Internes Strategiepapier EU schmiedet Eliteteam gegen Rohstoffkrise

Firmen gehen die Hightech-Metalle aus - jetzt reagiert Europa: Einem internen Papier zufolge baut die EU an einem Netzwerk, das die kostbaren Substanzen beschaffen soll. Hausmüll kommt dabei eine wichtige Rolle zu.

Aus Straßburg berichtet

REUTERS

Straßburg - Bei den wichtigsten Hightech-Metallen ist Europa abhängig von China: Das Land produziert 97 Prozent der weltweiten Menge an sogenannten Seltenen Erden, die für viele Hochtechnologie-Produkte wie Handys, Computer, Hybrid-Autos oder Windturbinen benötigt werden. Doch China hat seine Exporte eingeschränkt, der Preis für die Metalle hat sich in den letzten Monaten dramatisch erhöht.

Jetzt plant die Europäische Union nach Informationen von SPIEGEL ONLINE eine Gegenmaßnahme: Ein Netzwerk aus Forschungsinstituten, Firmen, Politikern und Nichtregierungsorganisationen aus Europa soll die drohende Rohstoffkrise abwenden. Derzeit berät der Haushaltsausschuss der EU über das Konzept, das der Berichterstatter für Rohstoffe im Europäischen Parlament, Reinhard Bütikofer, vorgelegt hat. "Es soll eine Rohstoff-Offensive einleiten", sagt der Grünen-Politiker.

Die 17 Metalle der Seltenen Erden sind geologisch nicht selten, allein die geringe Produktion sorgt für Knappheit. Die kostbaren Metalle - dazu gehören beispielsweise Lanthan, Europium und Neodym - werden nur in kleinen Mengen verwendet, sind aber unverzichtbar für die Herstellung zahlreicher Elektroprodukte.

Task-Force von Wissenschaftlern

Doch die EU hinkt bei der Beschaffung der wichtigen Stoffe hinterher, die USA und Japan hingegen haben längst auf den Engpass bei den Hightech-Metallen reagiert. "Europa ist im Wettlauf um die Seltenen Erden zurückgefallen", sagt Bütikofer. Die USA öffnen Steinbrüche, um große Mengen der Metalle zu fördern. Japan investierte bereits letztes Jahr 750 Millionen Euro in ein sogenanntes Sofortforschungsprogramm, um vor allem das Recycling der kostbaren Metalle zu erforschen; Ziel sei es, den Verbrauch von Seltenen Erden um ein Drittel zu kürzen.

Europa hingegen hat auf politischer Ebene bislang außer Absichtserklärungen nicht viel vorzuweisen. Zwar plant die EU inzwischen eigene Lager für Seltene Erden, um die Verwertung der kostbaren Metalle besser organisieren zu können. Doch bislang sind Unternehmen auf sich selbst angewiesen, sie versuchen durch Zusammenarbeit mit Recyclingfirmen und durch die Erschließung neuer Fördermöglichkeiten, die Versorgung mit Seltenen Erden sicherzustellen.

Auch Forschungsinstitute wie die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) sowie die Fraunhofer-Gesellschaft haben eigens Expertengruppen gegründet. Europa müsse seine besten Spezialisten nun zusammenführen, sagt Bütikofer. Unter anderem sei eine Taskforce von Geowissenschaftlern geplant.

Klärung der wichtigsten Fragen

Bütikofers EU-Konzept, das SPIEGEL ONLINE vorliegt, soll Experten versammeln, die "spätestens 2013" die dringendsten Fragen zu Seltenen Erden beantworten sollen:

  • In welchen Bereichen muss Europa seine Forschung verbessern?
  • Wie lassen sich die Hightech-Metalle wiederverwerten, so dass sie möglichst wieder in Umlauf kommen?
  • Wo fehlen Patente?
  • Wie kann die Europäische Investitionsbank Unternehmen helfen?
  • Wo lohnt sich die Förderung von Seltenen Erden?

Das Konzept Bütikofers fußt auf einer Studie des Freiburger Öko-Instituts über Seltene Erden, die für ein europäisches Forschungsnetzwerk plädiert. Als Vorbild dient das CEAM-Netzwerk (Concerted European Action on Magnets), mit dem Europa Mitte der achtziger Jahre der fortschrittlichen Magnet-Industrie der USA und Japans Paroli geboten hat.

Eine Million Euro hat Bütikofer beim Industrieausschuss der EU für seine Initiative nun zunächst beantragt. Im nächsten EU-Rahmenprogramm für Forschung 2014 solle das Netzwerk für Seltene Erden dann mit weiterem Kapital ausgestattet werden.

Neue Rohstoffstrategie

Die Offensive bei den Seltenen Erden fügt sich in die neue Rohstoffstrategie der EU, die Ende September vom EU-Parlament verabschiedet wurde. Sie soll die Versorgung mit den Grundstoffen sichern. Die meisten Rohstoffe will die EU demnach durch neue Handelsverträge mit Ländern außerhalb der Union erschließen. Um die Abhängigkeit von bisherigen Rohstofflieferanten zu überwinden, will die EU bei "vorrangigen Rohstoffen" verstärkt auf Drittländer zugehen - gegebenenfalls mittels eines "Streitbeilegungsmechanismus", wie es im Strategiepapier heißt.

Die EU will zudem Firmen mit Krediten und Bürgschaften unterstützen, Rohstoffe aufzutreiben. Auch die Bundesregierung hat reagiert, sie billigte Ende 2010 eine neue Rohstoffstrategie. "Für die Zukunft des Hochtechnologiestandorts Deutschland ist die Versorgung mit bezahlbaren Industrierohstoffen von entscheidender Bedeutung", sagte der damalige Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP).

Auch die Regierung will Unternehmen dabei unterstützen, die kostbaren Metalle aufzutreiben: Sie will beispielsweise Kontakte herstellen, politisch vermitteln und Investitionen mit staatlichen Kreditgarantien absichern. Die Hoffnung der deutschen Industrie liegt besonders auf den guten politischen Kontakten nach Russland, wo immerhin gewisse Mengen an Seltenen Erden gefördert werden.

Doch diese Maßnahmen können bestenfalls erste Engpässe überbrücken. Längst machen sich Geologen weltweit auf die Suche nach Metall-Lagerstätten, die das chinesische Monopol brechen sollen. Die neu gegründete Rohstoffagentur des Bundes an der BGR stellt in folgenden Ländern Lagerstätten für den Abbau Seltener Erden in Aussicht: in den USA, Australien, Südafrika, Grönland und Kanada. Es wird allerdings noch Jahre dauern, bis die Förderung gewichtige Mengen abwirft; die Eröffnung von Steinbrüchen kostet Zeit.

Gold im Handy

Vor allem aber konzentriert sich die neue EU-Strategie auf die Wiederverwertung von Metallen: Ende vergangener Woche betonten Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) und der slowenische EU-Umweltkommissar Janez Potocnik nach einem Gespräch in Berlin, dass die europäischen Volkswirtschaften ihr Wachstum und Wohlergehen zu lange auf der intensiven Nutzung von Ressourcen aufgebaut hätten. Wohlstand und Wettbewerbsfähigkeit hingen nun von intelligenter Rohstoffnutzung ab.

Das Durchwühlen von Abfall soll eine zentrale Rolle spielen: Im Müll von Industrie und Haushalten lagern massenweise Metallschätze. Uno-Experten haben ermittelt, dass in 41 Mobiltelefonen die gleiche Menge Gold steckt wie in einer Tonne Golderz. "Der Großteil" der 20 Millionen Tonnen Elektroschrott, die jährlich in der EU anfielen, würde nicht recycelt, heißt es im EU-Strategiepapier. Diese "urbanen Minen" sollen nun durch Wiederverwertung der Metalle erschlossen werden. "Deutschland", sagt Reinhard Bütikofer, "muss mithelfen, dass diese Ressourcen nicht durch illegale Elektroschrottexporte verschwinden."

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insgesamt 57 Beiträge
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Seite 1
niepmann 04.10.2011
1. Gute Idee:
Zitat von sysopFirmen*gehen die Hightech-Metalle aus - jetzt reagiert die Europa: Einem internen Papier zufolge baut die EU an einem Netzwerk, dass die kostbaren Substanzen beschaffen soll. Hausmüll kommt dabei eine wichtige Rolle zu. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,788598,00.html
Da ist doch ein ordentlicher Job für Herrn Dr. Stoiber drin!
Kuppelbauer 04.10.2011
2. Will ja nicht kleinlich sein...
... aber: "...an einem Netzwerk, DAS..."
brux 04.10.2011
3. Warum so reisserisch?
Bei dem Obertitel und der Überschrift erwartet man Material wie bei James Bond. Die schlichte Wahrheit ist, dass die Kommission vor einiger Zeit eine europäische Rohstoffstrategie vorgelegt hat, die nun im Parlament beraten und kommentiert wird. All diese Geheimnisse liegen in Brüssel in 21 Sprachen aus. Da findet auch ein blinder Journalist ein Korn.
alaxa 04.10.2011
4. Tja...
Tja... Anstatt bodenlose Fässer in der EU zu dulden oder siechende Volkswirtschaften aufzunehmen, hätte man ja längst die Ukraine oder ganz Russland aufnehmen können. Die hätten seinerzeit nichts dagegen gehabt, vermute ich. Jetzt ist es zu spät. Nun müssen wir wohl noch mehr Müll trennen und zweifarbige Restetonnen einführen, weil alle anderen Farben bereits vergeben sind.
Ein Belgier, 04.10.2011
5. .
Zitat von sysopFirmen*gehen die Hightech-Metalle aus - jetzt reagiert die Europa: Einem internen Papier zufolge baut die EU an einem Netzwerk, dass die kostbaren Substanzen beschaffen soll. Hausmüll kommt dabei eine wichtige Rolle zu. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,788598,00.html
Die USA eröffnen neue Steinbrüche, in Europa durchwühlt man den Müll! Kein Wunder, man macht ja mit der Beauftragung von "Öko-Instituten" den Bock zum Gärtner. Die Ökos machen Europa kaputt....
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