Klimawandel Wie ich einen Tag lang CO2 sparte

Zwei Wochen lang verhandeln Diplomaten auf dem Uno-Gipfel in Paris um die Klimazukunft der Erde. Die Autorin Carolin Wahnbaeck hat einen Tag lang mit sich selbst gerungen, um ihre CO 2 -Bilanz zu verbessern. Am Ende wurde es grundsätzlich.

Rindersteak zum Mittag: Schlecht für die CO 2 -Bilanz
Corbis

Rindersteak zum Mittag: Schlecht für die CO2-Bilanz

Von Carolin Wahnbaeck


Öko-Weltmeister? Das sind wir Deutschen doch - schließlich fahren wir viel Rad, essen Bio und nutzen Ökostrom. Stimmt leider nicht: Jeder von uns verursacht mit 30 Kilogramm CO2 täglich rund viereinhalbmal mehr CO2, als das Klima laut Umweltbundesamt verträgt. Das sind maximal 6,8 Kilogramm CO2 pro Tag und Person - eine zugegeben sehr ambitionierte Vorgabe. Aber was können wir wirklich gegen den Klimawandel tun, und wo strampeln wir uns unnötig ab? Ein Tag im Selbstversuch.

7 Uhr. Ich quäle mich aus dem Bett, schlurfe erst mal zur Kaffeemaschine. Es zischt, allein das Geräusch hilft mir aufzuwachen. Jetzt erst mal unter die Dusche. Aber Moment mal: Muss die Kaffeemaschine eigentlich so lange vorheizen? Zwei Minuten braucht sie eigentlich nur. Na gut, ich tappe zurück in die Küche, Maschine wieder aus, das spart rund 60 Gramm CO2. Klingt wenig, aber besser als nichts.

Nun aber unter die Dusche! Schön heißes Wasser prasselt mir über den Kopf. Wasser haben wir in Deutschland ja wirklich genug. Stimmt - aber damit Wasser warm wird, braucht's massenhaft Energie. Nach zehn Minuten dreh ich den Hahn zu. Bilanz: etwa 120 Liter verbraucht, das ergibt laut Umweltbundesamt rund 1,4 Kilo CO2. Ein Fünftel meines erlaubten CO2-Verbrauchs sind damit schon weg. Ab jetzt: Nass machen, Wasser aus, einseifen, abduschen - damit halbiere ich den Wasserverbrauch. Und eine Sparbrause wirkt Wunder: Damit verursache ich rund 40 Prozent weniger CO2, sogar bei Dauerdusche.

Bus? Auto? Nein!

Jetzt: anziehen, frühstücken. Ich hole Milch, Butter und Marmelade aus meinem zwei Meter hohen Kühl-Gefrierschrank. Der ist zum Glück nagelneu, Energiesparklasse A+++. Damit verbraucht er nur ein Drittel des Stroms eines Altgerätes, macht etwa 200 Gramm CO2 am Tag. Ein Altgerät hingegen würde mit gut 600 Gramm schon fast ein Zehntel meines CO2-Kontingents auffressen.

DER SPIEGEL
Nach dem Frühstück mache ich mich auf den Weg zur Arbeit. Ich lasse das Auto stehen, sogar den Bus lasse ich fahren - heute fahre ich Rad. Strampeln gegen den Klimawandel, fühl' ich mich gut! Fünf Kilometer später komme ich leicht verschwitzt bei der Arbeit an, aber hey, fürs Klima tu ich das gern. Ergebnis: Null CO2. Mit dem Bus hätte ich hin und zurück etwa 800 Gramm CO2 ausgestoßen, mit einem Kleinwagen ein Kilogramm, mit einem SUV über 1,5 Kilo CO2. Also: Fahrradfahren lohnt sich! Aber Bus fahren ist auch besser, als es klingt - denn je voller der Bus, desto weniger CO2 pro Fahrgast.

Im Büro fällt mir ein - was ist eigentlich mit der Heizung zu Hause? Die bollert jetzt den ganzen Tag durch, schließlich will ich ja heute Abend nicht in eine kalte Wohnung kommen. Aber: Fürs Heizen geht knapp ein Sechstel unseres täglichen CO2-Ausstoßes drauf, das sind rund 5 Kilo CO2 am Tag! Helfen würde: eine effiziente Heizung, gute Dämmung - und weniger heizen. Also, ab heute Abend: Pulli an! Dann reichen auch 20 Grad in der Wohnung - und ich spare 12 Prozent Energie, also 0,5 Kilo CO2. Und wenn ich nicht da bin, hält es meine verwaiste Wohnung auch bei 15 Grad aus.

Mittags in der Kantine stellt sich die Fleisch-Frage: mit oder ohne? Das Rindergeschnetzelte sieht lecker aus, ich war doch schon Rad fahren heute, denke ich. Doch da hätte ich gleich mit dem SUV zur Arbeit brausen können: Rindfleisch ist ein wahres CO2-Schwergewicht. Rund 2,6 Kilo CO2 verursachen 200 Gramm Rindfleisch. Erstaunlicherweise wäre das Schweineschnitzel besser gewesen: nur 0,6 Kilo CO2 pro 200 Gramm. Oder doch lieber vegetarisch, der überbackene Camembert? Aber, halt, Käse ist schlimmer als Schwein: 200 Gramm Käse haben 1,7 Kilo CO2 auf dem Gewissen. Also, was dann? 200 Gramm Gemüse mit 200 Gramm Kartoffeln, macht 80 Gramm CO2. Das bringt wirklich was!

Ganz in Schwarz

Abends auf dem Nachhauseweg geh ich noch schnell einkaufen. Bioladen oder Discounter? Bioladen. Denn: Biologisch hergestellte Lebensmittel verursachen knapp zwanzig Prozent weniger CO2 als konventionelle Nahrung. Nahrungsmittelabfälle reduzieren, regionale oder saisonale Ernährung hilft auch, liegt aber deutlich unter zehn Prozent.

Mit dem Bio-Essen in der Tasche gehe ich einigermaßen klimaberuhigt nach Hause. Die Wohnung liegt im Dunkeln, also schalte ich erst mal überall gemütlich Licht an. Überall? Müsste mir nicht der fahle Schein einer einzigen Energiesparlampe genügen, während sich die restliche Wohnung in klimafreundliches Schwarz hüllt? Ganz so schlimm ist es zum Glück nicht: Dank Energiesparlampen ist die Beleuchtung nur noch ein vergleichsweise kleiner Klimafrevel: Etwa ein Prozent unseres CO2-Ausstoßes geht auf ihr Konto (340 Gramm CO2 am Tag).

Schnell wächst dagegen der Stromverbrauch von Multimediageräten, Routern, DSL-Boxen - zu Hause und im Büro. Der liegt bei etwa 25 Prozent unseres Stromverbrauchs, Tendenz steigend. Umgerechnet in CO2: 1,2 Kilo am Tag. Also: eine Lampe mehr darf an, aber brauche ich diesen Informations- und Unterhaltungspark in meiner Wohnung wirklich? Und außerdem gehören alle Laptops, WLAN-Router, Playstations, Fernseher wirklich ausgeschaltet, wenn ich sie nicht brauche. Nicht Standby, AUS.

Ein paar Klicks = 845 Kilogramm

Moment, ganz kurz will ich noch was im Netz gucken: Da war ein superbilliger Flug an die Costa Brava: 31 Euro! Wär das schön: Einmal kurz mit der Freundin dem dunklen, kalten Winter entkommen. Ein bisschen Spaß wird doch wohl erlaubt sein. Die bittere CO2-Wahrheit ist: Damit hätte ich mir die ganze Mühe sparen können. Ein Hin- und Rückflug von, sagen wir, Bremen an die Costa Brava verursacht 845 Kilo CO2. Achthundertfünfundvierzig! Kilo! Wenn das der einzige Flug im Jahr ist, sind das umgerechnet pro Tag 2,3 Kilo. Was war noch mal meine erlaubte Tagesration? 6,8 Kilo. Oh je.

"Ein Flug - und fast alle anderen CO2-Einsparungen im Alltag verblassen dagegen", sagt Michael Bilharz, Experte für den CO2-Rechner vom Umweltbundesamt. Zwar seien kleine Maßnahmen wie die ausgeschaltete Kaffeemaschine oder das einmal stehen gelassene Auto sicher sinnvoll. "Was aber wirklich zählt, sind die Grundsatzentscheidungen rund um die Themen Verkehr, Heizung, Fleischkonsum und Haushaltsgroßgeräte", sagt Bilharz.

Mmh, die Costa Brava fällt dann wohl in die Kategorie "Grundsätzliches". Aber immerhin: Wenn ich dort die Weichen richtig gestellt habe, kann ich mir das kleinliche Zählen von CO2-Molekülen im Alltag künftig wohl eher sparen.

Kommentar zum Klimagipfel



© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.