Umstrittene Gasförderung: Umweltbundesamt warnt vor Fracking

Rückschlag für die Fracking-Technologie: Das Umweltbundesamt warnt vor dem Einsatz der umstrittenen Erdgas-Fördermethode in Deutschland. Sie soll demnach nur unter strengen Umweltauflagen in Frage kommen - und in Trinkwasserschutzgebieten komplett verboten werden.

Fracking: UBA warnt vor umstrittener Fördermethode Fotos
DPA

Berlin - Die umstrittene Erdgasförderung aus tiefen Gesteinsschichten soll in Deutschland nur unter strengen Auflagen erlaubt werden. Zu diesem Ergebnis kommt das bisher umfangreichste Gutachten zur Fracking-Technologie, das vom Umweltbundesamt (UBA) für Umweltminister Peter Altmaier (CDU) erstellt worden ist.

UBA-Präsident Jochen Flasbarth geht davon aus, dass in Deutschland ein erschließbares Potential von 1,3 Billionen Kubikmetern Gas in unkonventionellen Lagerstätten schlummert - vor allem in Schiefer, Granit und Ton. Das entspreche dem gesamten Bedarf der nächsten 13 Jahre in Deutschland, sagte Flasbarth am Donnerstag bei der Präsentation des Gutachtens. Vorkommen gibt es vor allem in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen, in kleineren Ausmaßen aber auch in allen anderen Bundesländern.

Fracking (kurz für "Hydraulic Fracturing") ist in Deutschland heftig umstritten. Bei der Methode wird ein Gemisch aus Sand, Wasser und Chemikalien in das Gestein gepresst, um es aufzubrechen und das Gas freizusetzen. Kritiker befürchten die Verschmutzung der Umwelt und die Verunreinigung des Grundwassers. Andere Experten halten dagegen: Fracking sei zwar nicht schonender als andere Arten der Förderung, aber auch nicht unbedingt schädlicher, solange die Umweltschutzregeln beachtet würden.

Die UBA-Autoren kommen in ihrem 466 Seiten starken Gutachten nun zu dem Schluss, dass die Technologie insbesondere wegen des Chemikalieneinsatzes und der Entsorgung des anfallenden Abwassers erhebliche Risiken birgt. Ein Verbot der Methode empfehlen sie nicht, allerdings soll die Förderung von Erdgas aus unkonventionellen Lagerstätten strengen Umweltverträglichkeitsprüfungen unterliegen.

UBA rät von "großtechnischem Einsatz" ab

Seine Behörde rate auf Basis des Gutachtens, "derzeit von einem großtechnischen Einsatz abzusehen", sagte Flasbarth. Gleichwohl solle die Technologie weiter untersucht werden. Verboten werden soll Fracking in Trinkwasserschutzgebieten, die 14 Prozent der gesamten Fläche in Deutschland ausmachten. "Trinkwasser ist ein hohes Schutzgut", betonte der UBA-Chef. Die hohe Qualität des Trinkwassers in Deutschland solle nicht beeinträchtigt werden. Altmaier äußerte sich ähnlich: "Man kann aus dem Gutachten den Schluss ziehen, dass man in Trinkwassergebieten Fracking nicht zulassen sollte." Rechtliche Anforderungen an Fracking-Vorhaben in Bezug auf den Grundwasserschutz ergeben sich laut Gutachten zudem aus dem Berg- und Wasserrecht.

Flasbarth betonte aber, dass die Gefahren für das Trinkwasser nicht den Schluss zuließen, dass Fracking grundsätzlich verboten werden solle. Er verwies darauf, dass das Gutachten Umweltverträglichkeitsprüfungen für jede Bohrung empfehle. Dies sei nicht nur eine Formalie.

Altmaier bezeichnete das Gutachten als "exzellente Basis" für Gespräche mit allen Beteiligten. Das Thema sei hochkomplex, weil es zum einen schon seit Jahren Bestrebungen gebe, die Erdgasvorkommen auszubeuten, auf der anderen Seite aber eben auch erhebliche Bedenken. Diese müssten ernst genommen werden. Das werde noch einige Zeit in Anspruch nehmen.

Grüne fordern Fördermoratorium

Die Grünen verlangten hingegen ein Moratorium für die Förderung der Schiefergase. "Durch diesen Schritt könnte Altmaier die von Wirtschaftsminister Rösler und seinem Amtsvorgänger hinterlassen Trümmer wegräumen und Vertrauen wiedergewinnen", sagte der Sprecher für Energie und Ressourceneffizienz der Grünen-Bundestagsfraktion, Oliver Krischer. Bereits seit zwei Jahren sei bekannt, was das Gutachten nun erneut empfehle: Schritt für Schritt Wissenslücken zu schließen und den rechtlichen Rahmen anzupassen. Schwarz-Gelb habe jedoch Arbeitsverweigerung betrieben, während sich die Erdgasunternehmen ihre Claims bereits gesichert hätten.

Im Dezember soll es ein großes Expertenforum geben, bevor eine bundesweite gesetzliche Regelung im Bundestag auf den Weg gebracht werden soll. Altmaier forderte eine Versachlichung der Debatte. "Für mich geht Gründlichkeit vor Eile." In den USA sind die Energiepreise durch die massive Erschließung von Schiefergasvorkommen gesunken - allerdings gibt es Berichte über ökologische Schäden. In Deutschland wittert unter anderem der Konzern ExxonMobil ein großes Geschäft.

SPD und Grüne warfen der Regierung vor, eine bundesweite Regelung zu verschleppen. Im Mai hatten Union und FDP Anträge beider Parteien für strenge Auflagen beim Fracking abgelehnt. Die Linke fordert ein komplettes Verbot. Bayerns Umweltminister Marcel Huber (CSU) betonte: "Das Gutachten bestätigt die Bedenken Bayerns gegen diese riskante Technik. Es besteht eine hohe Unsicherheit, ob man die giftigen Substanzen punktgenau einbringen kann." Gefährdungen der Umwelt und besonders des Trinkwassers müssten sicher ausgeschlossen werden.

Der Bundesgeschäftsführer des Naturschutzbundes, Leif Miller, forderte: "Der Goldgräberstimmung zur Ausbeutung fossiler Energien in Deutschland muss mit einem Fördermoratorium Einhalt geboten werden". Auch der Verband kommunaler Unternehmen (VKU) zeigte sich skeptisch. Neben den natürlichen Bohrrisiken müssen insbesondere der Einsatz und Verbleib von Chemikalien genauestens geklärt werden.

mbe/dpa/dapd

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1. äußerst Riskant
ediart 06.09.2012
Diese Methode wird in den USA ungeniert praktiziert. Ergebniss sind Gaseinbrüche in Grundwasser und Gasaustritt in Haushalten aus den Wasserhähnen. Das sind Dokumentierte Nebenwirkungen dieser Methode. Den Konzernen ist das egal diese sehen nur ihren Profit. Es sollen bereits Probeverfahren durch US Konzerne in Niedersachsen angewandt worden sein . Wenn dem so sei wer hatte da die Erlaubnis erteilt? Oder dürfen die Energiekonzerne einfach mal so in der Erde rumstochern?
2. Fracking wird seit 60 Jahren angewandt,
willibaldus 06.09.2012
Zitat von ediartDiese Methode wird in den USA ungeniert praktiziert. Ergebniss sind Gaseinbrüche in Grundwasser und Gasaustritt in Haushalten aus den Wasserhähnen. Das sind Dokumentierte Nebenwirkungen dieser Methode. Den Konzernen ist das egal diese sehen nur ihren Profit. Es sollen bereits Probeverfahren durch US Konzerne in Niedersachsen angewandt worden sein . Wenn dem so sei wer hatte da die Erlaubnis erteilt? Oder dürfen die Energiekonzerne einfach mal so in der Erde rumstochern?
auch in Deutschland. Das Feuer aus dem Wasserhahn aus dem besagten Panik Film war in dem Fall ein natürliches Phänomen und nicht durch Fracking verursacht. Im übrigen findet man in vielen Grundwässern einen Methananteil. Die Probleme in den USA rühren daher, dass viele tight gas Vorkommen recht flach liegen und bei Fracking durchaus die Deckschicht zu Grundwasservorkommen beschädigt werden könnten. Ausserdem ist die Berichtspflicht in USA bezüglich der benutzten Chemikalien eher schwachbrüstig bis nicht vorhanden. In Deutschland dagegen muss das Bergamt das vorher freigeben, wenn ich recht informiert bin. Die Gasvorkommen in Norddeutschland liegen eher in 5000 Metern Tiefe. Ein anrühren der Grundwasserschicht sehe ich da nicht. Es gibt in Nordrheinwestfalen vor allem Gas aus relativ flachen Kohleflözen, die man fördern möchte, das sehe ich auch etwas kritischer. Bohren in Wasserschutzgebieten sollte sowieso nicht erlaubt sein.
3. Das sind Einzelfälle
digitalesradiergummi 06.09.2012
Zitat von ediartDiese Methode wird in den USA ungeniert praktiziert. Ergebniss sind Gaseinbrüche in Grundwasser und Gasaustritt in Haushalten aus den Wasserhähnen. Das sind Dokumentierte Nebenwirkungen dieser Methode. Den Konzernen ist das egal diese sehen nur ihren Profit. Es sollen bereits Probeverfahren durch US Konzerne in Niedersachsen angewandt worden sein . Wenn dem so sei wer hatte da die Erlaubnis erteilt? Oder dürfen die Energiekonzerne einfach mal so in der Erde rumstochern?
im Verhältnis zu den Umwerfungen des Deutschen Braunkohlewesens ist das nichts. Frankreich hat's verboten, um die Umwelt zu schützen, oder ihre Akws, was eher zu vermuten ist. Die Fördermethoden werden immer raffinierter. Das ganze läuft auf Strompreise unter 3ct/kwh raus, ohne nennenswerte Langzeitinvestitionen. Die Riesenrisko ergibt sich für bisherige Investitionen in die Stromwirtschaft.Das Potential ist gigantisch. In Deutschland vermutet man 20 Billionen qm3. Das sind in Strom umgerechnet 100 Billionen KWh. Der jährliche Stromverbrauch in Deutschland beträgt 700 Mrd Kwh, also 14 Jahre Strom. In Polen ist noch mal das Doppelte. Für die Haushalte ist das nicht so spektakulär, wer aber strategisch wichtige Industrien im Land halten will, (Papier,Stahl,Kupfer, Alu) kann gar nicht anders, ausser er hat Braunkohle, aber das erfordert erst mal grosse Investitionen in erheblichen Langzeitausmass. Auch wenn man's in Deutschland nicht macht, das Gas aus dem US-Tanker, dass bald kommt, (oder nicht) kolportiert komplett die Russenpipelines. Teuer neu gebaute oder übeholte AKWs sind nun komplette Fehlinvestitionen. Die Windräder und Solarmodule erweisen sich als zu teuer, aber es ergänzt sich wenigstens halbswegs.
4. Die Energiekonzerne
frank1980 06.09.2012
werden schon verhindern das in Deutschland der Gaspreis ähnlich stark fällt wie in den USA. Das könnte den Zorn der Energiekunden schüren. Wer würde bei Umsatzrenditen von 60 und mehr Prozent nicht sauer werden
5. Fracking dient
prof.blaubär 06.09.2012
nur dem Profitinteresse der Konzerne.Die Umweltrisiken sind enorm. Was Profitinteresse in der Autoindustrie hervorgebracht hat, wissen wir spätestens seit Harrisburg, Lingen, Tschernobyl und Fukushima. Fracking Nein Danke!
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Unkonventionelle Gasförderung
In Deutschland gibt es einen Run auf neue Erdgasquellen. Durch spezielle Bohrmethoden lässt sich der wertvolle Rohstoff selbst dann bergen, wenn er in kleinen, abgeschotteten Zwischenräumen verstreut ist. SPIEGEL ONLINE zeigt Chancen und Risiken des Booms im Überblick.
Weltweite Vorräte
Die Internationale Energieagentur schätzt, dass weltweit rund 921 Billionen Kubikmeter unkonventionellen Gases im Erdreich verborgen sind - fünfmal so viel wie in konventionellen Vorkommen. Andere Expertern gehen von noch größeren Mengen aus. Bislang gibt es für viele Länder aber nur Schätzungen über prinzipiell vorhandene Mengen (in-situ Mengen). Wie viel davon tatsächlich technisch (Ressourcen) und wirtschaftlich (Reserven) gefördert werden kann, ist noch nicht bekannt.
Die Reservoirs
Im Gegensatz zu konventionellen Vorkommen befindet sich unkonventionelle nicht in durchlässigen Gesteinsschichten, sondern in kleinsten Poren und Bruchzonen im Gestein. Die größten Vorkommen sind in Schiefergestein eingeschlossen. Aber auch in Tonschichten und Tundraböden finden sich Vorräte.
Die Fördermethode
Steuerbare Bohrer dringen nicht nur tief ins Erdreich vor, sondern wühlen sich auch horizontal ins Gestein. So kann die gashaltige Gesteinsschicht über eine Strecke von mehreren Kilometern durchbohrt werden. Damit das Gas entweichen kann, wird das Gestein durch eine Mischung aus Wasser, Chemikalien und Quarzkügelchen in Tausende Stückchen gesprengt. Die Sprengungen bezeichnet man als "hydraulic fracturing" oder "fracing" (sprich: "Fräcking"). Fracing wird sehr selten auch bei konventionellen Bohrungen eingesetzt - bei unkonventionellen ist es Standard.
Die Chemikalien
Der Anteil der eingesetzten Chemikalien an der Gesamtflüssigkeit beträgt nach Angaben der Industrie gut ein Prozent. Angesichts der Tatsache, dass beim Fracing einer Bohrung teils mehrere Millionen Liter Wasser eingesetzt werden, ist das allerdings immer noch eine Menge. Über die genaue Zusammensetzung der Chemikalien gibt die Industrie nur sehr zögernd Auskunft.
Folgen der Technologie
In den USA hat der Abbau von unkonventionellem Erdgas bereits in großem Stil begonnen und den Energiemarkt so umgekrempelt, dass der Rohstoffexperte und Pulitzerpreis-Gewinner Daniel Yergin von einer "American Gas Revolution" spricht.
Folgen für die Umwelt
In den USA gibt es Beschwerden von Anwohnern, die sagen, ihre Lebensbedingungen hätten sich verschlechtert - unmittelbar, nachdem in Nähe ihrer Wohnungen Fracing-Bohrungen vorgenommen wurden. US-Behörden haben zudem Luft- und Grundwasserverschmutzungen nachgewiesen. Inwieweit es sich um Einzelfälle handelt oder um ein flächendeckendes Problem - und inwieweit all die aufgetretenen Umweltschäden tatsächlich mit der unkonventionellen Gasförderung zusammenhängen, ist kaum untersucht. Die US-Regierung hat es bislang versäumt, die Umweltrisiken genau zu untersuchen.ssu

Buchtipp

Grafik: Wie unkonventionelles Gas gefördert wird Zur Großansicht
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Grafik: Wie unkonventionelles Gas gefördert wird

Fotostrecke
Gas aus der Tiefe: Unkonventionelle Vorkommen