Kaltabschaltung im AKW Fukushima Schön für Tepco, egal für die Bevölkerung

Nach den Worten der japanischen Regierung ist das havarierte AKW Fukushima Daiichi wieder unter Kontrolle. Deutsche Nuklear-Experten aber warnen: Die Situation kann jederzeit wieder kippen. Und für die Bevölkerung ist die verkündete Kaltabschaltung der Reaktoren wertlos.

Tepco-Arbeiter vor den Toren des AKW-Fukushima: Kaltabschaltung ungenügend
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Tepco-Arbeiter vor den Toren des AKW-Fukushima: Kaltabschaltung ungenügend

Von Cinthia Briseño


Es sollte eine bedeutende Ankündigung sein. Eine, die bekräftigt, dass Japan die Situation im Griff hat. Und sie sollte zeigen, dass die Regierung in der Lage ist, ihre Versprechen zu halten. Am Freitag trat der Ministerpräsident vor die Presse.

Als ob er mit der Verkündung der frohen Botschaft nicht warten könne, gab Yoshihiko Noda zwei Stunden früher als angekündigt jenen Satz bekannt, der rasch als Eilmeldung durch die Medien ging: Das AKW Fukushima Daiichi ist wieder stabil. Der wichtige Schritt im Fahrplan, so Noda, sei damit wie vorgesehen noch vor Ende des Jahres erreicht worden.

Die Reaktoren in der havarierten Anlage befänden sich "im Zustand der Kaltabschaltung, so dass das Unglück nun unter Kontrolle ist", sagte Noda bei dem Treffen mit der Atom-Taskforce des Landes. Diesen in Fachkreisen genannten "cold shutdown" feiert Japans Regierung als wichtigen Durchbruch: Die Temperatur im Innern der Reaktoren ist unter 100 Grad Celsius gefallen. Damit ist das radioaktive Material in den Reaktorkammern stabil und es kann theoretisch zu keinen unkontrollierten Kettenreaktionen mehr kommen.

Experten der deutschen Gesellschaft für Reaktorsicherheit (GRS) aber kritisieren den Umgang mit dem Begriff der Kaltabschaltung. Dieser sei für den Normalbetrieb vorgesehen - und nicht im Falle einer Katastrophe, erklärte der Pressesprecher im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Das suggeriert eine Normalität, die in Fukushima aber nicht gegeben ist", sagt Sven Dokter.

In der Tat ist der "cold shutdown" ein international feststehender Begriff, der allerdings verschiedene Definitionen hat. Die gängigste Definition sei jene, die von der amerikanischen Atomaufsichtsbehörde (NRC) vorgegeben ist, erklärt Dokter. Demnach müssen bei einer Kaltabschaltung drei Kriterien erfüllt sein:

  • Die Anlage muss in einem abgeschalteten Zustand sein. Experten sprechen von "unterkrititsch", was bedeutet, dass keine Kernspaltungen mehr stattfinden.
  • Im Innern der Reaktoren darf kein erhöhter Druck herrschen (im Betrieb herrschen bis zu mehrere Dutzend bar).
  • Ein bestimmtes Temperaturniveau - 100 Grad Celsius - muss im Inneren der Reaktoren unterschritten sein.

Alle drei Kriterien seien in Fukushima zwar offenbar erfüllt, so der GRS-Experte. Andernfalls müssten die von Betreiber Tepco angegeben Radioaktivitätswerte in der Anlage anders sein. Entwarnung könne man jedoch noch nicht geben.

Zuvor hatte ein Atomexperte der österreichischen Umweltorganisation Global 2000 erklärt, dass die Temperaturen in den Reaktoren in Wahrheit wesentlich höher sein dürften. "Hier von Kaltabschaltung zu sprechen grenzt an eine bewusste Lüge", sagte Reinhard Uhrig. Die geschmolzenen Brennelemente hätten sich durch den Boden der Reaktordruckbehälter durchgebrannt und lägen nun als Klumpen auf dem Boden der Umhüllung. Dort wiesen sie weiter Temperaturen von schätzungsweise 3000 Grad auf.

Zu früh für eine Entwarnung

Die Experten der GRS halten dieses Szenario jedoch für ausgeschlossen: Bei einer Temperatur von 3000 Grad könne man längst nicht mehr von einem "Klumpen" sprechen, denn dann wären die Brennelemente flüssig. Zudem würde bei Temperaturen über 100 Grad weiter Wasserdampf über den Reaktoren aufsteigen - und erhöhte Radioaktivität messbar sein.

"Bei den vorliegenden Temperaturwerten kann man davon ausgehen, dass es momentan in den Reaktoren nicht in größerem Umfang zu Kernspaltungen kommt", sagt der GRS-Pressesprecher. In so einem Fall müssten auch in größere Mengen Spaltprodukte wie etwa Xenon 133 oder Iod 131 gemessen werden. "Der stabile Zustand kann sich unter Umständen aber schnell ändern", sagt Dokter. Ein weiteres Beben, das Ausfallen der neu eingerichteten Kühlsysteme - es seien viele Szenarien vorstellbar, die erneut zu einer kritischen Situation führen könnten.

Was für die Tepco-Techniker ein wesentlicher Schritt sein mag, dürfte für die Tausenden Menschen, die einst innerhalb der Sperrzone wohnten, und jene Menschen, die jetzt noch im Umkreis der AKW-Ruine leben, kaum eine Rolle spielen. Sie haben Angst vor der Strahlung und vor kontaminiertem Obst, Gemüse, Reis oder Fleisch aus der Region.

Wichtiger als die Kaltabschaltung der Reaktoren wird es also sein, das weitere Austreten von Radioaktivität zu verhindern. Doch immer wieder sickert strahlendes Wasser durch Risse oder Löcher aus den Reaktordruckbehältern. In den vergangenen Monaten musste Tepco angesichts der schieren Massen radioaktives Wasser ins Meer ableiten.

So ist im Fahrplan Tepcos wohl vorgesehen, 2012 die Brennelemente aus dem Lagerbecken des Reaktors 4 abzutransportieren. Zwar war zum Zeitpunkt der Katastrophe dieser Reaktor abgeschaltet. Dennoch wurde das Dach der Becken, in dem die Brennelemente zur Kühlung in einem Wasserbasin lagern, zerstört. Damit ist die Lage dort alles andere als sicher. "Würde der Abtransport tatsächlich gelingen", so Dokter, "wäre das in Puncto Sicherheit ein sehr viel wichtigerer Erfolg."

insgesamt 113 Beiträge
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Promethium 16.12.2011
1. Und wenn...
Zitat von sysopNach den Worten der japanischen Regierung ist das havarierte AKW Fukushima Daiichi wieder unter Kontrolle. Deutsche Nuklear-Experten aber warnen: Die Situation kann jederzeit wieder kippen. Und für die Bevölkerung ist die verkündete Kaltabschaltung der Reaktoren wertlos. Kaltabschaltung im AKW Fukushima: Schön für Tepco, egal für die Bevölkerung - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wissenschaft (http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,804157,00.html)
Und wenn es das war? So viele Artikel für eine "Katastrophe" die kein einziges Menschenleben gefordert hat?
archontoilet 16.12.2011
2.
Durch die Kaltabschaltung kommt nun praktisch kein radioaktives Material über den Kühlkreislaufen mehr nach draußen. Ist doch eine gute Nachricht. Warum hat der Verfasser des Artikels dann scheinbar so ein großes Interesse daran, diese Nachricht mit aller Gewalt etwas negatives abzugewinnen? Jede negative Meldung wird über alle Proportionen aufgebläht und bei jeder positive Meldung wird relativiert, wo es nur geht. Man könnte fast meinen, man wollte bei den Lesern die "Enttäuschung" über eine positive Meldung verhindern.
rst2010 16.12.2011
3. wies0?
Zitat von archontoiletDurch die Kaltabschaltung kommt nun praktisch kein radioaktives Material über den Kühlkreislaufen mehr nach draußen. Ist doch eine gute Nachricht. Warum hat der Verfasser des Artikels dann scheinbar so ein großes Interesse daran, diese Nachricht mit aller Gewalt etwas negatives abzugewinnen? Jede negative Meldung wird über alle Proportionen aufgebläht und bei jeder positive Meldung wird relativiert, wo es nur geht. Man könnte fast meinen, man wollte bei den Lesern die "Enttäuschung" über eine positive Meldung verhindern.
er hat die aussagen mehrer wissenschaftlr wiedergegeben. eine eigene meinung hab ich nicht entdeckt dabei. was davon korrekt ist, kann keiner, auch der autor nicht beurteilen.
cyberdrop 16.12.2011
4. .
Weder die Japanische Regierung noch Tepco haben von "unter Kontrolle" gesprochen. Diesen Teil haben sich deutsche Journalisten dazugedichtet (mangels technischem Verständnis). Im Original heißt es lediglich das man den Cold Shutdown status erreicht hat.
cyberdrop 16.12.2011
5. .
Im Original wird sogar explizit geschrieben das die Lage noch nicht unter Kontrolle ist ---Zitat--- The state is a target in the *second phase* of a timetable established by the government and the Tokyo Electric Power Company *to bring the plant under control*. At a meeting of the government nuclear disaster task force on Friday, Noda declared that the reactors are now stable and that the second phase is complete. ---Zitatende---
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