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Gigantisches Projekt: Indien will 37 Flüsse vernetzen

Drei Mädchen am Fluss Ken in Panna in Indien: Nur noch Tümpel übrig Zur Großansicht
DPA

Drei Mädchen am Fluss Ken in Panna in Indien: Nur noch Tümpel übrig

Indien plant ein Mammutprojekt: 37 Flüsse sollen miteinander verbunden werden - das Land erhofft sich wirtschaftliche Vorteile. Doch Tausende Bewohner und Tiere müssen umgesiedelt werden.

Das Dorf Dodhan inmitten von Indiens Tigerreservat Panna wird von einer Dürre heimgesucht. Junge Frauen holen mühsam Wasser aus einem fast ausgetrockneten Brunnen, während eine Gruppe Männer auf dem staubigen Boden im Schatten in der Nähe kauert. Vom Fluss Ken, der sich durch das Naturschutzgebiet mit seinen Tigern, Krokodilen, Geiern und zehn Stammesdörfern schlängelt, sind nur noch Tümpel übrig.

Dennoch soll die Gegend das wenige Wasser, das sie hat, bald abgeben. Die Zentralregierung will den Wasserlauf stauen und jedes Jahr 660 Millionen Kubikmeter in den Fluss Betwa im benachbarten Bundesstaat Uttar Pradesh umleiten.

Für das Projekt wird ein Drittel des Parks geflutet - dabei müssen 1600 Familien weichen, und die 32 Tiger des Reservats werden von anderen Schutzgebieten abgeschnitten. Das Projekt sei "ein zukünftiges soziales und ökologisches Desaster", meint ein Umweltschützer. Im Dezember soll der Bau beginnen.

Die Bewohner von Dodhan bekamen erst Wind von dem Projekt, als die ersten Bauunternehmer bei ihnen vor der Tür standen. "Ich weiß nicht, was die Regierung mit diesem Land vorhat, aber ich weiß, wie sehr sie es will", sagt Jamuni, eine Frau über 70, die ihr Gesicht in der Öffentlichkeit mit dem Ende ihres ausgewaschenen rosafarbenen Sari bedeckt. Sie erklärt, das Land ihrer Vorfahren erst zu verlassen, wenn sie eine gewaltige Geldsumme erhalte.

"Alles im Namen des Fortschritts"

Viele der Dorfbewohner scheinen kaum eine Vorstellung davon zu haben, wie viel ihr Boden wert sein könnte. Sie nennen verschiedenste Beträge. "Fünf Millionen Rupien (69.000 Euro)", fordert etwa Jamuni, die von sich sagt, ihr Nachname sei "Adivasi", das Hindi-Wort für Ureinwohner.

Der örtliche Aktivist Ashish Sagar ist sich sicher: "Diese Menschen werden nur eine dürftige Summe für ihr Land bekommen und müssen dann verschwinden - alles im Namen des Fortschritts."

Noch fehlt für den Bau des Dammes und des 220 Kilometer langen Kanals die endgültige Genehmigung durch einen Ausschuss, der vom Obersten Gericht eingesetzt wurde. Die Regierung macht Druck.

Das Projekt in Panna ist der erste Teil eines gigantischen Programms zur Verbindung von 37 indischen Flüssen. Das mehr als 150 Milliarden Euro teure Vorhaben soll Indiens andauernde Probleme mit Fluten und Dürren in den verschiedenen Landesteilen lösen.

Die zuständige Behörde für Wasserentwicklung NWDA erklärt, durch die Dämme und Kanäle könnten Felder bewässert, Strom erzeugt sowie Häuser und Fabriken mit Wasser versorgt werden.

"Die Armut ist das größte Übel"

Doch beim Erstellen der Studien für die Projekte sei nicht sauber gearbeitet worden, sagt Flussökologe Brij Gopal vom unabhängigen Zentrum für Binnengewässer. "In den Berichten finden sich gewaltige Fehler." So komme im Panna-Bericht das Sangai-Reh vor, obwohl dieses nur 2000 Kilometer weiter östlich lebe. "Da wurde nur rumkopiert."

Gopal warnt außerdem vor den Schäden für die Umwelt, wenn in den Mündungen der Flüsse plötzlich viel Wasser fehle. Auf der anderen Seite führe übermäßige Bewässerung dazu, dass die fruchtbare Erde davongeschwemmt werde, erklärt Himraj Dang, ein Infrastruktur-Berater in Neu Delhi. Und überhaupt: "Es ergibt keinen Sinn, zwei Flüsse zu verbinden, die den Monsunregen zur gleichen Zeit abbekommen."

Solche verbohrten Umweltschützer sähen die großen Zusammenhänge nicht, meint ein NWDA-Mitarbeiter, der anonym bleiben wollte. "Sie vergessen leicht, dass eigentlich die Armut Indiens größtes Übel ist", sagt er. Wirtschaftliche Entwicklung sei nötig, um den Menschen zu einem besseren Leben zu verhelfen.

Was wird aus den Tigern?

Die Bewohner in Panna machen sich derzeit Sorgen um die wichtigste Einnahmequelle der verarmten Region: die Tiger. Durch den Stausee würden die Tiere des Reservats von benachbarten Tiger-Populationen getrennt, sagt Raghu Chundawat, ein Wissenschaftler, der seit 1995 die Tiger in Panna untersucht. "Die Raubkatzen müssen dann in andere Richtungen gehen, was zu Konflikten zwischen Mensch und Tier führen wird, und wohl auch zu mehr Wilderei", sagt er.

In den Nullerjahren hatte der Nationalpark durch Wilderei schon einmal alle seine Tiger verloren. Umgerechnet mehr als neun Millionen Euro wurden ausgegeben, um die Tiere wieder in Panna heimisch zu machen. "Menschen haben sich für dieses Projekt aufgeopfert", sagt ein Mitarbeiter des Tiger-Reservats.

"Es wurde als riesiger Erfolg gefeiert. Aber die neue Regierung hat eine Agenda einführt, in der die wirtschaftliche Entwicklung den Tiger aussticht."

Friederike Heine, dpa/boj

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1. Dieses Konzept der
redbayer 11.11.2015
Flüsse-Vernetzung ist schon lange überfällig und wäre auch in anderen Regionen der Welt ein großer Gewinn für die Bevölkerung. In Indien kann man allerdings solche Projekte vergessen, sie werden nie fertig - ähnlich wie in Deutschland der Flughafen BER.
2. Inder müssen in viel grösseren Dimensionen
kasam 11.11.2015
denken, als andere. Die stemmen das Projekt. Tiger hin oder her---Europa hatte in der Vergangenheit viele Wildtiere--alle seit vielen Jahrzehnten weg.--Indien muss zuerst an die Menschen denken, wenn Europa Busse tun will, dann muss es seine ureigenen Wildtiere wieder einführen und nicht anderen Staaten vorschreiben, was gut für sie ist---
3. elitäre Dummheit
gasparowitsch 11.11.2015
die Russen haben mit der Umleitung den Aralsee zerstört. Die Chinesen zapfen den Gelben Fluss an. Amerikaner und 20 andere Nationen leeren ihre Aquifere.Warum sollen die Inder schlauer sein. ... das geht gar nicht...
4.
swandue 11.11.2015
Um die Armut zu bekämpfen bräuchte es Intelligenz, nicht Gigantomanie und Zerstörung natürlicher Lebensgrundlagen. Weg mit dem Kasten-Irrsinn, das könnte ganz viel wirtschaftliche Entwicklung bringen, wenn jeder das machen könnte, was er will und wofür er geeignet ist. Und endlich dauerhaften Frieden mit Pakistan!
5.
pandur1234567@yahoo.com 11.11.2015
Die meisten großen Naturumbauprojekte haben mehr Schaden verursacht als Nutzen. Wieso wird die Welt immer den Optimisten überlassen die erst noch einsehen müssen das sie Fehler machen, anstatt mal auf Pessimisten zu hören.
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