Eines Tages wurde er auf eine Krankheit aufmerksam, die in keinem Lehrbuch stand: Die Beine seiner Patienten waren sonderbar verkrampft und gelähmt. Rosling fand heraus, dass Unterernährung und eine Vergiftung durch Maniokwurzeln die Ursachen waren. Maniok enthält Zyanverbindungen, man muss es daher lange kochen. Doch die Menschen in Mosambik waren hungrig, sie aßen die Wurzeln zu früh.
"Man kann die Tiefe von Armut nur begreifen, wenn man sie erlebt", sagt Rosling. Fast klingt es, als wolle er eine traurige Geschichte des Elends erzählen. Aber das liegt ihm fern. Die Menschen seien viel zu emotional, wenn es um Armut gehe. "Ich habe stattdessen angefangen zu zählen." Rosling wurde Wissenschaftler, er erforschte die Krankheit, die heute als Konzo bekannt ist, und berichtete mit Kollegen in Fachmagazinen darüber. "Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, die Dinge zu beschreiben", sagt er. Jemand musste sich ja um die Fakten kümmern.
Damit möglichst viele Leute von diesen Fakten erfahren, veröffentlicht seine Stiftung auf ihrer Internetseite gapminder.org zahlreiche Statistiken. Per Mausklick kann man hier die Ballons fliegen lassen, etwa um zu sehen, wie sich die HIV-Infektionsraten oder die Lebenserwartung und das Einkommen weltweit entwickelt haben. Man kann sogar einzelne Länder gegeneinander antreten lassen. Die farbigen Kreise verschieben sich dann zu Würmern, die um die Wette kriechen. Rosling nutzt diese Funktion gern, um zu zeigen, dass Bangladesch und Ägypten die Kindersterblichkeit in den vergangenen Jahren schneller gesenkt haben, als Schweden es je geschafft hat.
Abschätziger Blick vom Google-Gründer
Trendalyzer hat dem Professor Ruhm und seinem Sohn einen Job gebracht. Schon nach Roslings erstem Auftritt bei der TED 2006 sprangen die Zuschauer auf die Bühne, um ihm zu gratulieren. Auch Google-Gründer Larry Page kam. "Er sah mich an", Rosling ahmt einen abschätzigen Blick nach, "und fragte: Wer hat den Code geschrieben? Ihm war klar, dass ich es nicht gewesen sein konnte." Heute arbeitet Roslings Sohn bei Google in San Francisco. Der Konzern kaufte 2007 die Trendalyzer-Software und entwickelt sie weiter. Roslings Stiftung darf sie kostenlos nutzen. Zurzeit entwirft er Unterrichtsmaterialien für Lehrer.
Populär hat ihn aber vor allem eines gemacht: Er weiß, wie man Geschichten erzählt. Besonders auf der Bühne. "Ich bin der Mexikaner in meiner Familie", sagt er dann, um zu erklären, dass Schweden mit seinem Geburtsjahr dieselbe Lebenserwartung haben wie heute geborene Mexikaner. Wenn er Länder gegeneinander antreten lässt, kommentiert er wie beim Autorennen: "Der rote Toyota hat einen schlechten Start, aber der braune Volvo kommt gut weg. Dann kommt der Krieg, und der Toyota gerät von der Fahrbahn, aber dann holt er auf, und jetzt überholt er den Volvo!" So hört es sich an, wenn Rosling Japan und Schweden miteinander vergleicht.
In seiner Studentenzeit versuchte er sich als Schauspieler. Doch die kleine Theatertruppe warf ihn bald raus, weil er nur sich selbst spielen konnte. "Als Schauspieler habe ich versagt, aber ich bin ein guter Professor." Und ein guter Entertainer.
Rosling ruft die Internetseite der TED auf. Das Video seines jüngsten Auftritts gehört an diesem Tag zu den beliebtesten. Er vergleicht, wie oft die einzelnen Videos per E-Mail verschickt wurden. "Shashi hat mich heute überholt", ruft er und klickt auf das Video des indischen Politikers Shashi Thadoor. "Aber ich habe Gordon Brown geschlagen!"
"Die gewisse Skurrilität seines Auftretens macht ihn liebenswert und unvergesslich", sagt Detlev Ganten. Spricht man Rosling auf die Nummer mit dem Bajonett an, zieht er einen blau-gelben Aufnäher aus der Jacketttasche: das Abzeichen der Internationalen Schwertschlucker-Vereinigung. Er trägt es immer bei sich. "Aber nur in der Tasche", sagt Rosling, "ich bin ein bisschen bescheiden." Dann ruft er den englischen Wikipedia-Eintrag zu Schwertschlucken auf. Ausgerechnet von ihm hat dort jemand ein Foto platziert. Es zeigt Roslings Showeinlage auf der TED.
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