Iran-Sanktionen Schlecht für Airbus, schlecht für Boeing, schlecht für die Sicherheit

Die iranische Flugzeugflotte ist völlig veraltet, Airbus und Boeing hofften auf Milliardengeschäfte. Aus und vorbei: Die US-Sanktionen beenden alle Deals. Passagiere müssen bangen, russische Hersteller profitieren.

Neues Flugzeug der Iran Air nach der Landung in Teheran (im Januar 2017)
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Neues Flugzeug der Iran Air nach der Landung in Teheran (im Januar 2017)

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Der 11. Januar 2017 war ein besonderer Tag in Toulouse - und das lag vor allem an dem Flugzeug mit dem großen blauen Vogel auf dem Leitwerk. Der Homa, laut persischer Mythologie ein Überbringer von Glück und Freude, ist das Logo der Fluggesellschaft Iran Air. Und nach jahrelanger Isolation hatte das Unternehmen gerade seinen ersten neuen Jet von Airbus übernommen, einen A321. Es war das erste Mal seit 23 Jahren, dass Iran offiziell ein neues Flugzeug gekauft hatte.

"Dieser signifikante Meilenstein ist der erste praktische Schritt bei der ambitionierten Flottenerneuerung von Iran Air", erklärte der Chef der Fluggesellschaft, Farhad Parvaresh - "und für eine stärkere Präsenz in der internationalen Zivilluftfahrt." Der Jet sei ein Symbol dafür, dass man durch internationale Zusammenarbeit "jeweils wertvolle kommerzielle Ziele erreichen könne". In der Tat hatten Irans staatliche Fluggesellschaft und der europäische Flugzeugbauer erst wenige Wochen zuvor einen milliardenschweren Liefervertrag abgeschlossen: Die Order umfasste 46 Maschinen der A320-Familie, 38 der A330-Familie und 16 Großraumflugzeuge des Typs A350 XWB.

Doch der einseitige Bruch des internationalen Abkommens zum iranischen Atomprogramm durch US-Präsident Donald Trump dürfte nun auch den Flugzeugvertrag wertlos machen. Dabei sind von den geplanten 100 Airbus-Jets aktuell erst drei geliefert. Neben dem A321 waren das - über Leasingfirmen - zwei A330. "Wir analysieren die Ankündigung sorgfältig", so ein Airbus-Sprecher am Mittwoch auf SPIEGEL-Anfrage. Man werde die nächsten Schritte "in Übereinstimmung mit unseren internen Vorgehensweisen und unter voller Einhaltung der Sanktionen und Exportkontrollregeln" überdenken. Das werde einige Zeit dauern.

Seit dem Ende der nach Trumps Wunsch nun wieder beginnenden US-Sanktionen hatte Iran noch nicht einmal ein Dutzend neuer Flugzeuge importiert. Das ist nichts - vor allem, wenn man um den gigantischen Modernisierungsbedarf der iranischen Luftfahrtbranche weiß. Und der wiederum resultiert aus dem Umstand, dass das Land wegen des US-Embargos seit mehr als 20 Jahren keine neuen Maschinen oder Ersatzteile anschaffen konnte. Im Bestand von Iran Air fliegt beispielsweise ein mehr als 38 Jahre alter Airbus A300B2-200, angeblich die weltweit letzte noch in Betrieb befindliche Passagierversion dieses Jets. Das Durchschnittsalter der Gesamtflotte liegt bei 22,2 Jahren.

Alte Flugzeuge sind nicht per se gefährlich - wenn sie richtig gewartet werden. Doch auch dafür fehlte den Iranern oft das Material. Von den 250 Flugzeugen des Landes müssten 230 ersetzt werden, so die Schätzung von Ali Abedzadeh, dem Chef der Iranischen Zivilluftfahrtbehörde im Sommer 2016. Laut Analysten könnte das Land insgesamt sogar 400 bis 500 neue Jets brauchen - einerseits als Ersatz für fliegende Museumsstücke, andererseits, weil die Luftfahrtfirmen auch national und international expandieren wollen.

Auf der schwarzen Liste der EU

Bisher darf ein Teil der Maschinen von Iran Air die Europäische Union nicht anfliegen - wegen Sicherheitsbedenken. Die Maschinen des Typs Fokker F100 und der Boeing-747-Frachtflieger der Gesellschaft finden sich auf einer entsprechenden EU-Verbotsliste.

Wegen des großen Modernisierungsbedarfs war die Staatsfluglinie Iran Air daher auch der größte Kunde der westlichen Flugzeugbauer. Neben Airbus hatte man auch beim italienisch-französischen Regionalflugzeugbauer ATR, einer Airbus-Tochter (20 Maschinen) und beim US-Riesen Boeing (80 Maschinen, konkret 50 des Typs 737 MAX 8, 15 Maschinen des Typs 777-300ER und 15 Maschinen der zukünftigen 777-9X ) bestellt.

Auch andere iranische Fluggesellschaften wollten in großem Umfang im Westen ordern. So hatte Iran Airtour bei Airbus einen Vorvertrag über 45 A320neo-Maschinen unterzeichnet, die Firma Zagros Airlines interessierte sich für 20 A320neo und acht A330neo. Und das - in der EU wegen Sicherheitsbedenken komplett auf der schwarzen Liste stehende - Unternehmen Iran Aseman Airlines hatte bei Boeing 30 737 MAX gekauft, mit einer Option auf 30 weitere.

An dieser Stelle ist ein Einschub nötig. Denn nach Erkenntnissen westlicher Geheimdienste transportieren Irans Fluggesellschaften manchmal auch anderes als Geschäftsleute oder Touristen. So sollen die iranischen Revolutionswächter regelmäßig auch zivile Maschinen nutzen, um Waffen und Kämpfer von Iran nach Syrien zu bringen. Konkret geht es um Maschinen der Gesellschaft Mahan Air. Bei diesen geheimen Flügen sollen die Piloten die Transponder ausschalten, damit sie nicht geortet werden können.

"Der Führung der US-Regierung folgen"

Doch unabhängig von diesen Vorwürfen und auch unabhängig von der Frage, ob die iranischen Firmen auch nur ansatzweise alle geplanten Flugzeugkäufe hätten finanzieren können, bleibt der große Modernisierungsbedarf des Sektors. Und dort ging es auch nach dem Ende der US-Sanktionen nur langsam voran.

ATR hat bisher acht Regionalflieger nach Iran verkauft. Boeing dagegen hat bisher noch keinen der bestellten Jets geliefert - und wird dies nun auch nicht mehr tun. Man werde "mit der US-Regierung über die nächsten Schritte beraten", so das Unternehmen. Man werde, wie auch bisher, "der Führung der US-Regierung folgen".

Die Firma legt nach der Ankündigung des US-Ausstiegs aus dem Atom-Abkommen auch Wert auf Folgendes: Man habe die Bestellungen aus Iran bisher nicht in die offiziellen Orderbücher aufgenommen. Also brächen auch keine fest verbuchten Aufträge weg. Bei Airbus ist das anders.

"Ein schwerwiegender Fehler"

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Warum ist nun aber auch Airbus als europäischer Hersteller überhaupt von den US-Strafmaßnahmen gegen Iran betroffen? Das liegt daran, dass die Jets auch Komponenten aus den USA enthalten, etwa von den Herstellern United Technologies, Rockwell Collins und General Electric. Weil dieser Anteil über zehn Prozent liegt, braucht Airbus Lizenzen der Exportkontrollbehörde im US-Finanzministerium. Ähnlich verhält es sich auch mit den ATR-Turborop-Maschinen.

Die sogenannten OFAC-Lizenzen waren im Herbst 2016 erteilt worden, zunächst bis 2020. Doch US-Finanzminister Steven Mnuchin hat nach Trumps Ankündigung zum Ausstieg inzwischen mitgeteilt, dass die Genehmigungen widerrufen werden. Betroffen seien nicht nur komplette Flugzeuge, sondern auch Ersatzteile und Dienstleistungen. Es gilt eine Übergangsfrist bis Anfang August.

Um an neue Flugzeuge zu kommen, wird sich Iran in Zukunft auch anderweitig umsehen. Das Land hat bereits eine kleine Lizenzfertigung von ukrainischen Antonow An-140-Propellermaschinen. Iran Aseman Airlines und Iran Air Tours haben außerdem gerade beim russischen Hersteller Suchoi 40 Regionalflugzeuge vom Typ Superjet 100 gekauft. Die ersten Maschinen sollen in einem Jahr ausgeliefert werden. Bisher benötigte auch Suchoi eine OFAC-Genehmigung. Bereits in diesem Winter hatte die iranische Regierung allerdings erklärt, dies sei inzwischen nicht mehr der Fall. Die Russen hätten die US-Komponenten durch eigene ausgetauscht.

Mitarbeit: Christoph Sydow



insgesamt 36 Beiträge
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Ulrich Berger 09.05.2018
1. Wahrscheinlich bin ich zu dumm,
aber mir ist nicht klar, warum Airbus keine Flugzeuge an Iran verkaufen kann - ich dachte, die Befehlsgewalt des US-Praesidenten beschraenkt sich auf US-Produkte. Noetigenfalls kann man uebrigens auch in China produzieren! Das Problem in diesem Falle - und wie ueblich - ist der Merkel-Haufen, warum diese permanenten Verbeugungern vor den US? Warum sind die deutschen Vertreter nicht bereits zu Gespraechen in Moskau und Peking?
BernhardNYC 09.05.2018
2. Leider clever
Zitat: "Die Russen hätten die US-Komponenten durch eigene ausgetauscht." Das macht natürlich Sinn und Airbus sollte das vermutlich auch prüfen. Allerdings frage ich mich die USA auch Europäische Firmen belangen wird die ihre Produkte zwar ohne Amerikanische Komponenten herstellen und an den Iran liefern, andererseits aber auch Geschäfte in den USA betreiben. Ich könnte mir vorstellen dass diese dann in den USA vom Handel ausgeschlossen werden oder anderweitig belangt werden. Vor die Wahl gestellt ein paar Geschäfte mit dem Iran zu machen oder Ihr USA Geschäft aufzugeben werden die meisten Firmen wohl einknicken. Die Frage ist also ob durch den Ausstieg der USA das abkommen nicht doch de-fakto tot ist, entgegen der Beteuerungen der anderen Vertragsparteien.
aurichter 09.05.2018
3. Und wenn
die USA so weiter machen, dann werden die Chinesen auch auf dem Sektor den westlichen Unternehmen in weiteren Regionen den Rang ablaufen, denn bekanntlich bauen die Chinesen in Zukunft eigene Flugzeuge mit Potential. Das wird dann in doppelter Hinsicht ein Eigentor für die Vereinigten Staaten. Und ganz ehrlich, es wäre ihnen zu wünschen. Die Abneigung bei der Weltbevölkerung gegenüber den USA wächst mit Riesenschritten, da brauchen wir nicht diskutieren, dies ist Fakt. Seit Trump wird diese Abneigung nur noch einmal deutlich beschleunigt. Viele Staaten, auch gerade die Südamerikanischen Länder, äußern sich momentan nicht dazu, aber sie beobachten sehr genau. Es wird noch sehr spannend in nächster Zeit, warten wir mal die MidTerms ab, dann sehen wir weiter.
winki 09.05.2018
4. Das ist doch die Gelegenheit ...
für Airbus zusammen mit den Russen das Geschäft zu machen. In aller Ruhe und im Stillen, ohne großes Theater. Das könnte dann wieder der Beginn einer ehrlichen Partnerschaft werden. Das gab es alles schon einmal. Und soviel steht fest, die Russen sind zuverlässig!
rkinfo 09.05.2018
5. "Atomkraft Nein Danke"
Gerade wir Deutschen haben doch eine radikale Ablehnung an alles Atomare, womit der Iran doch eh durchfällt ? Ziel sollte eine Welt ohne Atomwaffen sein, wobei alle Zivilisationen dies aus freien Stücken tun. Iran sieht das eh anders ...
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