K.-o.-Tropfen Bizarrer Hype um Anti-Vergewaltigungs-Nagellack

Nagellack, der vor K.-o.-Tropfen warnt und Vergewaltigungen verhindert: Die Idee von US-Studenten wird auf Facebook, Twitter und in vielen Zeitungen debattiert. Was ist dran an dem vermeintlichen Wundermittel?

Nagellack: Warnung vor K.-o.-Tropfen?
Corbis

Nagellack: Warnung vor K.-o.-Tropfen?

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Eine Frau trifft sich zum ersten Mal mit einem Mann. Er kauft ihr einen Drink, doch sie ist misstrauisch: Scheinbar geistesabwesend rührt sie mit einem Finger durchs Getränk und blickt anschließend verstohlen auf ihren Nagellack. Er verfärbt sich, und sie weiß: Im Glas befinden sich K.-o.-Tropfen. Sie verlässt die Bar und entgeht einer möglichen Vergewaltigung.

So in etwa soll der Nagellack von "Undercover Colors" funktionieren. Er verrate K.-o.-Tropfen, auf Englisch "Date Rape Drugs" ("Vergewaltigungsdrogen"), indem er seine Farbe ändere - behaupten zumindest seine Erfinder. Doch erfunden im Sinne eines verfügbaren Produkts ist anscheinend noch gar nichts. Stattdessen ist nicht einmal klar, wie der ominöse Nagellack überhaupt funktionieren soll.

Bekannt ist lediglich die Idee, ein hübsches Logo und eine Internetpräsenz, die aus nichts mehr als einer Startseite besteht. Dazu kommen einige gewagte, durch nichts bewiesene Behauptungen. Mehr aber braucht es offenbar nicht, um einen Hype loszutreten.

Die Facebook-Seite von Undercover Colors hat inzwischen mehr als 70.000 Gefällt-mir-Angaben, auf Twitter machte das Phänomen ebenfalls die Runde. Zahlreiche Zeitungen haben sich davon mitreißen lassen. In den USA bejubelten unter anderem CBS News und die "Huffington Post" den vermeintlichen Wunderlack, selbst die altehrwürdige "Newsweek" schrieb ohne Konjunktiv und Fragezeichen: "Der Nagellack zeigt die Präsenz von K.-o.-Tropfen wie Rohypnol, Xanax und GHB an."

Auch in Deutschland verbreiteten diverse Medien ("Huffington Post": "geniale Erfindung") die Meldung über den vermeintlichen Wunderlack. Die "Frankfurter Allgemeine" tat sogleich den nächsten Schritt und stieg in die gesellschaftliche Debatte über den nicht existierenden Lack ein: Kritikerinnen bemängelten, ein solches Produkt schiebe den Opfern die Verantwortung zu.

"Nichts weiter als ein Facebook-Hype"

Doch niemand schien sich zu fragen, ob - und falls ja, wie - ein solcher Nagellack überhaupt funktionieren könnte. Denn die vier Ideengeber - Undercover-Colors-Gründer Stephen Gray, die Doktoranden Ankesh Madan und Tasso Von Windheim von der Duke University in Durham (US-Bundesstaat North Carolina) sowie der Ingenieur Tyler Confrey-Maloney - haben bisher nicht einmal grobe Informationen über die Chemie hinter ihrem Nagellack veröffentlicht. Anfragen von SPIEGEL ONLINE blieben unbeantwortet.

"Das ist nichts weiter als ein Facebook-Hype", sagt Fritz Sörgel, Direktor des Instituts für Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung in Nürnberg. Einfache Systeme wie etwa Stäbchentests könnten zwar häufig als K.-o.-Tropfen verwendete Stoffe nachweisen, wie Benzodiazepine, Ketamin oder die auch als "Liquid Ecstasy" bekannte Gamma-Hydroxybuttersäure (GHB). "Solche Systeme haben Zuverlässigkeitstests aber selten überstanden", so Sörgel. Besonders schwierig werde es, wenn die K.-o.-Tropfen sich in Getränken mit Milch, Fruchtsäften und anderem vermischten.

Zudem kommen für K.-o.-Tropfen längst nicht nur Benzodiazepine, Ketamin und GHB in Frage, sondern auch Neuroleptika, sogenannte Anticholinergika wie etwa Atropin, Barbiturate, Chloralhydrat oder das Schlafmittel Zolpidem. "Dass ein Nagellack auf all diese Substanzen zugleich reagiert, ist vollkommen ausgeschlossen", so Sörgel. Zudem müsste der Lack jeden einzelnen dieser Stoffe selektiv erkennen. "Wenn beispielsweise zwei Stoffe drin sind, muss jeder der beiden störungsfrei gemessen werden."

Außerdem sei aus der Bekämpfung von Doping im Sport bekannt, dass neue Substanzen die bekannten Tests umgehen könnten. Die Studenten hinter Undercover Colors hätten offenbar "keine Ahnung, wie man ein Produkt macht", kritisiert Sörgel. "'Jugend forscht' hat oft bessere und hoffnungsvollere Beiträge."

"Machbarkeitsforschung ist vielversprechend"

Fraglich ist auch, wie verbreitet der Einsatz von K.-o.-Tropfen überhaupt ist. "Date Rape Drugs werden oft benutzt, um sexuelle Nötigung zu ermöglichen", behauptet das Studenten-Quartett und spricht von einem "großen gesellschaftlichen Problem". Doch die wenigen Daten, die dazu aus der Forschung existieren, deuten eher in die Gegenrichtung: Stoffe wie GHB, Ketamin oder Benzodiazepine spielen demnach nur bei einem kleinen Teil aller Sexualvergehen eine Rolle. Bei weitem häufiger sei dagegen Alkohol im Spiel.

Dem Undercover-Colors-Team scheint es inzwischen selbst ein wenig mulmig zu werden angesichts des Hypes. Man müsse "einige Dinge klarstellen, die in der medialen Aufregung der vergangenen Tage durcheinandergegangen sind", schrieben die Studenten am Mittwoch auf ihrer Facebook-Seite. "Unser Produkt steht noch nicht zum Verkauf. Wir sind noch in der frühen Entwicklung." Allerdings habe man bereits rund 100.000 Dollar an Spenden und Startkapital eingenommen.

Bei genauem Hinsehen scheinen die Vier nicht einmal selbst genau zu wissen, ob ihr Nagellack funktioniert. Die "Machbarkeitsforschung", schreiben sie, verlaufe "sehr vielversprechend". Eine genauere Vorstellung hat das Team dagegen davon, wie es weitergehen soll: "Bitte helft uns, dieses Produkt wahr werden zu lassen, indem Ihr uns Facebook-Likes gebt."

Forum - Diskussion über diesen Artikel
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LauschenIstTerror 29.08.2014
1. Alternative Geschäftsidee!
Die funktioniert sogar ohne Nagellack! Wenn ich mir den Finger in den eigenen oder auch einen fremden Anus stecke kann ich an der Verfärbung zweifelsfrei feststellen ob ich fündig wurde. Das tolle daran: Das funktioniert auch für Blinde, die können alternativ dazu ihre Nase benutzen. Nicht zum Bohren natürlich, das ist dann doch zu eklig.
belzeebub1988 29.08.2014
2. es
ist immer das gleiche kaum wird was entdeckt kommen die so genannten Wissenschaftler aus ihren Ecken und machen alles fertig
oortsche_wolke 29.08.2014
3. Quatsch
Wer sich auch nur ein bißchen mit Drogennachweissystemen auskennt weiss, dass sowas weder jetzt noch jemals funktionieren kann. Teststreifen sind z.B. auf klar definierte Medien entwickelt (meist Urin). Schon ein simpler Benzodiazepinteststreifen ist dann nicht in der Lage die gleiche Substanz in völlig anderen Milieu (Alkohol plus Säurefruchtsaft etc.) zu erkennen. Hinzu kommen die sehr unterschiedlichen chem. Strukturen von z.B. GHB, BZD und/ oder Trizyklischen Antidepressiva oder Neuroleptika und das noch in einem haftenden Nagellack mit bißchen Farbveränderung. Oh Mann: Totaler Quatsch und wird so zumindest nach dem jetzigen Stand des Wissens in der Lebenszeit aller hier beteiligter Foristen nicht möglich sein. Gute Nacht auch.
twister-at 29.08.2014
4. Alles Nörgler
also, ich finde, das sollte erstmal gefördert werden - von Frauenverbänden, von irgendwelchen Bundesmitteln usw. Auch wenn noch nichts Erfundenes, irgendwie Plausibles usw. da ist. - auf jeden Fall mal fördern. Ich hätt da auch noch eine Idee. Ein Armband, das anzeigt (es gibt das übrigens auch für Männer, da ist es ein Uhrenarmband), wenn der Gesprächspartner lügt. Je nach Farbintensität ist es eine eher harmlose bis gefährliche Lüge. Das würde z.B. Frauen davon abhalten, auf Heiratsschwindler hereinzufallen, genauso würden auch Männer bei der Frage "Willst du Kinder" gleich auf der sicheren Seite sein oder bei der Frage, ob die Holde die Pille nimmt usw. Natürlich wäre das auch bei Bankern usw. anwendbar - ich rechne, wenn das entsprechend vorfinanziert wird, mit Kosten in Höhe von ca 14502 Euro pro Armband, es wird aber natürlich zum günstigen Preis von 10.000 Euro verfügbar sein und, sollten mehr als 1 Million vorfinanziert werden, sogar zum preis von 5.000. Bitte also nicht zerreden, sondern spenden.
cefio 29.08.2014
5. Idee aus Hudson-Day-Komödie
Diese Geschäftsidee kenne ich aus dem 1961er Film 'Ein Pyjama für zwei'. Vermutlich haben die cleveren Jungs die VHS-Kassette bei Oma und Opa gefunden.
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