Schadstoffe in Gewässern Was ist Ihnen sauberes Wasser wert?

Das Wasser aus deutschen Kläranlagen könnte Flüsse und Seen sehr viel sauberer machen. Doch viele Betreiber scheuen den Einbau neuer Technik. Auch, weil die Regierung das Thema seit Jahren zu wenig beachtet.

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Mit dem Abwasser kommen in deutschen Klärwerken manchmal merkwürdige Gegenstände an. Techniker und Ingenieure fanden schon Schmuck, Smartphones oder gar Klappmesser. Viele Kläranlagen haben eine kleine Sammlung, in der sie die kuriosesten Funde aufbewahren. Dort liegen dann auch uralte Zahnbürsten oder künstliche Gebisse. Ein Blick auf die Stücke ist manchmal wie ein Blick in die Badezimmer der Deutschen.

Solchen Unrat mit Rechen und Sieben zu entfernen, ist simpel. Doch es erreichen auch Substanzen die Anlagen, die sich weder mit den Werkzeugen für Grobes aus der stinkenden Kanalbrühe fischen lassen, noch mit den restlichen beiden Reinigungsstufen. Nicht mit der biologischen, bei der hohe Bakterienkonzentrationen Organisches zersetzen. Und auch nicht mit der chemischen, die den Algennährstoff Phosphat aus dem Wasser holt.

Zu den hartnäckigen Substanzen, die im Wasser bleiben, gehören etwa Rückstände von Medikamenten: von Schmerzmitteln genauso wie von Antibiotika. Aber auch von Kosmetika, Waschmitteln oder anderen Haushaltschemikalien. Und auch Substanzen aus der Industrie, der Tiermedizin oder der Landwirtschaft.

Sie alle gelangen täglich in erheblichen Mengen ins Abwasser und das über unterschiedliche Wege: Als Ausscheidungen aus dem Körper über die Toilette. Aber auch, weil Menschen ihre alten Medikamente oder andere Haushaltsgifte in der Toilette entsorgen. Dazu kommt mit Pflanzenschutzmitteln verunreinigtes Regenwasser, auch das landet zum Teil in der Kanalisation. Ein ganzer Cocktail aus solchen Stoffen erreicht die Kläranlagen - Fachleute sprechen von sogenannten Spuren- oder Mikroschadstoffen.

Spurenstoffe: Gefahr für die Ökosysteme
Was sind Spurenstoffe?
Sogenannte anthropogene Spurenstoffe, manchmal auch Mikroverunreinigungen genannt, gelangen häufig durch den Gebrauch von Alltagsgegenständen ins Wasser. Zum einen durch den Körper, der Rückstände von Medikamenten ausscheidet. Aber auch durch Waschbecken und Spüle, in die Chemikalien aus dem Haushalt oder von Kosmetik eingeleitet werden. Zu den Spurenstoff-Quellen gehören beispielsweise Hormone, Lebensmittelzusatzstoffe, Desinfektionsmittel, Konservierungsmittel oder Biozide.

Tausende Substanzen gehören zu den potenziell umweltrelevanten Spurenstoffen, längst sind nicht alle erfasst und ständig kommen neue dazu. Dass die winzigen Konzentrationen im Wasser heute überhaupt nachgewiesen werden können, liegt auch an einer verbesserten Analysetechnik in den letzten Jahren. Dennoch gehen Experten von einer Zunahme bei Spurenstoffen aus. Spurenstoffe gelangen aber nicht nur mit dem Abwasser in die Umwelt. Weitere Quellen sind etwa Industrieanlagen aber auch landwirtschaftliche Flächen, auf denen Chemikalien wie Pflanzenschutz- oder Düngemittel oder Tiermedikamente eingesetzt werden und die durch Regen in Kanäle und Gewässer gespült werden. Auf diesem Weg gelangen sie auch von Baumaterialien, Fassaden oder selbst vom Reifenabrieb auf Asphalt ins Wasser.
Was richten Spurenstoffe an?
Nicht alle Spurenstoffe und Abbauprodukte sind gefährlich, einige können durch natürliche Prozesse abgebaut werden. Doch bei anderen ist das nicht der Fall. Eine direkte Gefahr für den Menschen konnte bisher zumindest nicht nachgewiesen werden. Doch mit dem Eintrag in die Gewässer gelangen die Stoffe auch in die Nahrungskette. Zudem schädigen einige die Ökosysteme.

Die Folgen können Hemmung des Wachstums, verminderte Anzahl von Nachkommen, Verhaltensänderungen und Stoffwechselstörungen sein. Die geringsten Konzentrationen findet man in Algen und anderen Pflanzen. Je höher ein Tier in der Nahrungskette steht, desto höher ist in der Regel seine Schadstoffbelastung.
In welchen Mengen gelangen sie ins Wasser?
Täglich gelangen Spurenstoffe in großen Mengen in die Fließgewässer. Genaue Zahlen gibt es kaum - alleine aufgrund der Menge der einzelnen Substanzen. Vor allem im Bereich von Medikamenten ergeben sich aber erhebliche Einträge. Der Verbrauch des Schmerzmittels Diclofenac lag 2012 in Deutschland bei rund 80 Tonnen pro Jahr. Untersuchungen für oral eingenommenen Medikamente zeigen Ausscheidungsraten der Wirkstoffe zwischen 30 und 70 Prozent. Eine Auswertung des Umweltbundesamtes aus den Jahren 2009 bis 2011 zeigt, dass insgesamt 27 verschiedene Arzneimittelwirkstoffe in Konzentrationen von über 0,1 Mikrogramm pro Liter in deutschen Oberflächengewässern gemessen wurden.
Wie ließen sich Spurenstoffen vermeiden?
Ganz vermeiden lassen wird sich der Eintrag in die Gewässer nie. Doch durch sinnvolles Verhalten kann jeder Bürger einen Beitrag leisten, schreibt das Bayerisches Landesamt für Umwelt:

  • PFC-haltige Imprägnierungen bei Bekleidung sollte man vermeiden – sie wird häufig bei Outdoor-Kleidung verwendet.
  • Kritische Reinigungsmittel sollte man gezielt und nur dann verwenden, wenn es nicht anders geht. Oft reichen Hausmittel: Zitronensäure gegen Kalk oder Spiritus gegen Fett und Schimmel. Auch Desinfektionsmittel sollten möglichst selten eingesetzt werden. Bei Shampoos und Waschmitteln gibt es umweltfreundliche Produkte ohne Duft- und Konservierungsstoffe. Im Garten statt chemischer Pflanzenschutzmittel lieber Hausmittel nutzen.
  • Entsorgung von Reststoffen: Potenziell schädliche Substanzen - dazu gehören auch Medikamente, gehören in die Müllverbrennung - niemals ins Abwasser. Chemikalienreste wie Farben, Desinfektionsmittel oder Insektenvernichtungsmittel dürfen nicht in die Toilette gespült, sondern müssen im Hausmüll oder über die Sammelstelle für Problemabfälle entsorgt werden.
  • Bisher sind die Reinigungsprozesse, die in einer Kläranlage ablaufen, nicht dafür ausgelegt, solche Stoffe zu eliminieren. Zwar werden einige zumindest dezimiert. Doch am Ende landet ein Großteil in den Flüssen und Seen, in die das gereinigte Wasser eingeleitet wird. So geraten die Substanzen in den Organismus von Lebewesen und damit auch in die Nahrungskette des Menschen. Oder sie gelangen ins Grundwasser, aus dem Trinkwasser gewonnen wird.

    Schon die Folgen für die Ökosysteme sind unerfreulich: So verweiblichen Fische durch sogenannte endokrine Disruptoren, Substanzen mit hormonähnlicher Wirkung. Und wohl auch durch Spuren des Hormons Östrogen aus der Antibabypille, das über den Urin ausgeschieden wird. Forscher hatten schon vor Jahren in einer Studie festgestellt, dass in Österreich zwei Drittel aller Fische in den Fließgewässern weiblichen Geschlechts waren.

    In einer Untersuchung aus Schweden hatte sich das Verhalten von Flussbarschen verändert, die Psychopharmakarückständen ausgesetzt waren. Die Tiere waren aktiver und wurden wagemutiger - und damit auch leichtere Beute. Längst sind nicht alle Effekte bekannt, die Spurenstoffe anrichten. Viele Fachleute glauben dennoch: Besser wäre es, wenn zumindest einige weder in die Umwelt noch in die Nahrungskette gelangten.

    So funktioniert eine Kläranlage (Klicken Sie auf die Zahlen):

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    Das Abwasser passiert zunächst einen Rechen, der groben Unrat (Papier, Flaschen, Äste, Konservendosen usw.) zurückhält und mit einem automatischen Abstreifer entfernt.

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    Im Sandfang verbreitert sich der Abflusskanal, wodurch die Geschwindigkeit des weiter fließenden Abwassers abnimmt und grobe Stoffe wie Kies und Sand, die schwerer als Wasser sind, sich am Boden ablagern.

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    Im Vorklärbecken wird das Wasser etwa zwei Stunden zurückgehalten. In diesem großen, rechteckigen oder runden Becken können sich die feinen Schwebstoffe als Schlamm am Boden absetzen. Dieser Rohschlamm wird abgesaugt, eingedickt (10.) und in einen Faulraum befördert (11.). Sogenannte Leichtstoffe, die zur Wasseroberfläche aufgetrieben werden (Fette, Mineralöle usw.) werden in einen besonderen Behälter abgelassen.

    Die ersten drei Stationen bilden zusammen die erste Reinigungsstufe. Da die Behandlung des Abwassers hier nur auf mechanische Weise erfolgt, spricht man von mechanischer Reinigung. Hier gelingt es, dem Abwasser etwa 30 Prozent der insgesamt der Anlage zugeführten Schmutzstoffe zu entziehen.

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    In der zweiten Reinigungsstufe, auch biologische Reinigung genannt, macht man sich einen durchaus natürlichen Vorgang zunutze, indem man in einem Belebtschlammbecken durch Sauerstoffzufuhr güngstige Lebensbedingungen für Kleinstlebewesen schafft, die in der Lage sind, gelöste organische Abwasserstoffe in Verbindung mit Luftsauerstoff als Nahrung aufzunehmen und in den eigenen Organismus einzubauen. Dabei werden auch Schadstoffe, wie zum Beispiel Schwermetalle, aufgenommen.

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    Viele Kleinstorganismen bilden Kolonien, die als sichtbare Schlammflocken im folgenden Nachklärbecken zu Bodensinken und entweder noch einmal in das Belebungsbecken zurückgepumpt werden oder zwecks Schlammbeseitigung ins Vorklärbecken (3.) befördert werden.

    Mit der Beseitigung des Klärschlammes aus dem Abwasser werden also die biologisch abbaubaren Schadstoffe entfernt. In kleineren Kläranlagen findet man häufig Tropfkörper, runde Betonkessel, locker angefüllt mit porösen Gesteinsbrocken. Hier ist die große Oberfläche wichtig, auf der sich Bakterien ansiedeln und einen "biologischen Rasen" (entsprechend den Schlammflocken beim Belebtschlammverfahren) bilden, wenn man Abwasser darüber verregnet. Nach Passieren der mechanischen und biologischen Reinigungsstufen ist das Abwasser jetzt zu etwa 90 Prozent gereinigt.

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    Von einer Fällmittel-Dosierstation wird hier dem Abwasser unter starker Durchmischung gleichzeitig eine Chemikalien-Lösung zugesetzt.

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    Als Beispiel in der Schautafel gelangt phosphatreiches Wasser aus dem Nachklärbecken Nummer 5 zunächst in ein Flockungsbecken

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    Dieses Fällmittel reagiert chemisch mit den Phosphaten zu einer wasserunlöslichen Verbindung. Der Restschmutz "flockt" aus und kann sich in einem Nachklärbecken als Schlamm absetzen, der - eingedickt - dem Faulturm zugeführt wird.

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    Das gereinigte Wasser kann nun in ein natürliches Gewässer eingeleitet werden.

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    Mit Hilfe von Eindickern wird dieser Gehalt auf

    96 Prozent

    gesenkt und dadurch das Volumen halbiert.

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    Nun wird der Schlamm in einen Faulbehälter befördert, wo unter Luftabschluss Fäulnisbakterien in einem Gärprozess bei 35 Grad Celsius ein Faulgas erzeugen, das zu 2/3 aus Methan und zu 1/3 aus Kohlendioxid besteht.

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    Dieses Gas wird in einem Behälter gespeichert und für Heizzwecke verwendet.

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    Nach etwa 4 Wochen ist der Schlamm ausgefault, geruchlos und kann in Trockenbeeten entwässert werden.

    Quelle: BMU

    Tatsächlich könnte man dieser Forderung auch sehr viel besser nachkommen, als es bisher der Fall ist. Mit einer neuen Technik ließen sich Spurenstoffe eindämmen, eine weitere Station zur Abwassersäuberung steht seit einigen Jahren bereit. Doch bisher haben sich nur wenige Kläranlagen für den Bau der sogenannten vierten Reinigungsstufe entschieden.

    Abwasserspezialist Christian Hiller kann das nur bedingt nachvollziehen. Der Ingenieur aus Baden-Württemberg arbeitet seit einigen Jahren mit dem neuen Verfahren auf der Kläranlage Steinhäule in Ulm - sie liegt nur wenige Kilometer vom historischen Stadtkern entfernt an der Donau.

    Hiller deutet auf eine gewaltige Schneckenpumpe, die pechschwarzes Wasser in einige Becken befördert. Ausgerechnet hier an der ersten Station der neuen Anlage sieht die dunkle Brühe noch schmutziger aus als zuvor. Doch am Ende wird mit das sauberste Abwasser der Republik in die Donau fließen.

    "Ulmer Verfahren" begeistert Fachleute

    "Wir arbeiten mit Aktivkohle", erklärt Hiller das schwarze Wasser. Das Verfahren wurde hier im Klärwerk zunächst über viele Jahre im kleinen Versuchsmaßstab entwickelt. Seit 2015 ist die vierte Reinigungsstufe in Betrieb.

    Nicht nur der Fachverband DWA (Deutsche Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall) spricht von einer Vorzeigeanlage. Das "Ulmer Verfahren" ist zum feststehenden Begriff geworden. Hiller hat das Prinzip schon Experten aus China oder Japan erklärt, bald komme eine Gruppe aus Indien, sagt er.

    Grundsätzlich ist es recht einfach: Dem Wasser wird nach der dritten Reinigungsstufe pulverisierte Aktivkohle zugegeben. In einigen großen Becken, den Kontaktreaktoren, geschieht dann der entscheidende Schritt. Die Aktivkohle mit ihrer porösen und brüchigen Struktur verfügt über eine riesige innere Oberfläche. "Physikalisch gesehen hat ein Teelöffel Aktivkohlepulver eine so große Oberfläche wie ein Fußballfeld", sagt Hiller.

    Auf dieser Fläche haben die Spurenstoffe jede Menge Platz, sich anzulagern. Hat die Aktivkohle sie im Kontaktreaktor aufgenommen, gilt es, das schwarze Pulver wieder vom Wasser zu trennen. Das geschieht im nächsten Schritt im Sedimentationsbecken, wo die Kohle zu Boden sinkt. In einem weiteren Schritt wird das Wasser durch eine Filtrationsanlage aus Quarzsand geschickt. Hier erhöht ein sogenanntes Fällmittel die Ausbeute, das aus in Flüssigkeit gelösten Bestandteilen wieder mechanisch herausfiltrierbare Partikel macht.

    Die Aktivkohle wird anschließend wieder in den Klärschlamm der biologischen Reinigung gegeben. Am Ende wird dieser getrocknet und verbrannt - das geschieht auf den meisten Kläranlagen ohnehin. Dabei nutzt man inzwischen auch die gewonnene Wärme als Energiequelle. Durch die Kohle kann die Stromerzeugung sogar noch erhöht werden. Allerdings wird dabei auch mehr klimaschädliches CO2 ausgestoßen.

    "Bevor das Wasser in die Donau geleitet wird, ist sein Aktivkohlegehalt nahe der Nachweisgrenze", so Hiller. Noch entscheidender: Laut Messungen entfernt das Verfahren insgesamt 80 Prozent der Arzneimittelrückstände und auch einige Röntgenkontrastmittel aus dem Abwasser - vorher waren es nur 30 Prozent der erfassten Spurenstoffe.

    Alternative Ozon

    Auch die hormonellen Auswirkungen auf Fischbestände verringerten sich stark. Die Verweiblichung von Regenbogenforellen, die im Ulmer Abwasser schwammen, konnte Versuchen zufolge gestoppt werden, sagt Hiller.

    Das Verfahren der Ulmer klingt perfekt. Dennoch verfügen bisher nur wenige der etwa 10.000 deutschen Kläranlagen über eine vierte Reinigungsstufe, einige haben sie in der Planung. Die meisten Anlagen arbeiten ebenfalls mit Aktivkohle, es gibt aber auch energieaufwendigere Verfahren, die Ozon einsetzen.

    Das funktioniert ähnlich wie bei der Badewasseraufbereitung. Das Ozon, mit dem das Abwasser begast wird, zerstört die Spurenstoffverbindungen. Allerdings können neue schädliche Substanzen entstehen.

    Reduzierung von Medikamentenrückständen vor und nach der vierten Reinigungsstufe (blau)
    Zweckverband Klärwerk Steinhäule

    Reduzierung von Medikamentenrückständen vor und nach der vierten Reinigungsstufe (blau)

    Die meisten der modernen Anlagen mit vierter Klärstufe liegen in Baden-Württemberg, etwa in Sindelfingen, Karlsruhe oder Mannheim. Das Bundesland ist zusammen mit Nordrhein-Westfalen, wo sich etwa Aachen für eine Ozonungsanlage entschieden hat, Vorreiter bei der Technik. Aber: Dem gegenüber steht immer noch die große Mehrheit der Betreiber. Sie sind skeptisch und wollen ihre Anlagen nicht ausbauen.

    Eines der Argumente: die Kosten. Mehr als 40 Millionen Euro haben die Ulmer in ihr Verfahren investiert. Einen Teil konnte man durch Fördergelder decken. Doch am Ende wird der Verbraucher zur Kasse gebeten werden müssen. Etwa fünf Euro mehr pro Jahr zahlt jeder an die Anlage angeschlossene Bewohner für sauberes Abwasser. Immerhin, ein überschaubarer Betrag.

    Doch Abwasser ist nicht gleich Abwasser, in den Klärwerken kommt mal mehr mal weniger aus der Industrie und den Haushalten an. Jede Anlage arbeitet deshalb ein wenig anders und muss zudem flexibel reagieren können. Bei schlechterer Zulaufqualität könnten die Kosten für die Verbraucher mancherorts etwas höher sein. Laut Studien maximal 16 Euro pro Einwohner und Jahr.

    Gleichzeitig ließe sich mit dem Verfahren zumindest hier und da auch Geld sparen. Eine knappe Millionen Euro pro Jahr mussten die Ulmer früher zahlen, weil sie bei der Einleitung in die Donau einen Messwert überschritten hatten.

    Kläranlagen sind verpflichtet, hauptsächlich auf drei Parameter zu achten: auf den sogenannten chemischen Sauerstoffbedarf (CSB), auf Stickstoffverbindungen (N-gesamt) und auf Phosphorverbindungen (P-gesamt). Das alles sind Nährstoffe, die im Gewässer das Algenwachstum begünstigen. Im schlimmsten Fall kippen Gewässer um, Fachleute sprechen von Eutrophierung.

    In Ulm lag man beim CSB über dem Grenzwert - ein Wert der besagt, wie stark das Wasser mit organischen Stoffverbindungen belastet ist - darunter auch biologisch nicht abbaubare. Das war auch der Anlass, um mit dem neuen Aktivkohleverfahren zu experimentieren. Seitdem es läuft, wird die Million eingespart.

    Skeptische Betreiber argumentieren: Der Gewässerschutz könne nicht allein Aufgabe der Klärwerke sein. Deshalb sei ein Ansatz am Ende der Kette - Fachleute sprechen von einer End-of-Pipe-Lösung - nicht sinnvoll. Auch bei allen Verursachern, den Haushalten, der Landwirtschaft und der Industrie, müsse gleichermaßen angesetzt werden, um den Spurenstoffeintrag zu vermindern. Schließlich gelangten auch durch die Viehhaltung eine Menge Antibiotikarückstände ins Wasser.

    Dass nur eine Maßnahme alleine das Problem löst, glaubt auch das Umweltbundesamt (UBA) nicht. Dennoch empfehlen die Experten schon seit einigen Jahren zumindest auf den 240 größten Anlagen, die insgesamt 50 Prozent des deutschen Abwassers reinigen, den Bau der vierte Reinigungsstufe. Oder dort, wo in sensible Gewässerbereiche eingeleitet wird - etwa in der Nähe von Trinkwassereinzugsgebieten.

    Beim UBA spricht man im Zusammenhang mit der Technik von einer unverzichtbaren Maßnahme. "Am Ende werden sich auch die Skeptiker eingestehen müssen, dass das derzeit die effektivste Maßnahme ist", sagt Frank Brauer vom UBA.

    Auch die Schweiz setzt auf neue Technik

    Für die Abwasserentsorgung und Aufbereitung sind in Deutschland die einzelnen Bundesländer zuständig. Eine Verpflichtung zum Ausbau der Kläranlagen gibt es selbst in den Vorreiterbundesländern nicht. Dabei sieht das Wasserhaushaltsgesetz vor, dass Abwasserschadstoffe so weit reduziert werden müssen, wie der "Stand der Technik" es ermöglicht.

    Um die längst vorhandene Technik auch in die Vorschriften aufzunehmen und eine einheitliche Regelung zu erreichen, müsste das Bundesumweltministerium (BMU) die Abwasserverordnung oder das Abwasserabgabengesetz ändern. Doch bisher folgt man dort den UBA-Empfehlungen nicht. "Rechtsetzungsinitiativen des Bundes zur Eintragsminderung von Spurenstoffen sind derzeit nicht beabsichtigt", teilte das BMU auf Anfrage des SPIEGEL mit.

    Die Schweiz ist da schon einen Schritt weiter. Dort ist die neue Technik beschlossene Sache. Sie wird in den kommenden Jahren auf hundert der 700 Kläranlagen installiert und über eine landesweite Abwasserabgabe finanziert werden.

    Die zögerliche Haltung des deutschen Gesetzgebers bezüglich eines Paradigmenwechsels in der Abwasserwirtschaft lässt viele Kläranlagenbetreiber ratlos zurück. Tun sie freiwillig mehr, als der Gesetzgeber vorgibt, machen sie sich bei einer Gebührenerhöhung möglicherweise juristisch angreifbar. Außerdem ist offen, auf welche Spurenstoffe mit welchen Werten sie ihre Anlagenerweiterung überhaupt auslegen sollen? All das zögert Entscheidungen weiter hinaus.

    Innovationen werden eher skeptisch betrachtet

    Immerhin: Damit diese wichtigen Fragen möglicherweise irgendwann beantwortet werden können und Orientierung besteht, hat das BMU eine Arbeitsgruppe eingerichtet, deren Ergebnisse man abwarten will. An diesem Prozess, der im Frühjahr 2019 abgeschlossen werden soll, sind neben den Wasserverbänden auch Interessenvertreter aus der Industrie oder der Landwirtschaft beteiligt. Das BMU hofft auf freiwillige Einsicht, auf Ordnungsmaßnahmen setze man derzeit nicht. Dass es am Ende zu einer Einigung kommt, die ganz und gar dem Gewässerschutz dient, darf also bezweifelt werden.

    Bis dahin liegt es an den Betreibern, ob sie selbst aktiv werden, wie es etwa in Ulm der Fall war. Hört man sich in der Branche um, fällt auf, dass ein Teil von ihnen Innovationen und neuer Technik eher skeptisch gegenübersteht. Im Fachverband DWA , in dem die großen Betreiber den Ton angeben, zeigt man sich bei der Beurteilung der Technik offiziell noch skeptisch. Doch intern gebe es immer mehr Anhänger des Verfahrens, ist zu hören.

    Seit den Neunzigerjahren, als man gegen die Eutrophierung in deutschen Flüssen und Seen kämpfte, ist nicht mehr viel Neues passiert auf deutschen Kläranlagen. Zwar kümmert man sich derzeit vermehrt um Energieoptimierung und die Rückgewinnung des wertvollen Rohstoffs Phosphor. Doch ein Teil der Branche glaubt: Es braucht dringend eine Anwendung und Weiterentwicklung der Technik.

    In Ulm wird derweil auf kleinen Anlagen weiter an neuen Verfahren geforscht. Derzeit testet man sowohl Ozon als auch winzige Spaghettimembranfilter. Damit könnte irgendwann einmal problematisches Mikroplastik besser entfernt werden - eine weitere Herausforderungen für die Anlagen, genau wie multiresistente Keime.

    Hier stößt selbst die aktuelle Technik der neuen Reinigungsstufe noch an Grenzen. Auch wenn es Anzeichen gibt, dass leichte Reduzierungen bei Keimen und Mikroplastik erreicht werden. Sollten die neuen Verfahren irgendwann einmal im großen Maßstab funktionieren, müsste Hiller wohl noch mehr Zeit für Führungen mit Interessierten aus aller Welt einplanen.

    Video: Kampf ums Wasser

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    insgesamt 90 Beiträge
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    Seite 1
    Sindbad2702 14.07.2018
    1. Verusacher zur Kasse bitten
    Bitte erstmal die Verursacher zur Kasse bitte. Sondersteuer auf Pflanzenschutzmittel und das ausbringen von Gülle generell verbieten. Tierantibiotika ebenso mit einer Sondersteuer belegen. U d das Geld dann für die Kläranlagen beriet stellen.
    krautrockfreak 14.07.2018
    2. Gülle ist auch ein großes Problem
    Dank der immer weiter intensiv betriebenen Mast in KZ-ähnlichen Großbetrieben zur Schweine- und Rinderzucht wird unser kostbarstes Gut (sauberes Grundwasser) immer mehr bedroht. Und ein Großteil dieses Fleisches geht auch noch ins Ausland, aber die Gülle bleibt da. Dass die Politik hier zu sieht ist ein Skandal.
    brutus972 14.07.2018
    3. Wasserreiningungskosten von Landwirtschaftssubventionen abziehen
    Wasserreiningungskosten von Landwirtschaftssubventionen abziehen. Das Verursacherprinzip muss gelten. Vielleicht muss sich die Pharma-/Chemische Industrie noch beteiligen....
    Wassup 14.07.2018
    4. Ich zahle nicht!
    Wenn jemand meint, die Wasserqualität aus der Leitung reicht nicht aus, dann soll er sich doch einen Wasserfilter kaufen.
    joachimkoehne 14.07.2018
    5. initiative-sauberes-trinkwasser.ch
    So wie die Initiative für sauberes Trinkwasser in der Schweiz fordert, dürften Subventionen für landwirtschaftliche Betriebe auch in Deutschland nur noch gezahlt werden, wenn diese trinkwasserfreundlich produzieren. Dann braucht man keine 4. Reinigungsstufe. Leider haben wir noch keine Volksinitiative wie in der Schweiz sondern leider eine starke Agrarlobby.
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