SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

26. April 2012, 11:49 Uhr

Warnsysteme an Flüssen

Mit Trommeln und Bechern gegen Hochwasser

Aus Wien berichtet

Die Welt rüstet sich gegen Flusshochwasser: EU-Forscher präsentieren eine Hightech-Anlage für den gesamten Globus. Doch Mosambik zeigt, dass es auch einfacher geht: Ein Warnsystem mit Bechern, Trommeln und Fahrrädern hat in dem afrikanischen Land schon Tausenden das Leben gerettet.

Regelmäßig schockieren Bilder von Hochwasserkatastrophen: Zuletzt versanken Städte in Südasien, Australien und in den USA in brauen Fluten. Mehr als 100.000 Menschen ertranken in den vergangenen zehn Jahren in schwellenden Strömen, berichtet Peter Burek von der Gemeinsamen Forschungsstelle der EU auf der Jahrestagung der Europäischen Geowissenschaftlichen Union (EGU) in Wien. Und etwa 100 Millionen müssen jährlich Reißaus nehmen vor den Wasserwalzen, ergänzt sein Kollege Giuliano Di Baldassarre vom Institute for Water Education der Unesco.

Die Gefahr wächst, denn Hunderte Städte wuchern immer weiter in die Gefahrenzonen; mittlerweile siedeln nach Angaben der Unesco eine Milliarde Menschen in Flussauen oder in deren Nähe. Natürliche Fluten, die früher vorbeizogen, überschwemmen nun Siedlungen. Vor allem in Afrika, wo die Bevölkerung rasant zunimmt, kommen bei Hochwasser immer mehr Menschen zu Schaden. Aber auch europäische Städte sind bedroht, wie Flutkatastrophen an Elbe, Rhein und Donau gezeigt haben. Die Klimaerwärmung könnte die Gefahr vergrößern, warnen Experten.

Der Ableser schreitet zum Becher

Die Europäische Union hat jetzt in Wien ein Flutprognose-System für die ganze Welt vorgestellt. Anhand von Satellitendaten könne das neue Global Flood Awareness System (Glofas) bis zu einen Monat im Voraus vor Flusshochwasser warnen, sagt EU-Hydrologe Burek auf der EGU-Tagung. Aus täglich 51 Wetterprognosen errechneten Computer das Risiko von schwellenden Flüssen in allen Weltregionen. Neben zu erwartenden Niederschlägen gingen auch Schneeschmelze, Bodenbeschaffenheit und andere Faktoren in die Prognosen ein. "Wir sind aber noch in der Testphase", sagt Burek.

Eine simple Methode in Mosambik stiehlt jedoch den Hightech-Anlagen die Show. Das afrikanische Land führt zahlreiche Katastrophenlisten an; vor allem Wirbelstürme sorgen immer wieder für verheerende Fluten. Unter Leitung der deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) wurde dort in den vergangenen Jahren ein Warnsystem für Hochwasser am Fluss Búzi eingerichtet, das nun immer mehr Nachahmer in Afrika findet. Mangels Satellitendaten, automatischer Flusspegel- und Niederschlagssensoren setzt man auf Regenmessungen im Becher und Datenübermittlung per Funk und Fahrrad.

Wenn der Ableser zum Messbecher schreitet, sei das jedes Mal eine Attraktion für die Kinder zahlreicher Ortschaften in Mosambik, sagt Thomas Loster von der Münchener Rück Stiftung, die den Aufbau des Systems unterstützt. Der Behälter, der das Regenwasser sammelt, steht vielerorts zwischen Blumen auf einem Podest. Die Ableser tragen T-Shirts, die ihnen bei einer Zeremonie zur Amtseinführung im Dorf gegeben wurden. Sie prüfen auch die Holzstangen am Fluss, auf denen farbige Striche die Pegel anzeigen.

Jugendliche stürmen los

Die Angaben, wie viel Wasser sich am Tag im Becher gesammelt hat, funken die Ableser in die Stadt Búzi. Auch die Pegelstände geben sie durch. Dazu gehen sie in das einzige gemauerte Gebäude weit und breit, wo ein mit Sonnenenergie betriebenes Funkgerät eingeschlossen ist. In einem Haus in Búzi, das mit Funk und Landkarten zum Warnzentrum umfunktioniert wurde, werden die Meldungen aller Ableser gesammelt.

Alarm wird gegeben, wenn viele Dörfer gleichzeitig starken Niederschlag melden. Dann ist zu befürchten, dass das Wasser des Búzi zur Flut anschwillt. Dörfer im Unterlauf werden per Funk und Radio alarmiert. Dort setzen die Bewohner ihr Warnsystem in Gang, dessen Ablauf sie seit 2007 regelmäßig üben: Sie hissen rote Warnflaggen. Zugleich stürmen Jugendliche auf Fahrrädern los, um mit Megafon oder Trommel die Bewohner abgelegener Hütten zu alarmieren.

Vor der Einrichtung des Warnsystems kamen Flutwellen am Búzi meist überraschend, den Bewohnern ganzer Siedlungen blieb keine Zeit zur Flucht. Seit 2007 aber konnten jedes Jahr Tausende Menschen am Búzi rechtzeitig in Sicherheit gebracht werden. Ihre von Fluten zerstörten Dörfer zeigten auf eindringliche Weise, wie fatal die Hochwasser ohne Evakuierung verlaufen wären.

Heulende Melder

Die erfolgreichen Warnungen machen das Alarmsystem zu einem Vorbild in der Region. Auch an den Flüssen Shire, Púngue, Limpopo, Save und Sambesi werden derzeit entsprechende Anlagen eingerichtet, berichtet die GIZ. 600 Orte hätten die Methode bereits übernommen. Von "Selbstverteidigung" sprechen die Einheimischen: Denn sämtliche Bestandteile der Anlagen können mit Material hergestellt werden, das aus der Region stammt; es soll möglichst nichts importiert werden.

Neuerdings arbeiten Ingenieure an der Universität Sambesi in Beira in Mosambik sogar an Sensoren, um steigende Flusspegel automatisch erkennen zu können. Die Anleitung stammt unter anderem von der GIZ, Werkzeuge und Teile aber kommen aus der Region. In manchen Hütten hängen bereits Melder, die losheulen, sobald die elektronischen Pegelmesser Alarm geben.

Experten auf der EGU-Tagung in Wien zeigen sich beeindruckt: Es habe bislang viel zu wenige Messungen aus Afrika gegeben, um dort verlässliche Hochwasser-Warnungen zu erlassen, meint Burek. Der Kontinent lag quasi im toten Winkel der Vorhersagen. Die Daten aus den Messbechern haben das geändert.

Für manche Regionen auf dem Hochtechnologie-Kontinent Europa könnte Mosambik nun sogar Vorbild sein: Immer wieder setzen auch in Deutschland Gewitter-Flutwellen vor allem Niederungen an Nebenflüssen unter Wasser. Würden sich im Ernstfall Alarmhelfer ans Funkgerät und aufs Fahrrad setzen, könnte zum Beispiel mancher Campingplatz rechtzeitig geräumt werden.

URL:

Verwandte Artikel:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH