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Vom IS eroberte Chemiewaffen-Anlage : Nutzloses Sarin, kleine Reste Senfgas

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Muthanna-Anlage 2002: Inzwischen kontrolliert der IS dieses Gebiet Zur Großansicht
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Muthanna-Anlage 2002: Inzwischen kontrolliert der IS dieses Gebiet

Die Kämpfer des "Islamischen Staats" haben eine Chemiewaffen-Anlage aus den Zeiten Saddam Husseins im Irak erobert. Haben sie dort noch einsetzbare Kampfstoffe gefunden? Die wichtigsten Antworten.

Der gestürzte irakische Diktator Saddam Hussein hatte ein beeindruckendes Chemiewaffen-Arsenal. Und er zögerte nicht, es zu benutzen: Im irakisch-iranischen Krieg in den Achtzigerjahren setzte er Nervengas gegen die Iraner ein. Im eigenen Land vergaste er 1988 Tausende irakische Kurden in der Stadt Halabdscha.

Bisher war man davon ausgegangen, dass von Saddams 1991 stillgelegtem Chemiewaffen-Programm kaum etwas übrig geblieben ist. 2003, als die US-Soldaten im Irak einmarschierten, gab es dort kein aktives Massenvernichtungswaffen-Programm mehr. Allerdings waren Tausende alte Sprengköpfe mit dem Nervengas Sarin und dem Hautkampfstoff Senfgas im Land verteilt. Die meisten wurden von Uno-Inspektoren aufgespürt und zerstört.

Eine zentrale Rolle im irakischen Chemiewaffen-Programm spielte der Muthanna-Komplex 75 Kilometer nordwestlich von Bagdad: Hier wurden die Kampfstoffe produziert und in großen Mengen gelagert. Bis heute befinden sich Reste der Waffen auf dem Gelände des Komplexes. Er sollte laut einem Plan der irakischen Regierung unter Beton begraben werden. Doch die radikale Gruppe "Islamischer Staat" (IS) hat ihn am 11. Juni 2014 erobert. Die US-Zeitung "New York Times" berichtet jetzt, dass der Komplex zu diesem Zeitpunkt nicht versiegelt war, sondern für die Radikalen zugänglich.

SPIEGEL ONLINE beantwortet die wichtigsten Fragen zu dem gefährlichen Erbe des irakischen Diktators Saddam Hussein:

Welche Kampfstoffe lagern im Muthanna-Komplex?
Hauptsächlich geht es um zwei Gebäude: Bunker 13 und 41. In Bunker 13 befanden sich nach Angaben der irakischen Regierung rund 2500 122-Millimeter-Raketen mit dem Kampfgas Sarin, die aber bei einem US-Luftangriff im Februar 1991 beschädigt oder zerstört worden seien. Aus Sicherheitsgründen haben die Uno-Inspektoren den Inhalt des Gebäudes nie genau kontrolliert. Maximal sollen dort 15.000 Liter Sarin gelagert worden sein. In Bunker 41 befanden sich rund 2000 Artilleriegeschosse, die Senfgas enthielten. Der Kampfstoff wurde allerdings von den Uno-Teams aus den 155-Millimeter-Granaten entfernt, so dass sich allenfalls noch kleine Reste darin befinden. Bunker 13 wurde zudem mit Erde gefüllt.

Wie gefährlich sind die alten Chemiewaffen?
Von dem Sarin in Bunker 13 dürfte nach Ansicht von Experten kaum noch eine Gefahr ausgehen: Der Stoff ist nicht besonders lange haltbar. "Sarin zerfällt sehr schnell. Nun, nach über 20 Jahren, sollte es nutzlos sein", sagt Hamish de Bretton-Gordon, Chef der Sicherheitsfirmen Avon Protection Systems und Securebio. Zudem galt das im Irak hergestellte Sarin als qualitativ minderwertig und besaß einen geringen Reinheitsgrad. Senfgas ist dagegen wesentlich stabiler, es kann Jahrzehnte überdauern. Doch auch davon dürften die IS-Dschihadisten keine brauchbaren Mengen in Muthanna gefunden haben. Die Uno-Inspektoren hätten alle der 2000 Senfgas-Granaten aus Bunker 41 geleert und unschädlich gemacht, schrieb der Chemiewaffenexperte Jean Pascal Zanders im August 2014 im Fachmagazin "CBRNe World". Reste von Senfgas könnten zwar ein Gesundheitsrisiko darstellen. "Aber keiner der Berichte deutet darauf hin, dass in dem Komplex mit Senfgas befüllte Granaten lagen."

Kann der IS die alten Waffen noch nutzen?
Sollten die Dschihadisten doch noch unbeschädigte Senfgas-Geschosse finden - möglicherweise aus anderen Quellen als Muthanna -, könnten sie diese auch verwenden, glaubt Gwyn Winfield, Chemiewaffenexperte bei "CBRNe World". "In diesem Fall könnten sie in einer sehr begrenzten Gegend das Leben sehr unangenehm, wenn auch nicht unbedingt tödlich machen. Wir reden bei diesen Szenarien von einer einstelligen Anzahl von Toten im schlimmsten Fall. Die Panik dürfte allerdings groß sein." Laut de Bretton-Gordon hat die irakische al-Qaida, die Vorläuferorganisation des IS im Irak, auch Sprengsätze aus alten Sarin- und Senfgas-Geschossen gebaut. "Das war allerdings wahrscheinlich eher Zufall als Absicht. Die Geschosse sind oft so alt, dass die Farbe abgebröselt ist und sie nicht mehr markiert sind."

Könnte der IS Kampfgas aus alter Munition wiederverwenden?
Ein weiteres Szenario ist, dass die Islamisten alte Munition finden, die nicht mehr funktioniert, aber noch Kampfstoffe enthält. Theoretisch könnten sie die Chemikalien in intakte Geschosse oder einfachere Behälter umfüllen. "Das ist allerdings extrem gefährlich und schwierig", sagt Alastair Hay von der britischen University of Leeds. Das Entleeren von Kampfgas-Munition erfolge üblicherweise ferngesteuert und in versiegelten Gefäßen, die Arbeiter trügen Gasmasken und Schutzkleidung. "Jeder, der das ohne solche Schutzmaßnahmen versucht, läuft Gefahr, sich tödlich zu vergiften", so Hay.

Hat der IS bereits Chemiewaffen eingesetzt?
"Im Irak hat der IS in den vergangenen Wochen ein paar Mal Chlorgas gegen die irakische Armee eingesetzt", sagt de Bretton-Gordon. Die Dschihadisten schleuderten mit Chlorgas gefüllte Kanister auf irakische Militärstützpunkte. Solche Attacken können nicht viele Menschen umbringen, allerdings ist der psychologische Effekt groß. Chlorgas wird von der Industrie verwendet und ist daher leicht zu bekommen. Diese Woche wurden auch Vorwürfe laut, die Dschihadisten hätten im Juli Senfgas in der umkämpften Stadt Kobane benutzt. Fotos, die angeblich aus Kobane stammen sollen, zeigen drei Leichen mit schweren Hautverletzungen. Hay sagt: "Die Bilder legen nahe, dass ein Kampfstoff die Haut geschädigt hat." Manche der auf den Fotos sichtbaren Verletzungen deuteten auf Senfgas hin. Dan Kaszeta von Strongpoint Security vermutet aber eher Brandkampfstoffe wie beispielsweise Phosphor: "Senfgas tötet nicht sofort. Die Leichen auf den Bildern sehen aber nicht wie Menschen aus, die noch tagelang herumgelaufen sind, bevor sie starben. Außerdem stirbt man bei Senfgas gewöhnlich an Lungenschäden, nicht an Verbrennungen. Und um derartig heftige Lungenschäden zu haben, müsste so viel Senfgas vorhanden gewesen sein, dass bei den Leichen Blasen am ganzen Körper auftreten würden." Die Leichen auf den Fotos allerdings haben in der Regel nur an bestimmten Körperstellen Brandverletzungen, dort aber sehr schwere.

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insgesamt 13 Beiträge
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1. Senfgas
gerdstaffler 15.10.2014
IS-Terroristen erbeuten Chemiewaffen. Ein Horrorszenario. Das dann doch etwas von seinem Schrecken verliert, denn das in Bunker 13 gelagerte Sarin hat sein Ablaufdatum offenbar schon hinter sich. Dieses von den USA entwickelte Nervengift ist nicht sonderlich lange haltbar, wohingegen das von den Deutschen im ersten Weltkrieg entwickelte Senfgans (auch Gelbkreuz oder Yperit) zwar äusserst heimtückisch ist - es durchdringt Stoffe und Leder - aber auch problemlos bei der Entsorgung. Mit etwas Chlorkalk und heissem Wasser zersetzt es sich zu ungiftigen chemischen Verbindungen.
2. Wem kann man da noch glauben?
wolfgang.roemer 15.10.2014
Ich gehe da vorsichtshalber vom schlimmsten aus. Wenn der IS Kampfstoffe findet, und das ist wahrscheinlich, wird er sie auch einsetzen. Die schrecken vor nichts zurück. Wehe, sie bekommen Atomares Material in die Hände. Zum verarbeiten der tödlichen Stoffe setzen die dann Gefangene ein. Was muss noch passieren, bis sich die die ganze Welt zusammenschließt, um diese Verrückten auszumerzen?
3. ...
Newspeak 15.10.2014
Zitat von gerdstafflerIS-Terroristen erbeuten Chemiewaffen. Ein Horrorszenario. Das dann doch etwas von seinem Schrecken verliert, denn das in Bunker 13 gelagerte Sarin hat sein Ablaufdatum offenbar schon hinter sich. Dieses von den USA entwickelte Nervengift ist nicht sonderlich lange haltbar, wohingegen das von den Deutschen im ersten Weltkrieg entwickelte Senfgans (auch Gelbkreuz oder Yperit) zwar äusserst heimtückisch ist - es durchdringt Stoffe und Leder - aber auch problemlos bei der Entsorgung. Mit etwas Chlorkalk und heissem Wasser zersetzt es sich zu ungiftigen chemischen Verbindungen.
Nur zur Aufklärung...Sarin ist ebenfalls ein deutsches Produkt... "Die Substanz wurde am 10. Dezember 1938 während der Forschung an Phosphorverbindungen für den Einsatz als Insektenvernichtungsmittel von einer Forschungsgruppe um den Chemiker Gerhard Schrader (I.G. Farben in Leverkusen) entdeckt. Die Bezeichnung wurde aus Buchstaben der Namen der Männer gebildet, die an der Entdeckung und an der großtechnischen Entwicklung beteiligt waren: Schrader, Ambros, Ritter und von der Linde." (wikipedia)
4. konkret?
Graphite 15.10.2014
nur ein wenig. geringfügig, möglicherweise Nutzlos. nicht Haltbare "Beiweise" für eine Schalgzeile. in einem aneren Bericht: US-Luftschläge OFFENBAR erfolgreicher. Kein Informationsgehalt. reine Spekulation und Geheimdienstangaben, die wie wir wissen immer stimmen! SPON ist auf dem besten Weg die größte Konkurrenz zur BILD zu werden!
5.
AlHarb 15.10.2014
Zu dieser Theamtik wurde bereits am 9. Oktober ein Artikel von Daveed Gartenstein-Ross von der Georgetown Universität veröffentlicht, der auf irakischen Pressemeldungen des Mediums al-Sumaria vom 22. Juli basierte. Damals ging es um den tschetschenischen IS-Kommandanten der Anbar Offensive Abu Umar al Shishani, dem es geschickt gelangt ein Bataillon der irakischen schnellen Einsatzkräfte bei Saqlawiyah einzukesseln und durch den Einsatz mit Chlorgas auszuschalten.
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