Havariertes AKW Experten glauben nicht an Tschernobyl-Neuauflage

Die Nachrichten aus Fukushima klingen beunruhigend: Die Brennstäbe in Reaktor 2 liegen trocken, die womöglich dritte Kernschmelze droht. Doch Nuklearexperten sind vorsichtig optimistisch. 

Aus Dresden berichtet


Es ist der größte Physikerkongress der Welt: 7000 Forscher treffen sich derzeit bei der Jahresversammlung der Deutschen Physikalische Gesellschaft (DPG) in Dresden. Die Konferenz, die normalerweise nur eine kleine Schar von Fachjournalisten interessiert, ist bestens besucht: Die Katastrophe im Kernkraftwerk Fukushima ist das dominierende Thema.

"Wir wissen sehr wenig", sagt DPG-Präsident Wolfgang Sandner über die Lage im havariertem AKW ( mehr zur Lage finden Sie im Liveticker). Man stehe in engem Kontakt mit Experten, auch in Japan. Seien Einschätzung: "Aus den in der Luft nachgewiesenen Nukliden (Atomkerne, Anmerkung der Red.) können wir ableiten, dass bislang offenbar keine größere Schmelze in Gang ist, aber einzelne Brennstäbe bereits beschädigt sind."

Inzwischen kamen weitere beunruhigende Nachrichten aus Japan: In Reaktor 2 liegen die Brennstäbe, die normalerweise komplett mit Wasser bedeckt sind, zum zweiten Mal Mal völlig frei. Zuvor war der Versuch gescheitert, die Anlage mit Meerwasser zu kühlen. Eine Kernschmelze droht, weil die nach wie vor freigesetzte Nachzerfallswärme nicht abtransportiert werden kann.

Der Faktor Zeit spielt eine wichtige Rolle

Die in Dresden versammelten Reaktorexperten sind trotzdem optimistisch, dass eine Neuauflage der Tschernobyl-Katastrophe nicht stattfinden wird. Denn vor allem der Faktor Zeit spielt eine wichtige Rolle. "Entscheidend sind die ersten 20, 30 Stunden nach der Schnellabschaltung", sagt Antonio Hurtado, Professor für Kernenergietechnik von der TU Dresden. Wenn ein Reaktor abgeschaltet werde, würden anfangs sieben bis acht Prozent seiner Leistung als Nachzerfallswärme weiter produziert. Das sei eine enorm große Menge, sie gehe dann jedoch schnell zurück.

Die Meiler des Atomkraftwerks Fukushima waren am Freitag unmittelbar nach dem schweren Erdbeben heruntergefahren worden. Kurz danach fiel die Kühlung aus, weil ein Tsunami das Reaktorgelände getroffen hatte. "

Der Münchner Strahlenschützer Herwig Paretzke hält die befürchtete Verstrahlung großer Regionen inzwischen für unwahrscheinlich. "Selbst wenn es jetzt noch zu einer großen Explosion und Freisetzung von Nukliden kommen sollte, wären die Folgen nicht so schlimm wie damals in Tschernobyl", sagt der Forscher vom Helmholtz-Zentrum München. "Die Kernreaktion wurde schon vor Tagen gestoppt. Die dabei entstehenden gefährlichen Nuklide haben kurze Halbwertszeiten und sind kaum noch vorhanden." Inzwischen würden in den Meilern, nach allem was man wisse, keine gefährlichen Nuklide mehr produziert.

"Wir erwarten eines sukzessiv bessere Beherrschung des Störfalls"

Paretzke und Hurtado stützen ihre Ferndiagnose auch auf die bislang freigesetzten Nuklide. "Bislang wurden außerhalb des Atomkraftwerks erstaunlicherweise nur Cäsium-137 und Jod-133 nachgewiesen", sagt Paretzke. Diese Nuklide könnten sogar aus den Filtern stammen, die beim Druckablassen durchgeblasen wurden. Womöglich hatten sich die nun nachgewiesenen Nuklide dort über Wochen angesammelt und gelangten nach dem Störfall in die Luft.

Nach Hurtados Angaben werden die havarierten Meiler derzeit mit Meerwasser gekühlt, dem Borsäure zugesetzt werde, um ein nachträgliches Wiedereinsetzen der Kettenreaktion auszuschließen. "Das Wasser wird über Feuerlöschleitungen eingeleitet - wahrscheinlich in die Druckkammer", sagt Hurtado. Ob auch der Sicherheitsbehälter geflutet werde, in dem sich der Reaktordruckbehälter befindet, wisse er nicht. Zum Ableiten der Wärme könne man Leitungen und Reservoirs unterhalb des Meilers nutzen. Der Dresdner Physiker ist guter Hoffnung: "Wir erwarten eine sukzessiv bessere Beherrschung des Störfalls."

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insgesamt 58 Beiträge
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Seite 1
immerfreundlich 14.03.2011
1. Noch einer?
Zitat von sysopDie Nachrichten aus Fukushima klingen beunruhigend: Die Brennstäbe in Reaktor 2 liegen trocken, die womöglich dritte Kernschmelze droht. Doch Nuklearexperten sind vorsichtig optimistisch,* http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,750855,00.html
Wieviele Threads zum Thema - zudem laufend wiedersprüchlich - wollt ihr denn noch aufmachen?
platten 14.03.2011
2. Optimisten
Zitat von sysopDie Nachrichten aus Fukushima klingen beunruhigend: Die Brennstäbe in Reaktor 2 liegen trocken, die womöglich dritte Kernschmelze droht. Doch Nuklearexperten sind vorsichtig optimistisch,* http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,750855,00.html
Aus der Ferne zu beurteilen ist immer schwierig. Hoffen wir, dass der Optimismus gerechtfertigt ist
RaMaDa 14.03.2011
3. Ein Experte
ist ein Mann, der hinterher genau sagen kann, warum seine Prognose nicht gestimmt hat. Bleibt zu hoffen, dass dieses Zitat in Japan nicht zutrifft.
Olaf 14.03.2011
4. .
Zitat von sysopDie Nachrichten aus Fukushima klingen beunruhigend: Die Brennstäbe in Reaktor 2 liegen trocken, die womöglich dritte Kernschmelze droht. Doch Nuklearexperten sind vorsichtig optimistisch,* http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,750855,00.html
Hoffen wir mal das Beste. Das schwer gebeutelte Japan kann ein paar gute Nachrichten brauchen.
Happy57 14.03.2011
5. Chernobyl ????
Die Panikmache scheint nun langsam einer etwas rationaleren Betrachtung zu weichen. Mit Chernobyl ist hier überhaupt nichts vergleichbar, aber das wusste man schon vorher. Trotzdem passt das Thema einfach zu gut um Angst zu machen.
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