Hirnsteuerungs-Studie: Wenn der Ball nicht macht, was der Kopf will
Mit Mattels Konzentrationsspiel Mindflex lässt sich ein Ball angeblich durch Gedankenkraft bewegen. Doch ein neues Gutachten belegt: Bei jedem zweiten Tester funktionierte die Steuerung durch Hirnimpulse gar nicht. Jeder sechste erlebte eine echte Überraschung.
Die Werbung des Herstellers Mattel klang vielversprechend: "Wer hat nicht schon einmal davon geträumt, allein durch die Kraft seiner Gedanken Gegenstände zu bewegen?" Beim Spiel Mindflex misst ein Headset die Gehirnaktivität, und wenn man sich konzentriert, steigt eine Kugel auf einem Luftpolster nach oben, verspricht Mattel und erklärt: "Hier haben buchstäblich die Gedanken die Oberhand über die Materie!"
Im Februar 2010 berichtete der SPIEGEL unter dem Titel "Aberglaube im Kinderzimmer" über den Verdacht, dass etwas nicht stimmt mit dem Gerät. Der erste Test damals: Wir stülpten das Sensorband dem Kopf einer Schaufensterpuppe über. Wundersamerweise schwebte die Kugel dennoch auf und ab, obwohl doch das eigentliche Steuerungsinstrument fehlte: ein menschliches Hirn. "Ich kann bei Mindflex nicht erkennen, dass Hautwiderstand oder Hirnaktivität einen entscheidenden Einfluss auf den Spielverlauf hätten", sagte damals John-Dylan Haynes vom Bernstein Institute for Computational Neuroscience in Berlin, einer der profiliertesten Hirnforscher weltweit.
Der kleine Testbericht steht in einem größeren Kontext. Mindflex verspricht etwas, woran sich eine ganze Branche seit Jahren die Zähne ausbeißt: ein Brain-Computer-Interface (BCI), das einfach, klein und billig ist. Die Einsatzmöglichkeiten wären vielseitig: Gelähmte könnten damit ihre Rollstühle steuern, Autofahrer könnten sich bei Fernfahrten automatisch warnen lassen, sobald ihre Konzentration nachlässt. Genau das aber verspricht Mindflex.
Ein bisschen Marketing-Schummelei bei einem Kinderspiel - so what? Wir hätten die Sache auf sich beruhen lassen, wenn Mattel sich nicht hartnäckig gegen den Verdacht der Hirnforscher gewehrt hätte, dass ihr Gerät nicht so funktioniert wie versprochen. Vertreter von Mattel wurden nach dem SPIEGEL-Bericht sogar eigens in der Redaktion vorstellig, um vor Ort zu beweisen, dass sie das Gerät wie beworben durch ihre Hirnaktivität steuern können. Wir baten sie, die Kugel jeweils ein paar Sekunden lang zum Schweben zu bringen. Alle anwesenden Probanden, darunter Technikspezialisten und Neurowissenschaftler, Doktoranden, Studenten, Redakteure und drei Firmenvertreter, scheiterten. Fairerweise verdient eine Ausnahme eine lobende Erwähnung: die Pressesprecherin von Mattel. Dazu einen herzlichen Glückwunsch.
Da Mattel aber weder offenlegte, wie das Gerät funktioniert, noch auf unabhängige Studien verweisen konnte, die belegen, dass das Gerät nicht nur bei der Pressesprecherin, sondern auch bei anderen Menschen wie beworben funktioniert, war unsere Neugier angestachelt. Leider durfte der SPIEGEL das Testgerät nicht verwenden, um weitere Tests durchzuführen. Also kauften wir ein eigenes. Dann testete das Team der Neurowissenschaftler John-Dylan Haynes und Carsten Allefeld das Mindflex-Gerät etwas ausführlicher als beim ersten Mal. Nun liegt ihr Gutachten vor, mit durchaus überraschenden Ergebnissen.
Effekt messbar - aber nur bei sechs Probanden
Zwölf Probanden wurden ausgewählt, pro Kopf dauerte der Test etwa eine Stunde. Die Probanden wurden von einem Computerbildschirm mal aufgefordert, Rechenaufgaben zu lösen, mal durften sie sich entspannen, jeweils 20 Sekunden lang. 36 Durchgänge bildeten einen experimentellen Block. Dann wurde gemessen, wie sich das Mindflex-Gerät verhält - ob die Kugel emporschwebt oder hinabsinkt.
Immerhin: Bei sechs der zwölf Teilnehmer zeigte sich ein "statistisch signifikanter" Unterschied zwischen Konzentration und Entspannung. Dieser Effekt war jedoch nicht klar und eindeutig, sondern ausgesprochen schwach.
Dann kam die Überraschung: Nur bei vier des sechs Personen, denen es irgendwie gelang, das Gerät überhaupt zu beeinflussen, funktionierte das Gerät geringfügig wie beworben. Macht eine Quote von 33 Prozent. Bei den anderen zwei Probanden machte Mindflex sogar genau das Gegenteil von dem, was die Werbung verspricht. Beim Entspannen stieg die Kugel nach oben. Wer also regelmäßig mit dem Gerät "trainiert", übt möglicherweise nicht, sich zu konzentrieren, sondern sich zu entspannen.
Das Fazit der Forscher: "Messbare Effekte" zeigten sich nur bei der Hälfte der teilnehmenden Personen, und auch bei diesen in "eher schwacher Form". Selbst die Versuchsperson mit den stärksten Effekten benötigt grob geschätzt etwa sieben Versuchsdurchgänge à 20 Sekunden, um den Informationsgehalt einer einzelnen Ja-oder-nein-Frage (1 Bit) an das Gerät zu übermitteln. "Das erste Experiment zeigt zudem, dass sich das Mindflex-Gerät offenbar nicht konsistent durch Konzentration versus Entspannung steuern lässt."
Lotto fürs Hirn
Und noch etwas fiel auf: Die meisten Probanden konnten selbst kaum einschätzen, wie gut oder schlecht sie das Spielzeug steuern können. "Einige Probanden glaubten, es steuern zu können und waren dazu objektiv nicht in der Lage", so John-Dylan Haynes, "Andere glaubten, es nicht steuern zu können und waren doch dazu in der Lage." Diese Einsicht belegt seinen Anfangsverdacht: Mindflex hat weniger mit Hirnforschung zu tun als mit Psychologie. Wer es benutzt, schreibt sich und dem Gerät oft Fähigkeiten zu, die objektiv gar nicht da sind. Aberglaube im Kinderzimmer.
Konfrontiert mit dem Ergebnis des Gutachtens antwortet Mattel: "Wir haben das Gerät regelmäßig auf Messen eingesetzt, wo insbesondere Kinder überhaupt gar keine Problem hatten, das Gerät innerhalb kürzester Zeit zu kontrollieren." Außerdem verweist das Unternehmen auf eine Studie an einem ähnlichen Gerät der Firma Neurosky, durchgeführt von Forschern des University College in Cork. Auch diese Studie weist allerdings bei vielen Probanden erhebliche Differenzen auf zwischen dem tatsächlichen und dem gemessenen Stresslevel der Probanden. Eine positive Korrelation deuten die Forscher an, ohne diese jedoch genauer zu quantifizieren.
Irgendwann gerät selbst die größte akademische Neugier an ihre Grenzen. Und die journalistische sowieso. Es kann nicht die Aufgabe von Unis und Redaktionen sein, für dubiose Produkte die Forschungsarbeit nachzureichen.
Nach dem jetzigen Kenntnissstand ist diese Mattel-Werbung irreführend: "Konzentriert ihr euch (...) steigt die Kugel auf einem Luftpolster nach oben! Lässt die Konzentration nach (...) sinkt die Kugel nach unten". Das stimmt so nicht.
Ehrlicher wäre es, wenn auf der Packung stünde: "Konzentiert ihr euch, macht die Kugel bei den meisten nicht das, was ihr wollt. Bei zwei Dritteln reagiert sie nicht so, wie wir es versprechen. Bei einem Drittel reagiert die Kugel mehr schlecht als recht. Und bei jedem Sechsten von euch tut die Kugel genau das Gegenteil von dem, was unsere Werbung verspricht. Naja, irgendetwas wird schon passieren, denn die Kugel schwebt schließlich auch auf und ab, wenn sich kein Hirn in der Nähe befindet. Viel Spaß also beim Hirnlotto."
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