Kernfusionsforschung: Grüne fordern Baustopp bei "Iter"

Zu teuer? Auf jeden Fall! Nutzlos? Wahrscheinlich! So sehen es zumindest die Grünen - und machen sich für ein Moratorium beim Bau des Internationalen Forschungsreaktors "Iter" stark. Zuletzt waren die Kosten für das Milliardenprojekt explodiert. Die Regierung hält aber weiter daran fest.

"Iter": Milliardenschweres Großprojekt Fotos
ITER Organization

Es soll eines der größten Forschungsprojekte der Welt werden - und dabei helfen, die Zukunft der Energieversorgung auf der Menschheit zu sichern. Vielleicht. Der Plan ist ambitioniert, doch seine Realisierung steht auf wackligen Füßen: Im Inneren des Forschungsreaktors "Iter" in Südfrankreich soll eines Tages Plasma aus den Wasserstoffisotopen Deuterium und Tritium in starken Magnetfeldern eingeschlossen und auf bis zu 150 Millionen Grad erhitzt werden - und beim Prozess der Kernfusion große Mengen an Energie freisetzen. Doch die technischen Herausforderungen sind groß, die Kosten explodieren.

In Deutschland, das immerhin einen Fünftel des europäischen Anteils an dem Milliardenprojekt schultert, drängen nun die Grünen auf ein Moratorium für das Projekt. Die Kosten seien dramatisch gestiegen, zudem sei ein Erfolg nicht in Sicht, beklagten Fraktionschef Jürgen Trittin und die Grünen-Vorsitzende im Europaparlament, Rebecca Harms. Nach aktuellen Schätzungen verdreifache sich der europäische Beitrag von 2,7 Milliarden Euro auf 7,2 Milliarden Euro.

Die Gesamtkosten für das Projekt waren ursprünglich mit zehn Milliarden Euro veranschlagt worden. Ende 2010 waren sie jedoch bereits auf 16 Milliarden Euro bis zum Jahr 2019 korrigiert worden. Nach Ansicht der Grünen ist es unverantwortlich, weiter so hohe Summen in das Projekt zu stecken, dessen Erfolgssaussichten ungewiss seien.

Seit 60 Jahren heiße es, es müsse noch 30 Jahre gewartet werden, dann könne Strom erzeugt werden, sagte Trittin. "Wir können es uns nicht leisten, soviel Geld in einen Bereich zu stecken, der bisher nur versprochen und nicht gehalten hat", sagte Trittin. Weil wegen des Erdbebens in Japan wichtige Komponenten für den Forschungsreaktor nicht wie geplant hergestellt werden könnten, könne das Projekt ohnehin nicht vorangebracht werden. Die Grünen legten den Antrag für ein Moratorium vor, über den der Bundestag abstimmen soll.

"Iter" soll demonstrieren, dass durch Kernverschmelzung Energie gewonnen werden kann. Beteiligt sind neben den Europäern auch China, Indien, Japan, Südkorea, Russland und die USA. Forschungsministerin Annette Schavan hatte sich zuletzt klar zu dem Projekt bekannt. Deutschland werde an "Iter" festhalten. Die Fusionsforschung sei zwar nicht Teil des neuen Forschungsprogramms der Regierung. Man hoffe aber für den Zeitraum nach 2050 auf praktisch nutzbare Ergebnisse, so Schavan: "'Iter' ist ein großes europäisches Abenteuer".

chs/AFP

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Fusionsreaktor
Wasserstoff zu Helium
Bei der Kernfusion verschmelzen die Wasserstoffisotope Deuterium und Tritium unter Freisetzung großer Mengen Energie zu Helium. Deuterium ist zu einem kleinen Anteil in gewöhnlichem Wasser enthalten, Tritium muss der Reaktor selbst erzeugen, etwa aus Sand. Ein Gramm Brennstoff könnte nach Angaben des an "Iter" beteiligten Max-Planck-Instuituts für Plasmaphysik (IPP) in einem Kraftwerk 90.000 Kilowattstunden Energie erzeugen - die Verbrennungswärme von elf Tonnen Kohle. Sie wird abgeleitet und in Turbinen zur Stromerzeugung genutzt
Hitze statt Druck
Im Inneren der Sonne geschieht die Kernfusion unter dem ungeheuren Druck der Masse des Sterns. Im Fusionsreaktor muss der Mangel an Druck durch Temperatur ausgeglichen werden. Dort herrscht nur ein Druck von fünf Atmosphären. Dafür wird die Temperatur rund 100 Millionen Grad Celsius erreichen müssen.

Wie das am besten bewerkstelligt werden kann, wissen die Forscher noch nicht. Deshalb werden in "Iter" unterschiedliche Technologien eingebaut, die das Plasma aufheizen sollen - per Elektronenstrahl, Ionenstrahl oder Mikrowelle zum Beispiel. Bei "Wendelstein 7-X" kommen Mikrowellenstrahlen zum Einsatz.