Entdeckung durch Tauchroboter Der Geheimflieger "Arrow" am Grund des Ontariosees

Die Avro Canada CF-105 Arrow gilt als eines der geheimnisvollsten Flugzeuge der Welt, kein einziges Exemplar ist erhalten. Jetzt fand ein deutsches U-Boot Überreste im Ontariosee.

Library and Archives Canada

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Wissenschaftler haben mithilfe eines in Deutschland entwickelten Tauchroboters Testmodelle eines zwischen 1954 und 1957 über dem Ontariosee erprobten Militärflugzeuges entdeckt. Der dreieinhalb Meter lange, von der Fraunhofergesellschaft entwickelte Unterwasserroboter fand auf dem Seeboden die Überreste von zwei der acht oder neun historischen Versuchsmodelle des Abfangjägers Avro Canada CF-105 Arrow.

Seit Juli 2017 suchten im Rahmen des Projektes "Raise the Arrow" unter Leitung der kanadischen Küstenwache und des Royal Canadian Military Institute zahlreiche Forscherteams aus etlichen Ländern nach Überresten der Testmaschinen. Wracks gibt es jede Menge im bis zu 240 Meter tiefen Ontariosee an der Grenze zwischen Kanada und den USA. Diese Trümmer sind jedoch nicht einfach irgendwelche:

  • Zum einen weiß man sehr, sehr wenig über die unter höchster Geheimhaltungsstufe entwickelten Kampfflieger. Bis auf ein Cockpit mit Flugzeugnase ist davon nichts erhalten.
  • Zum anderen ist das so, weil die Testflugzeuge auf Befehl der damaligen Regierung Kanadas quasi über Nacht vernichtet wurden - so wie die meisten Informationen über sie, die Fabrikationsanlagen, selbst Maschinen zur Teilefertigung.

Das am 20. Februar 1959 beschlossene abrupte Ende des Arrow-Programms stützte die kanadische Flugzeugindustrie in eine schwere Krise. Bei Avro selbst verloren binnen zwei Monaten rund 15.000 Arbeiter ihre Jobs, Schätzungen zufolge lag die Zahl doppelt so hoch, wenn man die Zulieferer dazuzählt. Kein Wunder, dass sich um die Frage, warum die "Arrows", die Gerüchten zufolge Unglaubliches leisten konnten, so abrupt eingestellt wurden, bald schon Legenden und Verschwörungstheorien rankten.

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Gefunden nach 60 Jahren: Die Avro CF-105 Arrow

Die CF-105 wurde 1952 in Auftrag gegeben. Zielvorgabe war es, einen extrem schnellen und wendigen Abfangjäger zu entwickeln, der in der Lage sein sollte, nuklear bewaffneten Langstreckenbombern der Sowjetunion Paroli zu bieten. Es war ein zeittypisches Rüstungsprojekt: Der Kalte Krieg verwandelte die Machtblöcke in Ost und West in waffenstarrende Opponenten, die sich gegenseitig belauerten.

Stalins Sowjetunion unterstellte man grenzenlosen Machthunger. Zwar starb der Diktator im März 1953, doch sein politisches Erbe wirkte fort. Im gleichen Jahr verkündeten die USA ihre Strategie der "massiven Vergeltung": Im Kriegsfall würden die USA und ihre Verbündeten einem sowjetischen Angriff nicht mehr mit eigenen Truppen begegnen, sondern atomar beantworten. Fast umgehend begann ein nuklearer Rüstungswettlauf, der vor allem im Westen mit einem Entwicklungsschub schneller Abfangjäger einherging - so wie der Avro CF-105.

Hinfortgepiept: Kanadas Wunderflieger

Glaubt man den Informationen, die über diesen Flieger noch erhalten sind, leisteten Kanadas Ingenieure Beträchtliches. Nicht nur die Höchstgeschwindigkeit von Mach 2 auf 15.000 Meter Flughöhe setzte Rekordmarken. Auch die Steiggeschwindigkeit von 226 Metern pro Sekunde und die Wendigkeit der Maschine machten den Deltaflügler zum angeblich flinksten Abfangjäger seiner Zeit.

Warum also trennte sich Kanada von diesem Projekt? Den Grund lieferte ein hohler Metallball von 58 Zentimeter Durchmesser, den die Sowjetunion am 4. Oktober 1957 ins All schoss. Sputnik umkreiste 92 Tage lang die Erde und signalisierte ihr mit piependen Signalen den Beginn einer neuen Zeit. Und zwar nicht nur in Sachen Raumfahrt: Hinauf ins Orbit hatte den Satelliten eine Interkontinentalrakete getragen.

Abfangjäger gegen Bomber verloren damit über Nacht an Wichtigkeit. So wie in Kanada wurden auch in anderen Ländern des Westens Flugzeug-Entwicklungsprojekte eingestellt.

Fast nirgendwo vernichtete man Prototypen und andere Spuren aber so gründlich wie in Kanada. Schon der Beginn der aktuellen Suche im Sommer 2017 wurde dort entsprechend aufmerksam verfolgt. Dass die Deutschen Forscher nun fündig wurden, wird auch bei Avro selbst freudig begrüßt werden: Das firmeneigene Museum arbeitet seit Juli an einer Rekonstruktion der CF-105.

Gefunden wurden nun allerdings keine regulären Flugzeuge, von denen nur fünf vollständig gebaut und gestartet wurden. Die zwei im Ontariosee gefundenen Maschinen waren maßstabsgerecht gebaute Testflugzeuge von drei Meter Länge, die mit Hilfe von Raketen gestartet wurden, um die Flugeigenschaften des Designs auszutesten. Die Funde sollen nach Bergung und Restauration im Canada Aviation and Space Museum in Ottawa und dem National Air Force Museum of Canada in Trenton, Ontario ausgestellt werden. Die Suche soll im nächsten Sommer fortgeführt werden.

Abgesehen vom Ruhm des Finders hat sich der Einsatz für das erfolgreiche deutsche Team auch noch in anderer Hinsicht gelohnt. Das kanadische Technologieunternehmen Kraken Robotics, ließ die Fraunhofer-Gesellschaft am Wochenende wissen, hat die Lizenz für eine Großserienproduktion ihres Unterwasserroboters erworben.



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