Ökonomen-Vorschlag: Wie China und Indien das Klima retten können

Von Julian Kutzim

Eine Frau in der Sahelzone im Tschad: Der Klimawandel trifft trockene Länder am härtesten Zur Großansicht
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Eine Frau in der Sahelzone im Tschad: Der Klimawandel trifft trockene Länder am härtesten

Die globalen Klimaschutz-Verhandlungen sind festgefahren, der CO2-Ausstoß eilt von Rekord zu Rekord. Jetzt versprechen zwei indische Ökonomen Abhilfe: In einem Buch fordern sie, dass ausgerechnet Schwellenländer wie China und Indien die Führung beim Umweltschutz übernehmen.

Seit mehr als 20 Jahren verhandeln die Staaten miteinander, wie der Klimawandel bekämpft werden kann. Forscher haben eine klare, wenn auch teils umstrittene Vorgabe erteilt: Die Erwärmung der Atmosphäre muss auf zwei Grad gegenüber vorindustriellen Zeiten begrenzt werden, ansonsten drohen verheerende Wetterextreme und enorme Kosten. Nach Angaben des Wissenschaftlichen Beirats Globale Umweltfragen (WGBU), dem Beratergremium der Bundesregierung, dürfen zwischen den Jahren 2010 und 2050 noch maximal 750 Gigatonnen Kohlendioxid ausgestoßen werden.

Es gibt aber keinen genauen Fahrplan, wie dieses Ziel erreicht werden kann. Im Kyoto-Protokoll haben sich lediglich die Industrieländer zu Senkungen ihres CO2-Ausstoßes verpflichtet. Die USA aber haben den Vertrag nie ratifiziert, und die Entwicklungs- und Schwellenländer lehnen auch in Zukunft verpflichtende CO2-Ziele vehement ab. Dabei hat China die USA längst als weltweit größten Treibhausgas-Emittenten abgelöst. Auch Staaten wie Indien, Brasilien und Indonesien tragen inzwischen bedeutend zum globalen Ausstoß bei.

Ausgerechnet diese Länder sollen den Kampf gegen den Klimawandel nun anführen, fordern die indischen Ökonomen Aaditya Mattoo und Arvind Subramanian in ihrem neuen Buch "Greenprint: A new Approach to Cooperation on Climate Change". Sie versprechen ein neues Konzept für die Zusammenarbeit gegen den Klimawandel.

Mattoo leitet die Forschungsbereiche Handel und Integration bei der Weltbank, Subramanian forscht für verschiedene Einrichtungen und arbeitet unter anderem als Berater für die indische Regierung. Beachtlich ist, dass die Autoren von den aufstrebenden Staaten Zugeständnisse in Sachen Klimapolitik fordert - obwohl sie selbst aus einem Schwellenland stammen.

Technischer Fortschritt - das Prinzip Hoffnung

Dabei klingt die Prämisse der beiden Autoren zunächst exakt nach der altbekannten Position der Schwellenländer: Ihre wirtschaftliche Entwicklung dürfe nicht beeinträchtigt werden, verpflichtende Ziele zur Emissionssenkung seien deshalb tabu. Unter Forschern herrscht allerdings weitgehende Einigkeit, dass das Zwei-Grad-Ziel unter diesen Umständen auf keinen Fall erreicht werden kann. Folgerichtig räumen Mattoo und Subramanian ein: "Wachstums- und Klimaziele sind unvereinbar, zumindest beim jetzigen Stand der Technologie."

Der Lösungsvorschlag der beiden Ökonomen lautet: technischer Fortschritt. Und zwar kein gradueller, sondern ein extremer, revolutionärer Fortschritt. Nur wenn dieselbe wirtschaftliche Aktivität deutlich weniger Emissionen produziere, könne der Klimawandel aufgehalten werden.

Die Autoren fordern die Schwellenländer auf, die Gründung eines Fonds für grüne Technologie zu unterstützen und selber einzuzahlen. Ihre Rechnung: Wenn allein 22 Entwicklungsländer 0,2 Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts 15 Jahre lang beisteuerten, käme eine halbe Billion Dollar zusammen.

Fonds-Idee ist nicht neu

Ob das allerdings für einen Fortschritt reichen würde, erscheint fraglich. Denn die Idee eines Fonds, der den Entwicklungs- und Schwellenländer beim Übergang in eine emissionsärmere Wirtschaft hilft, ist keinesfalls neu. Schon auf der Uno-Klimakonferenz in Kopenhagen 2009 wurde die Einrichtung des "Grünen Klimafonds"beschlossen; möglicherweise wird er seinen Sitz in Bonn beziehen. In ihn sollen die Industrieländer von 2020 an rund 100 Milliarden Dollar jährlich einzahlen. Damit würde dieser Fonds über dreimal so viel Geld verfügen wie der, den Mattoo und Subramanian vorschlagen. Trotzdem hatte bisher niemand gehofft, mit ihm eine technologische Revolution auszulösen.

Das hat Gründe, denn Wissenschaftler halten einen technologischen Wandel dieser Dimension für extrem unrealistisch - besonders in einem Tempo, das für die wirksame Senkung der CO2-Emissionen notwendig wäre. Mattoo und Subramanian erklären nicht, wie diese Durchbrüche erreicht werden sollen, obwohl dies ein Schlüsselelement ihrer Strategie ist.

Ebenso fraglich ist, ob das Konzept von Mattoo und Subramanian politisch aufgehen kann. Denn der eigenfinanzierte Fonds ist nicht das einzige Zugeständnis, das sie den Schwellenländern abverlangen: Sie schlagen auch vor, Klimazölle zuzulassen. Demnach dürften Industrieländer Abgaben auf Produkte aus Ländern erheben, in denen die Umweltstandards niedriger sind. Der Zoll soll Anreize für den Klimaschutz setzen sowie jene Staaten und Unternehmen schützen, die Kosten von klimapolitischen Maßnahmen tragen. Darüber hinaus sollen sich Schwellen- und Entwicklungsländer zu Emissionseinsparungen verpflichten und die Subventionierung fossiler Brennstoffe auslaufen lassen.

Das alles liest sich wie die Giftliste der internationalen Klimaverhandlungen. So haben die USA in der Vergangenheit mehrfach gedroht, Klimazölle etwa auf Produkte aus China zu erheben. Die Folge: Nicht nur Peking, auch Völkerrechtler und Umweltökonomen warnten vor einem Handelskrieg.

So liefert "Greenprint" eine Strategie, die zwar interessante Idee beinhaltet und bestehende Ansätze weiterentwickelt. Eine Konkretisierung der Pläne vom Reißbrett aber fehlt.

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insgesamt 388 Beiträge
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1.
marthaimschnee 16.03.2013
Solange man jedes Ziel der Ökonomie unterordnet, wird überhaupt nichts erreicht werden. Das ist wie Frau Merkels "marktkonforme Demokratie", bei dem sich die Elite die Demokratie wie eine Marionette hält, der zwar gerne eigene Interessen gestattet werden, jedoch nur, solange sie nicht mit denen der Märkte kollidieren ... also praktisch niemals!
2. der Wille zum handeln fehlt
spon-facebook-10000009156 16.03.2013
Keiner will wirklich etwas tun, alles nur Vorschläge, doch der Wille zum handeln fehlt.
3. Warum soll man das Klima retten?
spiegkom 16.03.2013
Warum soll man das Klima retten?
4.
Jochen Binikowski 16.03.2013
Ich gehe jede Wette ein dass diese Studie aus Steuergeldern finanziert wurde. Selten so einen Schwachsinn gelesen. Zum Glück werden die Schwellenländer nicht so blöde sein und ihre Wirtschaft durch ein EEG gegen die Wand zu fahren und die Bevölkerung durch grün angemalte Blutsauger ausplündern zu lassen.
5. Diese Länder werden einen
ronald1952 16.03.2013
Zitat von sysopDie globalen Klimaschutz-Verhandlungen sind festgefahren, der CO2-Ausstoß eilt von Rekord zu Rekord. Jetzt versprechen zwei indische Ökonomen Abhilfe: In einem Buch fordern sie, dass ausgerechnet Schwellenländer wie China und Indien die Führung beim Umweltschutz übernehmen. "Greenprint": Wie die Schwellenländer das Klima retten sollen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/greenprint-wie-die-schwellenlaender-das-klima-retten-sollen-a-888432.html)
Teufel tun, daß Klima zu retten, sind diese länder doch zu erstenmal in der Lage, die Weltwirtschaft zu bestimmen. Und wer am Drücker sitzt lässt sich das auch nicht nehmen. als der Westen noch die Weltwirtschaft nummer Eins war, hat da jemand Rücksicht auf die anderen Länder, oder das Klima genommen? Würden diese Großmäuler die immer so ihren Mund aufreißen doch endlich mal ihre verdeammte Heuchelei lassen. Aber leider fehlt denen jeglicher Charakter dazu. Immer die anderen, was? schönen Tag noch,
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