch weniger Gedanken machen und die Toilette erst recht als Mülleimer missbrauchen würden.

    Politiker scheuen sich gerne mal vor unpopulären Entscheidungen zu höheren Gebühren, wie sie bei einer Einführung der neuen Klärtechnik notwendig wäre. Aber der Umgang mit Abwasser ist am Ende auch eine soziale Frage - Kläranlagen haben einen öffentlichen Auftrag zur Abwasserreinigung.

    Ob wir dabei auf neue, teurere Technik setzen wollen und wie wir deren Preis-Leistungsverhältnis beurteilen, muss die Gesellschaft entscheiden. Und damit auch die Frage, was uns sauberere Gewässer wert sind.



    insgesamt 27 Beiträge
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    Seite 1
    noalk 14.07.2018
    1. Der Verbraucher ist nun mal bescheuert
    Und eben mehrheitlich ignorant. Das Medikamentenproblem im Abwasser ist lange bekannt, in sämtlichen Medien wird seit langem darauf hingewiesen und auch darauf, wie es sich vermeiden lässt. Allein: Die Mehrheit der Bevölkerung interessiert sich nicht dafür und mault lieber, wenn sie mehr bezahlen muss. Ich sehe hier vor allem die Apotheker in der Pflicht. Jedes Medikament sollte nur mit der eindringlichen mündlichen Belehrung, dass die Reste in den Restmüll gehören, über den Ladentisch gehen. Hinweise auf der Verpackung oder gar im Beipackzettel sind völlig sinnlos, weil der Durchschnittsverbraucher nicht lesen will - wenn er es überhaupt kann.
    murksdoc 14.07.2018
    2. Versteckte Steuererhöhung 2.0
    "Abwasserreinigung" ist eine öffentliche Aufgabe, die über Steuern finanziert wird. Da dieser Staat seine Steuern aber für alles verpulvert, nur nicht für das, für das er zuständig ist, versucht man jetzt, den Menschen Schuldgefühle einzureden, um versteckte Steuererhöhungen durchzubekommen. Das anhängende Papier des BUND ist von 2007. Warum wohl macht man erst heute so einen Wirbel um diese Dinge, die schon seit den 90er-Jahren des letzten Jahrhunderts bekannt sind (Googeln Sie einfach mal "Bisphenol A")? https://www.bund-naturschutz.de/fileadmin/_migrated/content_uploads/Hormonaktive_Substanzen_im_Wasser.pdf
    wiseacre 14.07.2018
    3. Gülle
    Alles durchaus richtig. Aber wie wäre es denn, auch die Industrie und vor allem die Landwirtschaft auf ihren Beitrag an der Verseuchung des Wassers hinzuweisen. Hollàndische Bauern dürfen hier tausende Tonnen Gülle entsorgen mit dem Segen deutscher Behörden und Politiker. Die Interessen holländischer Güllebauern und deutscher Massentierhalter und -quäler haben für unsere Politiker offensichtlich einen höheren Stellenwert als die Gesundheit ihrer Bürger und als ihr Amtseid,Schaden vom deutschen Volk abzuwenden. Es ist richtig, von jedem Bürger Eigenverantwortung einzufordern. Aber das ist nur glaubhaft, wenn die vom Bürger gewählten Politiker Verantwortung für die Menschen tragen und nicht für die wirtschaftlichen Interessen einiger Weniger. Ivh habe schon lange aufgehört, dueses korrupte System mit meiner Stimme mitzutragen. Denn auch damit würde ich mich mitverantwortlich machen. Das entbindet mich keineswegs der Verantwortung für meinen persönlichen Lebensbereich. Aber es ist schwer nachzuvollziehen, warum im Umweltbereich, wie auch in anderen Feldern, wo es um wirtschaftliche Interessen geht, nicht das Verursacherprinzip gilt.
    noalk 14.07.2018
    4. Blödsinn
    Zitat von murksdoc"Abwasserreinigung" ist eine öffentliche Aufgabe, die über Steuern finanziert wird. Da dieser Staat seine Steuern aber für alles verpulvert, nur nicht für das, für das er zuständig ist, versucht man jetzt, den Menschen Schuldgefühle einzureden, um versteckte Steuererhöhungen durchzubekommen. Das anhängende Papier des BUND ist von 2007. Warum wohl macht man erst heute so einen Wirbel um diese Dinge, die schon seit den 90er-Jahren des letzten Jahrhunderts bekannt sind (Googeln Sie einfach mal "Bisphenol A")? https://www.bund-naturschutz.de/fileadmin/_migrated/content_uploads/Hormonaktive_Substanzen_im_Wasser.pdf
    Abwasserreinigung wird in Deutschland nirgends über Steuern finanziert, sondern über Gebühren, die der Verursacher zahlen muss. Mit Steuern hat das rein gar nichts zu tun.
    Fred the Frog 14.07.2018
    5.
    Zitat von noalkUnd eben mehrheitlich ignorant. Das Medikamentenproblem im Abwasser ist lange bekannt, in sämtlichen Medien wird seit langem darauf hingewiesen und auch darauf, wie es sich vermeiden lässt. Allein: Die Mehrheit der Bevölkerung interessiert sich nicht dafür und mault lieber, wenn sie mehr bezahlen muss. Ich sehe hier vor allem die Apotheker in der Pflicht. Jedes Medikament sollte nur mit der eindringlichen mündlichen Belehrung, dass die Reste in den Restmüll gehören, über den Ladentisch gehen. Hinweise auf der Verpackung oder gar im Beipackzettel sind völlig sinnlos, weil der Durchschnittsverbraucher nicht lesen will - wenn er es überhaupt kann.
    Wenn es die Politik nicht mal fertigbringt, die Farbe der richtigen Mülltonne einheitlich zu regeln, wenn der Apotheker mal zurücknimmt und dann wieder nicht mehr, sehe ich das Verschulden nicht vordringlich beim Verbraucher. Aufklärung muss auf allen Kanälen und immer wieder passieren. Die Änderung von Rechtsvorschriften wandert nur äußerst langsam ins Rechtsbewußtsein der Verbraucher - viele glauben immer noch, es gäbe Mundraub statt Diebstahl. So bedaure ich auch das Ende der Sendung "Der siebte Sinn". War zigfach besser als jegliche sripted realitiy von heute.
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