Tokio/Hamburg - Erfolg im Kampf gegen die Folgen des Atom-Unfalls in Japan: Im havarierten AKW Fukushima I haben die Tepco-Techniker ein Leck abgedichtet, durch das verstrahltes Wasser ins Meer ausgeströmt war. Das berichtete die Agentur Kyodo in der Nacht zum Mittwoch. Nach mehreren gescheiterten Versuchen half offenbar ein Abdichtmittel auf Basis von Flüssigglas, das die Arbeiter in den betreffenden Kanalschacht im Reaktorgebäude 2 gegossen hatten.
1500 Liter Natriumsilicate, sogenanntes Wasserglas, seien dafür notwendig gewesen, sagte Tepco-Sprecher Naoki Tsunoda. Bei der offenbar erfolgreichen Methode wurde den Angaben zufolge zudem eine weitere nicht genannte Chemikalie verwendet. Wie Tepco mitteilte, fließt nun kein hochradioaktiv verseuchtes Wasser mehr unkontrolliert ins Meer. Endgültige Entwarnung könne allerdings noch nicht gegeben werden, sagte der japanische Regierungssprecher Yukio Edano. Noch werde geprüft, ob an der kritischen Stelle tatsächlich kein kontaminiertes Wasser mehr austrete und ob es nicht möglicherweise weitere Lecks an der Anlage gebe.
Doch der Kampf gegen die Folgen der Atom-Katastrophe dürfte noch lange dauern.
Insgesamt 60 Millionen Liter teils hochradioaktives Wasser sollen sich inzwischen in den Kellern der Reaktorgebäude und den unterirdischen Kanälen angesammelt haben. Sie behindern die eigentliche Hauptaufgabe der Techniker: die Reparatur der Kühlsysteme. Nur wenn diese wieder stabil laufen, könnte es gelingen, eine umfassende Kernschmelze dauerhaft zu verhindern.
Derweil plant Tepco neue Maßnahmen, um die Reaktoren wieder zu stabilisieren: Mit Stickstoff will der Betreiber eine weitere Wasserstoffexplosion im havarierten Kernkraftwerk Fukushima verhindern. Am Mittwochabend begannen die Einsatzkräfte laut der Nachrichtenagentur Kyodo mit der Zuführung von Stickstoff in Reaktorblock 1. Eine unmittelbare Explosionsgefahr bestehe derzeit aber nicht, sagte Hidehiko Nishiyama, Sprecher der japanischen Atomsicherheitsbehörde. Der Stickstoff-Einsatz könnte mehrere Tage dauern, vermutlich sollen die Arbeiten an den Blöcken 2 und 3 fortgesetzt werden.
An der Anlage mangelt es den Rettungstrupps vor allem an Auffangbehältern, in denen man radioaktive Wassermassen sammeln kann. Am Montag blieb dem Betreiber deshalb nichts anderes übrig,
als belastetes Wasser kontrolliert ins Meer abzuleiten.
Bei ihrer Arbeit in Fukushima können die Männer schon bald auf eine langersehnte Hilfe setzen: Am Dienstag hat sich "Megafloat" in Bewegung gesetzt. Das riesige Tankfloß - 136 Meter lang und 46 Meter breit - diente bisher im Hafen der Stadt Shimizu in der Provinz Shizuika als schwimmende Insel für Angler. Jetzt hat es abgelegt und wird zunächst in eine Werft in der Tokioter Nachbarstadt Yokohama gezogen. Dort soll es für den Einsatz an der Atom-Ruine umgebaut werden, wie Jiji Press berichtete.
Voraussichtlich nach dem 16. April soll das Floß in Fukushima eintreffen. Die Zeit aber drängt. Denn tagtäglich fließt weiterhin radioaktiv verseuchtes Wasser in den Ozean. Nicht nur Tepco lässt die Brühe ins Meer rinnen - viel problematischer ist jenes Wasser, das unkontrolliert durch Risse und Lecks in den Pazifik sickert. Denn dieses Wasser ist teilweise um ein Vielfaches stärker radioaktiv belastet als das, was Tepco aus purer Verzweiflung loswerden muss.
Wie Kyodo berichtete, strömten bis Dienstagmittag (Ortszeit) rund 3,4 Millionen Liter belastetes Wasser in den Pazifik. Insgesamt sollen 11,5 Millionen Liter abgelassen werden. Regierungssprecher Yukio Edano verteidigte erneut die Aktion, die voraussichtlich bis zum Wochenende dauern soll. Sie sei nötig, damit nicht stärker strahlendes Wasser ins Meer gelange.
Unterdessen ist bekannt geworden, dass der Anteil von radioaktivem Jod 131 im Meerwasser unweit des havarierten AKW die gesetzlichen Grenzwerte mehrere Millionen Mal übersteigt. Am vergangenen Wochenende habe der Wert mit 300.000 Becquerel pro Kubikzentimeter 7,5 Millionen Mal über dem Grenzwert gelegen, teilte Tepco mit.
Am Montag sei der Grenzwert fünf Millionen Mal überschritten worden. Zum Vergleich: Nach Berichten der Zeitung "Sankei Shimbun" beträgt die Kontamination im Wasser, das Tepco kontrolliert in den Pazifik pumpt, nur bis zu 20 Becquerel pro Kubikzentimeter, während aus dem Riss im Keller des Rektorblocks 2 eine Brühe ins Meer strömt, deren Wert nach Angaben von Tepco bei 1.200.000 Becquerel pro Kubikzentimeter liegt.
Das radioaktive Material verteile sich jedoch zügig im Meerwasser und stelle keine unmittelbare Gefahr für die Umwelt dar, hieß es in einer Stellungnahme des Unternehmens. Auch Fischereiökologen des Johann Heinrich von Thünen-Bundesinstituts in Hamburg schätzen, dass Fischen, Muscheln und anderen Bewohnern des Meeres vor der japanischen Küste zunächst kaum eine Gefahr drohen dürfte.
Von Sievert bis Becquerel: Kleines Lexikon der Strahlenmessung
Manche Atomkerne von chemischen Elementen sind instabil und
zerfallen deshalb. Sie werden als
radioaktiv bezeichnet. Die Zerfallsprozesse können unterschiedlicher Natur sein. Die Strahlung, die zerfallende Elemente aussenden, wird in drei Arten unterschieden: Während Alpha- und Betastrahlung aus Partikeln bestehen, handelt es sich bei
Gammastrahlung um elektromagnetische Wellen, ähnlich der Röntgenstrahlung. Allerdings ist ihre Wellenlänge viel kleiner und die Strahlen sind somit extrem energiereich.
Alphastrahlung besteht aus positiv geladenen Helium-Kernen, die aus zwei Protonen und zwei Neutronen aufgebaut sind.
Betastrahlen bestehen aus Elektronen. Sie entstehen, wenn sich ein Neutron in ein Proton und ein Elektron umwandelt, das vom Atomkern abgestrahlt wird.
Eine Substanz ist dann radioaktiv, wenn sie zerfällt und dabei Strahlung aussendet. Um anzugeben, wie stark eine radioaktive Substanz strahlt, benutzt man den Begriff der Aktivität (A). Sie wird in Becquerel (Bq) gemessen und gibt die Strahlung an, die eine Substanz innerhalb einer bestimmten Zeit durch Zerfall erzeugt. Per Definition entspricht ein Becquerel einem Zerfall pro Sekunde. Je schneller eine Probe zerfällt, desto intensiver strahlt sie also.
Weiß man, wie stark eine radioaktive Substanz strahlt, sagt das noch nichts darüber aus, wie sich die Strahlung auf den Körper auswirkt. Dafür ist es wichtig zu bestimmen, wie viel Energie von einer bestimmten Masseneinheit des Körpers absorbiert wird. Angegeben wird die absorbierte Energiedosis (D) in der Einheit Gray (Gy), wobei ein Gray der Energiemenge von einem Joule pro Kilogramm entspricht.
Um die biologische Wirksamkeit der radioaktiven Strahlung auf den Körper anzugeben, benutzt man anstelle der Energiedosis den Begriff der Äquivalentdosis (H). Sie berücksichtigt die Tatsache, dass verschiedene Arten von Strahlen ganz unterschiedliche Wirkungen auf den Körper haben. So ionisiert Alphastrahlung bei weitem mehr Moleküle als etwa Betastrahlen - und richtet deshalb eine größere Zerstörung im Körper an. Daher wird jede Strahlungsart mit Hilfe einer physikalischen Größe gewichtet, dem sogenannten Strahlenwichtungsfaktor. Gemessen wird die Äquivalentdosis in Sievert (Sv). Sie ergibt sich aus der Multiplikation der Energiedosis mit dem Strahlenwichtungsfaktor. 1 Sievert (Sv) sind 1000 Millisievert (mSv). 1 Millisievert sind 1000 Mikrosievert (µSv).
Um die Auswirkungen von radioaktiver Strahlung auf den Körper genauer einschätzen zu können, ist es wichtig zu wissen, wie lange eine bestimmte Dosis auf den Körper einwirkt. Daher wird die Strahlenbelastung meist in Sievert pro Zeiteinheit gemessen. Also etwa Millisievert pro Jahr oder Mikrosievert pro Stunde. Die durchschnittliche natürliche Strahlenbelastung liegt in Deutschland bei 2,1 Millisievert pro Jahr, also 0,24 Mikrosievert pro Stunde. Im Schnitt kommen zwei Millisievert pro Jahr durch künstliche Quellen von Radioaktivität hinzu. Den Löwenanteil dazu steuert die Medizin bei.
Die Strahlenbelastung von Böden oder in Lebensmitteln etwa wird in Becquerel pro Quadratmeter oder Becquerel pro Kilogramm angegeben. Doch was bedeutet dieser Wert für die Auswirkungen auf den Körper? Um eine Beziehung zwischen Aktivität und Äquivalentdosis herstellen zu können, gibt es den sogenannten Dosiskonversionsfaktor. Er hängt unter anderem von der Art der Strahlung und der radioaktiven Substanz ab, sowie von der Art, wie die Strahlung in den Körper gelangt (Inhalieren, Aufnahme durch die Nahrung). So entspricht die Aufnahme von 80.000 Becquerel Cäsium 137 mit der Nahrung einer Strahlenbelastung von etwa einem Millisievert. Der Verzehr von 200 Gramm Pilzen mit 4000 Becquerel Cäsium 137 pro Kilogramm hat beispielsweise eine Belastung von 0,01 Millisievert zur Folge. Das lässt sich mit der Belastung durch Höhenstrahlung bei einem Flug von Frankfurt nach Gran Canaria vergleichen.
Nach der Tschernobyl-Katastrophe hatte die EU Grenzwerte für den Import von Lebensmitteln aus jenen Ländern geregelt, die durch das Atom-Unglück kontaminiert wurden. Zusätzlich hat die EU am 26. März 2011 weitere Grenzwerte für Importe aus Japan festgelegt - die Grenzen wurden jedoch als zu lasch kritisiert. Am 8. April reagierte die EU - und passte die Grenzen an japanische Normen an. Für Cäsium 134 und Cäsium 137 gilt künftig bei Lebensmitteln ein Grenzwert von 500 Becquerel pro Kilogramm. Bei Säuglings- und Kindernahrung senkte Brüssel den Grenzwert für Cäsium von 400 auf 200, für Jod von 150 auf 100 Becquerel.
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