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06. April 2011, 00:43 Uhr

Kampf gegen Atom-Katastrophe

Techniker flicken Leck in Fukushima-Reaktor

Gute Nachrichten vom Katastrophen-AKW Fukushima: Offenbar ist es den Tepco-Männern gelungen, ein gefährliches Leck im Reaktor zu stopfen - mit Flüssigglas. Und mit Hilfe von Stickstoff plant Tepco, eine weitere drohende Gefahr abzuwenden. 

Tokio/Hamburg - Erfolg im Kampf gegen die Folgen des Atom-Unfalls in Japan: Im havarierten AKW Fukushima I haben die Tepco-Techniker ein Leck abgedichtet, durch das verstrahltes Wasser ins Meer ausgeströmt war. Das berichtete die Agentur Kyodo in der Nacht zum Mittwoch. Nach mehreren gescheiterten Versuchen half offenbar ein Abdichtmittel auf Basis von Flüssigglas, das die Arbeiter in den betreffenden Kanalschacht im Reaktorgebäude 2 gegossen hatten.

1500 Liter Natriumsilicate, sogenanntes Wasserglas, seien dafür notwendig gewesen, sagte Tepco-Sprecher Naoki Tsunoda. Bei der offenbar erfolgreichen Methode wurde den Angaben zufolge zudem eine weitere nicht genannte Chemikalie verwendet. Wie Tepco mitteilte, fließt nun kein hochradioaktiv verseuchtes Wasser mehr unkontrolliert ins Meer. Endgültige Entwarnung könne allerdings noch nicht gegeben werden, sagte der japanische Regierungssprecher Yukio Edano. Noch werde geprüft, ob an der kritischen Stelle tatsächlich kein kontaminiertes Wasser mehr austrete und ob es nicht möglicherweise weitere Lecks an der Anlage gebe.

Doch der Kampf gegen die Folgen der Atom-Katastrophe dürfte noch lange dauern. Insgesamt 60 Millionen Liter teils hochradioaktives Wasser sollen sich inzwischen in den Kellern der Reaktorgebäude und den unterirdischen Kanälen angesammelt haben. Sie behindern die eigentliche Hauptaufgabe der Techniker: die Reparatur der Kühlsysteme. Nur wenn diese wieder stabil laufen, könnte es gelingen, eine umfassende Kernschmelze dauerhaft zu verhindern.

Derweil plant Tepco neue Maßnahmen, um die Reaktoren wieder zu stabilisieren: Mit Stickstoff will der Betreiber eine weitere Wasserstoffexplosion im havarierten Kernkraftwerk Fukushima verhindern. Am Mittwochabend begannen die Einsatzkräfte laut der Nachrichtenagentur Kyodo mit der Zuführung von Stickstoff in Reaktorblock 1. Eine unmittelbare Explosionsgefahr bestehe derzeit aber nicht, sagte Hidehiko Nishiyama, Sprecher der japanischen Atomsicherheitsbehörde. Der Stickstoff-Einsatz könnte mehrere Tage dauern, vermutlich sollen die Arbeiten an den Blöcken 2 und 3 fortgesetzt werden.

An der Anlage mangelt es den Rettungstrupps vor allem an Auffangbehältern, in denen man radioaktive Wassermassen sammeln kann. Am Montag blieb dem Betreiber deshalb nichts anderes übrig, als belastetes Wasser kontrolliert ins Meer abzuleiten.

Bei ihrer Arbeit in Fukushima können die Männer schon bald auf eine langersehnte Hilfe setzen: Am Dienstag hat sich "Megafloat" in Bewegung gesetzt. Das riesige Tankfloß - 136 Meter lang und 46 Meter breit - diente bisher im Hafen der Stadt Shimizu in der Provinz Shizuika als schwimmende Insel für Angler. Jetzt hat es abgelegt und wird zunächst in eine Werft in der Tokioter Nachbarstadt Yokohama gezogen. Dort soll es für den Einsatz an der Atom-Ruine umgebaut werden, wie Jiji Press berichtete.

Voraussichtlich nach dem 16. April soll das Floß in Fukushima eintreffen. Die Zeit aber drängt. Denn tagtäglich fließt weiterhin radioaktiv verseuchtes Wasser in den Ozean. Nicht nur Tepco lässt die Brühe ins Meer rinnen - viel problematischer ist jenes Wasser, das unkontrolliert durch Risse und Lecks in den Pazifik sickert. Denn dieses Wasser ist teilweise um ein Vielfaches stärker radioaktiv belastet als das, was Tepco aus purer Verzweiflung loswerden muss.

Wie Kyodo berichtete, strömten bis Dienstagmittag (Ortszeit) rund 3,4 Millionen Liter belastetes Wasser in den Pazifik. Insgesamt sollen 11,5 Millionen Liter abgelassen werden. Regierungssprecher Yukio Edano verteidigte erneut die Aktion, die voraussichtlich bis zum Wochenende dauern soll. Sie sei nötig, damit nicht stärker strahlendes Wasser ins Meer gelange.

Unterdessen ist bekannt geworden, dass der Anteil von radioaktivem Jod 131 im Meerwasser unweit des havarierten AKW die gesetzlichen Grenzwerte mehrere Millionen Mal übersteigt. Am vergangenen Wochenende habe der Wert mit 300.000 Becquerel pro Kubikzentimeter 7,5 Millionen Mal über dem Grenzwert gelegen, teilte Tepco mit.

Am Montag sei der Grenzwert fünf Millionen Mal überschritten worden. Zum Vergleich: Nach Berichten der Zeitung "Sankei Shimbun" beträgt die Kontamination im Wasser, das Tepco kontrolliert in den Pazifik pumpt, nur bis zu 20 Becquerel pro Kubikzentimeter, während aus dem Riss im Keller des Rektorblocks 2 eine Brühe ins Meer strömt, deren Wert nach Angaben von Tepco bei 1.200.000 Becquerel pro Kubikzentimeter liegt.

Das radioaktive Material verteile sich jedoch zügig im Meerwasser und stelle keine unmittelbare Gefahr für die Umwelt dar, hieß es in einer Stellungnahme des Unternehmens. Auch Fischereiökologen des Johann Heinrich von Thünen-Bundesinstituts in Hamburg schätzen, dass Fischen, Muscheln und anderen Bewohnern des Meeres vor der japanischen Küste zunächst kaum eine Gefahr drohen dürfte.

cib/jok/dpa/AFP

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