Grönland und der Klimawandel Sonnenstrom fürs Eisberg-Land

Nur wenige Weltregionen werden so brutal vom Klimawandel getroffen wie Grönland, trotzdem will die Regierung den CO2-Ausstoß massiv erhöhen und fördert Großprojekte der Industrie. Umweltschützer wollen gegensteuern - und setzen, trotz teils finsterer Arktisnächte, ausgerechnet auf Solarenergie.

Aus Assaqutaq berichtet


Vorsichtig und ein bisschen ungelenk wenden die Mädchen die Fische. Auf dem Holzgestell vor den beiden Kindern spannt sich ein grobmaschiges Kunststoffnetz, darauf liegen rote Filets vom Seesaibling und weiße Stücke vom Heilbutt zum Trocknen. Seth Marcussen, 60, beaufsichtigt die Prozedur am Hafen. Der Mann mit der Tarnweste und dem praktischen Bürstenhaarschnitt bringt den Grundschülern in einer Art Ferienhort bei, wie man im glasklaren Wasser angelt, wie man die Fische ausnimmt und sie anschließend trocknet.

Marcussen und die Kinder sind die einzigen - zumindest temporären - Bewohner von Assaqutaq, einem ehemaligen Fischerdorf an der grönländischen Westküste. Man braucht von Sisimiut, der zweitgrößten Stadt der Insel, etwa 20 Minuten hierher, wenn man mit dem Motorboot mit 25 Knoten durch die Fjorde brettert. Fast alles in der Siedlung atmet Verfall und Vergangenheit: Die meisten der Holzhäuser des Ortes, rund ein Dutzend, stehen leer. Scheiben sind verschwunden, Türen vernagelt. Auf den Steinen wachsen schwarz-braune Moose und Gräser, Tausende Mücken sirren in der kalten Luft.

Doch auf dem Dach eines weinroten Hauses, in dem die Kinder bei schlechtem Wetter unterkommen, findet sich auch ein bisschen Zukunft: Mit Hilfe von Solarpaneelen und einem kleinen Windrad testet Artek, das Zentrum für arktische Technologie aus Sisimiut, in dem Örtchen die Erschließung umweltfreundlicher Energiequellen. Führender Kopf hinter dem Vorhaben ist der Ingenieur Jørn Hansen, 57, der vor 35 Jahren aus Dänemark nach Grönland kam. "Mit diesem Projekt wollen wir zeigen, dass die Erschließung alternativer Energiequellen möglich ist. Bisher wissen die Leute hier davon kaum etwas", sagt Hansen.

Es gibt zwei Geschichten, die man erzählen muss, wenn man sich mit Grönland und seiner Antwort auf den Klimawandel beschäftigt. Die von Jørn Hansen und seinen Artek-Kollegen ist die eine. Sie handelt davon, wie sich die Insel, deren traditionelle Jäger immer öfter mit ihren Schneemobilen im vielerorts dünner werdenden Eis einbrechen, auf eine wärmere Erde einstellt. Und davon, welchen Beitrag Grönland zur Lösung des Problems zu leisten bereit ist.

Das Vorhaben in Assaqutaq hat einstweilen eher symbolischen Wert: Die Photovoltaik-Anlage und das Windrad zusammen können gerade einmal 600 Watt liefern - maximal. Aber vor allem geht es den Artek-Mitarbeitern darum, die Grönländer überhaupt an einen recht simplen Gedanken zu gewöhnen: dass Strom nicht zwangsläufig von einem Dieselgenerator kommen muss. Zumindest für Neubauten und größere Renovierungsprojekte können die Inselbewohner bereits heute staatliche Förderung bekommen, wenn sie in eine Solaranlage oder ein Windrad investieren. Doch nur wenige, so sagt Hansen, nutzen dieses Geld.

Die Arktis ist so stark vom Klimawandel betroffen wie keine andere Weltregion - und gerade die Eisberge von Grönland müssen immer wieder als Symbol für den Kampf gegen die brutalen Folgen herhalten. Da ist die Nutzung regenerativer Energien besonders sinnvoll, möchte man meinen. Doch bisher deckt die Insel einen großen Teil ihres Energiebedarfs mit importiertem, steuerbefreiten Diesel. Immerhin gibt es bereits drei Wasserkraftwerke, ein weiteres wird derzeit geplant.

Ingenieur Hansen, fast weiße Haare, auffällige Metallbrille, ist das nicht genug. Er hofft auf eine Vielzahl kleiner Anlagen in den versprengten Siedlungen der Insel. Doch das ist alles andere als einfach: "Wir haben ein sehr hartes Klima hier. Wir müssen beweisen, dass die Technik funktioniert." Wasserkraft ist bestenfalls im Süden Grönlands eine realistische Option. In Sisimiut und Umgebung liegt die Jahrestemperatur im Schnitt bei einem Grad minus. Im Norden frieren die Flüsse von Dezember bis Mai zu. Solaranlagen hält Hansen deswegen für interessanter - trotz des Lichtmangels in der dunklen Jahreszeit: "Auch im Winter gibt es ziemlich viel Helligkeit durch den Schnee", beteuert er.

In Sisimiut haben der rührige Ingenieur und seine Kollegen deswegen eine weitere Solaranlage installiert. Sie thront auf der Knud-Rasmussen-Schule, einem weinroten Holzbau am Stadtrand. Neben flachen Solarpaneelen besteht die Installation auf dem Dach auch aus Vakuumröhren, die das Sonnenlicht aus jedem beliebigen Winkel aufnehmen sollen - und so die Mitternachtssonne des arktischen Sommers besonders effektiv nutzen.

Und in Sarfannguaq, einer westgrönländischen Fischersiedlung mit etwa hundert Einwohnern, ist Artek gerade dabei, ein kleines Sechs-Kilowatt-Windrad errichten. Auf dem Berg steht schon ein zehn Meter hoher Mast, die Turbine mit fünfeinhalb Meter Durchmesser fehlt noch. Wer, wie etwa in Deutschland, an riesengroße Windparks gewöhnt ist, mag über solche Dimensionen schmunzeln - für Grönland ist das Projekt trotzdem Neuland. "Es ist eine sehr gute Idee. Es ist gut für die Umwelt", sagt Lissi Sika. Sie wohnt in Sarfannguaq und verdient ihr Geld in der Fischfabrik am Hafen, wo ihr Kollege Karl gerade den Heilbutt verlädt, der mit dem Schiff angekommen ist.

Neben Wasser-, Wind- und Sonnenkraft beschreitet Grönland bei der Suche nach regenerativen Energieträgern auch recht exotische Wege: In einem Pilotprojekt wird derzeit - zum Leidwesen von Umweltschützern - sogar die Möglichkeit der Biogasgewinnung aus verendeten Grönlandhaien untersucht. Die Tiere mit dem ungenießbaren Fleisch landen immer wieder in den Netzen der Küstenfischer.

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Ökopit 13.09.2008
1. Wem? - Mir natürlich!
Zitat von sysopBisher wurden die Bodenschätze am Nordpol nur sehr zurückhaltend abgebaut. Steigende Energiepreise und steigender Bedarf wecken jedoch Begehrlichkeiten - sollen die Reserven unter der Arktis künftig intensiver ausgebeutet werden?
... wollte ich spontan antworten, als ich die Überschrift las - so werden aber wohl auch die anderen 6,7 Mrd. Menschen denken, also ist es auch hier wieder nicht so einfach, wie es auf den ersten Blick scheint! Zu der weiteren Frage, ob diese Bodenschätze genutzt werden sollen, warum eigentlich nicht, denn eine "Sünde" (oder Verschwendung) ist nur die "Nichtnutzung! Und "Nichtnutzungsgebiete" (Naturschutzgebiete / Naturparks / Nationalparks / FFH - Schutzgebiete usw. usw.) haben wir sicher schon genug.
MarkH, 14.09.2008
2.
Zitat von sysopBisher wurden die Bodenschätze am Nordpol nur sehr zurückhaltend abgebaut. Steigende Energiepreise und steigender Bedarf wecken jedoch Begehrlichkeiten - sollen die Reserven unter der Arktis künftig intensiver ausgebeutet werden?
Sicher wer es machen will und den Preis dafür zahlt-.. sollte es tun. Ein HArtz4-Job kann das dann aber nicht sein
Ökopit 14.09.2008
3. So so?
Zitat von MarkHSicher wer es machen will und den Preis dafür zahlt-.. sollte es tun. Ein HArtz4-Job kann das dann aber nicht sein
Könnte nicht gerade die Erschließung "des Nordens" (auch) eine Chance für "Hartz IV"-er (im übertragenen Sinne) = will sagen, für alle in den heute entwickelten Gesellschaften durch Rationalisierung überflüssig gewordenen Menschen sein? Das Problem von "Hartz IV" ist beispielsweise doch nicht, dass alle davon Betroffenen "faul und unwillig" sind, viele einfache Tätigkeiten sind einfach wegrationalisiert worden, und "das unbesiedelte Amerika zum Auswandern" gab es im 20. Jahrhundert einfach nicht! Gebiete im Norden, die durch den Klimawandel "nutzbar" werden, könnten einen neuen "Westen" bedeuten, also kaufen wir dort Land und schaffen "Dörfer und Städte", wie wir sie uns vorstellen - die Menschen dazu werden freiwillig kommen, nicht nur die (nicht faulen) Hartz IV-er aus Deutschland, auch Millionen (zweit- und drittgeborene) Söhne aus allen eher feudal strukturierten Ländern der von uns verachteten "Dritten Welt"! Und wenn wir vernünftige Gesetzte schaffen, werden wir auch eine "zufriedene" Gesellschaft erhalten (Warum sollten wir Bierbrauen oder Schnapsbrennen verbieten, wenn unsere Kolonisten neben ihrer Nahrung dafür ausreichend Gerste und kartoffeln anbauen können?) Warum sollten wir den Waffeneinsatz reglementieren? Für jeden Erschossenen stehen drei potentielle Bewerber an den Grenzen? Warum sollten wir viele andere reglementiernde Regelungen unserer Heimat übernehmen - wir wollen nicht nur eine bessere Welt, unsere Welt im Norden soll "das Paradies auf Erden" werden! Aufgewacht, aber über den "Traum" sollte wirklich weiter nachgedacht werden ...
AlextheMADCAT 15.09.2008
4. Ich sage mal...
Zitat von sysopBisher wurden die Bodenschätze am Nordpol nur sehr zurückhaltend abgebaut. Steigende Energiepreise und steigender Bedarf wecken jedoch Begehrlichkeiten - sollen die Reserven unter der Arktis künftig intensiver ausgebeutet werden?
ganz plakativ Ja. Auch wenn diese Reserven uns natürlich nicht davon befreien nach Alternativen zu suchen.
malaki 15.09.2008
5. Ist doch klar...
Zitat von sysopBisher wurden die Bodenschätze am Nordpol nur sehr zurückhaltend abgebaut. Steigende Energiepreise und steigender Bedarf wecken jedoch Begehrlichkeiten - sollen die Reserven unter der Arktis künftig intensiver ausgebeutet werden?
Sie gehören dem der mit den meisten Kriegsschiffen dort hinfährt.
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