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Kernenergie: Ein Toter bei Explosion in französischer Atomanlage Marcoule

Auf dem Gelände der Atomanlage Marcoule in Südfrankreich hat sich eine Explosion ereignet. Ein Mensch ist nach Behördenangaben ums Leben gekommen, vier weitere wurden verletzt. Radioaktivität soll nicht in die Umwelt gelangt sein.

Marcoule: Explosion in stillgelegter Atomanlage Fotos
DPA

Paris/Wien - In der südfranzösischen Atomanlage Marcoule gab es am Montag eine Explosion. Es habe einen Toten gegeben, teilte die französische Atomaufsicht (ASN) mit. Vier weitere Personen seien verletzt worden, eine davon schwer. Strahlung ist laut ASN und der örtlichen Polizei nicht ausgetreten. Die Behörden richteten dennoch eine Sicherheitszone ein, falls noch Radioaktivität entweichen sollte.

Nach Angaben der ASN ist bei dem Unfall ein Verbrennungsofen für schwach radioaktive Abfälle explodiert. Dazu zählen unter anderem Kleidung von Arbeitern sowie Metalle und Beton. Die Ursache des Unglücks war zunächst unklar. "Es handelt sich um einen Industrieunfall, nicht um einen Atomunfall", sagte ein Sprecher des staatlichen Stromkonzerns EDF, dessen Tochterunternehmen Socodei die Anlage betreibt. Der bei dem Unfall gestorbene Arbeiter sei "in Sekundenschnelle" verbrannt, sagte ein EDF-Sprecher zu SPIEGEL ONLINE. Der Mann habe in einem Raum neben dem Verbrennungsofen gearbeitet, als dieser explodiert sei.

Die ASN hat den Unfall am Montagnachmittag offiziell für beendet erklärt. "Dieser Unfall bedeutet keine Radioaktivität und keine Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung", teilte die ASN mit, die ihren Krisenstab wieder auflöste. Die Explosion in einem Verbrennungsofen habe ein Feuer entfacht, das gegen 13 Uhr unter Kontrolle gewesen sei. Das Gebäude, in dem der Ofen stand, sei nicht beschädigt worden. Die vier Verletzten, von denen einer schwere Verbrennungen erlitt, seien nicht verstrahlt worden. Auch außerhalb des Gebäudes sei keine Radioaktivität gemessen worden. Nun solle untersucht werden, wie es zu dem Unfall kam.

Auch das unabhängige französische Atomforschungsinstitut Criirad hat Entwarnung gegeben: "Unsere eigenen Messstationen rund um das Atomkraftwerk haben bis heute um 14.15 Uhr keine erhöhte Radioaktivität gemessen", so ein Sprecher zu SPIEGEL ONLINE. Allerdings seien dies nur erste Messungen. "Wir werden nun unsere Kontrollen um Marcoule verstärken."

Die internationale Atomaufsichtsbehörde IAEA hat inzwischen bei der französischen Regierung nähere Angaben zu dem Unfall angefordert. Das für Zwischenfälle verantwortliche Zentrum der IAEA sei "sofort aktiviert" worden, sagte Generaldirektor Yukiya Amano am Montag in Wien. "Jetzt sind wir an Informationen interessiert."

Frankreichs Umweltministerin Nathalie Kosciuscko-Morizet wurde am späten Montagnachmittag am Unfallort erwartet. Die Grünen forderten die Regierung zu Transparenz auf. "Die Anwohner und alle Franzosen müssen ohne Verzögerung über die Entwicklungen informiert werden", sagte Parteichefin Cécile Duflot. Nach der Katastrophe zu Fukushima habe die Regierung sich zu größtmöglicher Transparenz verpflichtet. Nun sei die Gelegenheit, dies unter Beweis zu stellen.

Alle Reaktoren längst stillgelegt

Die Explosion ereignete sich in einer Anlage namens Centraco (Centre nucléaire de traitement et de conditionnement), die sich auf dem Marcoule-Areal befindet und der Bearbeitung von schwach bis mittelstark strahlendem Abfall dient. Zwar befinden sich auf dem Gelände der Anlage Marcoule, die 30 Kilometer von Avignon entfernt ist, auch drei in den fünfziger Jahren gebaute Reaktoren, doch sie sind längst stillgelegt. Der Gas-Graphit-Reaktor G1 ging im September 1956 als erstes französisches Kernkraftwerk ans Netz und wurde bis 1968 betrieben. Es folgten die Meiler G2 und G3, die 1980 und 1984 vom Netz genommen wurden.

Zudem nahm in Marcoule 1973 auch der Forschungsreaktor Phénix den Betrieb auf. Der lediglich zu Testzwecken genutzte Prototyp des pannenanfälligen Schnellen Brüters Superphénix, der 1998 endgültig abgeschaltet wurde, ging nach mehreren kleineren Zwischenfällen 2010 auf Dauer vom Netz.

Heute werden auf dem Areal von Marcoule nur noch benutzte Brennstäbe aufgearbeitet und radioaktive Abfälle zwischengelagert. Die Anlage ist zudem eine wichtige Produktionsstätte für das Uran-Plutonium-Gemisch Mox, das aus abgebrannten Uran-Brennstäben hergestellt wird.

Die Explosion hat indirekt auch die deutschen Stromerzeuger getroffen. Nach Bekanntwerden des Unfalls sackten die Aktien der beiden großen deutschen Versorger E.on und RWE zwischenzeitlich auf neue Jahrestiefststände ab. Bereits zuvor waren die beiden Papiere in einem nervösen Umfeld wie die anderen Dax-Titel mit Abschlägen gehandelt worden. Auch der französische Leitindex CAC 40 sackte nach Bekanntwerden des Unfalls zeitweise um fünf Prozent ab.

mbe/hda/joe/AFP/dpa/Reuters/dapd

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