Baden-Württemberg: Handwerker bauen Stadt mit Werkzeug des Mittelalters

Neue Mittelalter-Stadt: Bauen wie im neunten Jahrhundert Fotos
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40 Jahre soll das Projekt dauern. Im süddeutschen Meßkirch bauen Handwerker an einer mittelalterlichen Stadt samt Kathedrale. Sie schuften für niedrige Löhne, haben wenig Freizeit - und arbeiten mit dem Werkzeug des neunten Jahrhunderts.

Meßkirch - Statt moderner Maschinen gibt es Ochsen und Muskelkraft: Ausschließlich mit mittelalterlichen Methoden wollen Handwerker im baden-württembergischen Meßkirch eine ganze Klosterstadt bauen. Das in Deutschland einmalige Projekt soll Hunderttausende Touristen anziehen.

Mit einer modernen Säge ginge es schneller, aber Michael Straub arbeitet mit einer mittelalterlichen Axt. Immer wieder schlägt er auf Äste und Stämme ein und bringt sie in Form. Sie sind das Baumaterial für eine Kirche - dem Herzstück der mittelalterlichen Klosteranlage, für die an diesem Wochenende die Bauarbeiten beginnen.

Nur mit Methoden aus dem neunten Jahrhundert wollen Handwerker die Klosterstadt mit 50 Häusern und einer Kathedrale für 2000 Menschen aufbauen. Es wird Jahrzehnte dauern, bis sie fertig ist. Touristen sollen jeden Schritt hautnah verfolgen.

Viel mehr als eine kleine Lichtung im Wald und provisorische Handwerker-Hütten sind im Moment noch nicht zu sehen. Doch Bert Geurten, Initiator des Mammutprojekts, sieht alles schon ganz genau vor seinem inneren Auge: die Kirche, den Altar, die betenden Mönche.

Steine, Lehm und Holz

"Im neunten Jahrhundert hätten die Mönche als erstes eine kleine Kirche gebaut - sie wollten mit dem Beten ja nicht warten, bis die große Kathedrale fertig ist. Also machen wir das genauso", sagt Geurten. Doch bis das hölzerne Gotteshaus entsteht, müssen Straub und seine Schreiner-Kollegen noch manchen Baum fällen und bearbeiten.

Hunderte Handwerker haben sich beworben, rund 25 haben im Moment eine Stelle auf der Klosterbaustelle bekommen. Sie schuften nun jeden Tag in mittelalterlichen Leinenumhängen. Ochsenkarren bringen das Baumaterial heran. Steine, Lehm und Holz werden direkt auf der Baustelle gewonnen.

"Das ist einfach außergewöhnlich, wieder nur mit den Händen zu arbeiten und nicht ständig den Lärm der Maschinen zu haben", sagt der 37-jährige Straub. Manche Techniken musste sich der Schreiner ganz neu aneignen - mittelalterliche Holzbearbeitung gehört schließlich nicht zur gängigen Ausbildung.

Für Geurten ist mit dem Baubeginn ein Lebenstraum in Erfüllung gegangen. 1967 war es, als er zufällig ein kleines Modell einer mittelalterlichen Klosterstadt sah. Wissenschaftler hatten die Anlage nach Plänen aus dem neunten Jahrhundert erstellt. Geurtens Phantasie war entfesselt: Er wollte diese Klosterstadt bauen - nicht als Modell, sondern in Originalgröße auf acht Hektar Fläche.

Als Phantast verspottet

Es dauerte fast ein halbes Jahrhundert, bis der energiegeladene Mittelalter-Fan nun in Meßkirch nicht weit vom Bodensee die Chance hat, seinen Traum zu verwirklichen. Auf der Suche nach einem Bauplatz ist er jahrelang als Phantast verspottet und wieder weggeschickt worden. Doch in Meßkirch fand er in Bürgermeister Arne Zwick jemanden, der sich nach anfänglichen Zweifeln überzeugen ließ.

Schließlich reiste der Gemeinderat geschlossen ins französische Guédelon, wo es ein ähnliches Projekt gibt. Dort baut ein Verein mit den Techniken des 13. Jahrhunderts eine Burg. Rund 300.000 zahlende Besucher kommen jedes Jahr in die abgelegene Stadt, um die Baustelle zu besichtigen. Das will Meßkirch auch schaffen.

Bis die Stadt wirklich steht, werden wohl mindestens 40 Jahre vergehen. Geurten wäre dann über 100 Jahre alt. Dass er die Vollendung seines großen Lebenstraums vermutlich gar nicht mehr erleben wird, stört den 63-Jährigen aber nicht. "Das Bauen ist unser Ziel - nicht das Fertigwerden."

Die Startfinanzierung für das Projekt von rund einer Million Euro aus den Kassen von Stadt, Landkreis und der EU soll für die ersten Jahre reichen. Danach soll sich das Projekt als Touristenattraktion selbst tragen.

Knapp bemessen ist der Verdienst der Handwerker. "Der Nettolohn liegt etwa bei 1200 Euro", sagte Geurten SPIEGEL ONLINE. "Mehr kann ich nicht zahlen." Gearbeitet wird vom 2. April - dem Geburtstag Karls des Großen - bis zum Martinstag am 11. November. Pro Monat gibt es ein Wochenende frei. "Am Martinstag wurde im Mittelalter immer die Pacht fürs Jahr fällig", erklärt Geurten. Danach ist Winterpause auf der Baustelle, bis im April die Temperaturen wieder hoch genug sind.

Von Marc Herwig, dpa

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insgesamt 78 Beiträge
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1. Eine Frage
nandolino 23.06.2013
Ich denke die medizinische Versorgung, Freizeitgestaltung (kein TV, Internet) und Mobilität, werden dann auch der Epoche entsprechend angepasst?
2. optional
dosmundos 23.06.2013
Entspricht der entstehende Bau dann auch modernen Sicherheitsanforderungen? Nicht dass die Behörden das Ding dann hinterher dichtmachen. Und zur Sicherheit auf der Baustelle dürfte die Berufsgenossenschaft auch etwas zu sagen haben, außer natürlich der Sicherheitshelm ist eine Erfindung des frühen Mittelalters :-)
3. Niedrige Löhne
sitting-bull 23.06.2013
Zitat von sysop<div class="spClearfix"><span class="sysopImage"><img src="http://cdn4.spiegel.de/images/image-261517-thumb-hwdo.jpg" /><span class="spCredit">DPA</span></span><span id="sysopText">40 Jahre soll das Projekt dauern. Im süddeutschen Meßkirch bauen Handwerker an einer mittelalterlichen Stadt samt Kathedrale. Sie schuften für niedrige Löhne, haben wenig Freizeit - und arbeiten mit dem Werkzeug des 9. Jahrhunderts. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/in-messkirch-entsteht-eine-stadt-wie-im-mittelalter-a-907375.html</span></div>
Im Früh-bis mittleren Mittelalter entstanden europaweit Städte, Märkte, Kathedralen etc. Es wurde gebaut wie noch nie in der Menschheitsgeschichte. Es gab einen ausgesprochen anbieterfreundlichen Markt, in dem oft der Nachfrager den Preis einer handwerklichen Leistung allein bestimmte, in dem er freiwillig den Preis einer Sache höher bewertete, um den Anbieter nicht vor den Kopf zu stoßen. Aus der Zeit stammt auch das Sprichwort, "Handwerk hat goldenen Boden". Der Boom dieser Zeit wäre ohne diese Einstellung, ohne ein umlaufendes Schlag-Geld wie die Brakteaten, und später auch mit dem Silber- und Goldzufluss aus dem Nahen Osten und Übersee, niemals so möglich gewesen. Sieht man ja an diesem Projekt hier. Unser Problem ist, dass wir die heutigen Eliten-Kapitalismus getriebenen Schuld-Sklaven-Schinderlöhne deskriptiv in alle Zeiten, vorwärts wie rückwärts projezieren. Lesetipps: Karl Walker, "Das Geld in der Geschichte", Bernard Lietaer, "Mysterium Geld"
4. optional
großwolke 23.06.2013
Mich würd ehrlich interessieren was die Gewerbeaufsicht zu so einer Mittelalterbaustelle sagt. So rein abeitsschutztechnisch. Aber schöne Idee, sowas als Touri-Attraktion umzusetzen. Das werd ich mir sicher ansehen fahren. Vielleicht krieg ich da ja auch die Chance, das mittelalterliche Pendant einer Sicherheitsfachkraft kennenzulernen ;)
5.
Munster 23.06.2013
Schöne Sache! Damals bis ca. Mitte des 20ig Jahrhunderts gab es ja noch eine Baukultur, die auf ein stadtliches Gesamtkonzept abgezielt hat: Eine einheitliche Dachhöhe beispielsweise, die lediglich von Kirchtürmen durchbrochen wurden. Heutzutage werden ja überall meist irgendwelche Klötze hingestellt, die sich quasi so ziemlich eine Dreck darum scheren, ob sie auch ein gewisses Stadtbild erhalten bzw. sich in die Umgebung einfügen, oder irgendwelche "Designerblöcke", bei denen es mehr darum geht, dass sich irgendein Architekt verwirklicht. Deshalb ist jede Rückbesinnung zur alten Baukultur meiner Meinung nach nur zu begrüßen!
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Stratigraphie
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