Japans Katastrophen-AKW US-Experten warnen vor versteckten Fukushima-Risiken

Betreiber Tepco meldet erste Erfolge am AKW Fukushima - aber amerikanische Atomexperten fürchten neue Probleme. In einem vertraulichen Gutachten der US-Atomaufsicht, das jetzt durchgesickert ist, wird deutlich: Die Gefahr ist größer als bisher vermutet.


Tokio/New York - Seit gut drei Wochen schuften die Tepco-Männer im und am havarierten AKW Fukushima I - und versuchen mit allen Mitteln, die Reaktoren auf der Anlage wieder unter Kontrolle zu bringen. Erste Fortschritte haben sie gemacht: Es ist ihnen gelungen, einen Riss in einem Kabelschacht zu stopfen, aus dem hochradioaktives Wasser unkontrolliert ins Meer geflossen war.

Laufend veröffentlichen Tepco sowie die japanische Regierung und Atomaufsicht Meldungen zur Lage des Katastrophen-AKW. Dabei wird kaum ersichtlich, dass in Fukushima inzwischen etliche Atom-Experten und Strahlenmediziner aus verschiedenen Nationen den Japanern beratend zur Seite stehen - und die Lage mitbeobachten.

Auch das US-Energieministerium sowie die amerikanische Atomaufsichtsbehörde NRC haben Experten nach Japan entsandt. Jetzt ist erstmals ein Dokument aufgetaucht, das zeigt, wie besorgt die NRC-Experten - trotz der Fortschritte - über den Zustand der Reaktoren sind. Wie die "New York Times" berichtet, fürchtet die NRC, dass an dem AKW viele Gefahren und Probleme noch längst nicht gebannt sind. Im Gegenteil: Immer mehr kommen hinzu.

Einige dieser Probleme könnten möglicherweise sogar auf unbestimmte Zeit andauern, heißt es in einem vertraulichen Gutachten der NRC, das der "New York Times" nach eigenen Angaben vorliegt. Das Papier ist demnach vom 26. März datiert und listet eine ganze Reihe von Gefahren auf. Dazu gehörten insbesondere:

  • die zunehmende Belastung der Reaktorsicherheitsbehälter, die mit radioaktivem Kühlwasser vollaufen. Dadurch werden sie während der Nachbeben, die das Gelände erschüttern, anfälliger für Risse.
  • Innerhalb der Sicherheits- und Reaktordruckbehälter kann es dem Gutachten zufolge weiterhin zu Explosionen kommen. Der Grund: Aus dem Meerwasser, das in die Reaktoren gepumpt wurde, wird Wasserstoff und Sauerstoff freigesetzt. Wie hoch die Wahrscheinlichkeit für eine Explosion ist, darüber spekulieren die NRC-Experten laut "New York Times" jedoch nicht. Deshalb hat Tepco am Mittwochabend damit begonnen, Stickstoff in das Gebäude von Reaktor 1 zuzuführen, um eine Wasserstoffexplosion zu verhindern.
  • Sowohl ein Nachbeben als auch neue Explosionen könnten, das fürchten die NRC-Experten, zu einem Bruch der Sicherheits- und Reaktordruckbehälter führen.

Beides sind die letzten Hüllen, die die teils geschmolzenen Brennstäbe und die massive Radioaktivität noch von der Umwelt abschirmen. Käme es zu einer weiteren Kernschmelze durch eine mangelnde Kühlung, könnte diese geschmolzene Masse eine ganze Weile in diesem gefährlichen Zustand bleiben, glaubt die NRC.

In dem NRC-Bericht wird auch eine Einschätzung zum Zustand der teils bereits geschmolzenen Brennelemente abgegeben. Das Problem: Diese Schmelze sowie das Salz aus dem Meerwasser, das ursprünglich zur Kühlung verwendet wurde, behindern den Durchfluss des Frischwassers zur Kühlung der Stäbe.

Nun stellen sich die Experten die Frage, ob es tatsächlich sinnvoll sein kann, trotz mangelnder stabiler Kühlsysteme weiterhin Wasser von oben auf die Reaktoren zu schütten. Insgesamt 60 Millionen Liter teils hochradioaktives Wasser sollen sich dadurch inzwischen in den Kellern der Reaktorgebäude und den unterirdischen Kanälen angesammelt haben. Ein Teufelskreis, denn dieses Wasser behindert die eigentliche Hauptaufgabe der Techniker: die Reparatur der Kühlsysteme. Nur wenn diese wieder stabil laufen, könnte es gelingen, eine umfassende Kernschmelze dauerhaft zu verhindern.

Inzwischen gehen die meisten Kernkraftexperten davon aus, dass die Japaner noch Monate damit beschäftigt sein werden, die Kühlung der Reaktoren aufrechtzuerhalten, bis das AKW wieder stabilisiert ist. Doch nach und nach beginnt man zu begreifen, dass eine derartige Kühlung eben auch noch mehr gefährliche Probleme mit sich bringt.

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Kampf gegen die Wassermassen: Projekt "Megafloat"
In dem Dokument ist auch davon die Rede, dass radioaktive Partikel aus den Abklingbecken "bis zu einer Meile" von den Reaktorblöcken entfernt in die Luft geblasen worden seien. Ein großer Teil, teils hochradioaktiv, sei zwischen zwei Blöcken auf den Boden gelangt und habe dort "niedergewalzt" werden müssen, um die Arbeiter vor umherfliegenden Teilchen und Staub zu schützen.

Der Inhalt des neuen Gutachtens bereitet auch David Lochbaum Sorgen. Er ist US-Kerntechniker und arbeitete früher an Reaktoren der gleichen Bauweise wie in Japan. Lochbaum glaubt laut "New York Times", dass angesichts dieser "Woge der Probleme" ein erfolgreicher Ausgang der nuklearen Katastrophe ungewiss sei. Er habe bisher gedacht, die japanischen Kollegen seien immerhin kurz vor einem Durchbruch zu mehr Stabilität. Das Bild sei nun ein ganz anderes: Die Lage sei viel schlimmer als befürchtet.

Eine der Empfehlungen der NRC lautet nun, Stickstoff in die Reaktoren zu pumpen. Mit Stickstoff will man eine weitere Explosion im havarierten Kernkraftwerk verhindern. Bei der Substanz handelt es sich um ein sogenanntes inertes Gas. Das heißt, dass es unter den gegebenen Bedingungen chemisch stabil ist und nicht etwa mit der Luft oder dem Wasser reagiert. Der Stickstoff soll helfen, die Reaktoren von explosionsgefährlichem Sauerstoff und Wasserstoff zu befreien, die dort entweichen.

Am Mittwochabend begannen die Einsatzkräfte laut der Nachrichtenagentur Kyodo mit der Zuführung von Stickstoff in Reaktorblock 1, um eine Wasserstoffexplosion zu verhindern. Aber es werden noch mehr Maßnahmen nötig sein, um ein noch größeres Ausmaß der Katastrophe abzuwenden. Wie lange das dauern wird, vermag immer noch keiner zu sagen.

Von Sievert bis Becquerel: Kleines Lexikon der Strahlenmessung
Alpha-, Beta- und Gammastrahlen
DPA
Manche Atomkerne von chemischen Elementen sind instabil und zerfallen deshalb. Sie werden als radioaktiv bezeichnet. Die Zerfallsprozesse können unterschiedlicher Natur sein. Die Strahlung, die zerfallende Elemente aussenden, wird in drei Arten unterschieden: Während Alpha- und Betastrahlung aus Partikeln bestehen, handelt es sich bei Gammastrahlung um elektromagnetische Wellen, ähnlich der Röntgenstrahlung. Allerdings ist ihre Wellenlänge viel kleiner und die Strahlen sind somit extrem energiereich. Alphastrahlung besteht aus positiv geladenen Helium-Kernen, die aus zwei Protonen und zwei Neutronen aufgebaut sind. Betastrahlen bestehen aus Elektronen. Sie entstehen, wenn sich ein Neutron in ein Proton und ein Elektron umwandelt, das vom Atomkern abgestrahlt wird.
Becquerel: Einheit der Aktivität
Eine Substanz ist dann radioaktiv, wenn sie zerfällt und dabei Strahlung aussendet. Um anzugeben, wie stark eine radioaktive Substanz strahlt, benutzt man den Begriff der Aktivität (A). Sie wird in Becquerel (Bq) gemessen und gibt die Strahlung an, die eine Substanz innerhalb einer bestimmten Zeit durch Zerfall erzeugt. Per Definition entspricht ein Becquerel einem Zerfall pro Sekunde. Je schneller eine Probe zerfällt, desto intensiver strahlt sie also.
Gray: Einheit der Energiedosis
Weiß man, wie stark eine radioaktive Substanz strahlt, sagt das noch nichts darüber aus, wie sich die Strahlung auf den Körper auswirkt. Dafür ist es wichtig zu bestimmen, wie viel Energie von einer bestimmten Masseneinheit des Körpers absorbiert wird. Angegeben wird die absorbierte Energiedosis (D) in der Einheit Gray (Gy), wobei ein Gray der Energiemenge von einem Joule pro Kilogramm entspricht.
Sievert: Einheit der Äquivalentdosis
Um die biologische Wirksamkeit der radioaktiven Strahlung auf den Körper anzugeben, benutzt man anstelle der Energiedosis den Begriff der Äquivalentdosis (H). Sie berücksichtigt die Tatsache, dass verschiedene Arten von Strahlen ganz unterschiedliche Wirkungen auf den Körper haben. So ionisiert Alphastrahlung bei weitem mehr Moleküle als etwa Betastrahlen - und richtet deshalb eine größere Zerstörung im Körper an. Daher wird jede Strahlungsart mit Hilfe einer physikalischen Größe gewichtet, dem sogenannten Strahlenwichtungsfaktor. Gemessen wird die Äquivalentdosis in Sievert (Sv). Sie ergibt sich aus der Multiplikation der Energiedosis mit dem Strahlenwichtungsfaktor. 1 Sievert (Sv) sind 1000 Millisievert (mSv). 1 Millisievert sind 1000 Mikrosievert (µSv).
Sievert pro Zeit: Einheit der Strahlenbelastung
Um die Auswirkungen von radioaktiver Strahlung auf den Körper genauer einschätzen zu können, ist es wichtig zu wissen, wie lange eine bestimmte Dosis auf den Körper einwirkt. Daher wird die Strahlenbelastung meist in Sievert pro Zeiteinheit gemessen. Also etwa Millisievert pro Jahr oder Mikrosievert pro Stunde. Die durchschnittliche natürliche Strahlenbelastung liegt in Deutschland bei 2,1 Millisievert pro Jahr, also 0,24 Mikrosievert pro Stunde. Im Schnitt kommen zwei Millisievert pro Jahr durch künstliche Quellen von Radioaktivität hinzu. Den Löwenanteil dazu steuert die Medizin bei.
Von Becquerel zu Sievert: Der Dosiskonversionsfaktor
Die Strahlenbelastung von Böden oder in Lebensmitteln etwa wird in Becquerel pro Quadratmeter oder Becquerel pro Kilogramm angegeben. Doch was bedeutet dieser Wert für die Auswirkungen auf den Körper? Um eine Beziehung zwischen Aktivität und Äquivalentdosis herstellen zu können, gibt es den sogenannten Dosiskonversionsfaktor. Er hängt unter anderem von der Art der Strahlung und der radioaktiven Substanz ab, sowie von der Art, wie die Strahlung in den Körper gelangt (Inhalieren, Aufnahme durch die Nahrung). So entspricht die Aufnahme von 80.000 Becquerel Cäsium 137 mit der Nahrung einer Strahlenbelastung von etwa einem Millisievert. Der Verzehr von 200 Gramm Pilzen mit 4000 Becquerel Cäsium 137 pro Kilogramm hat beispielsweise eine Belastung von 0,01 Millisievert zur Folge. Das lässt sich mit der Belastung durch Höhenstrahlung bei einem Flug von Frankfurt nach Gran Canaria vergleichen.
EU-Grenzwerte für Nahrungsmittel
Nach der Tschernobyl-Katastrophe hatte die EU Grenzwerte für den Import von Lebensmitteln aus jenen Ländern geregelt, die durch das Atom-Unglück kontaminiert wurden. Zusätzlich hat die EU am 26. März 2011 weitere Grenzwerte für Importe aus Japan festgelegt - die Grenzen wurden jedoch als zu lasch kritisiert. Am 8. April reagierte die EU - und passte die Grenzen an japanische Normen an. Für Cäsium 134 und Cäsium 137 gilt künftig bei Lebensmitteln ein Grenzwert von 500 Becquerel pro Kilogramm. Bei Säuglings- und Kindernahrung senkte Brüssel den Grenzwert für Cäsium von 400 auf 200, für Jod von 150 auf 100 Becquerel.

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Steuersklave 06.04.2011
1. Panikmache
Zitat von sysopJapans AKW-Betreiber Tepco meldet erste Erfolge - aber Atomexperten aus den Vereinigten Staaten warnen vor neuen Problemen. In einem vertraulichen Gutachten der US-Atomaufsicht, das jetzt aufgetaucht ist, wird deutlich:*Die Gefahr*einer weiteren Eskalation in Fukushima ist größer als bisher vermutet. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,755392,00.html
Nicht nur Nachbeben könnten zu weiteren Problemen führen, auch ein Komet, der ins Kraftwerk stürzt. Was soll die ganze Panikmache? Die Brennelemente in den Abklingbecken können wieder gekühlt werden und die Containments sind dicht oder lassen sich - wie gerade geschehen - wieder abdichten. Natürlich werden die Arbeiten noch dauern, aber die Nachzerfallswärme wird von Tag zu Tag weniger. Wenn nichts wirklich Schlimmes passiert, arbeitet die Zeit jetzt für die Japaner.
Rainer Helmbrecht 06.04.2011
2. Ohne Titel ist man freier.
Zitat von sysopJapans AKW-Betreiber Tepco meldet erste Erfolge - aber Atomexperten aus den Vereinigten Staaten warnen vor neuen Problemen. In einem vertraulichen Gutachten der US-Atomaufsicht, das jetzt aufgetaucht ist, wird deutlich:*Die Gefahr*einer weiteren Eskalation in Fukushima ist größer als bisher vermutet. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,755392,00.html
Da trifft es sich ja gut, dass wir uns das alles nur einbilden und das nur eine unbewusste deutsche Angst ist, so zu sagen, eine Phobie die man auch mit Alkohol bekämpfen könnte. MfG. Rainer
Mr Bounz 06.04.2011
3. ----------
Da sieht man mal wieder den Unterschied. Erst schreibt ein Ontologe "das ist doch alles kein Problem und halb so wild", da haben sich die bezahlten Pro-Atom Schreiber sehr gefreut. Jetzt kommt ein Geheim Dossier der Stellen die wirklich wissen was abläuft ans Tageslicht und schon wird mal wieder klar .... es ist noch lange nicht vorbei, bzw. das dicke Ende kommt noch.
abwählen! 06.04.2011
4. Billige Atomkraft
Zitat von Rainer HelmbrechtDa trifft es sich ja gut, dass wir uns das alles nur einbilden und das nur eine unbewusste deutsche Angst ist, so zu sagen, eine Phobie die man auch mit Alkohol bekämpfen könnte. MfG. Rainer
1) Afrschbacken zusammenklemmen und sofort Japan helfen-beim zerbomben frmder Kulturen ist man sonst auch nicht so zögerlich. 2) Eigene Reaktoren (Kaliforniern) abschalten 3) keine neuen mehr Planen (Obama) 4) aus der Geschichte lernen (wäre das erste Mal)
kamau 06.04.2011
5. deutsche gene
zitat spiegel: "Der Inhalt des neuen Gutachtens bereitet auch David Lochbaum Sorgen. Das Bild sei nun ein ganz anderes: die Lage sei viel schlimmer als befürchtet." lochbaum der name? alles klar, der mann hat deutsche gene und damit the german ANGST
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