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Grenzenlose Energie: Iraner versprechen Fusionsreaktor bis 2020

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Iran will das Sonnenfeuer zünden: Das Land hat den Bau eines eigenen Kernfusionsreaktors angekündigt - und zwar binnen zehn Jahren. Damit würden Teherans Forscher die Konkurrenz aus den Industriestaaten weit hinter sich lassen. Westliche Experten reagieren mit Unglauben.

Sonne: Iraner wollen die Kernfusion nutzbar machen Zur Großansicht
DPA

Sonne: Iraner wollen die Kernfusion nutzbar machen

Die iranische Regierung will schaffen, was kein westliches Land bisher vollbracht hat: einen funktionierenden Fusionsreaktor bauen, und das bis zum Jahr 2020. Damit wäre Teheran schneller fertig als die gesamte Konkurrenz der restlichen Welt, die derzeit am "Iter"-Projekt arbeitet. Am "International Thermonuclear Experimental Reactor" sind die EU, China, Indien, Japan, Südkorea, Russland und die USA beteiligt. Er soll nach aktuellen Planungen 2019 den Testbetrieb aufnehmen, wird aber seit Jahren von Problemen und einer Explosion der Kosten geplagt, die inzwischen auf 15 Milliarden Euro taxiert werden.

Iran will die restliche Welt nun überholen. Entsprechende Ankündigungen kursieren seit einiger Zeit - und jetzt hat Asghar Sediksade, Chef des iranischen Kernfusions-Forschungszentrums, sie präzisiert. Derzeit arbeiteten 36 Menschen an der Entwicklung des Fusionsreaktors, sagte Sediksade der halbamtlichen Nachrichtenagentur Isna. "Innerhalb der nächsten zehn Jahre wird das Personal auf 2000 Leute aufgestockt."

Man plane, "mindestens einen eigenen experimentellen Kernfusionsreaktor zu bauen", sagte Sediksade. Natürlich bedeute das nicht, dass man nicht in Kontakt mit anderen wissenschaftlichen Institutionen bleiben wolle. "Wir beachten auch die Kooperation mit anderen Kernfusionszentren", so Sediksade. Ob er damit eine internationale Zusammenarbeit meinte, blieb offen.

"Winzig kleines Experiment"

Herkömmliche Atomkraftwerke gewinnen durch Kernspaltung Energie. Die Kernfusion, bei der durch Verschmelzung von Atomkernen ungeheure Energiemengen entstehen, wurde dagegen bisher nur in Wasserstoffbomben erfolgreich eingesetzt (siehe Kasten). Ihre Nutzung zur Energiegewinnung ist bei weitem schwieriger und bisher noch nicht über das experimentelle Stadium hinausgekommen. Auch Iran hat auf diesem Gebiet bisher nur Grundlagenforschung betrieben.

"Von den Fachkonferenzen der vergangenen Jahre war lediglich bekannt, dass die Iraner ein winzig kleines Experiment besitzen, das sie von den Chinesen bekommen haben", sagt Hans-Stephan Bosch vom Max-Planck-Institut für Plasmaphysik (IPP) in Greifswald. Dabei handele es sich wie bei "Iter" um einen sogenannten Tokamak, bei dem das heiße Fusionsplasma von starken Magnetspulen umschlossen wird. Der "Iran Tokamak-1" (IR-T1) werde am Plasmaphysik-Forschungszentrum der Azad-Universität in Teheran betrieben.

Die Ankündigung Teherans, bis 2020 einen funktionsfähigen Fusionsreaktor zu bauen, hält Bosch allerdings für unglaubwürdig. "Es gibt physikalische Gründe dafür, dass ein solches Experiment die Ausmaße eines 'Iter' besitzen muss", sagt Bosch im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Bisher sei nirgendwo bekannt geworden, dass die Iraner auch nur ansatzweise bei einer solchen Größenordnung angelangt seien.

"Auf dem Stand russischer Anlagen Mitte der sechziger Jahre"

Auch die bisher genannten Investitionssummen würden nicht dazu passen. So hatte Ali Akbar Salehi, Chef der iranischen Atomenergiebehörde, laut einem Bericht der russischen Nachrichtenagentur Ria Novosti im Juli acht Millionen Dollar für das Fusionsprogramm angekündigt - die Ausgaben für "Iter" sind fast 200-mal größer.

Auch IPP-Forscher Karl Lackner äußerte sich skeptisch: "Es ist auszuschließen, dass im Iran in den nächsten zehn Jahren eine Fusionsanlage gebaut wird, die mit den Fusionsbrennstoffen Deuterium und Tritium sinnvoll betrieben werden kann - die Mindestforderung an einen experimentellen Kernfusionsreaktor", erklärte der Professor. Und selbst das würde erst den Zielen der europäischen Gemeinschaftsanlage "Jet" entsprechen.

Um aber eine Anlage wie "Iter" zu bauen, die deutlich mehr Energie erzeugt als sie zum Heizen des Plasmas verbraucht, fehle Iran zu einen die plasmaphysikalische Erfahrung, die im Fall von "Iter" in 40 Jahren aufgebaut werden musste. Zum anderen besitze Iran auch nicht die technischen und industriellen Kompetenzen, wie sie zum Beispiel zum Bau großer supraleitender Magnete oder hochspezialisierter Plasmaheizsysteme benötigt würden. Die iranische IR-T1-Anlage "entspricht in ihren Leistungsdaten dem Stand russischer Anlagen Mitte der sechziger Jahre", so Lackner.

Reaktor soll auch bei der Heilung von Krebs helfen

"Iter", der im französischen Cadarache entsteht, soll 2019 mit dem Testbetrieb beginnen und 2026 die erste Energie liefern - falls das Experiment gelingt. "Sollten die Iraner wirklich bis zum Jahr 2020 einen Reaktor fertigstellen wollen, wäre das interessant", meint Bosch.

Iran ist nicht das erste Land, das mit der Ankündigung eines Fusionsreaktors überrascht. Erst im Mai hatte Nordkorea ähnliche Pläne verkündet. In einer nordkoreanischen Zeitung hieß es, das Land habe alle wissenschaftlichen und technologischen Hürden genommen und die kontrollierte Kernfusion in Gang gesetzt. Unabhängige Experten hielten diese Behauptung ebenfalls für unglaubwürdig.

Der Bau eines Fusionsreaktors, in dem es zur kontrollierten Kernfusion kommt, wäre ein weitreichender wissenschaftlicher und energiepolitischer Durchbruch, denn als Rohstoffe für den Betrieb reichen letztlich Wasser oder Wasserstoff. Mit der Energiegewinnung allein will sich Irans Forschungszentrums-Chef Sediksade nicht einmal zufrieden geben. Das Kernfusionsprojekt solle auch Arzneimittel für die Nuklearmedizin, die "Heilung von Krebs" und neue Erkenntnisse in der Nanotechnologie ermöglichen, wird Sediksade von Isna zitiert.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 107 Beiträge
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1. Optimismus
pax, 31.08.2010
Zitat von sysopIran will das Sonnenfeuer zünden: Das Land hat den Bau eines eigenen Kernfusionsreaktors angekündigt - und zwar binnen zehn Jahren. Damit würden Teherans Forscher die Konkurrenz aus den Industriestaaten weit hinter sich lassen. Westliche Experten reagieren mit Unglauben. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,714818,00.html
Einen gewissen Coolness-Faktor hat aber eine solche Ankündigung :-D
2. Haha, guter Joke!
blue_plasma, 31.08.2010
Selten so gelacht. Wenn's mit Ahmadinedschad (oder so ähnlich) abgestimmt war, gut. Wenn nicht, dann wollte ich nicht Leiter der Forschungsabteilung sein... :) Weitere Möglichkeit: Der Iran bzw. die aktuelle Regierung versucht durch sein lautes Krakelen in der letzten Zeit (Drohnen, Raketen, Kernenergie etc.) die Bevölkerung hinter sich zu scharen. Wenn dies der Fall wäre, wär's um die politische Stabilität dort arm bestellt....
3. ...
Tsardian 31.08.2010
Habe gut gelacht. Der Iran weiß wie man sich lächerlich macht.
4. ICH kündige hiermit an...
peterki 31.08.2010
...in 10 Jahren nicht nur die kalte Kernfusion für die Hosentasche im Griff zu haben, sondern den Welthunger besiegt zu haben und wenn noch ein kleines bisschen Zeit bleibt, sorge ich noch für den Weltfrieden. Mann sind das Schwätzer... Wie seinerzeit Chemie-Ali, der darauf bestand, daß die Amis vor den Mauern Bagdads reihenweise Selbstmord begehen, weil die Iraker unglaublich überlegen sein werden. Jaja, soviel zu realistischer Selbsteinschätzung...
5. Na ist denn schon wieder April?
sonobox 31.08.2010
Von 8 Millionen zu 15 Milliarden ist der Faktor nicht fast 200, sondern fast 2000. Ansonsten guter Artikel fuer den 1. April ;).
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"Iter": Milliardenschweres Großprojekt

Kernfusion - die Energiequelle der Zukunft?
Physik
REUTERS/NASA
Unter Kernfusion versteht man die Verschmelzung zweier Atomkerne zu einem schweren Kern. Abhängig von der Art der Elemente werden bei diesem Prozess ungeheure Mengen an Energie frei - zu besichtigen etwa bei der Sonne. Im Innern von Sternen herrscht derart großer Druck und eine entsprechend hohe Temperatur, dass Wasserstoffkerne zu Heliumkernen verschmelzen. Die praktische Nutzung des Effekts zur Energiegewinnung auf der Erde ist schwierig - wegen der immens hohen Temperaturen des Plasmas.
Militärische Nutzung
AP
Die einzige Nutzung der Kernfusion, die Menschen bisher zustande gebracht haben, ist die militärische: Nur in Wasserstoffbomben konnten Atomkerne im größeren Maßstab zur Fusion gebracht werden. Ihre Wirkung ist bei weitem stärker als die von Kernspaltungsbomben wie der Hiroshima- oder der Nagasaki-Bombe. Der größte jemals gezündete Nuklearsprengsatz war die russische "Zar"-Wasserstoffbombe. Mit einer geschätzten Sprengkraft von 50 bis 60 Megatonnen TNT war sie fast 4000-mal stärker als die Hiroshima-Bombe, deren Sprengkraft bei 13 bis 15 Kilotonnen TNT lag.
Nutzung als Energiequelle
DER SPIEGEL
Die Nutzung der Kernfusion als Energiequelle gilt als technisch äußerst ehrgeizig. Viele Experten bezweifeln gar, dass sie jemals möglich sein wird. Am aussichtsreichsten gilt die Fusion auf Basis des schweren Wasserstoff-Isotops Deuterium: Verschmelzen Deuterium- zu Helium-Kernen, wird dabei relativ zur eingesetzten Masse mehrere Millionen Mal mehr Energie frei als bei der Verbrennung fossiler Stoffe. Allerdings muss das Deuteriumgas dafür extrem verdichtet und auf rund 100 Millionen Grad Celsius erhitzt werden - was einen enormen Energieeinsatz voraussetzt. Ein weiteres Problem ist, das heiße Gas an Ort und Stelle zu halten. Forscher erhoffen sich dies von elektrischen und magnetischen Feldern.

Sollten diese Hürden eines Tages genommen werden, sind die Verheißungen groß: Fusionskraftwerke wären Studien zufolge weit weniger gefährlich als die bisherigen auf Kernspaltung basierenden Kraftwerke und würden kaum strahlende Abfälle verursachen.
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NIF: Eine Mini-Sonne auf Erden


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