Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Flugsicherheit: Kritik an Studie zu kontaminierter Kabinenluft

Landendes Verkehrsflugzeug: Kritik an BFU-Studie zu kontaminierter Kabinenluft Zur Großansicht
DPA

Landendes Verkehrsflugzeug: Kritik an BFU-Studie zu kontaminierter Kabinenluft

Belastete Luft in Flugzeugen stellt keine größere Gefahr für die Sicherheit dar - das besagt eine aktuelle Studie der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung. Kritiker werfen den Experten jetzt indirekt vor, das Problem zu verharmlosen.

Hamburg/Frankfurt am Main - Wie gefährlich ist verschmutzte Luft in Flugzeugkabinen? Dass es sogenannte "Fume Events" immer wieder gibt, steht außer Frage. Umstritten aber ist, wie gefährlich sie sind. Am Mittwoch hat die Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) eine Auswertung Hunderter Fälle vorgelegt. Das Fazit: Es gebe "deutliche Hinweise" auf ein langfristiges Gesundheitsrisiko für Piloten und Besatzungen, was allerdings noch weiter erforscht werden müsse. Bei der Frage, ob Flugzeuge im Extremfall abstürzen könnten, gab die BFU dagegen Entwarnung: "Erhebliche Einschränkungen der Flugsicherheit" hätten nicht vorgelegen.

Die Pilotenvereinigung Cockpit (VC) interpretiert die Ergebnisse nun ein wenig anders. "Die Aussage der BFU deckt sich mit unseren Kenntnissen über Vorfälle, bei denen ein oder mehrere Cockpitmitglieder aufgrund von Geruchsvorfällen massiv in ihrer Handlungsfähigkeit eingeschränkt waren", so VC-Sprecher Jörg Handwerg. Es habe also "eine Gefährdung des Fluges" bestanden.

Unverständlich sei, warum die BFU den Zwischenfall an Bord einer Germanwings-Maschine in Köln nicht als Unfall eingestuft habe. Beide Piloten hatten beim Anflug einen starken Geruch wahrgenommen und derartig massive Probleme bekommen, dass sie die Sauerstoffmasken aufsetzen mussten. "Nicht nachvollziehbar" ist laut Handwerg auch, warum die BFU ein weiteres Ereignis an Bord eines Airbus ebenfalls nicht als Unfall ansehe - obwohl dies laut Gesetz geschehen müsse, wenn Besatzungsmitglieder mehr als 48 Stunden im Krankenhaus verbrächten.

Kritik an der BFU-Studie übte auch Markus Tressel, Tourismuspolitiksprecher der grünen Bundestagsfraktion. So werfe der starke Anstieg der Meldungen über "Fume Events" in den vergangenen Jahren Fragen auf. Die BFU führt ihn auf eine gewachsene Sensibilität zurück, die auch dazu führe, dass zahlreiche eher harmlose Geruchsereignisse gemeldet würden. Tressel dagegen glaubt, dass der Grund des Anstiegs eine EU-Verordnung ist, die den Besatzungen erlaube, "Fume Events" direkt den Behörden zu melden. "Die Meldungen werden so nicht mehr durch die Airlines kassiert, weil dann unangenehmen Untersuchungen drohen könnten", so Tressel.

Als eine mögliche Ursache von kontaminierter Kabinenluft gilt das Luftzufuhrsystem heutiger Verkehrsflugzeuge: Die Kabinenluft wird meist aus den Kompressoren der Triebwerke abgezapft, von wo mitunter Dämpfe ins Belüftungssystem gelangen können. Dass es auch anders geht, beweist etwa Boeings neuer Dreamliner-Jet, der ein anderes Verfahren verwendet. Die BFU fordert in den Sicherheitsempfehlungen ihrer Studie allerdings nicht explizit, auf das Zapfluft- oder Bleed-Air-System zu verzichten. Stattdessen verlangt sie allgemein "Maßnahmen zur Verhinderung von möglicherweise gesundheitsgefährdenden Verunreinigungen in der Kabinenluft".

mbe

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 4 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Zapfluft oder nicht...
DonCarlos 08.05.2014
Zapfluftfreie Systeme wie bisher nur in der Boeing 787 verwendet, können aber auch nur die vorhandene Außenluft ansaugen. Die bisherigen Systeme bekommen zwar die Luft aus dem Triebwerk geliefert aber aus einem Teil der natürlich vor der Brennkammer liegt. Daher könnte maximal Öl von der Triebwerksschmierung angesaugt werden. Was aber hier nicht der Fall war: http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/geruch-im-cockpit-germanwings-zwischenfall-bleibt-ungeklaert-a-937447.html Alle übrigen Verunreinigungen können auch bei Systemen auftreten, die ohne Zapfluft arbeiten. Das bei der 787 bisher keine Probleme dieser Art auftraten könnten auch an der kleinen Anzahl von Flugzeugen liegen. Es wurden bisher nur 132 B787 ausgeliefert. Airbus hat von dem A320 fast 500 Flugzeuge alleine letztes Jahr ausgeliefert. Dafür hatte die B787 bisher genug andere Probleme mit Rauch an Bord...
2. Erhebliche Einschränkungen
sototh 08.05.2014
Zitat von sysopDPABelastete Luft in Flugzeugen stellt keine größere Gefahr für die Sicherheit dar - das besagt eine aktuelle Studie der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung. Kritiker werfen den Experten jetzt indirekt vor, das Problem zu verharmlosen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/kabinenluft-bfu-studie-zu-fume-events-stoesst-auf-kritik-a-968290.html
Man beachte, wie immer bei solchen Statements, die Wortwahl. Ich lese hier: Es hat alle Arten von Einschränkungen gegeben, aber eben keine "erheblichen" - was immer damit gemeint ist.
3.
Yeti 08.05.2014
Zitat von sotothMan beachte, wie immer bei solchen Statements, die Wortwahl. Ich lese hier: Es hat alle Arten von Einschränkungen gegeben, aber eben keine "erheblichen" - was immer damit gemeint ist.
Ich kann die Piloten gut verstehen. Wenn's im Auto komisch riecht, kann man immer noch rechts ranfahren. Im Flugzeug ist JEDES unerwartete (Geruchs-) Ereignis zuersteinmal als "lebensgefährlich" einzustufen. Ich glaube nicht, dass ein Pilot handlungsunfähig wird, wenn der Copilot einen fahren lässt ...
4. Was fängt der Laie mit so 'ner Meldung an??
hansulrich47 08.05.2014
Es ist doch heute schon 'normal' eine Analyse oder Bewertung, die einem nicht passt, umgehend als unzureichend, falsch oder böswillig zu bezeichnen. Das gilt auch hier. Wenn ich Risiken abwäge, ist fliegen immer noch sicherer als Autofahren ....
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH





Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: