Umstrittene Technik Volkswagens Hagelkanonen sorgen für Streit

Mexikanische Bauern klagen über Dürre - und machen ein VW-Werk dafür verantwortlich. Dort werden Kanonen eingesetzt, um Neuwagen vor Hagel zu schützen. Forscher halten die Geräte für wirkungslos.

Werk von Volkswagen in Puebla (Archivbild)
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Werk von Volkswagen in Puebla (Archivbild)


Hagel ist schlecht für Neuwagen. Zumindest über diese Feststellung dürfte es kaum Streit geben. Doch über das, was Volkswagen de México, die Betreiberfirma des nordamerikanischen Werkes des Volkswagenkonzerns gegen besagten Hagel tut, darüber gibt es seit einiger Zeit sehr wohl Zoff.

Das Unternehmen hatte in diesem Frühjahr begonnen, bei seinem Werk in Puebla, der größten Fabrik des Konzerns außerhalb von Deutschland, sogenannte Hagelkanonen einzusetzen. Die sollen Schäden an vom Band gelaufenen, aber noch nicht ausgelieferten Autos auf dem Werksgelände verhindern. Immerhin 450.000 Autos pro Jahr werden in dem Werk zusammengebaut.

Die Hagelkanonen sollen - vereinfacht gesprochen - so funktionieren: Mit Hilfe von brennbarem Gas werden in einer Verbrennungskammer kleinere Explosionen erzeugt. Die dabei entstehenden Schallwellen werden dann, gebündelt durch eine Art Trompete, in die Luft abgegeben. Bei einem herannahenden Sturm rumst es alle paar Sekunden. Die Luft, so der Plan, soll dabei gehörig durcheinanderwirbelt werden - damit sich an kleinen Kondensationskeimen wie Staubkörnchen keine Eisklümpchen bilden können.

Statt Hagel soll es auf diese Weise Regen geben.

Die Wirkung der Maßnahme ist unter Experten allerdings, gelinde gesagt, umstritten. Hagelkanonen werden unter anderem in Weinbauregionen immer wieder einmal eingesetzt, ohne dass es einen Nachweis für ihre Wirksamkeit gäbe. Ähnlich verhält es sich übrigens bei sogenannten Hagelfliegern, die Wolken mit Silberjodid impfen, um diese zum Abregnen zu bringen.

"Sie respektieren ihre Nachbarn nicht"

Bei der Hagelkanone geht das Hauptargument der Gegner - noch einmal vereinfacht gesprochen - ungefähr so: Viel lauter als die Knallerei der Hagelkanone ist eine natürliche Schallquelle, der Donner. Dieser tritt regelmäßig bei Gewittern auf - und ebenso bei Hagel. Der Donner scheint die Bildung des Hagels also nicht übermäßig zu behindern. Wie sollte es da die leisere Hagelkanone tun?

In Mexiko gibt es nun Streit. Nicht etwa, weil die Hagelkanonen - wie bei wissenschaftlicher Betrachtung zu erwarten - keinen Effekt hatten. Auch nicht weil die ständige Knallerei jemanden nervt. Und ebenfalls nicht, weil es - wie von der Anhängern der Technik versprochen - immer wieder einmal regnet (und eben nicht hagelt).

Sondern weil die Hagelkanonen von Puebla angeblich Regen verhindert haben. So jedenfalls sehen es die Bauern der Region. Sie leiden unter einer längeren Dürreperiode. Betroffen seien 2000 Hektar Ackerfläche. Deswegen haben sie Volkswagen schon seit längerem für die Verwendung der Geräte kritisiert. "Das Unternehmen kann andere Vorkehrungen treffen, um seine Autos zu schützen, aber die Menschen hier können von nichts anderem leben als ihrem Land", so Behördenvertreter Rafael Ramírez in dieser Woche.

Das Unternehmen hat nun angekündigt, auf die Bedenken zu reagieren. Die Hagelkanonen sollen nicht mehr im Automatikmodus laufen und nur noch zweites Mittel der Wahl sein - vor allem soll der Hagelschutz in Zukunft über Netze gesichert werden. Der Streit ist damit aber noch nicht vorbei, denn den Anwohnern reichen die versprochenen Maßnahmen nicht: "Es ist nicht hinnehmbar, dass sie dieses Gerät weiter einsetzen, auch nicht im manuellen Modus", so Ramírez. "Sie respektieren ihre Nachbarn nicht."

chs/AFP

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